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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Wenn Gleichheit zum Dogma wird. Das Problem der Agendawissenschaften

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1996 haben Ludwig Reiter und Egbert Steiner in einem spannenden Text dargelegt, dass Psychotherapie, Medizin, Pädagogik oder Sozialarbeit keine Wissenschaften sind, sondern Professionen, in deren Umwelt Wissenschaft vorkommt. Während Professionen dem Leitcode handeln/nicht handeln unterliegen, geht es in den Wissenschaften immer um die Unterscheidung wahr/unwahr (im Sinne einer fortlaufenden Begründungs- und Überprüfungspflicht von Theorien und wissenschaftlichen Erkenntnissen).

Es handelt sich um unterschiedliche gesellschaftliche Funktionssysteme, die ihren eigenen Logiken folgen und unterschiedliche Wissensbestände generieren und pflegen. Die Pointe dieser Konzeption liegt darin, dass sie die Autonomie beider Systeme wechselseitig schützt. Die Profession bleibt gegenüber der Wissenschaft autonom, weil ihre Handlungslogik, dass Expertenwissen nur selten wissenschaftlichen Maßstäben unterworfen ist, nicht aufgehoben wird. Gleichzeitig bleibt die Wissenschaft gegenüber der Profession autonom, weil sie sich nicht auf die Funktion reduzieren lässt, unmittelbar anwendbares Handlungswissen für die Praxis zu liefern.

Betrachtet man die aktuellen systemischen Diskurse, kann man feststellen, dass sowohl die Professionen bzw. das professionelle Handeln systemischer Therapie und Beratung als auch die von ihnen herangezogenen Bezugswissenschaften zunehmend unter den Druck eines ideologischen Aktivismus geraten. Offenbar ein Trend der Zeit, der nicht nur im systemischen Feld zu beobachten ist.

Am 25.7.2026 erschien in Zeit-Online (leider hinter der Bezahlschranke) ein bemerkenswerter Essay von Armin Nassehi und Irmhild Saake, Professor und akademische Rätin am Institut für Soziologie der LMU in München. Darin stellen sie die Frage, ob „die Soziologie zu links“ sei. Ich weise auf diesen Text an dieser Stelle deshalb hin, weil er sich umstandslos auch auf den aktuellen Stand der systemischen Diskurse übertragen lässt.

Ausgangspunkt ihres Artikels ist eine Studie des Oxford-Doktoranden James Manzi, der mit Hilfe eines Large Language Models rund 600.000 sozialwissenschaftliche Abstracts aus den Jahren 1960 bis 2024 auf ihre politische Verortung hin untersucht hat. Wer sich für die methodischen Aspekte im Detail (und ihre Stärken und Schwächen) interessiert, kann das hier tun, der Artikel ist als Open Access frei verfügbar.

Das Ergebnis ist jedenfalls aufschlussreich: von den knapp 180.000 Abstracts aus 11 sozialwissenschaftlichen Disziplinen, die sich explizit auf politische oder soziale Diskurse beziehen lassen, werden etwa 90 Prozent links der Mitte verortet, mit einer deutlichen Verstärkung dieser Verteilung in den letzten drei Jahrzehnten. Neben Gender Studies gehören zu den am weitesten dem linken Spektrum zugeordneten (und eher nicht unmittelbar auf das politische Handlungssystem bezogenen) Fächern die Soziologie, Anthropologie, Cultural & Communication Studies, Critical Whiteness usw., die insgesamt deutlich stärker links tendieren als die (eher als politiknah eingeordneten) Disziplinen wie Ökonomie, Politikwissenschaft, Public Administration, Kriminologie und Public Health. Ein aufschlussreicher Zusatzbefund zeigt auf, dass je linker eine Disziplin im Durchschnitt positioniert ist, desto homogener auch die einzelnen Abstracts innerhalb dieser Disziplin gefärbt sind – ein Muster, das mit der These einer sich selbst verstärkenden ideologischen Engführung durch Rekrutierungseffekte konsistent ist.

Nassehi und Saake nehmen den Befund als Anlass, bezogen auf ihre eigene Disziplin über die Struktur soziologischer Fragestellungen nachzudenken – und ich möchte diesen Gedanken hier aufnehmen, weil er auch für das systemische Feld fruchtbar gemacht werden kann, das über die Soziologie hinaus sich auch gerne aus den anderen genannten Fächern als Legitimationswissenschaften bedient.

Die soziologische Klassik, so erinnern Nassehi und Saake, hat die Frage untersucht, wie eine moderne Gesellschaft aus unterschiedlichen, oft unvereinbaren historischen, sozialen, wirtschaftlichen, rechtlichen, kulturellen und politischen Verhältnissen entsteht. Entscheidend war dabei die Frage, wie sich eine spezifische gesellschaftliche Ordnung herausbildet – nicht, ob diese Ordnung gerecht ist. Ein großer Teil der gegenwärtigen Sozialwissenschaften, so ihre These, hat diese Fragestellung durch eine Forderung nach einer Ordnung ersetzt, die dem modernen Versprechen der Gleichheit aller Menschen gerecht werden soll.

Das wäre, für sich genommen, ein normatives Programm, das – abgesehen von moralisch berechtigten Motiven – einen erheblichen wissenschaftlichen Legitimationsbedarf mit sich bringt. Problematisch wird es dort, wo die Disziplin blind wird für die Voraussetzungen ihrer eigenen Fragen. Nassehi und Saake formulieren das so: „Die Bedeutung von Gleichheit und ihrer Negation wird schlicht vorausgesetzt. Sie erscheint noch nicht einmal mehr als gewollte normative Voraussetzung, zu der man sich bekennen müsste, es aber auch sein lassen könnte. Die Soziologie kennt keinen Ort, an dem sich darüber reden ließe.“ Der „soziologische Reflex“ funktioniere so, „dass er schon immer weiß, dass Ungleichheit schlecht und ungerecht ist“ – sie werde kurz sichtbar, als bedrohlich erlebt, und im nächsten Moment durch den Verweis auf die Notwendigkeit von Gleichheit wieder beseitigt.

Wer mit systemischem Denken vertraut ist, wird an dieser Stelle hellhörig. Denn was hier beschrieben wird, ist nichts anderes als der Verlust der Beobachtungsdistanz gegenüber der eigenen Beobachtungskategorie. Ungleichheit wird nicht mehr beschrieben, sie wird als zu lösendes Problem erkannt – und mit der Erkennung ist die Bewertung schon mitgeliefert. Das ist genau jene Verwechslung von Beschreibung und Bewertung, vor der systemisches Denken seit Jahrzehnten warnt.

Ihre These illustrieren Nassehi und Saake an einem Klassiker der feministischen Sozialwissenschaft, dem Text der Historikerin Karin Hausen von 1976 über die Entstehung polarisierter „Geschlechtscharaktere“ im 18. und 19. Jahrhundert. Männern wurde Rationalität und der Bezug auf eine kompetitive äußere Welt zugeschrieben, Frauen Empfindsamkeit, Häuslichkeit und Kindererziehung. Hausen hat diese Konstruktion kritisch als Stabilisierung von Ungleichheit gelesen – hat aber zugleich auch betont, wie perfekt diese Rollenzuschreibungen zu der gleichzeitig entstehenden historischen Trennung von Berufswelt und häuslicher Sphäre gepasst haben.

Nassehi und Saake nennen das ein „Scharnier“: eine Konstruktion, die zwei parallel entstehende gesellschaftliche Bereiche funktional koppelt. Die eigentliche wissenschaftliche Leistung bestünde darin, dieses Scharnier zu untersuchen – seine Funktion, seine Voraussetzungen und seine Folgen –, ohne dabei sofort in Zustimmung oder Ablehnung zu kippen. Genau das, so ihre Beobachtung aus der eigenen Lehrpraxis, falle Studierenden unglaublich schwer. Sobald Ungleichheit sichtbar wird, wird über Macht, Herrschaft und Patriarchat gesprochen, die Kritik am Patriarchat laufe in den Seminaren immer still im Hintergrund mit: „So hat man es ihnen beigebracht, so steht es in der Forschungsliteratur, geradezu habituell und in kritischer Pose“.

Diese Dynamik dürfte auch in systemischen Kontexten nur zu bekannt sein. Wenn in einer Fallbesprechung, einer Supervision oder einem Fachartikel eine geschlechtsspezifische, kulturelle oder soziale Asymmetrie benannt wird, ist die Versuchung groß, sie unmittelbar in ein Vokabular von Unterdrückung und Befreiung zu übersetzen – bevor überhaupt geklärt ist, welche Funktion diese Asymmetrie im konkreten System erfüllt, welches Problem sie löst, welche Stabilität sie herstellt. Damit soll nicht der Verteidigung von Ungleichheit das Wort geredet werden. Allerdings sollte man Phänomene erst einmal verstehen, bevor man sie bekämpft – und Verstehen und Billigen sind zwei fundamental verschiedene Operationen. Die aktuellen Diskurse in unserem Feld würden erheblich gewinnen, wenn diese Unterscheidung nicht immer aus den Augen verloren ginge.

Nassehi und Saake schlagen deshalb vor, statt von Gleichheit und Ungleichheit von Symmetrieerwartungen und Asymmetrien zu sprechen, um den normativen Bias aus der Beobachtungssprache herauszuhalten. Asymmetrien, so ihr Argument, haben in Organisationen eine unvermeidliche Funktion: Sie ermöglichen Hierarchien und die Zurechenbarkeit von Entscheidungen. Asymmetrien zwischen Professionellen und Laien – Ärzten und Patienten, Therapeuten und Klienten, Wissenschaftlern und Öffentlichkeit – kollidieren strukturell mit modernen Symmetrieerwartungen, ohne deshalb per se dysfunktional zu sein.

Wer als systemischer Praktiker mit Familien, Teams oder Organisationen arbeitet, kennt diese Versuchung: die Asymmetrie zwischen Eltern und Kindern, zwischen Führung und Mitarbeitenden, zwischen Behandlern und Behandelten vorschnell einzuebnen, weil Asymmetrie unbequem ist – statt zu fragen, welche Asymmetrien heute noch funktional sind und welche dysfunktional geworden sind.

Systemische Theorie – und jede ernstzunehmende systemische Praxis – lebt davon, Differenzen nicht vorschnell normativ zu glätten. Unterschiede von Positionen, Rollen, Ressourcen, Perspektiven sind nicht bloß zufällige Ungerechtigkeiten, sondern operative Bedingungen dafür, dass Systeme überhaupt funktionieren: Familien, Organisationen, professionelle Kontexte. Wer Ungleichheiten ausschließlich als Skandale im Lichte eines Gleichheitsideals wahrnimmt, verliert jene Beobachtungsebene, auf der man verstehen kann, warum bestimmte Asymmetrien entstanden sind, welche Probleme sie lösen – und warum sie heute so schwer veränderbar sind.

Momentan haben Themen Hochkonjunktur, die sich einem starken moralischen Reflex verdanken. Geschlechterverhältnisse, Macht in Organisationen, struktureller Rassismus, Klassismus, die Rede vom „weißen Heteropatriarchat“. Diese Perspektiven sind für die gesellschaftliche Selbstverständigung wichtig und notwendig! Problematisch wird es dort, wo die moralische Codierung so dominant wird, dass die Funktionslogik von Differenzen nicht mehr verstanden wird. Machtverhältnisse etwa sind nicht einfach „falsch“, sondern zunächst eine bestimmte Weise, Unsicherheit, Kontingenz und Entscheidungsbedarf in Organisationen zu strukturieren. Wer sie ausschließlich skandalisiert, versteht nicht, warum sie so stabil sind – und wie Interventionen gestaltet sein müssen, um nicht bloß symbolische Alibis zu produzieren.

Nun ließe sich einwenden, das sei am Ende doch nur ein akademischer Disput, der mit der politischen Wirklichkeit wenig zu tun habe. Ein Aufsatz über den „Bumerang der Agendawissenschaft“ des Berliner Philosophen Geert Keil in der FAZ vom 22.7. (leider ebenfalls hinter der Bezahlschranke), zeigt, wie falsch eine solche Beruhigung wäre. Keil rekonstruiert, wie die AfD den Begriff „Agendawissenschaft“ übernommen hat, um ganzen Forschungsrichtungen, vor allem in den Gender-, Migrations- und Klimawissenschaften, die Wissenschaftlichkeit und damit den verfassungsrechtlichen Schutz der Wissenschaftsfreiheit abzusprechen. In einem Antrag der AfD-Bundestagsfraktion heißt es, der Agendawissenschaft gehe es „nicht um Erkenntnisfortschritt […], sondern darum, mittels Indienstnahme von Forschung und Lehre ein ideologiegeleitetes gesellschaftspolitisches Programm voranzubringen“.

Die Pointe dieser Strategie ist, dass sie sich exakt auf jenes Wissenschaftsverständnis beruft, das auch das Bundesverfassungsgericht seinen Entscheidungen zugrunde legt: Wissenschaft als „ernsthafter und planmäßiger Versuch zur Ermittlung von Wahrheit“, als methodische, systematische und nachprüfbare Erkenntnissuche. Und hier liegt das Problem, das Keil als „Bumerang-Gefahr“ bezeichnet. Die in Teilen der Sozial- und Kulturwissenschaften verbreitete Verteidigung – Wertfreiheit sei ein Mythos, jede Forschung sei ohnehin standpunktgebunden, also dürfe man auch offen für eine progressive Agenda forschen – liefert genau das Argument, das ein rechtspopulistischer Wissenschaftsminister spiegelbildlich übernehmen kann: „Wir haben andere Interessen und Werte, und jetzt sind wir am Ruder.“

Keil unterscheidet fünf Argumentationslinien, mit denen versucht wird, eine nicht-neutrale Wissenschaft zu rechtfertigen: 

1. Kritik an Max Webers These und Postulat, es sei nicht möglich Werturteile wissenschaftlich zu begründen. Mit dieser These wandte sich Weber vehement gegen eine Instrumentalisierung von Wissenschaft. 2. Das Orientieren an der Standpunkttheorie: das Gewinnen von Erkenntnis sei stets gesellschaftlich gebahnt und folge der jeweils eingenommenen Perspektive. 3. Das Orientieren am Ansatz des sogenannten Moral Encroachments, also des größeren Gewichts moralischer Positionen: moralische Positionen gelten nicht als Gefährdung einer ergebnisoffen gestalteten Suche nach Erkenntnis, sondern als deren unumgängliche Grundlage. 4. Das Orientieren an einem emanzipatorischen Verständnis von Wissenschaft: Wissenschaft habe der Kritik an herrschenden Machtverhältnissen und hegemonialen Interessen zu dienen. 5. Das Orientieren am Ansatz der emanzipatorischen Methodologie: Ob eine wissenschaftliche Theorie über die soziale Wirklichkeit korrekt sei, ergebe sich aus den emanzipatorischen Zielsetzungen derjenigen politischen Bewegung, als deren akademischer Arm die Theorie zu dienen habe. Diesem letzten Ansatz folgen z.B. auch Katharina Keil und Dirk Rohr, wenn sie Shannon Sullivan zustimmend zitieren, dass es darum ginge, „ob eine Behauptung, wenn man sie in die Tat umsetzt, die gewünschten Veränderungen in der Welt herbeiführt. Wenn sie dies tut, ist sie wahr; wenn nicht, ist sie falsch“ (S. 117).

Die ersten drei Ansätze – mit den nötigen Einschränkungen – sind für Geert Keil mit ergebnisoffener Erkenntnissuche vereinbar. Die letzten beiden sind es nicht mehr, weil sie den wissenschaftlichen Erfolg einer Theorie an die Übereinstimmung mit einem politischen Ziel binden, statt ihn empirisch offenzuhalten.

Ich lese seine Analyse als politische Zuspitzung dessen, was Nassehi und Saake wissenschaftstheoretisch beschreiben und was Manzi empirisch belegt. Reflexhaft auf Gleichheit als Norm zu pochen, ist idealistisch verständlich, gerät jedoch praktisch in Not. Dies deshalb, weil dieser Reflex eine Steilvorlage für diejenigen liefert, die mit eben diesem Reflex bekämpft werden sollen. Wer Differenzen, Asymmetrien und Ungleichheiten reflexhaft moralisch codiert, statt sie zunächst funktional zu untersuchen, macht sich erpressbar – aufgrund der eigenen Unfähigkeit, die moralische Agenda der AFD von einer wissenschaftlichen Position aus zurückzuweisen, die nicht selbst schon eine Gegenagenda ist.

Für das systemische Feld heißt das: 

1. Wenn wir Macht, Geschlecht, Herkunft oder institutionelle Hierarchien in Therapie, Beratung und Organisationsentwicklung thematisieren, sollten wir uns die Zumutung gefallen lassen, die Nassehi und Saake ihren Studierenden zumuten. Nämlich zu fragen, welches Problem eine bestimmte Asymmetrie löst, bevor wir fragen, wie man sie beseitigt. Das schließt Kritik, Engagement und Parteinahme für Betroffene nicht aus, ganz im Gegenteil. Als Professionelle, die sich mit den Belangen von Klienten befassen, die in unterschiedlicher Weise von sozialen ökonomischen und politischen Problemlagen betroffen sind, ist es unsere Aufgabe, auch in die unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionssysteme zu intervenieren. Dieses Engagement ist Teil unseres Mandats. Es muss aber reflexiv sein: Wir sollten uns der eigenen Symmetrieerwartungen, Gleichheitsnormen und moralischen Intuitionen als Einschränkungen unserer professionellen Freiheitsgrade bewusst werden, anstatt sie als selbstverständliche Wahrheiten zu behandeln.

2. Als Forscher (oder als Praktiker, die Forschung rezipieren) brauchen wir eine Form von Zurückhaltung, die methodisch ergebnisoffen ist. Wir dürfen Forschung nicht so konfigurieren, dass bestimmte Ergebnisse – etwa die Bestätigung eines Gleichheitsideals oder einer bestimmten „richtigen“ Agenda – von vornherein als Legitimitätsbedingung gelten. Die Aufgabe der Forschung ist nicht, die moralische Intuition der Profession zu bestätigen, sondern sie vielmehr gerade dort, wo sie wissenschaftliche Geltungsansprüche erhebt, zu prüfen, zu irritieren, zu differenzieren.

3. An genau dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob wir Agendawissenschaft betreiben oder wissenschaftliche Offenheit wahren. Agendawissenschaft verwischt die Grenze zwischen Profession und Wissenschaft, indem sie das Engagement der Profession – für Gleichheit, Emanzipation, Diversität – in den Geltungsmodus wissenschaftlicher Aussagen hineinzieht. Wissenschaftliche Offenheit akzeptiert, dass Professionen engagiert sind, verlangt aber, dass ihre Selbstbeschreibungen im Lichte empirischer Befunde korrigierbar bleiben – auch dann, wenn diese Befunde Gleichheitsreflexe, ideologische Homogenität oder blinde Flecken in der Problemdefinition sichtbar machen, wie Manzis Studie und Nassehi/Saakes Essay es tun.

Wir sollten unser professionelles Engagement also nicht reduzieren, sondern genauer unterscheiden, in welchem Kontext welches Engagement gilt. In der Praxis: Partei für die Belange unserer Klientinnen und Klienten im gesellschaftlichen Diskurs zu ergreifen, gehört zu unserem Auftrag. Die Therapie oder Beratung zum Ort für ideologisch-moralische Positionierungen zu machen, nicht. In der wissenschaftlichen Reflexion: Die eigenen moralischen Präferenzen so weit zurücknehmen, dass wir sehen können, wie Differenzen, Asymmetrien, Ungleichheiten funktionieren – auch dort, wo sie unseren Gleichheitsnormen widersprechen. Nur an dieser Grenze kann systemische Theorie ihre Stärke ausspielen: als Beschreibung von Differenzen, nicht als Vollzugsorgan einer jeweils „richtigen“ Agenda.

Systemisches Denken bezog seinen Erkenntniswert schon immer genau aus der Fähigkeit, Differenzen als konstitutiv statt als Defizite zu behandeln – eine „Systemik“, die diese Fähigkeit an ein moralisches Vorzeichen bindet, hört auf, der Logik systemtheoretischen Denkens zu folgen.

Eine „weniger linke“ Soziologie, schreiben Nassehi und Saake, wäre keine rechte Soziologie, sondern schlicht eine wissenschaftlichere. Ich würde ergänzen: Eine Systemik, die sich dem ideologisch-moralischen Aktivismus verweigert, verweigert sich nicht der gesellschaftlichen Verantwortung. Sie verweigert sich nur der Bequemlichkeit, mit der man Differenz und Ungerechtigkeit kurzschließt, weil man die Funktion der Ungleichheit nie studiert hat. Genau das aber wäre die Aufgabe – und der Grund, warum sie sich zu stellen lohnt.

Quellen

Hausen, Karin: „Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben“. In: Werner Conze (Hrsg.)(1976):, Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Neue Forschungen. Stuttgart (Klett), S. 363-393.

Keil, Geert (2026): Der Bumerang der Agendawissenschaft. FAZ vom 22.7.2026

Keil, Katharina & Dirk Rohr (2025): Wenn Beratung (epistemisch) ungerecht ist … – Eine philosophische Analyse. In: Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung  43 (03), S. 115-121.

Manzi, James (2026): The ideological orientation of academic social science research 1960–2024. In: Theory & Society (2026) 55:25

Nassehi, Armin & Irmhild Saake (2026): Ist die Soziologie zu links? Zeit-Online vom 25.7.2026

Reiter, Ludwig & Egbert Steiner (1996): Psychotherapie und Wissenschaft. Beobachtung einer Profession. In: Alfred Pritz (Hrsg.): Psychotherapie – eine neue Wissenschaft vom Menschen.Wien/New York (Springer), S. 159–203.

Sullivan, Shannon (2017): On the harms of epistemic injustice. Pragmatism and transactional epistemology. In: Ian James Kidd et al.: The Routledge Handbook of Epistemic Injustice. Oxon/New York (Routledge), S. 205-212

Dank

Wolfgang Loth sei gedankt für die wie immer hilfreichen Gedanken und Anregungen, die in diesen Text eingeflossen sind!

10 Kommentare

  1. […] Wenn Gleichheit zum Dogma wird. Das Problem der Agendawissenschaften (Tom Levold – 11.08.2026) […]

  2. […] & Irmhild Saake: Ist die Soziologie zu links?  Die ZEIT 25.07.2026  – Tom Levold: Wenn Gleichheit zum Dogma wird. Das Problem der Agendawissenschaften. Systemag – Online-Journal für systemische Entwicklungen. 11.08.2026 Übersichten zur […]

  3. M. Ludwig sagt:

    Tom Levolds Artikel plädiert für eine Neutralität systemischer Praxis und warnt vor gefälliger Gesinnungswissenschaft. Doch indem er ein Ideal wertfreier, beobachtender Distanz als wissenschaftlichen Goldstandard setzt und kritische Ansätze als primär „moralisch motiviert“ einstuft, übersieht er wesentliche erkenntnistheoretische und wissenschaftshistorische Grundlagen.

    ​Warum seine Position zu kurz greift:

    ​1. Falsche Prämissen: Geistes- und Professionswissenschaften forschen längst ergebnisoffen nach Funktionen und Ursachen
    ​Die Behauptung, emanzipatorische oder professionsbezogene Wissenschaftsrichtungen würden nicht nach Ursachen oder Funktionen fragen, zeichnet ein Zerrbild. Disziplinen wie die Soziologie, Gender Studies oder die Kritische Sozialarbeit fragen seit jeher intensiv nach den funktionellen Ursachen von Asymmetrien und Ungleichheit.
    ​Der entscheidende Unterschied liegt jedoch im Analyserahmen: Während eine reine Systemtheorie im Sinne Luhmanns Asymmetrien oft rein bezogen auf die Systemerhaltung oder Komplexitätsreduktion analysiert, fragen kritische Disziplinen zusätzlich: Welchem Interesse dient diese Funktion? Wer zahlt den Preis für die Stabilität dieses Systems? Dass Wissenschaft den Status quo in seine Bedingungen zerlegt, ist kein Mangel an Ergebnisoffenheit, sondern das Kerngeschäft reflektierter Forschung.

    ​2. Erkenntnistheoretische Illusion: Wertfreie Neutralität existiert nicht
    ​Der Ruf nach einem „normativ unvoreingenommenen“ Blick unterschlägt die fundamentale Erkenntnis der Epistemologie: Es gibt keine erkenntnisneutrale Position außerhalb des Gegenstands.
    ​Jede Wahl des Begriffsapparats (ob man von „Ungleichheit“ oder „funktionaler Asymmetrie“ spricht), jede Wahl der Fragestellung und Methode ist bereits ein normativer Akt, der bestimmte Aspekte beleuchtet und andere unsichtbar macht.
    ​Die bloße Entscheidung, gesellschaftliche Phänomene ausschließlich auf ihre „Funktion“ hin zu beschreiben, ist keineswegs neutral: Sie hat einen eingebauten Bias zugunsten des Vorhandenen (Konservatismus der Systemerhaltung). Wer die Normativität der eigenen Methode leugnet, betreibt nicht „reinere“ Wissenschaft, sondern verdeckt nur die eigenen blinden Flecken.

    ​3. Die „politische Mitte“ ist nicht identisch mit Neutralität
    ​Levold stützt sich auf Untersuchungen (wie die von Manzi), die eine Linksverschiebung im wissenschaftlichen Diskurs attestieren. Hierbei entsteht der Eindruck, eine vermutete „politische Mitte“ sei mit wissenschaftlicher Objektivität gleichzusetzen.
    ​Ein mathematischer oder politischer Mittelwert zwischen bestehenden Haltungen ist jedoch eine bloße politische Konstruktion – kein Maßstab für Wahrheit. Wissenschaftlicher Fortschritt bestand historisch meist darin, Mehrheitsüberzeugungen und die vermeintlich „neutrale Mitte“ einer Zeit als ideologisch verstellt zu entlarven. Ein wissenschaftlicher Befund wird nicht dadurch unzulässig oder zur „Agendawissenschaft“, dass er politische Relevanz entfaltet oder Ungerechtigkeiten aufdeckt.

    ​Dass Wissenschaft, Macht, Interesse und Praxis unlösbar miteinander verflochten sind, ist in der Philosophie- und Theoriegeschichte umfassend begründet worden:

    ​Karl Marx (Thesen über Feuerbach, 1845):
    In der berühmten 11. These („Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern“) bricht Marx mit der Vorstellung eines rein passiv-beobachtenden Subjekts. Erkenntnis entsteht in der materiellen, gesellschaftlichen Praxis. Eine Wissenschaft, die sich auf das reine Beschreiben der Umstände zurückzieht, verdoppelt nur die bestehenden Verhältnisse, anstatt deren Entstehung und Veränderbarkeit zu begreifen.

    ​Max Horkheimer (Traditionelle und kritische Theorie, 1937):
    Horkheimer unterscheidet die „traditionelle Theorie“ – die Fakten als gegeben hinnimmt und sie wie Naturgesetze wertneutral klassifizieren will – von der „Kritischen Theorie“. Letztere betont, dass die Tatsachen selbst das Ergebnis menschlicher, oft von Macht geprägter Praxis sind. Eine Wissenschaft, die so tut, als stünde sie außerhalb des gesellschaftlichen Gefüges, macht sich unbewusst zum Werkzeug der herrschenden Verhältnisse.

    ​Jürgen Habermas (Erkenntnis und Interesse, 1968):
    Habermas weist nach, dass alle wissenschaftliche Erkenntnis an spezifische „erkenntnisleitende Interessen“ gebunden ist. Neben dem technischen Interesse der Naturwissenschaften (Verfügbarkeit) und dem praktischen Interesse der Hermeneutik (Verstehen) existiert das emanzipatorische Erkenntnisinteresse. Dieses zielt darauf ab, unhinterfragte Machtverhältnisse und Herrschaftsstrukturen aufzudecken. Emanzipatorischer Anspruch ist daher kein „Betrug“ an der Wissenschaft, sondern eine eigene, legitime Erkenntniskategorie.

    ​Michel Foucault (Macht und Wissen):
    Foucault zeigt, dass Wissen und Macht keine Gegensätze sind. Es gibt kein „reines Wissen“, das frei von Machtbeziehungen generiert wird; jedes Wissenssystem bringt seine eigenen „Regimes der Wahrheit“ hervor. Wenn Systemtheoretiker oder Wissenschaften behaupten, völlig neutral zu beobachten, maskieren sie lediglich die Machtwirkungen, die ihrer eigenen Klassifikationssprache innewohnen.

    ​Die Sorge vor dogmatischem Aktivismus in der Forschung basiert auf einer Illusion. Anstatt eine unmögliche Wertfreiheit oder eine vermeintlich neutrale „Mitte“ einzufordern, sollte wissenschaftliche Qualität anders definiert werden: Durch Transparenz und Reflexion über die eigenen Perspektiven und Prämissen, methodische Offenheit für Gegenevidenz und die Bereitschaft, sowohl die Funktion als auch die Gerechtigkeit gesellschaftlicher Strukturen kritisch zu hinterfragen.
    ​Eine Systemik, die sich vor der Frage drückt, wem bestehende Asymmetrien nützen, läuft Gefahr, von einer Analyseform zu einer Ideologie der Anpassung zu verkommen.

    • A. Schnoor sagt:

      Vielen Dank für diese sehr gute Analyse, M. Ludwig.

    • ChatGPT sagt:

      Ich habe den Beitrag und den Kommentar von M. Ludwig vollständig angesehen. Mein Urteil ist ziemlich eindeutig: **Der Kommentar ist inhaltlich deutlich schwächer als der Beitrag, den er kritisiert.** Und es gibt starke stilistische Indizien dafür, dass er zumindest **KI-unterstützt** formuliert wurde. Beweisen lässt sich eine KI-Autorenschaft allein am Text allerdings nicht.

      ### 1. Kommt der Kommentar von KI?

      Ich würde sagen: **Wahrscheinlichkeit einer erheblichen KI-Beteiligung: eher hoch.** Eine sichere Zuschreibung wäre aber unseriös.

      Dafür sprechen mehrere Dinge:

      * Die geradezu lehrbuchhafte Gliederung **„1. Falsche Prämissen / 2. Erkenntnistheoretische Illusion / 3. Die politische Mitte …“**
      * die auffällig gleichförmige argumentative Architektur;
      * die Aneinanderreihung von **Marx → Horkheimer → Habermas → Foucault** als eine Art theoretischer Autoritätskanon;
      * Formulierungen wie „Das Kerngeschäft reflektierter Forschung“, „fundamentale Erkenntnis der Epistemologie“, „Wissenschaft, Macht, Interesse und Praxis unlösbar miteinander verflochten“;
      * die starke Neigung, Einwände zunächst als „Illusion“, „falsche Prämisse“ oder „Zerrbild“ zu etikettieren und erst danach zu argumentieren;
      * und vor allem die **bemerkenswerte Abwesenheit einer wirklichen Auseinandersetzung mit der spezifischen Argumentation Levolds**.

      Das liest sich sehr stark wie ein Prompt der Art: *„Widerlege diesen systemtheoretischen Text aus kritisch-theoretischer Perspektive und beziehe Marx, Horkheimer, Habermas und Foucault ein.“*

      Der auffälligste Hinweis ist aber nicht der Stil, sondern die **Passungslosigkeit zwischen Kommentar und Gegenstand**. Der Kommentar hätte mit geringfügigen Änderungen auch unter einen Text über Soziologie, Rassismus, Gender Studies oder kritische Pädagogik gesetzt werden können. Er arbeitet kaum mit den spezifischen systemtheoretischen Argumenten des Beitrags.

      Das Web-Suchergebnis liefert mir keinen belastbaren Hinweis darauf, dass der Text anderswo als bereits veröffentlichter menschlicher Text existiert. Das beweist natürlich nichts.

      ### 2. Inhaltlich liegt der Kommentar an einer entscheidenden Stelle neben dem Argument

      Levolds eigentliche Argumentation ist wesentlich präziser, als der Kommentator sie darstellt.

      Levold sagt gerade **nicht**:

      > Wissenschaft müsse vollkommen wertfrei sein.

      Er macht vielmehr eine **Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher Erkenntnissuche und professionellem Handeln**. Sein Ausgangspunkt ist die Differenz von Wissenschaft und Profession: Wissenschaft operiert mit wahr/unwahr, Profession mit handeln/nicht handeln.

      Und er formuliert am Ende sogar ausdrücklich, dass professionelle Parteinahme und gesellschaftliches Engagement legitim sein können. Die Forderung nach Zurückhaltung bezieht er auf den **Geltungsmodus wissenschaftlicher Aussagen**.

      Der Kommentar bekämpft dagegen teilweise eine Position, die Levold gar nicht vertritt:

      > „Wertfreie Neutralität existiert nicht.“

      Das ist als Einwand ziemlich leer, solange nicht gezeigt wird, dass Levold **Wertfreiheit im starken erkenntnistheoretischen Sinn** behauptet. Genau das tut er aber nicht.

      Man kann durchaus sagen:

      **„Keine absolute Wertfreiheit“ ≠ „keine methodische Distanz zwischen Beschreibung und Bewertung“.**

      Und genau diese Unterscheidung ist das Zentrum des Artikels.

      ## 3. Besonders problematisch: Die Quellenbasis des Kommentars

      Levold argumentiert aus einem **systemtheoretischen Problemhorizont heraus** und verweist auf Reiter/Steiner, Nassehi/Saake, Manzi und Keil. Er entwickelt daraus eine systemtheoretisch anschlussfähige Unterscheidung zwischen Beobachtung und Bewertung, Funktion und Normativität sowie Profession und Wissenschaft.

      Der Kommentar antwortet darauf dann mit:

      **Marx – Horkheimer – Habermas – Foucault.**

      Das ist nicht einfach eine alternative Literaturbasis. Es ist ein **theoretischer Gegenangriff aus einer antagonistischen Tradition**.

      Und genau dadurch entsteht ein interessantes Problem:

      Der Kommentator kritisiert Levold dafür, dass dieser seine eigene Perspektivität nicht ausreichend reflektiere – und bringt seinerseits **eine hochgradig theoriegesättigte, normativ positionierte Perspektive** ins Spiel, ohne deren eigene Voraussetzungen zu reflektieren.

      Das ist fast schon ironisch.

      Denn die entscheidende Frage wäre gewesen:

      > **Welche empirische oder wissenschaftstheoretische Argumentation zeigt, dass Levolds Unterscheidung von Beschreibung und Bewertung falsch ist?**

      Stattdessen bekommt man:

      > Marx sagt …
      > Horkheimer sagt …
      > Habermas sagt …
      > Foucault sagt …

      Das ist keine Widerlegung. Es ist zunächst einmal **Kanondemonstration**.

      # 4. Der stärkste Fehler steckt in diesem Satz

      > „Während eine reine Systemtheorie im Sinne Luhmanns Asymmetrien oft rein bezogen auf die Systemerhaltung oder Komplexitätsreduktion analysiert, fragen kritische Disziplinen zusätzlich: Welchem Interesse dient diese Funktion? Wer zahlt den Preis für die Stabilität dieses Systems?“

      Das ist theoretisch ausgesprochen problematisch.

      Denn hier wird so getan, als sei

      **„Funktion analysieren“**

      eine verkürzte Version von

      **„Funktion analysieren, aber das Interesse dahinter vergessen“.**

      Das ist keine zwingende Folgerung.

      Im Gegenteil: Eine systemtheoretische Funktionsanalyse kann gerade untersuchen, **welche Leistungen eine bestimmte Struktur für verschiedene Teilsysteme oder Beteiligte erbringt, welche Kosten sie erzeugt, welche Anschlussprobleme entstehen und welche Alternativen möglich sind.**

      Die Frage „Wem nützt das?“ ist nicht automatisch eine tiefere Analyse als „Welche Funktion erfüllt das?“.

      Sie ist lediglich **eine andere Frage**.

      Und das ist meines Erachtens der zentrale Schwachpunkt des Kommentars: Er behandelt seine eigene Perspektive ständig so, als sei sie eine **Erweiterung** der systemtheoretischen Analyse, obwohl sie häufig schlicht eine **normativ anders gerahmte Beobachtung** darstellt.

      ## 5. Noch problematischer ist die Gleichsetzung von Funktion und Konservatismus

      Der Kommentar behauptet:

      > „Die bloße Entscheidung, gesellschaftliche Phänomene ausschließlich auf ihre ‚Funktion‘ hin zu beschreiben, ist keineswegs neutral: Sie hat einen eingebauten Bias zugunsten des Vorhandenen (Konservatismus der Systemerhaltung).“

      Das ist ein klassischer **naturalistischer bzw. normativer Fehlschluss**.

      Aus

      > X erfüllt gegenwärtig eine Funktion

      folgt eben nicht

      > X soll bestehen bleiben.

      Und Levold sagt das ausdrücklich nicht. Er schreibt sogar:

      > „Verstehen und Billigen sind zwei fundamental verschiedene Operationen.“

      Das ist gerade die Pointe seines Arguments.

      Man kann beispielsweise eine Hierarchie hinsichtlich ihrer Funktionalität analysieren und anschließend zu dem Ergebnis kommen:

      > Diese Hierarchie erfüllt Funktion A, erzeugt aber Kosten B und ist unter Bedingungen C dysfunktional geworden.

      Das ist überhaupt keine Verteidigung der Hierarchie.

      Der Kommentar macht aus **funktionaler Erklärung** eine **normative Rechtfertigung**.

      Und genau diese Gleichsetzung kritisiert Levold.

      # 6. Der Marx-Horkheimer-Habermas-Foucault-Block ist deshalb besonders schwach

      Nicht weil diese Autoren uninteressant wären. Sondern weil sie **für den konkreten Einwand kaum das leisten, was ihnen zugeschrieben wird.**

      ### Marx

      Die 11. Feuerbachthese:

      > „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert …“

      begründet nicht, dass wissenschaftliche Aussagen deshalb politisch positioniert sein sollten.

      Sie ist eine philosophische These über Praxis und Philosophie. Daraus folgt keine wissenschaftstheoretische Lizenz für eine normative Vorentscheidung über empirische Befunde.

      ### Horkheimer

      Horkheimers Kritik der traditionellen Theorie ist eine ernsthafte wissenschaftstheoretische Position. Aber aus ihr folgt ebenfalls nicht:

      > Weil Wissenschaft gesellschaftlich situiert ist, darf sie normative Ziele in ihren Wahrheitsbegriff integrieren.

      Das wäre ein zusätzlicher Schritt, der argumentiert werden müsste.

      ### Habermas

      Hier wird es besonders interessant.

      Der Kommentar schreibt:

      > „Habermas weist nach, dass alle wissenschaftliche Erkenntnis an spezifische ‚erkenntnisleitende Interessen‘ gebunden ist.“

      Selbst wenn man Habermas folgt, folgt daraus **nicht**, dass wissenschaftliche Aussagen deshalb an politische Ziele gebunden werden dürfen.

      Erkenntnisinteresse und politisches Ziel sind nicht dasselbe.

      ### Foucault

      Auch Foucaults Macht/Wissen-Analyse zeigt nicht:

      > Es gibt keine neutrale Erkenntnis → also ist eine politisch erwünschte Erkenntnis genauso legitim.

      Das wäre ein **Non sequitur**.

      Aus der sozialen Bedingtheit von Wissen folgt nicht die Gleichwertigkeit beliebiger Wahrheitsansprüche.

      # 7. Und genau hier wird der Kommentar sogar unfreiwillig zur Bestätigung von Levolds These

      Das ist für mich der interessanteste Punkt.

      Levold schreibt:

      > „Die Aufgabe der Forschung ist nicht, die moralische Intuition der Profession zu bestätigen, sondern sie vielmehr gerade dort, wo sie wissenschaftliche Geltungsansprüche erhebt, zu prüfen, zu irritieren, zu differenzieren.“ ([systemagazin][1])

      Der Kommentar antwortet darauf im Grunde:

      **Nein, Wissenschaft ist immer perspektivisch, Macht ist überall, Wertfreiheit gibt es nicht, und emanzipatorische Erkenntnis ist legitim.**

      Aber damit wird die **moralische Position selbst epistemisch privilegiert**, ohne dass der Kommentar zeigt, warum das geschehen darf.

      Das wird am Ende besonders deutlich:

      > „Eine Systemik, die sich vor der Frage drückt, wem bestehende Asymmetrien nützen, läuft Gefahr, von einer Analyseform zu einer Ideologie der Anpassung zu verkommen.“

      Das ist rhetorisch stark, wissenschaftstheoretisch aber nicht besonders überzeugend.

      Denn warum sollte die Frage

      > „Wem nützt diese Asymmetrie?“

      wissenschaftlich privilegierter sein als

      > „Welche Funktion erfüllt diese Asymmetrie?“

      Der Kommentar liefert darauf keine Antwort.

      # 8. Der eigentliche Antagonismus ist also nicht „neutral vs. nicht neutral“

      Das ist meines Erachtens die tiefere Ebene.

      Der Gegensatz lautet eher:

      **Levold:**

      > Erst unterscheiden, beschreiben, erklären – dann bewerten.

      gegen

      **Kommentar:**

      > Schon die Auswahl dessen, was als Ungleichheit, Macht, Interesse oder Asymmetrie untersucht wird, ist normativ.

      Das zweite Argument ist durchaus diskutabel. Aber es **widerlegt das erste nicht**.

      Denn selbst wenn jede Beobachtung perspektivisch ist, kann man weiterhin zwischen

      * empirischer Beschreibung,
      * theoretischer Erklärung,
      * normativer Bewertung
      * und politischer Intervention

      unterscheiden.

      Genau diese Unterscheidungen sind für Wissenschaft überhaupt erst produktiv.

  4. Wolfgang Röttsches sagt:

    Danke Tom für diesen Beitrag und den Link zu dem Zeit Artikel von Nassehi und Saake.

  5. Sabine Klar sagt:

    Danke für deine differenzierte Herangehensweise an schwierige Themen lieber Tom
    Allesliebe
    Sabine

  6. Juliane Ziegler sagt:

    Danke für diesen informativen Artikel! Was mich jedoch aufregt, ist Ihr mehrfacher negativ konnotierter Hinweis auf „Bezahlschranken“. Ich bin selbst Journalistin und frage Sie nun einmal ganz direkt: Arbeiten Sie gern für lau? Es gibt einen Unterschied zwischen PR-Texten, um die eigene Kompetenz darzustellen und journalistischer Profession – wie Sie sicher wissen. Im ersten Fall entstehen die Einnahmen an anderer Stelle – und im zweiten…?
    Danke für Ihr Verständnis und beste Grüße
    Juliane Ziegler

    • Patrick Burkard sagt:

      Also, PR-Texte, „um die eigene Kompetenz darzustellen“, werden ohne Bezahlschranke veröffentlicht und Resultate „journalistischer Profession“ mit Bezahlschranke? Auch wenn diese evt., wie hier, schon einen gewissen und durchaus relevanten Gegenstand des öffentlichen Diskurses udn Interesses darstellen, der allerdings sicher nicht massentauglich ist und zu großen Einnahmeströmen führt. Nach dieser Lesart wäre die Konnotation aus meiner Sicht dann schon verständlich und nachvollziehbar, und ich persönlich würde mir an mancher Stelle, nicht nur an dieser, mehr Differenzierung und journalistische Weitsicht wünschen, wenn es um die Entscheidung geht, ob Bezahlschranke oder nicht.

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