„Morus Markard ist der letzte Professor, der an der Freien Universität (FU) Berlin Lehrveranstaltungen zur Kritischen Psychologie anbietet und auch das nur per Lehrauftrag, der jedes Semester neu vergeben werden muss. Damit sollte nun nach dem Willen der FU Schluss sein. Begründung: Die FU müsse sich auf die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge vorbereiten. Durch eine Protestaktion konnten die Studierenden dafür sorgen, dass Markard den Lehrauftrag noch mal bekam“ So war im Februar 2007 auf der website keimform.de zu lesen. Schaut man auf der Uni-website nach, stellt man fest, dass Markard als außerplanmäßiger Professor im Arbeitsbereich Subjektforschung und Kritische Psychologie noch immer Lehrveranstaltungen anbietet. Auf der therapieschulenübergreifende Tagung„Das Unbehagen in der (Psychotherapie-)Kultur. Sinnverstehende Traditionen – Grundlagen und Perspektiven“, die am 17. und 18. März 2006 in Bonn stattfand, stellte Markard seine„subjektwissenschaftlichen Überlegungen zum Verhältnis von subjektiver Erfahrung und wissenschaftlicher Verallgemeinerung“ vor, die in einer überarbeiteten und erweiterten Fassung im Online-„Journal für Psychologie“ 3/2007 nachzulesen sind. In dieser unbedingt lesenswerten Arbeit geht es um das Verhältnis von Begriffen und Erfahrung, um die Mitteilbarkeit von Erfahrung, über das Verhältnis von Theorie und Praxis und die Folgerungen für das Denken über Therapie, das sich nicht dem nomothetischen Ursache-Wirkungs-Paradigma der Mainstream-Psychologie unterwirft:„Die Gesellschaft ist zwar ein reales System, durch das die Lebenserhaltung des einzelnen vermittelt ist; Gesellschaft als System ist aber für sich genommen kein anschaulicher, kein unmittelbarer Erfahrungstatbestand. Gesellschaftliche Verhältnisse strukturieren, vermittelt über verschiedene auch i.e.S. institutionelle Subsysteme, die Lebenstätigkeiten, Denkweisen und Erfahrungen der Gesellschaftsmitglieder. Diese Strukturiertheit ist selber aber nicht anschaulich, sondern nur, wenn man so will, rekonstruktiv zu ermitteln. Was (jeweils) zu rekonstruieren ist, ist der Vermittlungszusammenhang zwischen unmittelbarer Lebenswelt bzw. unmittelbar gegebener Situation und dem diese umgreifenden und strukturierenden gesellschaftlichen System. In unserem Zusammenhang zentral ist, dass das gesellschaftliche System und seine institutionellen Subsysteme auch die unmittelbaren und in ihrer lebensweltlichen Unmittelbarkeit durchaus auch anschaulich anmutenden sozialen Beziehungen unanschaulich strukturieren. Anschauliche soziale Beziehungen gehen in ihrer Anschaulichkeit nicht auf. Wie wir Männer, Frauen, Kinder wahrnehmen, hat biographische, situative und gesellschaftliche Dimensionen. Die Unanschaulichkeit von gesellschaftlichen Strukturen bedeutet eben keineswegs ihre Unerfahrbarkeit, sondern nur, dass Erfahrungen, sofern sie nicht auf diese Momente hin analysiert werden, unvollständig und schief analysiert werden. Wir müssen allerdings bedenken, dass es bezüglich dessen, was Gesellschaft ist, in welcher Art Gesellschaft wir leben, unterschiedliche, konkurrierende theoretische Rekonstruktionen und Reflexionen gibt. Daraus folgt, dass die Aufschlüsselung von Erfahrungen strittig sein muss. Ob man diese Gesellschaft als soziale Marktwirtschaft, als Risikogesellschaft, als Ambiente postmoderner Flaneure oder als ordinäre kapitalistische Barbarei betrachtet, ist umstritten, aber für die Aufschlüsselung von Erfahrung (bspw. von Arbeitslosigkeit oder Schulschwänzen) wesentlich, je nach Lage der Dinge auch praktisch relevant“
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4. Juli 2008
von Tom Levold
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Zu diesem Thema ist von Psychotherapeuten recht wenig zu hören und zu lesen. Um so lobenswerter, wenn nun ein Heft (mit dem gewohnten interdisziplinären Ansatz) der„Psychotherapie im Dialog“ diesem Schwerpunkt gewidmet ist. Die Herausgeber Bettina Wilms und Wilhelm Rotthaus schreiben:„Geistig behinderte Menschen haben – wie alle anderen auch – die Möglichkeit, psychische Störungen und Krankheiten zu entwickeln, und sie tun dies häufiger als die sog. normal intelligenten Menschen. Vor allem ihre in unserer kognitiv orientierten Welt erschwerten Lebensbedingungen und die immer noch ausgeprägte Diskriminierung, die sie erfahren, führen zu einer drei− bis viermal höheren Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten. Allerdings werden diese psychischen Störungen oft nicht als solche wahrgenommen, weil das auffällige Verhalten der geistigen Behinderung zugeschrieben wird, was man mit dem schönen Begriff des diagnostic overshadowing kennzeichnet“ Diesem Schattendasein der Psychotherapie für geistig Behinderte wollen sie mit diesem Heft entgegentreten. Dabei zeigen sich in den versammelten Aufsätzen einige gemeinsame Grundüberzeugungen:„Psychotherapie für psychisch gestörte oder kranke geistig Behinderte ist ein wichtiges Angebot, von dem sie – wie alle anderen Menschen – wesentlich profitieren. Eine ausschließliche Orientierung an einem Psychotherapieverfahren ist wenig Erfolg versprechend. Vielmehr befürworten die Autorinnen und Autoren eine genaue Prüfung, welches psychotherapeutische Vorgehen bei welchem Patienten unter welchen Kontextbedingungen zum Erreichen welchen Therapieziels indiziert ist.l Die jeweils eingesetzten Methoden müssen – und das gilt wiederum im Prinzip für alle Menschen, die psychotherapeutisch behandelt werden – an die jeweils individuellen Fähigkeiten des Patienten angepasst werden, was bei geistig behinderten Patienten die Berücksichtigung einiger genereller Aspekte erfordert. Unter diesen Voraussetzungen können auch komplexe Behandlungsmodule wie beispielsweise die DBT oder solche aus der interpersonellen Psychotherapie bei geistig behinderten Menschen eingesetzt werden. Schließlich besteht auch Einigkeit darin, dass es einen fließenden Übergang zwischen Heilpädagogik und Psychotherapie gibt und dass wichtige Erkenntnisse für beide gleichermaßen gelten“


