
Unter diesem Titel hat Uli Reiter, freischaffender Künstler und Systemtheoretiker, in der Reihe „Systemische Forschung“ im Carl-Auer-Verlag ein Buch veröffentlicht, das den Verlagsinformationen zufolge Esoterik „nicht als Irrtum, Trugbild oder Glaubensform [behandelt], sondern als eigenes soziales Phänomen, das sich entlang gesellschaftlicher Lücken, Paradoxien und Anschlussprobleme ausdifferenziert“. Peter Bormann aus Mannheim, Autor einer „Einführung in die systemtheoretische Kommunikationstheorie“, hat das Buch für systemagazin gelesen.
Peter Bormann, Mannheim:
Selbst wer – wie ich – kein Fan von Okkultismus oder Esoterik ist, könnte sich die Frage stellen, warum Esoterik in der modernen Gesellschaft (also: seit ca. 1750-1830) nicht einfach nur im Geheimen existiert, sondern heute in Gestalt von Astrologie, Mind Healing, spirituellen Reisen, esoterischen Apps und Coachings, etc. ein erhebliches Wirtschaftspotenzial aufweist. Das verblüfft eigentlich um so mehr, weil man meinen könnte, dass nach der aufklärerischen Religions-, Ideologie- und Latenzkritik sowie der zunehmenden Verwissenschaftlichung und Technisierung aller Lebensbereiche Esoterik eigentlich als irrationales Randphänomen ihr gesellschaftliches Dasein fristen müsste.
Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Warum ist das so? Uli Reiter liefert in dieser kommunikationstheoretischen Studie auf der Grundlage der Luhmannschen Systemtheorie eine faszinierende und überraschende Antwort auf diese (täuschend) einfache Frage.
Die Hauptthese ist – wenn ich das so formulieren darf -, dass wir es hier mit einem Programmangebot der esoterischen Selbstoptimierung für die modernen Individuen zu tun haben.
Der Hintergrund ist dabei, dass die moderne Gesellschaft sich nicht nur von der alten Ständegesellschaft der Vormoderne verabschiedet und auf funktionale Ausdifferenzierung eigener Rationalitätssphären (Wirtschaft, Politik, etc.) umgestellt, sondern auch für einen massiven Individualisierungsschub gesorgt hat. Man kann diesen Schub dabei sowohl positiv (viele soziale Aufstiegsmöglichkeiten, größere Freiheitsgrade im Meinen und Verhalten, etc.) als auch negativ (eine gewisse Haltlosigkeit, das Auflösen aller vermeintlichen Fundamente, etc.) interpretieren.
Interessanterweise geht damit auch ein gewisser Hang zur Selbstoptimierung einher, der heutzutage durch exzessives Tracking, Auswerten und Vergleichen von Daten auf die Spitze getrieben werden kann. Esoterik übernimmt dann diese Selbstoptimierungssicht für die Sphäre des Übersinnlichen – und zwar gerade in den Bereichen des wissenschaftlich Unmöglichen bzw. religiös Unglaubbaren. Man könnte fast sagen, Esoterik sei ein „modernes Fitness(verbesserungs)-Programm für das Paranormale“.
Wer sich etwas systemtheoretisch auskennt, weiß, dass es einen Katalog von Prüfkriterien für Funktionssysteme gibt. Diese Liste beinhaltet die Frage nach der Funktion solcher Sozialsysteme für die Gesellschaft, die kommunikativen Codes und Programme, die Medien, um die Annahme von Kommunikationsangeboten wahrscheinlicher werden zu lassen, etc.
Das betrifft zunächst primäre Funktionssysteme wie Wirtschaft, Wissenschaft, Medien oder Politik. Aber seit einiger Zeit untersucht die Systemtheorie auch sekundäre Funktionssysteme wie die soziale Arbeit. Letzteres tut auch Uli Reiter, der in dieser Studie – durchaus überzeugend – zu plausibilisieren versucht, dass es sich bei der Esoterik um ein weiteres sekundäres Funktionssystem der modernen Gesellschaft handelt.
Die Besonderheit sekundärer Funktionssysteme liegt darin, dass sie an den Ausschlüssen der primären Funktionssysteme ansetzen. Das heißt in diesem Fall, dass alles, was Wissenschaft als unmöglich (weil nicht reproduzier- und falsifizierbar), Religion als nicht glaubbar (weil Aberglaube, etc.) oder die Medizin als unheilbar ausgrenzen, potenzielles Futter für die esoterische Kommunikationsmaschine des Paranormalen ist.
Es ist nun faszinierend, zu beobachten, welche kommunikativen Sprünge die Esoterik machen muss, um sich sowohl wissenschaftlich, religiös und medizinisch inspirieren zu lassen als auch gegen externe Kritik zu immunisieren. Es kann dann nicht überraschen, dass es in der Moderne immer wieder zu Verbindungen zwischen Esoterik, politisch autoritären Regimen oder Verschwörungsnarrativen kommt, worauf Uli Reiter mahnend hinweist. Denn die Errichtung von Kontingenzschutzwehren (Absolutheitsheits- und Gewissheitsansprüche, Basta-Kommunikationen, Drohung von Exklusionen, etc.) ist für diese drei Phänomene zentral.
Der Text ist für alle Fans der Bielefelder Systemtheorie spannend, weil er sorgfältig die Operationsweise von Esoterik als sekundärem Funktionssystem rekonstruiert.
Darüber hinaus ist das Buch für Studierende und Absolventen der kommunikations-, kultur-, medien- und sozialwissenschaftlichen Fächer bzw. für alle unkonventionellen Beobachter unserer Gesellschaft interessant. Denn es zeigt, dass selbst dem Irrationalen unserer Gesellschaft eine im kommunikationstheoretischen Sinne rekonstruierbare Soziallogik zugrunde liegt.

Uli Reiter (2026): Esoterik – Unmögliche Kontingenz. Zur Funktionslogik des Paranormalen. Heidelberg (Carl-Auer).
ISBN: 978-3-8497-9100-1
Kart., 239 S.
Preis: 25,95 € (23,99 epub)
Verlagsinformationen:
Esoterik ist überall – in Coaching, Popkultur, Selbstoptimierung, Heilversprechen und digitalen Gemeinschaften. Doch was genau passiert, wenn Kommunikation beginnt, »das Unmögliche möglich zu machen«? Dieses Buch betrachtet Esoterik radikal anders: nicht als Irrtum, Trugbild oder Glaubensform, sondern als eigenes soziales Phänomen, das sich entlang gesellschaftlicher Lücken, Paradoxien und Anschlussprobleme ausdifferenziert. Auf Basis der Luhmann’schen Systemtheorie entwirft der Autor die These einer Esoterik als sekundärem Funktionssystem: einer Form von Kommunikation, die Wissen und Glauben entgrenzt, das Außeralltägliche technisch verfügbar macht und mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit auf Ungelöstes, Ausgeschlossenes und Unentscheidbares reagiert. Anhand zahlreicher Beispiele – von Channeling bis WitchTok, von Human Design bis Quantenmagie – zeigt das Buch, wie Esoterik funktioniert, welche Operationen sie benutzt, welche Versprechen sie gibt und welche gesellschaftliche Funktion sie erfüllt. Ein theoretisch präziser und zugleich zugänglicher Blick auf ein Phänomen, das oft belächelt wird – und gerade deshalb unterschätzt ist.
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Über den Autor:
Uli Reiter, geboren 1954, ist freischaffender Künstler und wissenschaftlicher Autor. Er lebt und arbeitet in Gstadt am Chiemsee und war dort mit seiner Firma UNDO über 20 Jahre als selbständiger Webdesigner tätig. Seit 2008 forscht Uli Reiter als unabhängiger Systemtheoretiker an soziologischen Fragestellungen. Seine wichtigsten Veröffentlichungen sind: Lärmende Geschenke – die drohenden Versprechen der Korruption (Velbrück); Funktion und Form des Krankhaften: Pathologie als Modalmedium (Psychosozial-Verlag); Illegalität: Phänomen und Funktion (Springer VS); Hagazussa (Kadmos – mit Lyrik von Prof. Peter Fuchs); Träumende Systeme (Velbrück).