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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Familiendynamik 2022

Heft 1

Schlippe, Arist von & Christina Hunger-Schoppe (2022): Editorial: Erben – eine Belastungsprobe für die Familie. In: Familiendynamik, 47 (1), S. 1-1. 

Abstract: Das Thema »Erben« berührt in vielschichtiger Weise familiäre Verhältnisse. Oftmals geht es um die Auseinandersetzung mit dem Verlust eines geliebten Menschen, für dessen Verarbeitung die Seele Zeit braucht. Ist die Familie gut aufgestellt, erlebt sie sich auch an diesem Schwellenübergang in ein neues soziales System gut verbunden und passend flexibel, um mit den neuen Herausforderungen umzugehen. Nicht selten wirken Erbvorgänge jedoch auch wie ein »Brennglas«, das v. a. konflikthafte Beziehungen sichtbar macht. Erbvorgänge können daher als beziehungsorientierter Stresstest verstanden werden, der alle Ebenen soziopsychobiologischer Prozesse betrifft. An den Folgen unglücklich verlaufender Erbauseinandersetzungen haben Familien oft lange zu tragen. Umso erstaunlicher ist es, dass das Thema »Erben« in der therapeutischen Landschaft kaum vorkommt, auch von Seiten der systemischen Therapie lassen sich nur wenige Ansätze finden. Diesem »blinden Fleck« möchten wir mit unserem Schwerpunktheft zum Thema Erben begegnen.

Schlippe, Arist von (2022): Das Testament schafft Fakten. Erben, Vererbung und Gerechtigkeit. In: Familiendynamik, 47 (1), S. 4-11. 

Abstract: Wenige Themen können eine Familie so belasten wie ein Erbvorgang. Hier können sich alte Konflikte und ungelöste Familienthemen zuspitzen – mit möglicherweise dauerhaften Schäden für die Familienbeziehungen. Mit dem Thema eng verbunden sind die jeweiligen Vorstellungen von Gerechtigkeit und die sehr unterschiedlichen Logiken, wie diese verstanden werden kann. Die Verrechnungsweisen der Pflichten und Verdienste eines Familienmitglieds unterscheiden sich nach Sicht des Betroffenen und seiner Geschwister nicht selten deutlich voneinander. Manchmal kommen noch »psychologische Kontrakte«, also implizite, angedeutete Versprechungen hinzu, die von Seiten des Empfängers oft ganz anders interpretiert wurden als vom Geber gemeint. Wenn diese Diskrepanz erst durch das Testament enttäuschend »an den Tag« gebracht wird, sind heftige emotionale Turbulenzen zu erwarten.

Wempe, Christiane (2022): Redet ihr noch oder habt ihr schon geerbt? Familienpsychologische Über­legungen zum Thema Erbe. In: Familiendynamik, 47 (1), S. 12-21. 

Abstract: Das bisher vernachlässigte Thema Erben und Vererben – als ein Beispiel von Geldflüssen in Familien allgemein – bietet aus familienpsychologischer Sicht einen vielversprechenden Ansatz, Einblick in typische Familienmuster zu gewinnen. Materielle Verteilungsmuster haben einen hohen symbolischen Wert und spiegeln die Qualität der einzelnen Familienbeziehungen auf prägnante Weise wider. Für die Eltern ist das Vererben der letzte Akt der Ressourcenvergabe, mit dem sie über ihren Tod hinaus Sorge für ihre Kinder tragen. Die Motive, die Eltern beim Vererben leiten, sind vielschichtig und nicht immer mit der Norm im Einklang, alle Kinder gleich zu behandeln. Unterschiedliche Zuwendungen für einzelne Kinder kommen in der Familie oft ganz anders an, als sie von den Eltern gemeint sind. Erbschaften, die die Erwartung der Gleichbehandlung verletzen, lösen daher heftige emotionale Reaktionen bei den Kindern aus. Daraus resultierende Unstimmigkeiten können bis zum Auflösen von Familienverbänden führen. Für die Kinder ist das Erben häufig ein Kristallisationspunkt geschwisterlicher Rivalität, die von Anfang an durch elterliche Ungleichbehandlung geschürt wird und nun am Ende eine neue Dynamik entfaltet.

Heintel, Peter (2022): Erben und Vererben. In: Familiendynamik, 47 (1), S. 22-31. 

Abstract: »Hast du schon dein Testament gemacht?« Nicht jeder kann diese Frage mit einer freundlichen Erinnerung verbinden; auch ihre oft sachliche Berechtigung kann nicht so ohne Weiteres in nüchterner Rationalität aufgenommen werden. Zuviel wird mit ihr angestoßen und leicht wird als Mahnung verstanden, was der Ordnung halber gesagt werden will. Unbehelligt und daher vergleichsweise glücklicher erscheint daher oft der, von dem man annimmt, dass er ohnehin nichts zu vererben hat. Ganz offensichtlich berührt die Frage mehr als ein Blatt Papier – eine »Letztverfügung« (schon das Wort muss zu denken geben) – und eine Güteraufteilung. Sie bringt vieles zum Mitschwingen und nicht nur Angenehmes. Die Wissenschaft würde auf ihre Art diese Tatsache als »emotionelle Überdeterminiertheit« bezeichnen; mit Erbe und Vererben wird ein ganzer Gefühlskosmos angesprochen, weit mehr als die bloße Sache z. B. juristisch gefasst meint.

Kitta, Philipp, Christina Josupeit, Jan Josupeit & Denis Köhler (2022): »ich schaff’s«. Pilot-Evaluation eines systemisch-integrativen Beratungsprogramms in der Schulsozialarbeit. In: Familiendynamik, 47 (1), S. 32-43. 

Abstract: Der Artikel fasst die Ergebnisse einer dreimonatigen Evaluation des »ich schaff’s«-Programms zusammen, die im Beratungskontext der Schulsozialarbeit einer Hauptschule durchgeführt wurde. Ziel war es, die Wirkung des Programms auf die personen- und umgebungsbezogenen Ressourcen der Schüler:innen im Unterschied zu einer Vergleichsgruppe zu messen. Die Intervention richtete sich an Schüler:innen, die einer Vielzahl von Risikofaktoren ausgesetzt waren und Belastungsreaktionen im schulischen Alltag zeigten. Die Evaluationsergebnisse legen nahe, dass jene Schüler:innen, die nach dem flexiblen 15-schrittigen »ich schaff’s«-Programm beraten wurden, im Gegensatz zur Vergleichsgruppe signifikante Veränderungen im Empathie-, Selbstwirksamkeits- und Selbstwertempfinden erreichen konnten. Hinzu kamen positive Veränderungen im Erleben der schulischen Integration. Die Einführung des Programms in die schulsozialarbeiterische Praxis scheint demnach empfehlenswert. Gleichzeitig sind weitere Evaluationen notwendig, um die Stabilität der Ergebnisse zu überprüfen. Letztlich ermutigen die hier vorgestellten Ergebnisse zu einer evaluationsbegleiteten Praxis, um die feldübergreifende wissenschaftliche Anerkennung systemischer Verfahren weiter zu fördern.

Jansen, Till (2022): Das Lachen des Konstruktivismus. In: Familiendynamik, 47 (1), S. 44-50. 

Abstract: Der Konstruktivismus ist eine paradoxe Angelegenheit. Auf der einen Seite behauptet er, dass die Welt nur eine Konstruktion sei. Auf der anderen Seite belegt er diese Argumentation mit Aussagen über die Welt – etwa über Hirn- oder Kommunikationsstrukturen. Er nimmt an, dass jede Aussage von einem Beobachter getätigt wird – geht aber davon aus, dass diese Annahme auch dann stimmt, wenn gerade kein Beobachter da ist, der sie tätigt. Als erkenntnistheoretische Position findet der Konstruktivismus seine Einheit im Widerspruch. Ernsthaft kann man ihn so kaum vertreten – lachend jedoch schon.

Rohr, Dirk, Kristin Spath & Ellen Aschermann (2022): Genogramme in Beratung und Therapie. Teil 1: Übersicht über die aktuelle Forschung. In: Familiendynamik, 47 (1), S. 52-61. 

Abstract: Genogramme sind ein fester Bestandteil in Therapie und Beratung. Der vorliegende Artikel gibt auf Basis einer systematischen Literaturrecherche (Cooper, 2017) einen umfassenden Überblick über die Forschungsliteratur zu Genogrammen. Es werden die Erweiterungen des Standardgenogramms für bestimmte Zielgruppen und Beratungssettings dargestellt und Forschungsergebnisse zum Nutzen von Genogrammen in Ausbildung und Supervision analysiert. Die Notwendigkeit der psychometrischen Überprüfung von Genogrammen wird diskutiert. Die vorgestellte Methode der systematischen Literaturrecherche möchte Forscher*innen dazu einladen, ihre zukünftigen Beratungs- und Therapieforschungen mit diesem Vorgehen zu ›untermauern‹. Der Artikel möchte darüber hinaus Berater*innen und Therapeut*innen inspirieren, verschiedene Erweiterungen der Genogrammarbeit abhängig von Zielgruppe und Setting in der Praxis zu erproben.

Lüscher, Kurt (2022): »Die Emotionen können hohe Wellen schlagen wegen eines schwarzen Rollkragenpullovers oder einer Villa«. Ein transdisziplinäres Gespräch zwischen der Notarin Natalia Schmuki und dem Soziologen Kurt Lüscher zum Thema Vererben und Erben. In: Familiendynamik, 47 (1), S. 62-65. 

Abstract: Wer die Familiendynamik zur Hand nimmt, erwartet vorab Berichte darüber, wie private psychische und soziale Beziehungen erlebt und gestaltet werden. Das Thema Vererben und Erben erinnert daran, dass diese Beziehungen biologisch geprägt, doch gleichzeitig kulturell, ökonomisch und rechtlich eingebettet sind. Dementsprechend gewinnen nicht nur Familientherapeutinnen und -therapeuten, sondern auch andere Fachleute Einsichten darüber, wie heutzutage »Familie« gelebt wird. Davon handelt das folgende Gespräch.

Riedel-Wendt, Fanja (2022): Der besondere Fall: »In den Fußstapfen meines Vaters«. Individuation unter besonderen Umständen. In: Familiendynamik, 47 (1), S. 66-69. 

Abstract: Herr U. war einer meiner ersten ambulanten Patienten. Allein das macht die Begegnung mit ihm für mich zu einem »besonderen Fall«. Damals absolvierte ich die 600 ambulanten Stunden meiner verhaltenstherapeutischen Ausbildung in der Ambulanz meines Ausbildungsinstituts. Heute nehme ich selbst Prüfungen ab, und so habe ich im vergangenen Jahr beim Lesen der Examensfälle meinen eigenen Fall immer wieder hervorgeholt. Gerne würde ich wissen, wie es Herrn U., der zum Zeitpunkt der Aufnahme 21 Jahre alt war, heute geht. Ich wüsste zu gern, welches Leben er führt und ob er seinen eigenen Weg neben allen familiären Verpflichtungen gefunden hat.

Fischer, Hans Rudi (2021): Mut haben, die eigenen Überzeugungen infrage zu stellen. Annäherung an ein geglücktes Leben – zum Tode von Helm Stierlin. In: Familiendynamik, S. 70-78. 

König, Oliver (2022): Rezension – Jens Elberfeld (2020): Anleitung zur Selbstregulation. Eine Wissensgeschichte der Therapeutisierung im 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M. (Campus). In: Familiendynamik, 47 (1), S. 80-83. 

Molter, Haja (2022): Rezension – Rudi Ballreich (Hrsg.)(2020): Systemische Perspektiven. Die Pioniere der systemischen Beratung im Gespräch. Stuttgart (Concadora). In: Familiendynamik, 47 (1), S. 83-84. 

Schmidt, Stefan (2022): Rezension – Matthias Ochs, Maria Borcsa & Jochen Schweitzer (2020): Systemic Research in Individual, Couple and Family Therapy and Counseling. Basel (Springer International). In: Familiendynamik, 47 (1), S. 84-86. 

Lüscher, Kurt (2022): Diagramme: Thesen zeichnen. In: Familiendynamik, 47 (1), S. 87-87. 

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