
Noch ein Jubiläum: heute feiert Wolfgang Tschacher seinen 70. Geburtstag und systemagazin gratuliert von Herzen. Wir können einen Forscher würdigen, der zur Psychotherapiewissenschaft ganz wesentliche Beiträge zur Frage geleistet hat, wie therapeutische Prozesse im Detail verlaufen. Sein Perspektive ist dabei u.a. auf Aspekte wie Prozessdynamik, Verkörperung (Embodiment) und nonverbale Synchronie gerichtet, die er seit Jahren sowohl theoretisch als auch empirisch untersucht. Psychotherapie erscheint dabei als komplexes, leiblich vermitteltes und kontextabhängiges Geschehen, das sich nicht in einfachen Wirksamkeitsstatistiken erschließen lässt.
Systemtheoretische und synergetische Begriffe wie Selbstorganisation, Komplexität, nichtlineare Systeme, Nicht-Gleichgewichts-Systeme und Zirkularität werden in seinen Arbeiten empirischer Modellierung unterzogen, die Theorie ist damit unmittelbar mit überprüfbaren Prozessbeschreibungen verknüpft. Gerade darin liegt der besondere Wert von Tschachers Arbeiten für eine systemische Fachöffentlichkeit.
Wolfgang Tschacher wurde 1956 in Hohengehren geboren und studierte Psychologie an der Universität Tübingen, wo er 1990 mit einer Arbeit zur Dynamik kognitiver Prozesse promovierte. Parallel absolvierte er eine systemische Ausbildung am Institut für Familientherapie in München. Diese doppelte Verortung in empirischer Psychologie und systemischer Praxis prägt seine spätere Perspektive auf Psychotherapieprozesse.
1996 folgte die Habilitation an der Universität Bern, die er in seinem Buch „Prozessgestalten“ veröffentlicht hat. Seit 2002 war Tschacher in Bern Professor an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiter der dortigen Forschungseinheit. Sein Aufgabenfeld umfasste Psychotherapieforschung, Schizophrenieforschung, experimentelle Psychopathologie und empirische Ästhetik; Projekte zur Wirkung von Kunst und Musik gehören ebenfalls in diesen Forschungsbereich. In Bern entstand damit ein höchst spannendes und originelles Fachgebiet, in dem dynamische Modellierung, klinische Fragestellungen und interdisziplinäre Kooperation zusammengeführt wurden.
Tschachers Arbeit ist eng in wissenschaftliche Netzwerke eingebunden. Er war Präsident des europäischen Chapters der Society for Psychotherapy Research und ist im Vorstand der Society for Mind-Matter Research. Forschungsaufenthalte, etwa als Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS), dienten der Vertiefung von Fragen zu Selbstorganisation, Embodiment und Philosophie des Geistes.
Besondere Bedeutung hat die Konferenzreihe der Herbstakademie, die er 1990 gemeinsam mit Günter Schiepek und Johannes Ewald Brunner gründete. Diese Tagungsreihe verhandelt Systemtheorie im Kontext von Psychologie und Philosophie des Geistes und bietet ein Forum, in dem dynamische und systemische Ansätze interdisziplinär diskutiert werden. Die Treffen der Herbstakademie waren und sind wichtige Foren, um psychische und therapeutische Prozesse konsequent als dynamische Systeme zu denken und in unterschiedlichen Disziplinen anschlussfähig zu machen.
Seine Buchveröffentlichungen lassen sich als Entfaltung dieser Perspektive lesen. Seine Habilitationsschrift und ebenso „The Dynamical Systems Approach to Cognition“ fokussieren auf die zeitlichen Verlaufsmuster psychischer Prozesse: Zustände werden in Verlaufsformen, Übergänge und zeitliche Abfolgen von Stabilisierung und Fluktuation übersetzt. Spätere Bücher wie „The Implications of Embodiment“ und „Embodiment“ betonen die leibliche Einbettung von Kognition und Interaktion und führen Embodiment als strukturierenden Zugang zur Psychotherapie ein.
Gemeinsam mit Hermann Haken entwickelt Tschacher in „The Process of Psychotherapy – Causation and Chance“ ein synergetisches Verständnis therapeutischer Prozesse. Kausalität und Zufall werden dort im Rahmen Dynamischer Systemtheorie modelliert; therapeutische Verläufe erscheinen als selbstorganisierende Prozesse, in denen Interventionen, Beziehungsgestaltung und kontingente Ereignisse ineinandergreifen.
Einen zentralen Schwerpunkt bilden Tschachers empirische Arbeiten aus den letzten Jahrzehnten zu Embodiment und nichtverbalen Prozessen. Kognition, Emotion und Interaktion werden als verkörperte Phänomene untersucht, die sich in Bewegungen, Gestik, Mimik und physiologischen Parametern zeigen. Die Studien zur nonverbalen Synchronie in der Psychotherapie, etwa gemeinsam mit Fabian Ramseyer, analysieren koordinierte Körperbewegungen zwischen Therapeut und Patient und setzen sie in Beziehung zur Qualität der therapeutischen Allianz und zum Therapieerfolg.
Synchronie wird hier nicht metaphorisch verwendet, sondern als empirisch bestimmbares Muster zeitlicher Koordination in Interaktionen. Zeitreihen von Bewegung, Mimik und Sprache werden mit Methoden der Dynamischen Systemtheorie ausgewertet; die resultierenden Muster gelten als Indikatoren für gelingende oder gestörte Beziehungsgestaltung. Damit erhält das bislang vor allem sprachzentrierte Bild von Psychotherapie eine Ergänzung, indem Beziehung als leiblich mitvermittelte Koordination sichtbar wird, die sich mit angemessenen Verfahren beobachten und beschreiben lässt.
Tschachers praktische Verortung liegt in der systemischen Therapie, insbesondere der systemischen Familientherapie. In seinen Veröffentlichungen steht jedoch weniger die Schulenzugehörigkeit im Vordergrund als die Frage, wie therapeutische Prozesse grundsätzlich strukturiert sind. Systemische Begriffe wie Selbstorganisation oder Kontext werden als Hypothesen über Prozessverläufe verstanden, die empirisch prüfbar sind.
Auch wenn seine Arbeiten zu Therapeutischer Allianz, gemeinsamen Wirkfaktoren und interpersonaler Synchronie in dieser Hinsicht einen Beitrag zur Präzisierung zentraler Annahmen systemischer Therapie leisten können, werden Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Verfahren über allgemeine Prozessmerkmale beschrieben, etwa über Muster der Koordination und der Allianzbildung. Die Integration dieser Erkenntnisse liegt in der Aufgabe, solche Merkmale zu beschreiben und zu modellieren, anstatt Vorgehensweisen unterschiedlicher Schulen additiv zu kombinieren.
In der systemischen Debatte tauchen dynamische und leibliche Perspektiven verstärkt seit einigen Jahren auf, was auch z.T. auf den Einfluss von Wolfgang Tschachers Forschungen zurückgeht. Dass diese im systemischen Feld weniger breit rezipiert wurden, als es ihrer theoretischen und empirischen Stärke entspricht, spricht leider für eine Entwicklung, in der das Interesse an wissenschaftlicher Komplexität deutlich abgenommen hat. Wenn unter dem systemischen Ansatz nur noch eine „Haltung“ verstanden wird und seine theoretischen und konzeptuellen Grundlagen immer weniger verstanden werden müssen, um sich systemisch nennen zu können, ist das nicht verwunderlich. Dabei markieren die Forschungen von Wolfgang Tschacher offene Arbeitsfelder – etwa die empirische Modellierung von Beziehung und Kontext –, in denen die systemische Community ihre eigenen Annahmen weiterentwickeln kann.
Tschacher ist simultan in der Psychotherapieforschung, der Kognitionswissenschaft, der Philosophie des Geistes und der Systemtheorie präsent, ohne sich auf eine dieser Perspektiven zu begrenzen. Seine Arbeiten sind für unterschiedliche Fachöffentlichkeiten anschlussfähig; diese Offenheit erschwert zwar einfache Zuordnungen, erhöht aber die Geltungskraft seiner Untersuchungen.
Zusammenfassend lässt sich Wolfgang Tschacher also als jemand würdigen, der Psychotherapieforschung und systemische Theorie an einer entscheidenden Stelle zusammenführt: bei der genauen Untersuchung von Prozessen. Seine Arbeiten zeigen, dass therapeutische Veränderung weder vollständig planbar noch vollständig erklärbar ist, sich aber als komplexe, zeitlich strukturierte und verkörperte Dynamik untersuchen lässt. Damit haben sie das Feld enorm bereichert und einen Maßstab gesetzt, an dem sich systemische Theorie auch künftig orientieren kann – und sollte.
Lieber Wolfgang, zum 70. Geburtstag ganz herzliche Glückwünsche und willkommen im Club! Für die kommende Zeit wünsche ich dir alles Gute und bin gespannt, was wir von dir noch an inhaltlichen Anregungen erwarten dürfen.
Lieber Wolfgang
Ich hoffe doch, dass die Würdigung von Tom nicht nur Dir, sondern auch andern 8n unserer community zu Gesichte kommt. Dass Du unter den Praktiker:innen der ST nur punktuell wahrgenommen und kaum sichtbare Spuren hinterlassen hast, ist zum einen Teil der Identität der ST, wie Tom richtigerweise schreibt, zum andern aber wohl auch Ausdruck Deiner Persönlichkeit und Identität als „Erforschender“. Für mich aber warst Du, vielleicht ohne es zu wissen, der Erste, der vor 30 Jahren (verbunden durch Kontakte über die quasi gleichaltrigen Kinder) mein Blickfeld der ST in Richtung Komplexitätsforschung und Synergetik (sensu Herman Haken) erweitert und dann später zusammen mit Günter Schiepek nachhaltig geprägt hast.
Leider blieb es dann bei kürzeren Begegnungen an Deinem Arbeitsplatz in der UPD Bern und unter Systemikern zuletzt nicht ganz untypisch auf dem ST Kongress „Die Kraft des Zweifelns“…
Gerade auch in diesem Sinne, auf dass wir die Komplexität nur soweit reduzieren, wie diese es von uns als Oldies verlangt, ein herzliches happy birthday
Martin