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systemagazin Adventskalender: Fremdeln im Phasenübergang

Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach: Fremdeln im Phasenübergang

8adventEine Geschichte aus dem Frühjahr 1987. Keine große Sache. Interessant nur im Nachhinein. Mit dem Wissen von heute. Ich bin mit einem Freund für eine Woche in Ägypten. Herbert und ich wollen auf eigene Faust etwas sehen von Land und Leuten. Wir geraten in die letzte Woche eines Wahlkampfs.

Mohammed war vor Jahren Offizier in der Armee, jetzt ist er freiberuflicher Fremdenführer und sucht sich seine Kundschaft. Er hatte uns gesagt, dass bei dieser Wahl zum ersten Mal eine fundamentale islamistische Partei zugelassen sei. Auf dem Weg nach Memphis begegnen wir einer kleinen Demonstration von Anhängern dieser Partei. Mit lautem Rufen und Fahnen und Transparenten ziehen sie eine ländliche Straße entlang. Sie lachen und winken uns zu. Mein Bart, damals noch schwarz und lang, der sei es, sagt Mohammed. Sie hielten mich für einen der ihren. Wir finden das lustig. Wie die Sache am Museum, „Rich man!“, hatte der Alte gesagt, als er mir in den Bart griff, „oh a rich man!“, mir sollte es recht sein.

Wir fahren mit der Bahn nach Luxor, allein, ohne Mohammed. In der abendlichen Teestunde, zum Ausklang des Tages auf dem Trottoir vor einem kleinen Restaurant in der Nähe des Tempels spüren wir einer Stimmung nach, die sich da einstellt. Wie wird das werden im Land, was wird politisch passieren? Wir haben die Ereignisse im Iran im Kopf, Chomeinis Revolution und wir sinnieren über mögliche Auswirkungen in den arabischen Ländern. Was ist, wenn das auch hier durchschlägt? Immer wieder begegnen uns Männer mit Flinten über der Schulter. Folklore, so wirkt das, die Männer mit ihren Flinten in den langen Gewändern. Dass das täuscht, wissen wir selbst. Kein rheinischer Schützenverein. Einige Male spielen wir durch, wie das wohl ist, wenn der Funken überspringt. Das Leben auf der Straße scheint wie gewohnt, buntes Treiben, ohne Hast. In der Supermarktgarage gegenüber grelles Neonlicht, das Geschäft läuft. Im Bäckerladen gibt es frische Fladen. Drei Jungen, ihre langen Gewänder um die Knie geschlungen und noch ohne Kopfbedeckung, haben sich etwas abseits von uns niedergehockt, schauen auf die andere Straßenseite. Verschleierte Frauen in Schwarz balancieren knallbunte Einkaufskörbe aus Plastik auf dem Kopf. Alles friedlich, wie immer, normal offenbar. Und doch bemerken wir unsere Unruhe. Nicht, dass wir uns ernsthaft unsicher fühlen, doch etwas ist anders.

Wolfgang Loth

Wolfgang Loth

Über Lautsprecher wird eine Stimme aus der nahen, auf dem antiken Tempel aufgesetzten Abu-el-Haggag Moschee weit über die Stadt getragen. Von Zeit zu Zeit wird die Stimme lauter, schneller. Dann klingt sie wie das Stakkato eines Einpeitschers. Wie immer, wenn die Sprache unvertraut ist, gewinnen die analogen, nur indirekt erschließbaren Momente der Sprache eine besondere Bedeutung. Phantasien tauchen auf von Aufständen, Kriegswirren. Gesänge lösen die Rede ab, offenbar vom Band gespielt. Die Diskrepanz zwischen diesem anfeuernden Modus und dem ruhig fließenden Geschehen auf der Straße hinterlässt eine Art Trance.

In der Nähe des Tempels sind große Zelte aus Teppichbahnen aufgeschlagen. Sie sind an einer Seite offen. Am Rand je eine Stuhlreihe. Einige der Männer sitzen still, wie im Gebet oder eingeschlafen, andere diskutieren. Über allem die Stimme des Vorbeters aus der Moschee. In den folgenden Tagen füllt sich der Platz an der Ostseite des Tempels unterhalb der Moschee. Eine Zeltstadt entsteht, reges Treiben, Kirmesbuden, dichtes Gedränge.

Zwei Tage später ist von jetzt auf gleich die Nebenstraße gesperrt, die wir gewöhnlich als Abkürzung nutzen, um vom Basar zum Nil zu gelangen. Soldaten bewachen die aufgestellten Gitter, lassen uns nur durch zum Töpfer an der Ecke. Ich frage, was los sei, ihre Antwort klingt so ähnlich wie „challenge“.

Welchen Sinn macht das, welche Herausforderung? Wir können uns nicht verständigen. Plötzlich hektisches Treiben, lautes Hupen und ein Konvoi aus LKWs und Pickups taucht auf. Auf der Ladefläche sitzen Männer und gestikulieren, rufen. Was wollen sie sagen? Machen sie auf ihr Schicksal aufmerksam? Gefangene? Andere auf der Ladefläche sind bewaffnet. Ein nachfolgendes Auto wird angehalten, darf nicht durch. Der Konvoi stoppt gleich neben uns. Zwei Männer in Anzügen heben eine Kiste hoch, zeigen uns Papierrollen, wir verstehen nicht, was sie meinen. Behörden gestürmt? Revolution? Alles geht laut zu, schnell, verwirrend. Es dauert eine Weile bis wir begreifen: Die Wahlurnen wurden hierher gebracht und die Männer werden die Stimmen auszählen. Jetzt erst erkennen wir, dass die Männer lachen. Sie werden gar nicht abtransportiert. Die Waffen dienen dem Schutz der Urnen. Die Insassen des PKWs verhandeln noch immer mit den Soldaten. Sie werden nicht durchgelassen. Präsident Mubarak habe die Wahl klar gewonnen, erfahren wir, wieder in Deutschland.

2 Kommentare

  1. Finde ich auch und eine Geschichte der Sichtweisen und Interpretation. Grüße, Clemens

  2. Schöne Geschichte, lieber Wolfgang, herzliche Grüße, Lothar