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systemagazin Adventskalender 2015: „Walk what you talk“ – Systemische Denkfiguren und kirchliches Arbeitsrecht

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23adventJochen Leucht, Freiburg: „Walk what you talk“ – Systemische Denkfiguren und kirchliches  Arbeitsrecht

Das Motto des diesjährigen Adventskalenders, „Open doors“ inspiriert mich zur Auseinandersetzung mit der Fragestellung, welches „Nähe-Distanz-Verhältnis“ für systemische Verbände auf institutioneller Ebene mit kirchlichen Trägern der verbandlichen Integrität zuträglich ist? Welche Chancen und Möglichkeiten entstehen durch Kooperationen und wo genau verlaufen „natürliche“ Grenzlinien, die es in klarer, offener und fairer Kommunikation gegenseitig zu markieren gilt. Ein Thema wie geschaffen für die Adventszeit.

Ausdrücklich will ich betonen, dass die Mitgliedschaft von Mitarbeiter(inne)n aus kirchlichen Einrichtungen in systemischen Verbänden nachfolgend nicht in Frage gestellt wird, im Gegenteil.

Hintergrund der Frage ist einerseits ein persönlicher: als ehemaliger Angestellter eines kirchlichen Wohlfahrtsverbandes drohte mir die fristlose Kündigung wegen Austritt aus der verfassten Kirche. Sehr bewusst bin ich mir, dass die nachfolgende Schilderung erst jetzt, mit dem Blick von außen und mit den Erfahrungen von 13 Jahren Zugehörigkeit zu einem kirchlichen Arbeitgeber möglich ist. Und andererseits ein gesellschaftspolitischer: wer stemmt sich gegen das kirchlichem Arbeitsrecht, welches Schwule und Lesben, Frauen und Geschiedene gesetzlich legitimiert diskriminieren darf? Müsste dieses Mandat nicht gerade von einem weltanschaulichen systemischen Verband übernommen werden, anstatt Einrichtungen kirchlicher Träger kommentarlos zu akkreditieren und anzuerkennen?

Wieso gehe ich der Frage in einem systemischen Journal nach? Weil kirchliche Träger sich vermehrt mit Ihren Einrichtungen bei den systemischen Verbänden um Aufnahme bewerben. Offen durch institutionelle Mitgliedschaften und verdeckt durch Kooperationen mit anerkannten Instituten.

Eine zentrale Sollbruchstelle etwaiger Kooperationen jenseits machtpolitischer und finanzieller Interessen ist die Ausgestaltung und Beschreibung von Beziehungen: Der systemische Blick richtet seine Aufmerksamkeit auf das, was zwischen den einzelnen Akteuren in Systemen passiert, sucht nach dem Sinn von Lebensäußerungen und Handlungsgrundlage ist ein ethischer Rahmen, welcher die Autonomie des Einzelnen betont. Das Fragezeichen ist eher Freund und Ratgeber als das Ausrufezeichen.

Jochen Leucht

Die Ethikrichtlinien der beiden an Mitgliedern stärksten systemischen Verbände in Deutschland betonen die Grundhaltung, dass Menschen aufgrund sexueller Orientierung nicht diskriminiert werden dürfen. Das kirchliche Arbeitsrecht seinerseits legitimiert die fristlose Entlassung von Mitarbeiter(inne)n, welche sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen. Hier verstößt das kirchliche Arbeitsrecht gegen den Geist und Wortlaut der z.B. DGSF-Ethikrichtlinien. Erlaubt sei an dieser Stelle die Frage, ob eine freundliche Abgrenzung und deutliche und laute Opposition einer Kooperation nicht vorzuziehen sei?!

Ganz zu schweigen von den doch sehr unterschiedlichen Ideen, wie menschliche Zusammenarbeit zu organisieren und zu rahmen ist. Meinen systemischen Heimatverband, die DGSF, erlebe ich als warmes, offenes, in Netzwerken denkendes, von Wertschätzung durchdrungenes System. Beziehungen und Kommunikation finden auf Augenhöhe und in zirkulären Prozessen statt. Macht und Geld sind keine Antreiber und wenn, dann nur bei einer Minderheit der Mitglieder. Die DGSF beschreibe ich ähnlich einer Equiarchie. Kirchlich orientierte Verbände und Träger habe ich (neben allen wunderbaren Projekten und Menschen, die unter dem Dach der kirchlichen Wohlfahrtsverbände anzutreffen sind) als geschlossene, in Hierarchien handelnde und von Machtinteressen getriebene Systeme erlebt. Beziehungen und Kommunikation sind analog top-down-Prozessen organisiert.

Was passiert mit der Integrität der systemischen Verbände, wenn sie Anerkennungen und Akkreditierungen an kirchliche Träger mit dieser doch sehr unterschiedlichen DNA vergeben? Die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben und wie wir diese mitgestalten wollen, ist für einen systemischen Verband von zentraler Bedeutung. Hier lässt sich eine natürliche Nähe zum Anspruch der kirchlich orientierten Wohlfahrtsverbände oder den Kirchen an sich erkennen. Wobei in zentralen Werten ein eklatanter Zielkonflikt besteht: siehe Ethikrichtlinien und kirchliches Arbeitsrecht.

Ich jedenfalls wünsche mir systemische Verbände, die Einrichtungen aus kirchlichen Bezügen von Herzen zur Mitgliedschaft unter Beachtung der systemischen Ethikrichtlinien einladen. Die damit die Themen Sexualität, Religion und Gleichstellung der Frauen klar, deutlich, laut und öffentlich im Sinne ihrer Ethikrichtlinien artikulieren. Und dass die verbandliche Integrität in diesen zentralen Fragestellungen nicht angerührt wird.

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3 Kommentare

  1. Hallo Herr Leicht,

    ein bemerkenswerter Beitrag, der bei mir neue Denktüren geöffnet hat. Spontan stimme ich Ihnen aus vollem Herzen zu.
    Gleichzeitig taucht jedoch eine innere Stimme auf, die auf die Anerkennung von unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen als Teil systemischer Weltanschauung aufmerksam macht.
    Eine weitere Stimme meldet sich und verweist auf die kaum veränderbaren, fundamentalen Glaubenssätze der Kirchen, die eben Homosexualität nicht anerkennen mögen, wogegen wieder eine andere Stimme, auf die allgemeinen Menschenrechte pocht.
    Offizielle Denkrichtungen der Kirche scheint mir momentan nur der Pabst verändern zu können, dennoch sollten die systemischen Verbände eine Stimme zu solchen Themen haben und sie auch erheben. Vielleicht lässt sich ja eine Diskussion darüber bei den Mitgliederversammlungen anstossen, …
    Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag! Herzliche Grüße aus Essen,

    Thomas Friedrich-Hett

  2. Lieber Jochen Leicht, Ihr Beitrag stimmt doch sehr nachdenklich, wie gut! Wo sind die Grenzen des Systemischen Ansatzes, sind sie da wo doch unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander treffen?
    Das betrifft ja nicht nur das Verhältnis von Systemischer Haltung zur Kirche, aber es wirft die Frage auf, ob wir uns in den Fachverbänden nicht genügend an die Grenzen trauen und an den Rändern bewegen?
    Vielen Dank für Ihren Beitrag, Dörte Foertsch

  3. Lieber Jochen Leicht,

    Danke, auf dieses Thema aufmerksam gemacht zu haben. Ich kenne das selber (noch aus den 1970er Jahren). Neben all dem sollte nicht vergessen werden, dass die beschriebenen (allem Anschein nach grundgesetzwidrige) Diskriminierungen dann auch dort geschehen, wo staatliche Gelder eingesetzt werden (z.B. aufgrund des sog. Subsidiaritätsprinzips) – die kirchlichen Einrichtungen also öffentliche Aufgaben mit staatlichen Geldern durchführen.
    Ich würde mich freuen, wenn diese Thematik endlich auch in den systemischen Verbänden diskutiert wird. Ich habe Ihren Beitrag genutzt, um dgsf und SG dazu um eine Stellungnahme zu bitten.
    Mit friedlichem Gruß
    Jürgen Hargens

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