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Dick ist nicht immer dick!

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Das heutige Adventskalendertürchen machen Haja Molter und Karin Nöcker aus Köln auf, beide LehrtherapeutInnen am Weinheimer Institut für Familientherapie:

„Die Sprache ist das
Haus des Seins“
(Martin Heidegger)(1)

In der Arbeit mit Menschen im Kontext interkultureller Begegnungen ist es wichtig, eine Sensibilität dafür zu entwickeln, wie kulturelle Unterschiede die Bedeutungsgebung der gesprochenen Sprache entscheidend mitbestimmen. Begriffe wie Autonomie und Individuation z.B. – hohe westliche Werte – haben in anderen Kulturen  eine völlig andere Bedeutung, sie sind nicht mit einem so hohen Wert belegt wie in der westlichen Kultur.
Wenn Berater einem Konzept folgen, wo Beratung bedeutet, dass Klienten die Bereitschaft zeigen müssen, über ihre Probleme zu reden und diese sich ihrer Wahrnehmung nach verweigern, dann wird schnell von Widerstand, Unfähigkeit, Boykott, Mangel an Problembewusstsein, Veränderungsmotivation und Verantwortungsübernahme gesprochen. Dabei übersehen sie, dass der kulturelle Hintergrund der Klienten ein kultursensibles Beratungskonzept verlangt.
In einer Supervision stellte eine Teilnehmerin den Fall einer in Deutschland lebenden jungen indischen Familie vor. Ihre Herausforderung bestand darin, in der Erziehungsberatung mit den Eltern eine Ebene der Kooperation zu finden. Sie beschrieb das fast resigniert mit den Worten: „Ich bekomme keine Eintrittskarte in das Familiensystem.“ Bisher hatte sie vorsichtig versucht, die Eltern auf das „Dick sein“ ihres vierjährigen Jungen, des jüngsten von drei Kindern, anzusprechen. Die Eltern konnten das Verhalten ihres Jungen nicht als problematisch ansehen und verstanden  nicht so recht, was an ihrem glücklichen Jungen problematisch sein sollte.
Die Eltern hatten auf Empfehlung der Erzieherinnen des Kindergartens die Beratungsstelle aufgesucht. Die Erzieherinnen fanden, dass der Junge zu dick sei, sie formulierten schon in Richtung der möglichen Diagnose: Adipositas. Die Eltern sagten in der Beratung: „Das wächst sich aus, wenn er erst mal in die Schule kommt, bei unseren anderen Kindern war das auch so und jetzt ist doch alles gut …“ Alle Versuche, mit Hausaufgaben und Empfehlungen Einfluss auf ihr Erziehungsverhalten zu nehmen, waren bisher gescheitert. Die Beraterin wertete das als Nichtkooperation.
In der Reflexion des Falles hatte die Supervisandin Gelegenheit, sich mit einer Teilnehmerin der Supervisionsgruppe austauschen. Diese Frau war drei Jahre mit einem Inder liiert und hatte in dieser Zeit Anschluss an seine Familie in Indien gefunden. In dem Gespräch konnten wichtige kulturelle Unterschiede herausgearbeitet werden. Fazit war: Pummelige Kinder sind ein Zeichen besonderer „Liebe“ und Fürsorge der Eltern ihren Kleinkindern gegenüber und indische Familien bereden ihre Probleme nur im familiären Kontext. Gegenüber Fremden sind sie gastfreundlich und höflich.
Durch die Anregung der Supervisorin wurde eine Lösungsidee entwickelt, die diese Regel – Probleme werden nur im Kontext der Familie besprochen – nicht verletzt und gleichzeitig das Anliegen der Beraterin, das  „Dick sein“ mit Hilfe der Erziehungsberatung bei den Eltern zu thematisieren, aufgreift.
Die Teilnehmer wurden eingeladen, auf Moderationskarten dazu Fragen zu formulieren. Die Supervisorin hatte die Idee, diese Fragen dem familiären System zur Verfügung zu stellen und die Eltern einzuladen, sich gemeinsam zuhause Zeit zu nehmen und zu überlegen, welche Fragen wichtig wären, innerhalb der Familie zu besprechen.
Die Beraterin wollte dann die Eltern bitten, die ausgewählten Fragen auf den Karten, sofern sie diese das als hilfreich fänden, in die nächste Sitzung  als Rückmeldung mit zu bringen, ohne dass darüber gesprochen werden sollte.
Die Supervision ermöglichte es der Teilnehmerin, eine kultursensible Sichtweise auf die Familie zu entwickeln, ihr Beratungskonzept zu modifizieren, um die Familie  in den Beratungskontext zu integrieren.
In einer späteren Supervision berichtete sie, dass es Ihr gelungen war, ein Arbeitsbündnis mit der Familie herzustellen.

(1) Heidegger, M. (1949. Über den Humanismus. Frankfurt a.M.: Klostermann, 1949. S. 5.

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