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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Das eigene Weltbild als Maßstab für Andere

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Leserinnen und Lesern des systemagazin dürfte die Auseinandersetzung innerhalb der DGSF um eine Rezension hinreichend bekannt sein, die Stefan Beher über das Buch des Soziologen Martin Schröder „Wann sind Frauen wirklich zufrieden?“ in Heft 3/2023 der Zeitschrift Kontext veröffentlichte, auch wenn die Angriffe von Verbandsfunktionären gegen die Rezension der Mitgliedschaft bis heute vorenthalten bleiben. In der Rezension wie im Buch ging es um den Unterschied zwischen der weitgehend durchgesetzten Gleichberechtigung der Geschlechter und einer Gleichstellungstellungspolitik, die von den Autoren kritisch betrachtet wurde, was die maximale Empörung der „Replikanten” auf den Plan rief.

In diesem Beitrag geht Stefan Beher noch einmal inhaltlich auf diese Unterscheidung und die Problematik eines ideologischen Geschlechterdiskurses im systemischen Feld ein. Zur Lektüre eindringlich empfohlen!

Stefan Beher, Hamburg:

Das eigene Weltbild als Maßstab für Andere. Zur selektiven Anerkennung subjektiver Erfahrung im Gleichstellungsdiskurs – und im systemischen Feld

Die Debatte, um die es hier geht, hätte im systemischen Feld längst geführt werden können – wären die entsprechenden Diskursangebote bei Repräsentanten der DGSF nicht konsequent ins Leere gelaufen.

Im Anschluss an meine Rezension eines Buchs von Martin Schröder im KONTEXT, das empirische Befunde zur Zufriedenheit von Frauen mit ihren Lebenssituationen diskutiert, formierte sich ein sich selbst als „Qualitätszirkel“ bezeichnender Zusammenschluss von Kollegen, der den Text nicht in der Sache kritisierte, sondern in seiner Legitimität infrage stellte. Nicht durch Argumente in der Sache, sondern über Etikettierungen der Person: „misogyn“ sei der Autor, „populistisch“, und überhaupt: wertebezogen nicht auf der Höhe. Verbunden war dies mit der Forderung, Beiträge dieser Art künftig nicht mehr zu veröffentlichen. Eine angebotene öffentliche Diskussion über die Inhalte wurde als „Nebelkerze“ zurückgewiesen; ein „Ethikrat“ attestierte daraufhin in einem bis heute unter Verschluss gehaltenen „Gutachten“ nicht etwa dem „Qualitätszirkel“, sondern ausgerechnet dem Rezensenten, der die Diskussion angeboten hatte, mangelnde Gesprächsbereitschaft. Den traurigen Schlusspunkt der „Auseinandersetzung“ bildete eine für den KONTEXT nachgereichte Zweitrezension des Buches aus dem Umfeld des „Qualitätszirkels“, die allerdings bereits daran scheiterte, die zentrale Unterscheidung des Buches von Schröder nur korrekt wiederzugeben.

Viele Einzelheiten dieser Geschehnisse wurden an anderer Stelle berichtet. Entscheidend ist hier nicht ihr Verlauf im Detail, sondern die darin erkennbare Struktur: Unter Berufung auf eine beanspruchte moralische Überlegenheit werden nicht mehr Argumente zur Diskussion gestellt, sondern die Legitimität, sie überhaupt zu formulieren. Kritik zielt nicht mehr auf Widerlegung, sondern auf Demontage. Aktivismus statt Argument, Einordnung statt Evidenz, Disqualifikation statt Diskussion. Noch der Versuch, eine inhaltliche Klärung herbeizuführen, erscheint unter dieser Logik nicht als Beitrag zur Debatte, sondern wird selbst als Ausdruck problematischer Motive interpretiert.

Diese Struktur lässt sich nicht nur im beschriebenen Einzelfall beobachten. Sie ist kein Betriebsunfall eines internen Verbandskonflikts, sondern Ausdruck einer breiteren Dynamik im Gleichstellungsdiskurs, die längst auch das systemische Feld erreicht hat. Martin Schröder – dessen Buch den beschriebenen Sturm erst auslöste – hat diese Dynamik, bezogen auf den Gleichstellungsdiskurs, gemeinsam mit der Soziologin Katja Rost jüngst in einem SPIEGEL-Beitrag noch einmal auf den Begriff gebracht: Subjektive Zufriedenheit, so ihre These, werde im Gleichstellungsdiskurs genau dann nicht mehr anerkannt, wenn sie nicht den politisch präferierten Mustern entspricht. Sie trifft den Kern dessen, was sich auch im hier geschilderten Vorgang zeigt. Anlass genug, die Debatte, die von der DGSF und ihren Wortführern verweigert wurde, nun in der Sache noch einmal aufzunehmen.

Was Schröder beschreibt – und warum es überzeugt

Schröder zeigt auf breiter Datenbasis: Frauen sind mit ihren Lebensverhältnissen im Durchschnitt ebenso zufrieden wie Männer. In weiten „progressiven“ Kreisen gilt dieser Befund jedoch nicht als Erkenntnis, sondern als Problem. Er richtet den Blick auf eine verbreitete Annahme des Gleichstellungsdiskurses: Unterschiede in Lebensentscheidungen zwischen Männern und Frauen seien primär Ausdruck „struktureller Diskriminierung“. Wer Teilzeit arbeitet, familiäre Verantwortung priorisiert oder auf eine Führungsposition verzichtet, erscheint nicht als frei entscheidendes Subjekt, sondern als Opfer einer Prägung, die es selbst nicht durchschaut.

Diese Annahme ist nicht falsch. Der Hinweis auf soziale Prägung gehört zu den zentralen Einsichten moderner Sozialwissenschaft. Präferenzen sind immer auch eingebettet in soziale Erwartungen, institutionelle Rahmenbedingungen, kulturelle Leitbilder. Soziologische Analysen machen solche Prägungen sichtbar. Im Alltag werden sie leicht übersehen.

Problematisch wird diese Perspektive jedoch dort, wo sie ihren eigenen Geltungsbereich überschreitet; wo sie selektiv angewendet und gegen die Deutungen der Betroffenen selbst in Stellung gebracht wird. Denn in dem Moment, in dem jede Abweichung von einem normativen Ideal primär als Ausdruck von Prägung interpretiert wird, verändert sich der Status subjektiver Erfahrung. Was Menschen über ihr eigenes Leben sagen, gilt dann nicht mehr als primärer Bezugspunkt, sondern als erklärungsbedürftiges Phänomen. Zufriedenheit ist damit kein Befund mehr. Sie wird zu einem Symptom.

Das geht einher mit einer eigentümlichen Asymmetrie: Wer die zu Grunde liegende Theorie bestätigt, sich also etwa selbst als Opfer „struktureller Diskriminierung“ versteht, gilt als Beleg für die eigene These. Wer widerspricht, etwa mit Bezug auf Zufriedenheit über das eigene Leben, gilt ebenfalls als Beleg – nur eben für mangelnde Einsicht. So entsteht eine bequeme Zweiklassengesellschaft der Präferenzen – mit dem eigenen Weltbild als unhinterfragbarem Maßstab. Das führt auf einen geschlossenen Deutungsrahmen, der keine Revision mehr zulässt. Gegenbeispiele widerlegen die Theorie nicht mehr. Sie stabilisieren sie.

Gleichberechtigung und Gleichstellung – eine folgenreiche Unterscheidung

Zentral ist bei Schröder auch im aktuellen Beitrag die Unterscheidung zwischen Gleichberechtigung und Gleichstellung. Gleichberechtigung bezeichnet die Sicherung gleicher Rechte und Möglichkeiten. Sie zielt auf den Abbau struktureller Barrieren, um individuelle Entscheidungen weitestgehend zu ermöglichen. Gleichstellung hingegen orientiert sich an gleichen Ergebnissen. Im Gleichstellungsdiskurs gelten ungleiche Verteilungen – etwa in Führungspositionen, Arbeitszeiten oder Einkommen – typischerweise bereits als hinreichender Beleg für „strukturelle Diskriminierung“, unabhängig davon, ob sie auf anderen Faktoren, etwa legitimen Präferenzunterschieden, beruhen könnten. Unterschiede in Berufswahl, Arbeitszeit oder Lebensentwürfen erscheinen ihr nicht mehr nur als mögliche Resultate freier Entscheidungen, sondern als prinzipiell problematische Abweichungen. Nicht mehr die Offenheit von Optionen steht in ihrem Zentrum, sondern die Erwartung bestimmter Verteilungen – etwa durch die bekannten Forderungen nach „Parität“.

Damit entsteht mindestens implizit ein externer Maßstab für gelingende Lebensführung. Entscheidungen, die von diesem Maßstab abweichen, geraten unter Rechtfertigungsdruck – und werden bevorzugt durch Rückgriff auf soziale Prägungen erklärt. Ein ursprünglich aufklärerisches Instrument – der Hinweis auf verdeckte Strukturwirkungen – kippt so in eine Form epistemischer Entmündigung.

Ein blinder Fleck der Erkenntnis: Die externe Festschreibung von Relevanz

Soziale Prägungen zu leugnen wäre naiv. Sie als alleinige Erklärung für Präferenzen zu akzeptieren jedoch ebenso.

Präferenzen entstehen nie monokausal. Neben sozialen Einflüssen spielen weitere Faktoren eine Rolle, darunter solche, die biologisch bedingt sind – ein Umstand, der im Gleichstellungsdiskurs häufig ausgeblendet wird, obwohl solche Einflüsse empirisch relevant und in der Forschung breit diskutiert sind. Diese Faktoren lassen sich nicht sinnvoll isolieren oder additiv verrechnen. Sie interagieren in komplexen Rückkopplungen, deren Zusammenspiel wir nur in Ansätzen verstehen. Wer dennoch eine Dimension zur allein entscheidenden erklärt oder Präferenzlagen pauschal als defizitär oder fremdbestimmt wertet, verlässt den Boden empirischer Analyse. Solche Gewichtungen folgen nicht aus den Daten, sondern aus den Prämissen des Beobachters.

Manche Frau, die sich familiären Bindungen den höchsten Stellenwert eingeräumt hat, mag auf ein nachvollziehbar erfüllteres Leben zurückblicken als mancher Kollege, der seine ebenso begrenzte Zeit konsequent der Karriere gewidmet hat – und dessen Therapiestunden nicht zuletzt davon handeln.

Bereits in der Frage, welche Faktoren man überhaupt betrachtet (und welche nicht), um eine solche Bewertung zu begründen, liegt eine unhintergehbare Kontingenz. Und nicht einmal die Gewichtung dieser – wie auch immer ausgewählten – Faktoren lässt sich seriös eindeutig bestimmen. Aussagen darüber, welcher Einfluss „entscheidend“ sei oder welche Dimension relevant, geraten damit zwangsläufig in den Bereich theoretischer und weltanschaulicher Zuschreibungen, die mehr über die Vorannahmen der Beobachter aussagen als über die beobachteten Phänomene selbst. Je nachdem, welche Perspektive man einnimmt, erscheinen dieselben Entscheidungen als Ausdruck von Freiheit, Anpassung, Rationalität oder Verblendung. Wo aber die Gewichtung von Ursachen nicht mehr aus den Daten hervorgeht, sondern aus den Prämissen, verliert die Erklärung jede überprüfbare Grundlage.

Selbstimmunisierung für Fortgeschrittene: Sozial geprägt sind nur die anderen!

Ein weiteres Problem kommt hinzu: das der selektiven Anwendung des Arguments sozialer Prägung. Diese wird von Befürwortern der Gleichstellung, oft genug auch im systemischen Feld, ausschließlich auf jene Präferenzen angewendet, die vom Gleichstellungsdiskurs als problematisch markiert werden (Teilzeit, Care-Orientierung, nicht-lineare Karrieren).

Wenn Präferenzen aber sozial geprägt sind, dann gilt das nicht nur für diejenigen Präferenzen, die schlecht ins eigene Weltbild passen, sondern für alle Präferenzen. Das bedeutet nicht, allen Prägungen gleiche Wirkmacht zuzuschreiben. Auch Machtasymmetrien können Entscheidungen erheblich beeinflussen. Entscheidend ist jedoch, solche Asymmetrien nicht einfach vorauszusetzen oder mechanistisch zu konzipieren, sondern sorgfältig im Einzelfall zu prüfen. Wo sie zur unhinterfragten Prämisse werden, verlieren sie ihren analytischen Status und werden selbst Teil eines normativen Deutungsrahmens, im Extremfall zum verfestigten Stereotyp.

Der Wunsch nach Karriere, eine Orientierung an Status und Einkommen oder die Präferenz für symmetrische Arbeitsteilung, nicht zuletzt für die normativen Ideale des Gleichstellungsdiskurses sind eben keine „selbstverständlichen“ oder offensichtlich überlegenen, sondern ebenso sozial geprägte Präferenzen. Präferenzen zumal, die in akademisch-systemischen Milieus heute oft genug viel wirkmächtiger erscheinen als die klassischen Rollenbilder, die sie kritisieren. Schon die vorsichtige Infragestellung der „progressiven“ Annahmen des Gleichstellungsdiskurses kann heute gerade in sich „systemisch“ oder gar konstruktivistisch verstehenden Kontexten zu deutlicher sozialer Sanktionierung führen, bis hin zu Jobverlust und Exklusion. Aber auch die Forderung nach Gleichstellung ist kein neutraler Referenzpunkt, sondern selbst ein Produkt sozialer, kultureller und institutioneller Prägungen.

Die Gleichstellungsdebatte wird dagegen häufig so geführt, als gäbe es zwei Klassen von Präferenzen: „authentische“ (die den eigenen, normativen Idealen entsprechen) und „geprägte“ (die davon abweichen). Diese Unterscheidung hält jedoch keiner ernsthaften Analyse stand, gerade wenn man dem Theorem der sozialen Prägung folgt. Es gibt keinen theoretisch haltbaren Grund, warum ausgerechnet jene Präferenzen, die politisch oder kulturell aufgewertet werden, weniger erklärungsbedürftig sein sollten als andere – schon gar nicht, wenn deren Befolgung in einer so rigorosen Weise medial und feldspezifisch eingefordert wird wie in diesem Fall.

Warum sollte es „freier“, „progressiver“ oder nur „klüger“ sein, eine Führungsposition anzustreben als sie abzulehnen? Ein maximales Einkommen zu priorisieren statt Zeit oder Sinn? Ein Studium mit hohem Marktwert zu wählen statt eines mit intrinsischem Interesse? Im letzteren Fall müsste man auch sämtlichen Akteuren des systemischen Feldes eine problematische Berufswahl unterstellen. Dass jemand Ökonomie studiert, um später „Bilanzen zu optimieren“, ist allerdings nicht weniger erklärungsbedürftig als die Entscheidung für ein schlechter bezahltes, aber subjektiv sinnvolleres Tätigkeitsfeld. Nimmt man das Argument der sozialen Prägung ernst, gibt es keine privilegierte Perspektive jenseits sozialer Prägung mehr. Nimmt man die Präferenzen von Frauen ernst, muss man zumindest zur Kenntnis nehmen, dass diese empirisch sehr weitgehend nicht im Einklang stehen mit den progressiven Idealen und sich – siehe das sog. Gender-Equality-Paradox – in einer Welt realisierter Gleichstellung eher noch weiter davon entfernen.

„Aufklärung“ als Herrschaftsanspruch

Gerade angesichts der Komplexität fällt der Befund am Ende eher schlicht aus: Menschen treffen ihre Entscheidungen nicht unabhängig von sozialen Strukturen – aber es gibt keinen externen Standpunkt, von dem aus sich diese Entscheidungen abschließend bewerten ließen. Hinweise auf mögliche Konsequenzen, Risiken oder typische Verläufe, auch entsprechende Diskussionen mit Personen, denen man glaubt, damit helfen zu können, bleiben sinnvoll; möglicherweise sogar geboten. Sie begründen jedoch keine epistemische oder moralische Vorrangstellung gegenüber den Deutungen der Betroffenen selbst.

Am Ende reproduziert der Gleichstellungsdiskurs damit genau die Struktur, die er zu kritisieren vorgibt. Gerade in seinem Anspruch auf Aufklärung werden Präferenzen als „geprägt“ entwertet, wenn sie nicht ins normative Raster passen – und als „authentisch“ verteidigt, ohne die eigene normative Setzung zu reflektieren. Der Maßstab, der über die „wahren“ Präferenzen entscheiden soll, sind die Präferenzen jener Akteure, die ihre Position als epistemisch privilegiert behandeln. Die eigene normative Position fungiert dabei implizit als Referenzpunkt, der nicht mehr selbst zur Disposition steht. Auch systemische Leitlinien wie individuelle Autonomie und die Expertenschaft über das eigene Leben gelten dann nur so weit, wie sie sich dem normativen Gleichstellungsanspruch fügen.

Die Ironie ist bitter: Ein Diskurs, der Emanzipation im Munde führt, praktiziert Paternalismus, indem er subjektive Präferenzen pathologisiert. Ein Paradigma, das Kontingenz und Perspektivität predigt, beansprucht plötzlich epistemische und moralische Exklusivität. Und ausgerechnet im systemischen Feld, das Vielfalt und Autonomie des Klienten hochhält, wird Dissens zur Gefahr, die es zu vermeiden gilt. An die Stelle von Kritik an Machtverhältnissen tritt eine neue, teilweise ihrerseits durchaus machtvolle Form normativer Setzung.

Dieser Modus bleibt längst nicht auf den Gleichstellungsdiskurs beschränkt. Er prägt zunehmend auch das systemische Feld im Ganzen. Unter dem Banner des Konstruktivismus wird betont, dass Wirklichkeit stets konstruiert ist. Zugleich wird daraus nicht selten die Überzeugung einer besonderen Autorität für die eigenen Konstruktionen abgeleitet.

Das führt auf das Problem einer Selbstgerechtigkeit, die nicht mehr als Beitrag zur offenen Analyse, sondern nur noch als Anspruch auf Normativität verstanden werden kann. Die Forderung nach „Transformation“ gesellschaftlicher Verhältnisse tritt dort an die Stelle der Aufgabe, sie zunächst einmal angemessen zu beschreiben und zu verstehen. Was als Sensibilisierung beginnt, endet nicht selten in der Festlegung dessen, was als legitime Wahrnehmung überhaupt noch gelten darf.

Vor dem Hintergrund systemtheoretischer und konstruktivistischer Prämissen ist das ein bemerkenswerter Befund. Ein Paradigma, das die Kontingenz von Beobachtungen betont und die Unhintergehbarkeit von Perspektivität herausstellt, wird hier in sein Gegenteil verkehrt: in die Beanspruchung einer epistemisch wie moralisch ausgezeichneten Position. Ausgerechnet dort, wo die Grenzen von Gewissheit reflektiert werden müssten, entsteht ein neuer Gewissheitsanspruch.

Das ist kein Fortschritt kritischer Reflexion, wie dann häufig behauptet wird, sondern ihr Abbruch. Und es ist – um den Befund von Martin Schröder aufzugreifen – weniger Ausdruck von Emanzipation als von einer illiberalen, autoritären Haltung, die Dissens nicht mehr als notwendige Bedingung von Erkenntnis begreift, sondern als Abweichung, die delegitimiert und zum Verschwinden gebracht werden soll.

7 Kommentare

  1. Marie-Luise Conen sagt:

    Da nun endlich die DGSF-Forums-Funktion es ermöglicht, meinen Beitrag hier zu veröffentlichen… hier meine Gedanken…. 11. Mai 2026
    – und möchte ich den Beitrag auch im Systemagazin einbringen – auch weil hier ja öfters gefragt wurde, warum „die Frauen“ sich nicht äußern.

    Mitgliederversammlung am 3.10.2025

    Was ich heute auf der MV gesagt hätte … und darüber hinaus …

    Ein Beitrag von Marie-Luise Conen

    Aufgrund meines kurzen Beitrages auf der MV am 3.10.2025 in Berlin, den ich nicht weiter ausführen konnte, sagten vor Ort und danach einige Mitglieder, dass sie gerne gehört hätten, was ich zu dem Thema „Replik auf die Rezension von Stefan Beher“ (Kontext 2023, Heft 3) – zu dem Buch von „Martin Schröder: Wann sind Frauen wirklich zufrieden“ – sagen wollte. Diesem Wunsch möchte ich mit einer Verschriftlichung meiner Gedanken dazu heute nachkommen.

    In Heft 1/2025 des Kontextes erschien eine weitere Rezension zu Martin Schröders Buch, dieses Mal von mir geschrieben. Anlass dazu war mein Unmut über die als Rezension mehr als untaugliche Veröffentlichung von Stefan Beher in Heft 3/2023 der Zeitschrift „Kontext“. Meine Rezension und die von Beher können vom Stil und Inhalt kaum unterschiedlicher sein. Bei Behers Veröffentlichung kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass hier Ebenen, die einer Rezension nicht angemessen sind, benutzt wurden, um Frauen ihre Diskriminierungserfahrung in Abrede zu stellen und mit „Zufriedenheitsstudien“ die Kritik von Frauen an den bestehenden Verhältnissen als unberechtigt darzustellen.

    In meiner Rezension fasste ich Schröders zentrale Aussagen wie folgt zusammen:

    1. Frauen geht es in Deutschland und weltweit so gut wie Männern.
    2. Es sei überflüssig, Frauen in westlichen Ländern per se einen Opferstatus zuzuschreiben.
    3. Es sei falsch, die Gleichstellung von Frauen anzustreben.
    4. In ihrem privaten Leben seien Frauen nicht benachteiligt.
    5. Frauen suchten sich bewusst ihre Ausbildungen und Berufe aus, indem sie bevorzugt Berufe mit Kontakten zu Menschen wählen; Männer entscheiden sich ebenfalls bewusst für ihre Ausbildungen und Berufe und dabei vor allem für MINT-Berufe.
    6. Männer würden es bevorzugen, länger zu arbeiten, Frauen dagegen mögen dies nicht, jedoch würden sie Männer mögen, die länger arbeiten.

    Außerdem habe ich die Datengrundlage, auf die sich Schröder häufig bezieht (ohne allerdings ausreichend entsprechende Darstellungen einzuflechten), kritisiert. Diese Kritik hat als erstes eine der renommiertesten Sozialforscherinnen Deutschlands, Jutta Allmendinger, bereits im Spiegel 2023, 15 formuliert. An dieser Stelle möchte ich nicht weiter Bezug nehmen zu den Inhalten von Schröders Buch.

    Was hat die Buchbesprechung von Stefan Beher bei mir ausgelöst? Zunächst Ungehaltensein über diese Art von Besprechung, die ich unqualifiziert und deren Inhalt ich sehr gegen Frauen gerichtet erlebt habe. Muss ich mich als Frau mit so einer misogynen Haltung heutzutage noch auseinandersetzen? Dann setzte aber zunehmend ein Gefühl von Ärger ein. Wie kommt jemand – sprich ein Mann – dazu in einer Zeitschrift eines systemischen Fachverbandes und dann noch als Redaktionsmitglied so etwas zu schreiben? Einem Verband, der zu 2/3 bis ¾ Frauen als Mitglieder hat und die sich „dummerweise“ für eine nicht so gut bezahlte Arbeit im Sozialen entschieden haben. Welche Frau wäre angesichts der zentralen Thesen des Martin Schröder nicht mindestens ungehalten, empört und genervt?

    In meinem Freundeskreis gibt es niemanden, der die Rezension gelungen findet, ebenfalls hinterfragt, was diese in einer Fachzeitschrift eines systemischen Verlages soll – und welche Absichten damit verfolgt werden?

    Dass sich eine zuerst kleine und dann größer werdende Gruppe von Frauen und Männern dann zusammenfand, sich gemeinsam über ihr Ungehaltensein über diese Rezension auszutauschen und sich einzubringen gegen diese Art von Rezension sowie die inhaltliche Zustimmung des Rezensenten zum Buchautor und seinen Thesen (und diese mit weiteren eigenen zustimmenden Ausführungen – ohne jegliche Art von kritischer Betrachtung –), fand ich angemessen und passend. Ich selbst war an der ersten Replik nicht beteiligt.

    Die erste Replik auf diese Buchbesprechung war auch nicht ganz in meinem Stil, sodass ich mich mit Änderungsvorschlägen eingebracht habe, die aber zu spät eintrafen, da die Abstimmungen unter den ca. ein Dutzend Erst-ReplikantInnen schon gelaufen war. Die 2. Replik (mit fast 40 Personen) habe ich mit unterschrieben. Ich gehöre zu den UnterzeichnerInnen, die eher für eine Veröffentlichung der beiden Repliken war. Aber die weitere Eskalation seitens Tom Levolds hat mich das weitere Vorgehen der nun inzwischen als „Replikgruppe“ bezeichneten Frauen (und Männer) nicht nur akzeptieren, sondern auch mittragen lassen.

    Ich teile die Einschätzung von allen ReplikantInnen, dass mal wieder eher auf die „Emotion“ – hier Empörung und entsprechende sprachliche Äußerungen – von „Frau“ geschaut wird, aber nicht auf den Inhalt. Frauen kennen diese Schiene in Diskussionen bis zum Abwinken. Wenn Frau zu „stark“, „engagiert“, „deutlich“ oder einfach nur „leidenschaftlich“ und „nicht zurückhaltend-weiblich“ auftritt, wird ihr nicht nur „emotionales Reagieren“ unterstellt, sondern auch dabei „Unsachlichkeit“, es wird nicht auf den Inhalt dessen, was Frau sagt, eingegangen, ja das „Auftreten der Frau“ als Grund genommen, ihre Argumente und Inhalte als fehlplatziert, nicht „behandelbar“ zur Seite zu schieben.

    Hier MEIN Verständnis von dem, was da m. E. von der Dynamik her geschehen ist – und dabei habe ich sehr die apokalyptischen Reiter (Kritik, Verachtung, Rechtfertigung, Mauern, Machtdemonstration) von John Gottmans Paardynamik-Forschungen im Kopf.

    Frauen erleben eine Kritik an ihrem „Sein“, an ihrem Erleben, an ihrem Verständnis der Situation. Und viele Frauen reagieren ggfs. erst einmal in ihrer Betroffenheit, hier: mit Ärger über solch eine „Buch“-Besprechung. In der ersten Replik kam auch dieser Ärger deutlich zum Ausdruck.

    Sofort setzte das ein, was ich in meinem inzwischen doch schon etwas längeren Leben X-mal erlebt habe und dessen oft nur noch überdrüssig bin, weil ich das u. a. im Verband so oft erlebt habe, dass „Mann“ nur noch auf die „Emotion“ reagiert und Inhalte total in den Hintergrund treten oder gar verschwinden. Und manches Mal frage ich mich, ob dies auch der „Sinn“ letztlich gewesen ist. Gottman würde dies allerdings eher mit dem langsameren „Soothing“ in Konflikten bei Männern und der Fähigkeit von Frauen, sich schneller beruhigen zu können erklären.

    Der Fokus wurde – wie im Fall der Repliken – dann ja auch im Folgenden ausschließlich auf die „Emotionen“ der Replikgruppe/Frauen gesetzt, jedwede Äußerung z. B. dass solche Veröffentlichungen wie von Stefan Beher in ihrer verletzenden Art nichts in einer wissenschaftlichen Zeitschrift des Verbandes zu suchen hätten. Daraus wurde dann die Zuschreibung: hier soll „Zensur“ ausgeübt werden, was alle Mitglieder, die nichts Näheres wissen, natürlich aufschrecken lässt. Denn wer will das schon.

    Frau kennt es gut, die Diskussion im Privaten mit „Mann“, dass sie doch nicht so emotional sein solle, dass sie doch vernünftig sein solle, rational die Dinge betrachten solle usw. usw.

    Was tut Frau damit, die das „kennt“, keine Lust darauf hat? Sie pfeift drauf und entzieht sich dieser Art von „Vorgeführtwerden“, einem Spiel, in dem Frau nur verlieren kann. Ein Argument war, dass man kein Interesse an einer Weiterführung einer solcher Art von Diskussion hatte. Die ReplikantInnen wollten Dialog, aber keine Diskussion über ein Themenheft in der Zeitschrift „Kontext“. Der Überdruss – so mein Erleben – hat die Replikantinnen dazu gebracht, hier keine weitere „Auseinandersetzung“ zu suchen. Es wäre nicht um die Inhalte gegangen, die wir kritisierten.

    Ich möchte an dieser Stelle nur so weit auf die von nicht wenigen gemachten unerfreulichen Erfahrungen mit der Redaktion der Zeitschrift „Kontext“ hinweisen und dass diese Kritik an der Redaktion auf der MV 2024 in Wiesbaden sehr deutlich zum Ausdruck kam – und die anwesenden Redaktionsmitglieder doch sehr „beeindruckt“ hat. Aus dieser Diskussion entwickelte sich eine Arbeitsgruppe, die sich mit der zukünftigen Gestaltung der Verbandszeitschrift auseinandersetzt und Vorschläge entwickeln wird.

    Diese Kritik an der Zeitschrift, die für viele sehr eng verbunden zu sein scheint mit der Redaktionsleitung durch Tom Levold, hat natürlich auch eine Rolle gespielt in der Einschätzung, mit welchen weiteren Reaktionen die ReplikantInnen rechneten. Nämlich genau dem, was dann auch geschehen ist.

    Gottman beschreibt sehr gut – und dies ist auch meine über 40-jährige Erfahrung mit Paartherapien – wie es eskalieren kann, wenn Frau sich Mann entzieht. Luigi Boscolo sagte immer: Für Männer wird es gefährlich, wenn Frauen schweigen und sich den bisherigen Dynamiken entziehen, denn dann wollen die Frauen nicht mehr. Nun denn, das scheint nicht selten dann bei so manchem Mann eine Art Reflex auszulösen, dass sie das auf keinen Fall stehen lassen wollen und den „Disput“, die „Auseinandersetzung“, die „Klärung“ mit Frau suchen. Frau hat aber die Nase zu diesem Zeitpunkt meist gestrichen voll.

    Obwohl ja inzwischen die Namen der ReplikantInnen alle mehrfach im Systemagazin benannt wurden, beharrt Tom Levold darauf, dass diese nun auf der Webseite der DGSF veröffentlicht werden.

    Da stellt sich für mich die Frage, geht es hier noch um „Klärung“?

    Die Machtkomponente in der gesamten Diskussion, vor allem im „Systemagazin“ und seitens Tom Levolds, auf Teufel komm heraus die ReplikantInnen dazu zu zwingen sich „zu outen“ steht für mich deutlich im Raum. Ich habe erhebliche Zweifel, ob es noch um eine Offenlegung als solches geht. Darum geht es m. E. schon lange nicht mehr, denn die Namen der Replikantinnen sind bekannt und auch die kritisierten Textstellen sind inzwischen (siehe Levold, Systemmagazin), zwar paraphrasiert, weitgehend veröffentlicht. Nein, hier wird eine Machtfrage verhandelt, die mich fragen lässt, warum diese „gesucht wird“.

    Die theoretisch elaborierten Ausführungen von Tom Levold und Stefan Beher führen m. E. zu einer „intellektuellen Eskalation“, die ich und vermutlich viele andere nicht führen wollen. Es wäre interessant zu erfahren, was die Hidden Agenda hinter dieser systemischen Argumentationsbrillanz ist.

    In meinem „Unruhestand“ würde ich mich, wie viele andere Beteiligten, lieber mit anderen mir wichtigeren Dingen beschäftigen wollen. Doch Tom Levold und Stefan Beher lassen nicht los, lassen keine Gelegenheit aus, das Thema weiter voranzutreiben. Inzwischen wurde am 3.10.2025 auf einer DGSF-MV das zweite Mal ein entsprechender Antrag vom Tom Levold behandelt; erneut hielt er es für nicht notwendig, nicht selbst persönlich Rede und Antwort zu stehen, sondern andere für ihn seine Anträge einzubringen. Die daraus für mich zu entnehmende Ignoranz gegenüber den Mitgliedern ist für mich nicht weiter akzeptabel.

    Ich äußere mich nun, weil ich einige Aspekte dieser heutigen Ausführungen aufgrund eines Geschäftsordnungsantrages nicht machen konnte und mich Mitglieder angesprochen haben, einige Hintergründe „der anderen Seite“ zu erfahren – und es auch Zeit ist, mich eine der Replikatinnen einzubringen, wissend, dass diese heutigen Äußerungen von mir, sicherlich mit einem weiteren „Feldzug“ seitens Tom Levold und Stefan Behr beantwortet werden. Aber dies bin ich seit über 20 Jahren gewohnt, bin es aber schon seit langem über. Auf ein klärendes Angebot meinerseits vor einer Reihe von Jahren ging Tom Levold nicht ein.

    Wenn ich seine Beiträge zu diesem ganzen Konflikt im „Systemmagazin“ lese, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass dies NIE endet. So klärt man keinen Konflikt.

    Wenn die Mehrheit in der Vorabbefragung zur MV 2025 sagt, dass sie sich bei dem Antrag enthalten würden, zeigt dies m. E., dass keiner Lust hat auf diese Art der Auseinandersetzungen – und die Replikgruppe ebenso nicht.

    Das mit Feigheit zu bezeichnen ist eine m. E. männliche, vielleicht angesichts eines „Feindes“ notwendigen Haltung der „Feige“-Stark-Denkweise“.

    In diesem ganzen Konflikt fehlt mir die eigentlich wesentliche Ebene: Wie geht man mit „Emotionalität“ (leidenschaftlichem Engagement) in diesem Verband um? Bisher dominierte die „männliche“ Norm, dass „Rationalität“ die Leitidee war. Nun scheint eine Generation von jüngeren Frauen dies nicht mehr zu wollen, die die Interessengegensätze berechtigt findet und diesem Raum geben will. Sie haben keine Lust auf eine Diskussion, die auf „ihre Emotionen“ statt auf die Inhalte fokussiert. Sie haben möglicherweise keine Lust auf „Abstraktheit“, hat diese Demokratie nicht eher einen Mangel an „Engagiertheit“ und „Leidenschaft“ – vermissen diese „Engagiertheit“ nicht viele im öffentlichen Diskurs?

    Ich habe in diesem Verband und im Vorgängerverband DAF wirklich einige heftige Konfliktlinien verfolgen können – von meinen eigenen Erfahrungen einmal abgesehen – aber frauenfreundlich ist anders. Was angesagt wäre, ist ein Austausch über die grundständige Sicht auf Frauen in den beiden Verbänden.

    Konflikte basieren im Allgemeinen darauf, dass Unterschiede nicht respektiert werden. Wäre gut, wenn in diesem Konflikt „Unterschiede“ überhaupt erst mal gesehen werden würden?

    In der systemischen Szene scheint bei so manchem eine Art Anspruch zu bestehen, mit Interessenskonflikten auf „therapeutische Weise“ umzugehen. Was ist jedoch mit Interessenskonflikten wie z. B. zwischen (Gewerkschaftsmitgliedern) Mitarbeitern eines Betriebes und der Geschäftsleitung, zwischen Organisationsentwicklern in einem Verband, die Leitungspersonal beraten und den Mitgliedern, die mit den Entscheidungen ihrer Geschäftsleitung nicht einverstanden sind oder zwischen Bauern, denen die Fördermittel gestrichen werden und der Regierung, die dies beschließt?

    Interessensgegensätze bestehen fast immer aufgrund von vorgegebenen Strukturen, die selten als solche unmittelbar änderbar sind (es sei denn eine neue Form von gelingendem Sozialismus würde gefunden).

    Aufgabe eines Verbandes ist es zum einen Interessen zu vertreten – und zum anderen Macht zu strukturieren. Der Konflikt zwischen Organisationsentwicklern (OE) und Sozialer Arbeit hat sich ja in den letzten beiden Jahren im Verband deutlich gezeigt; bedauerlicherweise wurde dieser personalisiert, aber meines Erachtens nie in seiner strukturellen Bedingtheit verstanden und entsprechend „geklärt“ (was immer dies genauer wäre).

    Mitglieder, die meine heutigen Ausführungen lesen, wissen jetzt vielleicht nicht mehr als vorher, aber ich hoffe, dass sie ein wenig „besser“ verstehen, was die Dynamik war und ist, die all das so lange schon „am Leben“ erhält, obwohl viele die „Nase voll davon haben“.

    Ihre Marie-Luise Conen Berlin/Hilden 26.10.2025

    Ehemalige Vorsitzende der DAF

    und DGSF-Ehrenmitglied

  2. Ich beobachte kritisch, dass der Ruf nach ‚systemischer Gelassenheit‘ oft ein Privileg der Nicht-Betroffenen ist. Während die Mehrheitsgesellschaft zur Mäßigung mahnt, geht es für Betroffene um die existenzielle Realität, nicht um eine theoretische Debatte. Systemisches Denken darf hier nicht in ethische Beliebigkeit abgleiten oder die ‚Hardware der Macht‘ ignorieren, die sich nicht allein weg-kommunizieren lässt. Hierbei müssen wir klar trennen: Während Psychotherapie im Behandlungsraum politisch neutral bleibt, ist die Ausübung unseres Berufs in der Gesellschaft immer auch ein soziopolitisches Statement.

    • Andreas Wern sagt:

      Liebe Frau Lechner,
      vielen Dank für Ihr Statement, welches ich teile. Das systemische Prinzip der Allparteilichkeit kann sich in meinen Augen nur auf Therapie und Beratung beziehen. Als systemische Praktiker sind wir aber auch Teil einer Gesellschaft. In diesem Kontext auf Allparteilichkeit zu bestehen, würde nicht nur zu „ethischer Beliebigkeit“ führen, sondern auch handlungsunfähig machen. Da man aber nicht nicht kommunizieren kann, ist jeder Versuch politisch nicht zu kommunizieren auch Kommunikation – und zwar auch eine, die man politisch beschreiben kann.
      Ein systemischer Fachverband ist ebenfalls Teil der Gesellschaft. Man kann sich sicher fragen, inwiefern man sich als solche Institution politisch positionieren will. Dies kann nur im Rahmen eines offenen Diskurses innerhalb des Verbands entschieden werden. Ob dies in der DGSF angemessen geschieht, kann ich nicht beurteilen. Aufgrund systemischer Prinzipien, die für spezielle Kontexte entwickelt wurden, dies allerdings per se auszuschließen, halte ich für falsch. In diesem Fall würden unterschiedliche Kontexte nicht beachtet werden (Behandlungsraum vs. Gesellschaft). Außerdem ist die Annahme, ein Nicht-Positionieren wäre unpolitisch, meiner Meinung nach mindestens diskussionswürdig. Ich möchte hier nur auf die Haltung der katholischen Amtskirche im Nationalsozialismus verweisen.

      • Tom Levold sagt:

        Lieber Herr Wern,
        Sie haben völlig Recht, dass Allparteilichkeit sich auf Therapie und Beratung bezieht, da ist sie allerdings unabdingbar. Am 23.12.2025 habe ich hierzu geschrieben: „Allparteilichkeit ist nämlich keinesfalls ein Plädoyer für moralischen Relativismus oder ethische Beliebigkeit. Sie ist vielmehr eine bewusst gewählte temporäre und auf einen spezifischen Handlungsrahmen beschränkte Suspendierung von Werturteilen. Sie ist keine weltanschauliche Gesinnung, sondern Ausdruck professionellen Handlungswissens. Sie erkennt an, dass hinter jeder Position, jeder Haltung, jedem Verhalten ein sinnvoller Grund liegt – eine Absicht, ein Bedürfnis, eine historisch gewachsene Logik, die im Kontext des Bezugssystems nachvollziehbar ist. Wertekonflikte gehören zu unseren alltäglichen Erfahrungen. Die Unterscheidung von gut und böse ist dabei vergleichsweise einfach. Viel häufiger haben wir es aber mit Konflikten zu tun, die aus der Unvereinbarkeit von Motiven und Interessen resultieren, die jeweils für sich genommen Positivwerte darstellen. Das ist der Hintergrund unserer Ambivalenzen – oder besser gesagt: Polyvalenzen. Sie sind keine Mängel, die therapeutisch behoben werden müssen. Sie sind vielmehr das Material, mit dem jede Praxis der Veränderung zu tun bekommt. Wenn Menschen ihre Situation als problematisch erleben, bedeutet dies, dass sie bereits eine Unterscheidung getroffen haben: zwischen einer gegenwärtigen, als unbefriedigend erlebten Realität und möglichen – anders gestalteten, aber unsicheren – Zukünften. Diese energiegeladenen Ambivalenzen – das gleichzeitige Festhalten an und Zweifeln an etablierten Mustern – ist sowohl Treibstoff als auch Bremskraft für Veränderung.
        Eine ambivalenzfreundliche Haltung bedeutet daher nicht, sich in Unentschlossenheit zu verlieren, sondern mehrere widerstreitende Wahrheiten gleichzeitig ernst zu nehmen, ohne dass eine die andere negieren muss.
        Hier gilt es, eine entscheidende Grenzziehung vorzunehmen, die in Diskussionen über Neutralität oft verwischt wird: Allparteilichkeit ist kein Lebensprinzip. Sie kann keine Maxime sein, nach der systemische Therapeuten und Berater ihre privaten Angelegenheiten oder gesellschaftlichen Positionen gestalten könnten. Sie ist ein Arbeitsinstrument – begrenzt in Zeit und Raum, funktional auf den spezifischen professionellen Kontext der Arbeit mit einem bestimmten Bezugssystem bezogen.“
        (https://systemagazin.com/systemagazin-adventskalender-2025-23-tom-levold/).
        Ich weiß nicht, woher Sie die Idee nehmen, dass es der Kritik an den Positionen der DGSF-Verbandsspitze darum gehen könne, als „Teil der Gesellschaft“ auch „In diesem Kontext auf Allparteilichkeit zu bestehen“. Wer tut das? Dass die systemischen Verbände sich auch hinsichtlich gesellschaftlicher Entwicklungen, die ihr eigenes Feld und das ihrer Klientel betreffen, politisch äußern sollen, ist eine ihrer genuinen Aufgaben. Wenn es aber um politischen Aktionismus geht, der die satzungsmäßige Aufgabe der „Förderung der Bildung und der öffentlichen Gesundheitspflege, indem sie sich berufsgruppenübergreifend für die Weiterentwicklung und Verbreitung der Familientherapie und -beratung, der Systemischen Therapie und Beratung, der systemischen Sozialen Arbeit sowie des systemischen Denkens und Arbeitens in Lebens- und Arbeitswelt einsetzt“, weit überdehnt, ist nicht nur die innere Integrationskraft des Verbandes in Frage gestellt, sondern auch die Gemeinnützigkeit, die an die Erfüllung des Satzungszweckes (https://dgsf.org/ueber-uns/ueber-uns/satzung.htm) gebunden ist. Zu dieser Abgrenzung habe ich ebenfalls schon an anderer Stelle über „Politische Selbstbeschränkung statt ideologischem Aktivismus“ geschrieben: https://systemagazin.com/politische-selbstbeschraenkung-statt-ideologischem-aktivismus/#more-20438.
        Beste Grüße, Tom Levold

  3. Margret Omlin sagt:

    Zum Disput eine kleine Geschichte: Eine grosse Supportorganisation für Menschen mit Behinderung (Wohnen, Arbeit, Integration) lädt zum zweitägigen Wohn-Workshop. Mit mir wartet an einer kleinen Haltestelle eine junge Frau auf den Bus zum Veranstaltungsort. «Guten Morgen, haben wir vielleicht das gleiche Ziel?», frag’ ich. «Ja ich Sabine. Will nicht mehr allein wohnen», sagt sie. In diesen zwei Tagen kreuzen sich unsere Wege oft. In den Workshop-Sequenzen werden wir immer neu gemischt. Sabine deponiert ihr Botschaft immer gleich am Anfang: «Will nicht mehr allein wohnen», was geflissentlich überhört wird. Am zweiten Tag sitze ich beim Lunch in einer Betreuergruppe. Thema: Sabines Betreuung müsse verstärkt werden, weil sie nicht mehr allein wohnen wolle. Ich bin perplex und interveniere. Leute, habt Ihr zugehört? Sie hat keine Lust mehr, allein zu wohnen, sie will nicht verstärkt betreut werden. Eine Betreuerin erläutert mir mit Engelsgeduld, dass dies ein Rückschritt in ihren Autonomiebestrebungen wäre. Man habe so viel investiert, dass sie allein wohnen könne, also autonom werde.
    Man staunt immer wieder.

  4. Ich gehe da vollständig mit. Mir ist die Politisierung der DGSF schon länger ein Dorn im Auge, egal ob Klima, Sozialgesetzgebung oder Genderei. Die wichtige neutrale Haltung wird zugunsten von machtvollen Wahrheitsanspruch verlassen.
    Die Frage, die ich mir gegebenenfalls stelle, ist eher, wieviel Emanze steckt in mir und wie beeinflusst es den Beratungsprozess.
    Gerne können auch Systemiker politisch aktiv sein, aber bitte als Privatperson oder in entsprechenden Verbänden. Die DGSF sollte fachlich bleiben. Und ja, auch Stellungnahmen sind wichtig, aber im Rahmen der originären Expertise bitte.

    Daher vielen Dank für den sachlichen und erhellenden Beitrag.

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