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Josef Duss-von Werdt (2015) homo mediator

Josef Duss-von Werdt (2015)
homo mediator

Unter diesem Titel hat Josef Duss-von Werdt seine Arbeit über „Geschichte und Menschenbilder der Mediation“ 2005 im Klett-Cotta-Verlag veröffentlicht. 2015 ist sie im Schneider-Verlag Hohengehren in einer überarbeiteten Neufassung erschienen. Gerda Mehta aus Wien, Systemische Therapeutin und Mediatorin, hat das Buch für systemagazin rezensiert und resümiert: „Sepps Scharfsinn und Wortpräzision sind nicht nur ein intellektuelles Vergnügen und prosaischer Genuss, sondern auch eine gute Denkschule und Nachdenkmediation. Er führt die Leserin, den Leser zurück zum Sinn von Worten – die Sachverhalte, die Inhalte präzise in „den Griff bekommen versuchen“ und nicht nur einer Gewohnheit folgen, wie Worte und Begriffe und Konzepte zu verstehen sind. Sie werden (wieder) zu eigen gemacht, angeeignet und damit wird Lebendigkeit geschaffen, die berührt, die Begegnung ermöglicht und die Kraft hat, Klüfte überwinden zu können.“ Aber lesen Sie selbst…

Gerda Mehta, Wien

Kurz zum Ergebnis: Mediieren ist nach wie vor ein partizipativer Beitrag, ein Begleiten und Bühne bereiten, ein Brücken schlagen und Klüfte zwischen ich und du, uns und andere überspringen (helfen) oder ermutigen, dies zumindest zu probieren. Mediieren erfordert nach wie vor selber einen festen Stand, eine unerschütterliche Offenheit und Unerschrockenheit in stürmischen Zeiten und Zeiten der Eiszeit trotz des unüberwindlich Erscheinenden. Das sind meine Schlussfolgerungen beim wieder Lesen des Buches, das schon in der ersten Auflage ein Referenzpunkt für Mediatorenidentität und für erkenntnistheoretische Positionierungen der Mediation geworden ist.
Die Lektüre des Buches regt zum Finden seines eigenen Kompasses für stürmische Zeiten an. Denn das Wiederlesen von historischen Beispielen, Hintergründen und Metaperspektiven zum Erlangen einer mediativen Haltung und Serviceleistung im Sinn der Betroffenen animiert, sich und seine Tätigkeiten in Hinblick auf eigene Visionen und Absichten, unerkannte und ungewünschte Nebenprodukte immer wieder zu hinterfragen. Zu leicht gerät man sonst in Gefahr eigenes zusätzlich – oft unbemerkt – einzubringen und damit die eigentliche mediative Nützlichkeit zu verpassen. Denn der flüchtige Charakter der Allparteilichkeit für die Sache ist schwer im Fokus zu halten. Die im Buch erwähnten historisch bekannt gewordenen „Helden“, die die Prozesse mitunter über viele Jahre bis zu einer Überwindung und Friedensschließung vorangetrieben haben, ermutigen, den eigenen Pfad fortlaufend neu einzuschlagen oder immer wieder neu zu suchen, prüfen und unerschrocken weiter zu suchen. Allzu leicht verirrt man sich dabei mit dem persönlichen Kompass voll von Überzeugungen – auch im Namen der Neutralität, Allparteilichkeit, Offenheit und Gerechtigkeit – sei es Eigengerechtigkeit, Beziehungsgerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit, Sachgerechtigkeit, Verhandlungs- und Vermittlungsgerechtigkeit, Vertragsgerechtigkeit oder Gesetzesgerechtigkeit (S.270-275).
Sepp weist uns mit der 1. Hälfte des Buches darauf hin, dass Mediieren ein altes Gewerbe ist, und dass es seine jeweilige lokale, historische Passung und Mut, aktiv zu werden, braucht. Vor 20 Jahren besaß aus meiner Sicht der Glaube an Veränderungen gesellschaftlicher und mit- und zwischenmenschlicher Prozesse eine leicht andere Färbung. Der Fall der „Mauer“, des „eisernen Vorhangs“, die Osterweiterung der Europäischen Union, die Tsunamis der Globalisierung, Geldbewegungen, die Einführung des Euro, der das Reisen innerhalb Europas so viel leichter gemacht hat, usw. verwiesen auf Machbarkeit, Bewegungen, neu zu treffende Vereinbarungen und Strukturen, die den Bedürfnissen und sehnlichst erhofften Wünschen von vielen näher zu kommen verhießen. Mediieren passte zu diesem Hauch von Freiheit und Machbarkeit für ein buntes Leben miteinander und nährte die Hoffnung, eigene Interessen mit Hilfe von Dienstleistungen optimal im interkulturellen Miteinander platzieren zu können.
20 Jahre später schaut vieles nüchterner aus. Skandale, steigende und für viele bedrohlich gewordene Arbeitslosigkeit, Finanzprobleme von Städten, Staaten, Banken, Firmen und Menschen, Flüchtlinge, Abweisungen, Kriege, Attentate, offene Konflikte sind an der Tagesordnung und nahegebrachte Realität geworden. Sie füllen Zeitungen, Internetseiten und führen zu Ängsten, Abgrenz- und Schutzmaßnahmen.
Wer sorgt für Kooperation, Koexistenz, Gemeinschaft, Mitgefühl, Plattformen, die aufmerksam machen, (zu)hören und verstehen wollen – über alle Differenzen und unterschiedlichen Weltkonstruktionen hinweg? Auch darauf geht das Buch ein- Ein Appell als Schlusspunkt des Buches ermutigt, besonders in diesen Zeiten nicht untätig zu bleiben – auch jenseits von vorgefertigten Bahnen, Anfragen und Auftragen.

Mediationsausbildungsstätten, Mediationspraxen und Mediationsgesetze sind etabliert. Mediation als Serviceleistung wurde angenommen; viele wurden geschult, Konflikte auf eine mediative Weise anzugehen oder ihre Dienste dafür anzupreisen. Der große Run auf Ausbildungsplätze ist wieder verebbt (persönliche Mitteilung des größten Ausbildners in Österreich, ARGE Bildungsmanagement). Und die Machbarkeit der Konfliktbearbeitungen ist vielleicht realistischer einschätzbar geworden.

Duss-von Werdt schreibt Seite 15 in der 1. Ausgabe:  „Mediation selbst sei ein Symptom dafür, indem sie das Subjekt mit seinen vernünftig objektivierbaren und den “unvernünftigen“ Seiten im wörtlichen Sinn voll und ganz ernst nehme, seine Autonomie nicht als abstrakte Unabhängigkeit missdeute, sondern als eigengesetzliche und konkret gestaltbare Mitmenschlichkeit einfordere.“ (2005, S. 15)  Damit wäre die Gesellschaft mit guten Mitteln ausgestattet, Herausforderungen begegnen zu können und geschulte Experten für den Zwischenraum zu haben. Sozialpolitisch steht der beinahe automatische Hinweis in den Medien noch an, nach einer Konflikt- oder Gewalteskalation auf Mediation oder Mediationsversuche hinzuweisen, so wie der Hinweis nach Katastrophen auf ein Notfalleinsatzteam in den Medien bereits natürlich Erwähnung findet. Oder ereilt die Mediation auch heute ein ähnliches Schicksal wie in vorigen Zeiten? In der 2. Ausgabe heißt es: „Immer wieder waren Menschen am Werk, die mit oder ohne Eigennutz Menschen miteinander ins Gespräch bringen wollten und dann und wann damit auch erfolgreich waren.“ (2015, S.32)

Der Wunsch des norwegischen Trägers des Alternativen Nobelpreises, Johan Galtung, Mediation als etwas so selbstverständliches für Beziehungspsychohygiene zu nützen, wie Zähneputzen für die Gesundheit, ist noch Utopie geblieben. (aus Mehta, Rückert 2003: Mediation und Demokratie, Carl Auerverlag, S. 100)
Die Zeit braucht jetzt wieder homo mediator oder homo mediatrix, so scheint es Sepp. Er hat in die Vergangenheit geblickt und viele historische Wurzeln und Modelle, wie es sich mit-, neben- oder sogar gegeneinander leben lässt ( S.20) und Anstrengungen von Menschen, dies nach Entgleisungen wiederum schaffen zu können, in den Archiven aufgestöbert und für uns Leser und Leserin in der ersten Hälfte des Buches aufbereitet. Einblicke in andere Zeiten und gesellschaftliche Dynamiken zu bekommen regt an, sich selbst in der eigenen Zeitgeschichte Positionierungen zu suchen, eigenes zu erkennen und sich zu engagieren, und sich einzumischen. Solon, Alvise Contarini, Fabio Chigi, und viele andere sind quasi Ikonen, aber auch Methodiker lassen sich in verschiedenen Jahrhunderten finden, wie Samuel Rachel, Friedrich von Stephani, Johann Willhelm Hagedorn, Christian Wolff, Emer de Vattel und viele andere. Sie sehen im Buch so manche Abbildungen der Helden der Geschichte, auch wenn sie als solche Helden nie in Erscheinung treten, denn Vermittler bleiben Vermittler und damit im Hintergrund. So sind die meisten unbenannt, denn die Vermittlung wird am elegantesten, wenn VermittlerInnen selber sich nicht ins Rampenlicht drängen. Schon Galileo Galilei hat nach Duss-von Werdt gemeint: „man muss mit großer Mühe und Sorgfalt Drittpersonen suchen, die, ohne zu wissen, weshalb, für mich als Mediatoren gegenüber wichtigen Personen wirken, damit ich meine Interessen im einzelnen vortragen kann.“ (S.85) Drittpersonen waren in vergangenen Zeiten manchmal auch durchaus Frauen in gehobenen Positionen, wie die Kaiserin Angilberga, die Gemahlin Kaiser Ludwigs des 2. (S.108), oder die Tochter des Herzogs Willhelm V. Agnes von Poitou. Unzählige sind wohl nie in Erscheinung getreten, und dennoch wurde ihr Tun wirk-sam, wenn auch ihr Beitrag nicht merk-bar blieb.

Die 2. Hälfte des Buches beschäftigt sich mit dem Versuch der Identitätsfindung des Mediators, der Mediatorin. Dabei stehen das Verstehen, sich Einstellen und Erkennen von dem, was man und frau als Mediator, Mediatorin macht und wie man/frau ist, im Zentrum. Bei allen methodischen Hinweisen wird Duss-von Werdt nicht müde, auch die Aspekte der Macht und Machbarkeit und auf das Menschen- und Demokratieverständnis und dem vielseitig einzurichtenden Zwischenraum hinzuweisen. Der Leser und die Leserin werden bei der Lektüre unmittelbar in eine reflexive Haltung versetzt, die sich selber reflektieren hilft, die eigene Position suchen lässt und so manche unhinterfragte Meinung und Tatsache als Vorurteil entlarvt.

Ein wohlwollender Ton, eine sprachliche Exzellenz und der unermüdliche Blick auf menschliche Dimensionen begleiten durch die 288 Seiten. Dieses Buch steht wieder in seiner Tradition, auch das Dazwischen beobachten, sein und suchen durch fördern und vernetzen, klarstellen und ansprechen, anregen und des nachdenken über das, was wir durch Worte und Taten (miteinander und füreinander) schaffen und auch ignorieren.

Sepps Scharfsinn und Wortpräzision sind nicht nur ein intellektuelles Vergnügen und prosaischer Genuss, sondern auch eine gute Denkschule und Nachdenkmediation. Er führt die Leserin, den Leser zurück zum Sinn von Worten – die Sachverhalte, die Inhalte präzise in „den Griff bekommen versuchen“ und nicht nur einer Gewohnheit folgen, wie Worte und Begriffe und Konzepte zu verstehen sind. Sie werden (wieder) zu eigen gemacht, angeeignet und damit wird Lebendigkeit geschaffen, die berührt, die Begegnung ermöglicht und die Kraft hat, Klüfte überwinden zu können.

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Das Inhaltsverzeichnis als PDF

Ein Interview mit Sepp Duss-von Werdt über Ethik und Ethos der Mediation in der Zeitschrift Spektrum der Mediation von 2008

info

 

Josef Duss-von Werdt: homo mediator. Geschichte und Menschenbilder der Mediation. Hohengehren 2015 (Schneider Verlag)

288 S. m. 4farb. Abb., kart.
Preis: 28,00 €
ISBN: 978-3-8340-1364-4

Verlagsinformation

Der „homo mediator“ handelt von Menschen, die willens sind, gemeinsam mit andern nach Wegen zu suchen, um aus der Verstrickung in Konflikte und Probleme herauszukommen.
Der erste Teil geht der Frage nach, seit wann diese Wege begangen werden. Vor rund 40 Jahren galt die Mediation als etwas ganz Neues aus den USA. In der Geschichte Europas erreicht sie aber das nachweisbare Alter von gut 2500 Jahren. In ihren Dokumenten findet man jedoch nur selten etwas über den Mediator als homo faber und oeconomicus. Dazu wurde er erst in neuester Zeit. Hingegen wissen wir mehr von Eigenschaften und Haltungen friedfertiger Frauen und Männer, die zerstrittenen Menschen mit geduldiger Zurückhaltung, Verständnis und Respekt begegnet sind. Sie hießen seit Jahrhunderten Mediatrix und Mediator.
Der zweite Teil knüpft an ihre Tradition an und erweitert sie: Homo mediator ist nicht nur eine Profession, sondern eine Lebensweise als Mitmensch im Alltag und als demokratischer Mitbürger.
Wie man öffentlich, beruflich und privat mit anderen umgeht, wird von Menschenbildern geleitet, die wir uns dabei machen. Bei Konflikten erstarren sie zu Wahrheiten: Du warst und bist immer so. Doch können sich Bilder ändern: „Die entsprechende Bereitschaft (…) macht es möglich“ (Abraham de Wicquefort, 1682). Mediation lebt von der Bereitschaft, offen aufeinander zuzugehen. Dafür braucht es nicht immer einen Dritten, der einem Sprichwort gemäß lacht, wenn andere sich streiten. Und miteinander statt gegeneinander zu reden, hält die Demokratie zusammen.

Über den Autor

Joseph Duss-von Werdt, Prof., Dr. phil., Dr. theol., früher Leiter des Instituts für Ehe und Familie in Zürich, Mitbegründer und -herausgeber der Zeitschrift Familiendynamik, Dozent für Systemtherapie an der Universität Fribourg (Schweiz); zur Zeit Lehrbeauftragter für Mediation an der Fernuniversität Hagen (Lehrgebiet Recht) und deren Vertreter im wissenschaftlichen Beirat des interuniversitären European Master on Mediation (Sion); Ausbilder, Supervisor und Praktiker der Mediation in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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