systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

7. April 2012
von Tom Levold
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Nerven bewahren

Dem systemagazin-Publikum ist Andreas Manteufel kein Unbekannter. Neben vielen Rezensionen (mit Vorliebe aus den Bereichen Neuropsychologie und Neurophysiologie) gibt es von ihm immer ebenso ausführliche wie informative Tagungsberichte über wissenschaftliche Veranstaltungen, z.B. über den Kongress „Neurobiologie der Psychotherapie“, den u.a. Günter Schiepek 2011 in Salzburg veranstaltete. Nicht viele kennen sich so gut mit dem diesbezüglichen Stand der Forschung aus wie er. In erster Linie ist er aber als Praktiker tätig, nämlich als Psychologe in der Abteilung für Allgemeinpsychiatrie an der Klinik Bonn des Landschaftsverbandes Rheinland, und das seit nunmehr 20 Jahren. In dieser Zeit hat er ein„Sudelbuch“ angelegt, um Notizen, Reflexionen, Begebenheiten aus dem Alltag festzuhalten, die sonst schnell verloren gegangen wären. Im Verlag Paranus ist in diesem Frühjahr eine Auswahl von Einträgen aus seinen Sudelbüchern erschienen, die die ganz persönliche Handschrift seiner Arbeit in der Psychiatrie erkennen lassen. Und da Andreas Manteufel auch noch einen Magister in Angewandter Sprachwissenschaft erworben hat, ist das Ganze ungemein gut lesbar und pointiert geschrieben. Die Texte sind kurz und prägnant, man liest sich fest und das Buch schnell durch – und wünscht sich mehr. Vielleicht als Blog? Aber den kann man nicht ins Café oder an den Strand mitnehmen (wo immer man gerne Texte auf sich wirken lassen möchte) – oder verschenken. Zu beidem rate ich. Wer sich ein Bild machen möchte, kann hier
einen„Vorabdruck“ lesen…

6. April 2012
von Tom Levold
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Atmosphärische Intelligenz

In Teams und Organisationen spielt sich vieles ab, das man als„Atmosphäre“ wahrnimmt. Dicke Luft, tolles Klima, Eiseskälte: das sind keine leicht überprüfbaren oder begrifflich bestimmbaren Konzepte, aber dennoch weiß man intuitiv, was damit gemeint ist. Das Atmosphärische in einem System beeinflusst Produktivität, Kundenzufriedenheit und Arbeitsmotivation. Raimund Schöll, Soziologe, Organisationsberater und Mitbetreiber der website atmosphaeriker.de, hat in einem Text für managerseminare sein Konzept„atmosphärischer Intelligenz“ vorgestellt und beschreibt hier sechs„typische Atmosphären in der Arbeitswelt“, nämlich die aufgekratzt-hektische, die kämpferisch-hitzige, die niedergeschlagen-ohnmächtige, die freundlich-gelassene, die kühl-distanzierte und die abwertend-dämonisierende Atmosphäre.„Die Erfahrung zeigt: Ist eine atmosphärische Perspektive erst einmal akzeptiert, fangen viele an, die Zusammenarbeit neu zu gestalten. Die Mitarbeiter empfinden ihre Firma nicht mehr nur als Arbeits-, sondern auch als Lebensraum. Konflikte können über bewusst hergestellte Atmosphären entschärft bzw. konstruktiv ausgetragen werden. Und Führung wird durch atmosphärische Kompetenz nicht mehr nur als soziotechnische Angelegenheit angesehen, sondern sie fordert den Chef als ganzen Menschen“
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5. April 2012
von Tom Levold
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Setting the House on Fire: The Melbourne Interview With Salvador Minuchin

Auf einem großen Familientherapie-Kongress in Melbourne 2001 führte Brian Stagoll ein Interview mit Salvador Minuchin, das über Satellit in den Kongress-Saal live übertragen wurde. Es ist ein wunderbares Interview geworden, in dem Minuchin über die Anfänge der Familientherapie und über deren Pioniere Nathan Ackerman, Gregory Bateson, Murray Bowen, Carl Whitaker und natürlich über sich selbst ins Erzählen kommt. Das Interview ist 2002 im Australian and New Zealand Journal of Family Therapy erschienen und
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4. April 2012
von Tom Levold
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Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Überlegungen zum Prinzip des wertschätzenden Dialogisierens in der Arbeit mit der inneren Organisation

Lothar Eder gehört zu den interessanten Autoren im systemischen Feld, gerade weil er sowohl den systemischen Diskurs überblickt als auch immer wieder über den Tellerrand des Systemischen hinausschaut. 2004 hat er über seine Modifizierung der Arbeit mit der„Inneren Familie“ in der Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung geschrieben, bei der die„innere Familie“ durch die„Inneren Organisation“ ersetzt wird:„Von innerer Organisation statt von innerer Familie zu sprechen, ergibt sich aus den Unterschieden von Familien zu anderen sozialen Verbänden. Die Mitgliedschaft in einer Familie ist – soweit dies die Verwandtschaftsbeziehungen betrifft – irreversibel, wie auch immer sie gestaltet wird. Ein Beispiel: Ein Vater kann seinen Sohn verstoßen, er kann sagen ‚ich habe keinen Sohn mehr‘, der Sohn aber bleibt für dieses Leben sein Sohn. Die Mitgliedschaft in einer Organisation hingegen ist herstellbar und kündbar. Man kann in eine Organisation eintreten, man kann aus ihr ausscheiden. In der Arbeit mit inneren Konferenzen zeigt sich hier eine Art Mischverhältnis. Der oder die ‚Vorsitzende‘ der Konferenz (dies ist derjenige, auf den der Pass ausgestellt ist) und die Stimme der Körperlichkeit (dies wird weiter unten ausgeführt) sind vorausgesetzte und damit nicht kündbare Mitglieder. Andere Mitglieder jedoch können sich als vorübergehende erweisen und sich in der Folge eines Beratungsprozesses verabschieden oder nur noch teilzeitmäßig oder in anderer Funktion genutzt werden (z.B. die Stimme, die ständig mit dem eigenen Schicksal hadert). Bei genauerer Betrachtung sprechen somit Argumente für den Begriff der inneren Organisation“
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3. April 2012
von Tom Levold
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Konfliktdynamik 2/2012

Soeben ist das zweite Heft der neuen Zeitschrift„Konfliktdynamik“ herausgekommen, dass sich um das Thema„Umgang mit Konflikten in Teams und damit auch um Aspekte der Gruppendynamik“ dreht, wie Herausgeber Markus Troja in seinem Editorial schreibt. U.a. können wir Beiträge von Eberhard Stahl, Bernd Schmid, Rudi Ballreich und Kirsten Schroeter lesen.
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1. April 2012
von Tom Levold
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Unternehmerfamilien als Gesellschafter

In einem interessanten Beitrag, der 2011 in dem von der EQUA-Stiftung herausgegebenen Reader Gesellschafterkompetenz.
Die Verantwortung der Eigentümer von Familienunternehmen“ erschienen ist, setzt sich Rudolf Wimmer mit der Situation von Mitgliedern von Familien als Gesellschafter ihrer Familienunternehmen auseinander. Diese ist in gewisserweise paradox, weil unser Recht einerseits nur Individualbesitz kennt, die Familie aber keine juristische Person darstellt, andererseits aber Gesellschafter im Familienunternehmen nur Aussichten auf Erfolg haben, wenn sie ihre Rechte als Eigentümer in den langfristigen Dienst nicht nur des Unternehmens, sondern auch der Eigentümerfamilie stellen:„Letztlich sind Familienunternehmen so gebaut, dass die konsequente Verfolgung von Einzelinteressen der Gesellschafter ohne Rücksicht auf den Familienzusammenhang am Ende des Tages immer zu einer massiven Selbstschädigung aller Beteiligten führt. Konflikte im Gesellschafterkreis haben es meist an sich, eine ungebremste Eskalationsdynamik zu entwickeln, in der diese Selbstschädigungsprozesse (oftmals sehenden Auges) in Kauf genommen werden“ Unternehmen und Familie stehen also in einem wechselseitigen Verantwortungszusammenhang, der die Vitalisierung beider Systeme im Blick behalten muss.
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31. März 2012
von Tom Levold
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Paul Watzlawick (25.7.1921-31.3.2007)

Heute vor fünf Jahren ist der große Pionier systemisch-konstruktivischer Therapie, Paul Watzlawick, gestorben. Das Video zeigt einen schönen Vortrag von ihm, der einmal vom SWR aufgezeichnet worden ist. Zudem ist heute früh im WDR 5 ein„Zeitzeichen“ zu hören (und anschließend auch als Podcast im Internet herunterzuladen), das Paul Watzlawick und seiner Wirkung bis heute gewidmet ist.

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28. März 2012
von Tom Levold
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Die Wirklichkeit der Universität

Im vergangenen Jahr ist Rudolf Stichweh 60 Jahre alt geworden. Er hat bei Niklas Luhmann in Bielefeld studiert und ist gehört zu den wichtigsten Vertretern der Systemtheorie in der Gegenwart. Bekannt geworden ist er unter anderem durch seine Studien zur Entwicklung der Professionen und der Unversitäten. Er ist gegenwärtig Professor für Soziologische Theorie und Allgemeine Soziologie an der Universität Luzern und Mitherausgeber der Zeitschrift„Soziale Systeme“, die ihm zum 60. Geburtstag ein Themenheft über„Die Wirklichkeit der Universität“ gewidmet hat. Das Heft 2/2010 (die Jahrgänge hängen immer etwas hinter dem Kalender hinterher) bietet in 19 durchweg spannenden Beiträgen systemtheoretische Reflexionen der Universität als Ort von Wissenschaft, Forschen, Lehren und Lernen, Rezipieren und Publizieren, Denken und Verwalten, Leben und Arbeiten. Eine schöne Lektüre für die Osterferien!
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26. März 2012
von Tom Levold
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Mitleid für die FDP

Die FDP hat im Saarland 1.826 Mitglieder. Bei der Landtagswahl am Sonntag hat sie 5.871 Stimmen erhalten. Das heißt, dass auf jedes Mitglied der FDP 3,22 Wählerstimmen gekommen sind. Wenn wir einmal annehmen, dass jedes Mitglied bei der Wahl für die eigene Partei gestimmt hat (wobei natürlich auch das eine nicht zu bestätigende Hypothese ist), bleiben etwa zwei Personen pro Mitglied übrig, die zusätzlich die FDP gewählt haben. Gehen wir weiter davon aus, dass die meisten Mitglieder einer klassischen Mittelstandspartei wie der FDP auch im Saarland keine völlig isolierte Singles sind, sondern in Beziehungen leben oder Familien haben und zudem beruflich und sozial eher gut vernetzt sind. In diesen Zusammenhängen dürfte besonders intensiv darüber nachgedacht werden, ob man nicht zugunsten des Verwandten, der Freundin oder des Geschäftspartners das Kreuzchen bei der FDP machen sollte. Es spielen dabei vielleicht auch neben Überzeugungen auch Gesichtspunkte wie innerfamiliäre Bindungen, Loyalitäten oder einfach Mitleid eine Rolle.
Selbst wenn nur noch das Mitleid bleibt, hielt es sich bei der Landtagswahl im Saarland offensichtlich in Grenzen. Jedenfalls hat es nicht zum Wiedereinzug in den Landtag gereicht. Bei der Bundestagswahl sind ca. 62.200.000 Menschen wahlberechtigt. Wenn davon 60 % zur Wahl gehen, bleiben noch 37.320.000 Menschen übrig. Davon müssen 1.866.000, also 5 %, eine Partei wählen, damit sie in den Bundestag kommt. Die FDP hat im Bund 63.123 Mitglieder. Pro Mitglied bräuchte sie 29,56 Stimmen, um wieder ins Parlament gewählt zu werden. Wenn die FDP also ihre klassische Wählerbasis nicht mehr überzeugen kann, wofür so manches spricht, müsste jedes Mitglied etwa 30 Personen dazu bewegen, aus Mitleid mit ihm FDP zu wählen. Da die Mitglieder wahrscheinlich aus Selbstmitleid (und manche auch immer noch aus Überzeugung) ihre eigene Partei wählen, bleiben noch 28,56 Wähler pro Mitglied übrig, die Mitleid haben müssten.
Der Mitleidsfaktor Bund müsste also den Mitleidsfaktor an der Saar um mehr als das zehnfache übertreffen, nämlich um das 12,86fache, damit die Partei wieder in den Bundestag einziehen könnte. Womöglich sind ja die Saarländer 13mal so hartherzig wie der bundesrepublikanische Durchschnitt. Oder aber die Saarländer FDP-Mitglieder haben überproportional wenig mitleidige Verwandte und Freunde. Wie auch immer: die FDP braucht im Bund dringend 1.800.000 mal Mitleid. Aus dieser Perspektive betrachtet, werden dann die aktuellen Auftritte von FDP-Politikern sofort viel verständlicher.

25. März 2012
von Tom Levold
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Unruhige Kinder – Eine Übung in epistemischer Konfusion

1991 hat Kurt Ludewig in der„Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie“ eine„Übung in epistemischer Konfusion“ hinsichtlich des Problems„unruhiger Kinder“ vorgenommen, die mittlerweile auch online zu lesen ist:„Vor dem Hintergrund des systemischen Denkens (sprich: konstruktivistischer Systemtheorie) werden in groben Zügen die Annahmen untersucht, die das Phänomen der kindlichen Unruhe („Hyperaktivitätssyndrom“) als eingeständige nosologische Einheit begründen und den bisherigen Behandlungsansätzen zugrundeliegen. Im Einklang mit zeitgenössischen Auffassungen wird dieses soziale Phänomen als ein interaktionelles betrachtet. Ausgehend dann von zwei Beispielen aus der Praxis des Verfassers werden Bestandteile für ein Verständnis der kindlichen Unruhe zusammengetragen, die, unter Vermeidung von extremen Sichtweisen, die das Phänomen allein „medizinisieren“ oder sozio-normativ werten, die Möglichkeiten systemischer Betrachtung nutzen, um den Therapeuten zu helfen, eine nachvollziehende und respektvolle Haltung zu ihren kleinen Klienten und deren Angehörigen einzunehmen“
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24. März 2012
von Tom Levold
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Die soziale Konstruktion von Halluzinationen

Tanya Luhrmann (Foto: www.stanford.edu) ist Professorin für Cultural and Social Anthropology an der Stanford University. In einem interessanten Aufsatz mit dem Titel„Hallucinations and Sensory Overrides“, der 2011 in der Annu. Rev. Anthropol. erschienen ist, beschäftigt sie sich mit den sozialen und kulturellen Hintergründen von Halluzinationen. Im abstract heißt es:„Hallucinations are a vivid illustration of the way culture affects our most fundamental mental experience and the way that mind is shaped both by cultural invitation and by biological constraint. The anthropological evidence suggests that there are three patterns of hallucinations: experiences in which hallucinations are rare, brief, and not distressing; hallucinations that are frequent, extended, and distressing; and hallucinations that are frequent but not distressing. The ethnographic evidence also suggests that hallucinations are shaped by learning in at least two ways. People acquire specific representations about mind from their local social world, and people (particularly in spiritual pursuits) are encouraged to train their minds (or focus their attention) in specific ways. These two kinds of learning can affect even perception, this most basic domain of mental experience. This learning-centered approach may eventually have something to teach us about the pathways and trajectories of psychotic illness“
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