systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Soziale Systeme 2010

Luhmann, Niklas (2010): „Nomologische Hypothesen“, funktionale Äquivalenz, Limitationalität: Zum wissenschaftstheoretischen Verständnis des Funktionalismus. In: Soziale Systeme 16 (1): S. 3-27.

abstract: Die Methode der funktionalen Analyse ist eine Methode der Relationierung zum Zwecke des Vergleichs. Insbesondere das Konzept der funktionalen Äquivalenz, das der funktionalen Analyse eine Art Realitäsgarantie gibt, ist dabei in den Blickpunkt der methodologischen Kritik des Funktionalismus geraten. In diesem Zusammenhang diskutiert der Beitrag deshalb drei miteinander zusammenhängende Problemstellungen und nutzt dabei die durch die Systemtheorie bereitgestellten Erkenntnismöglichkeiten: (1) die Frage des Verhätnisses der Analyse zu und der Abhängigkeit von ihrem Gegenstand, der Gesellschaft; (2) die Frage der Basisrelationen, die miteinander verglichen werden sollen, und damit zusammenhängend die Bedeutung nomologischer Hypothesen; (3) die Frage des Vergleichsgesichtspunktes und im Hinblick darauf die Variabilität der Bezugsprobleme der funktionalen Analyse. Dabei bleiben Fragen offen wie etwa die, wie der Funktionalismus die Limitationalität funktionaler Äquivalente oder das Verhältnis von Erkenntnis und Gegenstand begreift. Dieses den Funktionalismus kennzeichnende Defizit an wissenschaftstheoretischer Reflexion wird aber durch den auf seine systemtheoretische Orientierung zurückgehenden Reichtum auf der Ebene der Gegenstandsanalyse kompensiert.

Arnoldi, Jakob (2010): Sense making as communication. In: Soziale Systeme 16 (1): S. 28-48.

abstract: Dieser Artikel analysiert, wie Niklas Luhmann in der Entwicklung seiner Systemtheorie die Phänomenologie Husserls verwendet. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf dem Sinnbegriff. Beginnend mit Analysen von Luhmanns Übernahme Husserlianischer Begriffe wie Sinn, Noesis-Noema-Korrelation, Identität und Horizont, behandelt der Artikel die Frage, wie Luhmann eine Theorie kommunikativer Sinngebung konstruiert. Diese Analyse führt zunächst zu einer Diskussion über die Unterschiede zwischen Luhmann und der soziologischen Phänomenologie. Am Ende des Artikels wird die Verwendung der Theorie als Grundlage für die empirische Forschung erörtert, ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf dem medialen Diskurs.

Paul, Mario (2010): Sinnbildung und interpretative Sozialforschung: Synopse systemtheoretischer, hermeneutischer und dekonstruktivistischer Positionen. In: Soziale Systeme 16 (1): S. 49-74.

abstract: Die gemeinsame Aufgabe verschiedener Methoden interpretativer Sozialforschung liegt in der Rekonstruktion von Sinn. Diesem weithin anerkannten Anliegen steht ein im Rahmen interpretativer Sozialforschung und Kulturanalyse eigentümlich unscharfer Sinnbegriff gegenüber – weniger in seinen zahlreichen Erscheinungen als z.B. dokumentarischer oder objektiver Sinn, als vielmehr in einer mangelnden Bestimmtheit des Sinnbegriffs selbst. Diesen Befund nimmt der Artikel zum Anlass, um „Sinn“ als zentrale Kategorie interpretativer Sozialforschung aus systemtheoretischer, dekonstruktivistischer und hermeneutischer Perspektive näher zu beleuchten. Ausgangspunkt ist hierbei ein mittels der Derrida‘schen „différance“ verändertes differenzlogisches Beobachtungskalkül, das als grundlegende Operation der Sinnkonstitution entworfen und mit hermeneutischen Positionen konfrontiert wird. Ziel ist es, einen gemeinsamen theoretischen Rahmen zu entwerfen und zur Diskussion zu stellen, der sowohl zur Beschreibung (post-)strukturalistischer Sinnkonstitutionseffekte als auch hermeneutischer Interpretationsleistungen zur Verfügung steht, die auf Grund ihrer Verwobenheit auf gewinnbringende Weise miteinander in Beziehung gesetzt werden können.

Burch, Janet (2010): Das Inkareich als Zentrum / Peripherie-Gesellschaft. In: Soziale Systeme 16 (1): S. 75-102.

abstract: Dieser Artikel untersucht mittels der Begrifflichkeit der Systemtheorie die Gesellschaftsform des Inkareiches. Bislang liegen keine historisch-systemtheoretischen Studien über außereuropäsche Gesellschaften vor. Die gesellschaftlichen Differenzierungsformen, die Luhmann ausgearbeitet hat, eignen sich jedoch, um außereuropäische Gesellschaften soziologisch beschreib- und vergleichbar zu machen. Die meisten Fachleute erörtern die inkaische Gesellschaft als Hegemonialmacht, die im 15./16. Jahrhundert den Westen Südamerikas beherrschte. Auch Niklas Luhmann beschreibt hochkulturelle Großreiche als in Zentrum / Peripherie strukturiert. Dieser Artikel prüft, ob Luhmanns Differenzierungstheorie auch auf eine altamerikanische Gesellschaft, die sich bis ins 16. Jahrhundert ohne Kontakt zu Europa entwickelte, anwendbar ist. Die Ausführungen zeigen, dass Zentrum / Peripherie-Gesellschaften zu weitaus komplexeren Rollenbildungen fähig sind als bisher angenommen.

Clemens, Iris (2010): Self-descriptions of the World Society in non-western contexts and the implications for the general theoretical approach. An Analysis of the Edicts of Ancient India Emperor Ashoka. In: Soziale Systeme 16 (1): S. 103-120.

abstract: Wie Rudolf Stichweh im Anschluss an Niklas Luhmann ausgeführt hat, sind Selbstbeschreibungen ein basaler Bestandteil aller sozialen Systeme und insbesondere für die Analyse der emergierenden Weltgesellschaft grundlegend. Die Diskussion hat bislang jedoch zumeist nur westliche Quellen berücksichtigt. Ausgehend von den Säulenedikten des indischen Königs Ashoka wird der Frage nachgegangen, ob frühe Formen einer Selbstbeschreibung der Weltgesellschaft auch in nichteuropäischen Kontexten gefunden werden können. Mit der Analyse dieser 2200 Jahre alten Edikte kann die These gestützt werden, dass bestimmte Formen solcher Selbstbeschreibungen der Weltgesellschaft auch für den indischen Kontext nachgewiesen werden können. Der Blick kann so global geweitet werden, und es wird in Zweifel gezogen, dass es sich um rein europäische semantische Erfindungen handelt. Zudem kann durch die Einbeziehung anderer als menschlicher Adressaten in der vorgefundenen Semantik der Fokus von einer im Westen vorherrschenden anthropologischen auf eine ‚biozentrische‘ Perspektive verschoben werden.

Schiermer, Bjørn (2010): Mode, Bewusstsein und Kommunikation. In: Soziale Systeme 16 (1): S. 121-149.

abstract: Dieser Artikel handelt vom Begriff der Mode aus systemtheoretischer Sicht. Er ist von der Idee getragen, dass das Verhältnis zwischen Mode und Bewusstsein einen Schlüssel anbietet sowohl für ein Verständnis des Phänomens der Mode als auch für die Relation zwischen Mode und Kommunikation. Er thematisiert den imitationellen Pol der Mode als ein latentes soziales Ritual, das sich hinter den aufgeladenen Modeobjekten verbirgt. Vor diesem Hintergrund werden verschiedene systemtheoretische Auffassungen der Mode unter Berücksichtigung alternativer und externer Theoriekonzeptionen diskutiert.

Kranz, Olaf & Nora Schmidt (2010): Aus dem Rahmen gefallen. Über das Fungieren von Street Art und anderen Kunstwerken dies- und jenseits des Kunstbetriebs. In: Soziale Systeme 16 (1): S. 150-176.

abstract: Street Art erschließt der Kunst das „Design“ (Niklas Luhmann) des öffentlichen Raums als neuartiges Wahrnehmungsmedium und verzichtet dafür auf eine sekundäre Rahmung durch den Kunstbetrieb. Ihre ‚Pieces‘ lassen so die Unwahrscheinlichkeit hervortreten, dass wahrnehmbare Objekte überhaupt als Kunstwerke rezipiert werden. Zugleich verweisen sie auf das systemtheoretische Desiderat einer Theorie der Kunstrezeption. Dieser Beitrag nutzt die Eigenheiten der Street Art, um das Fungieren von Kunstwerken in der sozialen Situation der Kunstrezeption und die Konstitution dieser Situation genauer zu beschreiben. Dabei wird deutlich, dass die ‚Pieces‘ der Street Art typischerweise zwei Probleme bewältigen müssen, die normalerweise in sozial gut typisierten „Interaktionsformaten“ (Jürgen Markowitz) der Kunstbetrachtung bearbeitet und invisibilisiert werden: Sie müssen die Aufmerksamkeit der Passanten überraschend irritieren, indem sie eine „logische Sekunde der Anarchie“ (Luhmann) auslösen, und anschließend als ein von einem Künstler hervorgebrachtes Kunstwerk überzeugen. Durch die Etablierung von neuartigen Interaktionsformaten der Kunstbetrachtung experimentiert Street Art mit dem Inklusionsmodus des Kunstsystems und verändert die Partizipationsmuster der Kunstrezeption.

Saake, Irmhild & Veronica Maier (2010): Gefühlte Kritik. Casting Shows als Visualisierung des moralischen Diskurses. In: Soziale Systeme 16 (1): S. 177-202.

abstract: Casting Shows werden in der vorliegenden Studie anhand der für sie typischen Form der Kritik erklärt. Während für Habermas das Modell des sprachlichen Verstehens ausschlaggebend ist, lässt sich mit Luhmann nachzeichnen, wie Visualität als Bedingung der Anschlussfähigkeit im Fernsehen funktioniert. Die normative Rahmung dessen, was als Kritik im Sinne der Kritischen Theorie verstanden wird, wird dabei in eine medientheoretische Analyse überführt, in der die Praxis des Kritikformulierens und des Kritikannehmens auf ihre Plausibilität hin beobachtet wird. Als Ergebnis dieser Studie lässt sich zeigen, dass Kritik in Casting Shows zu einer massenmedial inszenierten Form wird, deren Geltung von der Jury, von den Kandidaten und von den Zuschauern als eine Frage des dargestellten Gefühls verstanden wird. Hieraus resultieren Authentizitätspraktiken, denen zufolge man zunächst Kritik erleiden muss, um dann eine Veränderung der eigenen Person zu erleben. Losgelöst vom sprachlichen Verstehen entsteht eine medial inszenierte Form der unrelativierbaren und unkritisierbaren Kritik.

Kaube, Jürgen (2010): Editorial: Rudolf Stichweh, seine Forschungen und die Soziologie der Universität. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 219-223

Simon, Dieter (2010): Die Ausgedienten. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 224-229

Schimank, Uwe (2010): Reputation statt Wahrheit: Verdrängt der Nebencode den Code? In: Soziale Systeme 16 (2): S. 233-242.

abstract: Governance-Veränderungen des Wissenschaftssystems in Richtung »new public management « könnten dazu führen, dass Reputation – vormals lediglich komplexitätsreduzierender Nebencode der innerwissenschaftlichen Kommunikation – der primäre Handlungsantrieb der Wissenschaftler wird. Das geschieht, wenn Reputation anhand weniger quantifizierter Indikatoren gemessen wird und dann rigoros als Hauptkriterium für die Allokation finanzieller Ressourcen an Wissenschaftler genutzt wird. Diese Entwicklung könnte gravierende Dysfunktionalitäten für den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt haben und zu einer Deprofessionalisierung der Wissenschaft führen.

Hilgert, Christian & Tobias Werron (2010): Verwissenschaftlichung als Globalisierungsdiagnose? In: Soziale Systeme 16 (2): S. 243-258

Kieserling, André (2010): Ausdifferenzierung von Konkurrenzbeziehungen. Wirtschaft und Wissenschaft im Vergleich. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 259-276.

abstract: Der Text vergleicht Konkurrenzbeziehungen in der Wirtschaft und in der Wissenschaft anhand der Frage, wie deutlich diese kompetitive Form sozialer Beziehungen gegen andere Sozialformen im selben System differenziert werden kann. Während eine solche Differenzierung in der Wirtschaft gut funktioniert, zum Beispiel als Differenzierung der Konkurrenten gegen die Tauschpartner, werden diese beiden Rollen in der Wissenschaft häufig von denselben Personen wahrgenommen. Die Verzerrung sowohl der »reinen« Konkurrenz als auch des »gerechten« Tausches von wissenschaftlicher Leistung gegen fachliche Reputation, die sich daraus ergibt, ist von der Wissenschaftssoziologie oft beschrieben worden. Ihre Einstufung als Pathologie, die in der Literatur überwiegt, ist indessen theorieabhängig, wie man insbesondere dann sieht, wenn man das Reputationsmedium und seine Orientierungsfunktion einmal nicht mit Merton oder Bourdieu, sondern mit systemtheoretischen Mitteln beschreibt.

Mersch, Christian (2010): Patente und Publikationen. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 277-296.

abstract: Patente und Publikationen sind die wichtigsten Formen der öffentlichen Kommunikation technologischen und wissenschaftlichen Wissens in der modernen Gesellschaft. Während die Publikation bereits systemtheoretisch als grundlegendes Kommunikationselement des globalen Wissenschaftssystems analysiert worden ist, hat das Patent noch nicht in nennenswertem Ausmaß soziologische Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Dieser Aufsatz arbeitet an dieser soziologischen Leerstelle, indem er die Unterscheidung von Patenten und Publikationen als analytischen Ausgangspunkt für eine Theorie des Patents fruchtbar macht. Neben bemerkenswerten funktionalen Parallelen werden auch Divergenzen zwischen beiden Kommunikationsformen heraus gearbeitet, die vor allem auf die vollkommen unterschiedliche Veröffentlichungsmotivation von Publizierenden und Patentierenden zurückgeführt werden. Am Schluss wird die Frage aufgeworfen, ob neuartige, verstärkt auf öffentliche Inklusion von nicht professionell ausgebildeten Akteuren setzende Verfahren der Qualitätssicherung eine befriedigende strukturelle Antwort auf das für beide Systeme von vielen Beobachtern als zunehmend problematisch empfundene Verhältnis von Quantität und Qualität der Wissensproduktion darstellen.

Vanderstraeten, Raf (2010): Disziplinbildung – Zum Wandel wissenschaftlicher Kommunikation in der Soziologie. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 297-312.

abstract: Für die moderne Wissenschaft, so hat Rudolf Stichweh gezeigt, sind spezialisierte Zeitschriften das Publikationsmedium par excellence. Zeitschriftpublikationen bilden die privilegierte Form wissenschaftlicher Kommunikation. Sie ermöglichen und strukturieren die Autopoiesis wissenschaftlicher Kommunikationssysteme. Vor dem Hintergrund dieser theoretischen Ausgangspunkte präsentiert dieser Aufsatz eine empirische (quantitativ-historische) Analyse von Publikationspraktiken in den wichtigsten soziologischen Zeitschriften in Belgien und den Niederlanden. Aufgrund der engen Verbindung zwischen den kommunikativen und disziplinären Strukturen der Wissenschaft kann sich diese historisch-soziologische Analyse von Zeitschriften auch der Evolution der soziologischen Disziplin selbst widmen.

Tyrell, Hartmann (2010): Universalgeschichte, Weltverkehr, Weltgesellschaft: Begriffsgeschichtliche Anmerkungen. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 313-338.

abstract: Der Beitrag schließt an die begriffsgeschichtlichen Darlegungen an, die Rudolf Stichweh seinen Studien zur Weltgesellschaftsthematik wiederholt vorangestellt hat; er ist bemüht, einige der Ideenreihen, die Stichweh herausgearbeitet hat, punktuell weiterzuführen und zu ergänzen. Der Schwerpunkt der Überlegungen nimmt historisch Bezug auf das späte 18. Jahrhundert: auf die »Globalisierungsdiskussion (…) im Zeitalter der Spätaufklärung« (M. Koch). Deren Kontext war ein vor allem ›universalgeschichtlicher‹, und ein Begriff von ›Weltgesellschaft‹ lag hier gewissermaßen in der Luft. Dieser Begrifflichkeit nähert sich der Beitrag, neben einigen Anmerkungen zur Weltsemantik unter religiösen Vorzeichen, auf zwei Wegen. Dabei geht es einerseits um den Begriff des Verkehrs, der im Deutschen seit dem 18. Jahrhundert für das steht, was im Englischen und Französischen der durchaus mehrdeutige Begriff ›commerce‹ besagt. Nicht zuletzt ist ›Verkehr‹ ein Kommunikationsbegriff, zugleich führt er seine ›kommerzielle‹, seine Handelsbedeutung mit sich. Und mit beiden Bestandteilen des Kompositums ›Weltgesellschaft‹ ist er seinerseits nicht zufällig eine Verbindung eingegangen; so kommt es hier zum Kompositum ›Weltverkehr‹, der Globalisierungsformel des 19. Jahrhunderts, und dort, wofür nicht zuletzt Adam Smith steht, zur ›commercial society‹. Direkt zum Begriff einer ›société universelle‹ bzw. ›société unique‹ führt andererseits eine Debatte des späten 18. Jahrhunderts, an der u. a. Guillaume Thomas Raynal, Adam Smith und Immanuel Kant beteiligt waren. Es war der Abbé Raynal, der mit seiner europaweit erfolgreichen ›Geschichte beider Indien‹ das weltweit begangene Unrecht der weltexpansiven Europäer zum Thema gemacht hatte. Diese ›Inhospitalität‹ der Europäer, wie Kant es nannte, lag, universalgeschichtlich zurückblickend, als schwere moralische Last auf der von Europa aus in Gang gesetzten interkontinentalen Zusammenführung der Menschheit und dem daraus resultierenden Weltverkehr. Sie lud sich aber, futurisch gewendet, mit geschichtsphilosophisch erwartungsvollem (aber durchaus nicht ›überspannt‹-utopischem) Ideengut auf, das Begriffsbildungen freisetzte, die semantisch wiederholt, in die Nähe einer (»endlich doch« erreichten) ›Weltgesellschaft‹ oder ›Völkergemeinschaft‹ führten.

Tenorth, Heinz-Elmar (2010): Lebensform und Lehrform – oder: die Reformbedürftigkeit der Humboldtschen Universität. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 341-355.

abstract: Das deutsche Modell der Universitäten, die sog. »Humboldtsche Universität«, hat neben der Erwartung des Studiums keine eigene Form der Lehre entwickelt, ungeachtet programmatischer Selbstbeschreibungen, wie sie in der Formel von der »Einheit von Forschung und Lehre« vorliegen, denn z. B. »Bildung durch Wissenschaft« meint nicht Lehre, sondern Selbststudium, eine Lebens-, keine Lehrform. Die Forderung der Studienreform begleitet deshalb diese Universität seit der Gründung im frühen 19. Jahrhundert, findet aber keine anerkannte Lösung. Die sog. »Bologna-Reform « bietet eine solche Form, in der die Konstruktion studentischer Fachkompetenz mit der Sozialisation für Forschung verbunden werden könnte – und scheint erneut keine Anerkennung zu finden.

Baecker, Dirk (2010): A systems primer on universities. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 356-367.

abstract: Universitäten kombinieren Lehre mit Forschung und Verwaltung. Der Aufsatz greift auf die analytischen Werkzeuge der Theorie sozialer Systeme zurück, um die einfache (operative) und doppelte (regulative) Reproduktion der Universität innerhalb eines Netzwerks der Büros von Forschern, Lehrern und Verwaltern zu beschreiben. Universitäten reproduzieren sich demnach, indem Zugriffe dieser Büros aufeinander sowohl blockiert als auch genutzt werden. Daraus entsteht eine Komplexität loser Kopplungen, die von außen undurchschaubar ist, von innen jedoch zur Ausgestaltung einer robusten Organisation in der Auseinandersetzung mit den Anforderungen von Erziehung, Wissenschaft und Gesellschaft genutzt werden kann.

Bohn, Cornelia (2010): Die Universität als Ort der Lektüre. Printkultur trifft Screenkultur. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 368-379.

abstract: Der Artikel diskutiert Kontinuitäten und Diskontinuitäten professioneller Lektürepraktiken im Lichte struktureller, semantischer und medialer Umbauten. Er begreift das Einüben professioneller Urteilsfähigkeit im Umgang mit neuem Wissen als eine der Residualaufgaben moderner Universität und geht davon aus dass erst die gelesene Publikation wissenschaftliche Kommunikation vollzieht. Terminus a quo ist die aufkommende Printkultur der Renaissance und deren Reflexion auf Autorschaft, Auto didaxie und Kritik. Terminus ad quem ist die neue Screenkultur, ihr ubiquitärer Gebrauch webbasierter Kommunikationsformen mit den Besonderheiten eines konfigurativen Charakters von Benutzeroberflächen, synchroner Erreichbarkeit, simultanem Zugriff auf Daten und Textbestände, dynamisch interaktiven Kompositformaten, gegenläufiger Tendenzen der Selbstarchivierung und Selbstüberschreibung und eine sich daraus ergebende Notwendigkeit zur präzisen zeitlichen Indexierung einer jeden Mitteilung und Information. Als Kontinuum der Lektüreanweisungen in der Printkultur und der Screenkultur identifiziert der Beitrag die Reflexion auf deren notwendige Selektivität. Historisch variabel hingegen, so das Resultat der Analyse, sind die Muster und Hilfen im Selektionsgeschehen: Kompendien für den eigenen Gebrauch, Lehrbücher als Vorselektion für den universitären Gebrauch, Bildung als Voraussetzung und Ziel der Lektüre, Institutionalisierung von Kritik und Rezensionswesen als Aufmerksamkeitssteuerung, sowie Formen der Lektürepraxis als Lektürevermeidung durch »power skimming« und »cross-checking« oder die Etablierung von Abstract Journals. Als Spezifikum der Screenkultur beobachtet der Artikel neue Formen webbasierter wissenschaftlicher Semi-Publikationen und konstatiert, dass damit eine Relativierung der Autorisierungs- und Glaubwürdigkeitsinstanzen der Printkultur einhergeht, die durch das Vibrieren der dynamischen Netzkommunikation überfordert sind.

Gumbrecht, Hans Ulrich (2010): Was ist »die amerikanische Universität« – und was sollen amerikanische Universitäten sein? Neun ethnographische Aufnahmen und zwei systemische Fragen. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 380-389.

abstract: In der alltäglichen Unterhaltung zwischen deutschen Intellektuellen wird häufig von »dem amerikanischen Universitätssystem« gesprochen. Aus vielerlei Gründen ist dies eine problematische Redeweise – nichtsdestotrotz nimmt der Essay diese Bezugnahme auf ein »amerikanisches Universitätssystem« (im Singular) ernst und überprüft sie mittels des systemtheoretischen Konzepts des »Systems«. Aus einer solchen Perspektive betrachtet hat ein System zumindest drei Kriterien zu erfüllen: es muss einerseits Geschlossenheit nach außen und andererseits interne Anschlussfähigkeit der Kommunikation gewährleisten und es muss eine Bezugnahme auf eine Funktion sicherstellen. Während die Anwendung dieses Konzepts auf die Landkarte der amerikanischen Universitäten zunächst den Eindruck einer erheblichen Inkohärenz entstehen lässt, bleibt bei genauerer Betrachtung letztlich ein Eindruck von Ambiguität: das »amerikanische Universitätssystem« scheint zugleich sehr inkohärent und sehr geschlossen zu sein. Die metatheoretische Frage ist deshalb, ob dieser deskriptive Kontrapunkteffekt eine inhärente Realität des »amerikanischen Universitätssystems« abbildet, oder ob er nicht vielmehr typisch ist für eine systemtheoretische Beschreibung selbst. Falls die letztere Annahme zutreffen sollte, würde dies bedeuten, dass eine spezifische Leistung der Systemtheorie in der Produktion eines besonderen Ausmaßes an deskriptiver und intellektueller Komplexität besteht.

Itschert, Adrian (2010): Harvard, Princeton, Yale und das Meritokratiemodell. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 390-403.

abstract: Die sozialwissenschaftlichen Beschreibungen der amerikanischen Eliteuniversitäten weisen vier auffällige Widersprüche auf, die in verschiedenen Texten immer wiederkehren. Der Artikel unterscheidet den Widerspruch zwischen der wissenschaflichen Reputation dieser Universitäten und ihren Studentenkulturen, den Widerspruch zwischen ihrem offenen Bekenntnis zur Meritokratie und ihren faktischen Praktiken bei der Studienzulassung, den Widerspruch der gewachsenen statistischen Repräsentativität ihrer Studentenpopulation im Hinblick auf Gender und Race und ihrer mangelnden Class Diversity, sowie den Widerspruch zwischen ihrer unterstellten Abhängigkeit von mächtigen externen Stakeholdergruppen und ihrer in einigen Situationen belegten Konfliktbereitschaft gegenüber diesen Gruppen. Der Text versucht zu zeigen, dass sich diese augenscheinlichen Widersprüche auflösen lassen, wenn man die am Meritokratiemodell orientierte Perspektive zugunsten einer differenzierungstheoretischen Perspektive aufgibt.

Stanitzek, Georg (2010): Die Bohème als Bildungsmilieu: Zur Struktur eines Soziotopos. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 404-418.

abstract: Der Artikel skizziert thesenförmig einige Züge, welche die Bohème als »Mikrokosmos « (Balzac) der modernen Gesellschaft kennzeichnen. Es handelt sich um ein gemischtes Milieu, dessen marginale Stellung sich mit erheblicher Bedeutung für moderne Innovations- und Ausbildungsprozesse verbindet. In Opposition zum Mainstream des bürgerlichen und akademischen Lebens testet man in der Bohème dessen Normen und Routinen und versieht sie probeweise mit Alternativen. Es wird die Frage nach der gegenwärtigen Bedeutung der Bohème gestellt, und es werden einige Desiderate künftiger Bohèmeforschung bezeichnet.

Holzer, Boris (2010): Was man an der Uni lernt. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 419-429.

abstract: In Universitäten wird nicht nur geforscht, sondern auch gelehrt. Sowohl die Wissenschaft als auch die Erziehung sind maßgebliche Umwelten der Universität. Was man an Universitäten lernt, hängt daher von konkreten Erziehungsabsichten ab, aber auch von eher beiläufig anfallenden, unbeabsichtigten Sozialisationseffekten. Diese haben, ähnlich wie in der Schule, vor allem mit dem Leben in formalen Organisationen zu tun. Orientiert an der Diskussion um den »heimlichen Lehrplan« lässt sich zeigen, dass die Universität in vielerlei Hinsicht als Fortsetzung und Steigerung der für die Schule typischen »modernen« Sozialisationsmuster begriffen werden kann. Unterschiede zeigen sich am ehesten im Bereich des Unterrichts, der an der Universität durch eine Rücknahme von Erziehung zugunsten der Simulation von Wissenschaft gekennzeichnet ist.

Lehmann, Maren (2010): Pendeln oder: Variable Absenz als Form der Universität. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 430-437.

abstract: Die folgende Skizze nutzt die Unterscheidung von Campus- und Pendler-Universitäten, um die Form der Universität als eine Konsequenz regulärer Platzierungen von Individuen (Präsenz, Position, Ordnung, Ruhe) und deren Subversion durch die platzierten Individuen (Absenz, Negation, Unordnung, Unruhe) zu diskutieren. Die »akademische Freiheit«, die die Universität bietet, ist – so die These – eine geordnete Ermöglichung von Unordnung, eine Lizenz zur Absenz.

Schreiterer, Ulrich (2010): Die überforderte Universität. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 438-443.

abstract: Wachsende Leistungsanforderungen und Begehrlichkeiten von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft treiben die Universität in eine tückische Falle: Gibt sie ihnen nach, führt das in einen systematischen »overstretch«, schwächt und balkanisiert sie als Institution. Zu widerstehen, fällt ihr angesichts einer manifesten »crisis of purpose« und verschwindender Distinktionsmerkmale indes immer schwerer. In dem Maße, in dem die Bedingungen der Möglichkeit gelingender systemischer Operationen ausgehebelt werden, verliert die Universität ihre darauf beruhende Funktionsfähigkeit.

Kühl, Stefan (2010): Der Sudoku-Effekt. Zu den Gründen und Folgen der Komplexitätssteigerung an den Hochschulen. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 444-460.

abstract: Der Artikel argumentiert, dass durch die Einführung von Leistungspunkten als einer neuen Kunstwährung an den Hochschulen ein Sudoku-Effekt produziert wird – die Ausrichtung der Studiengangsplanung und des Studiums selbst auf das Management von Leistungspunkten. Der Sudoku-Effekt wird dabei auf eine Reihe von Merkmalen zurückgeführt: die Wirkung der Zusammenfassung von Leistungspunkten in Modul- Containern, die Vernetzung einer Reihe von restriktiven Anforderungen bezüglich der Zuordnung von Leistungspunkten zu Modulen, Semestern, Veranstaltungen und Prüfungen und die Notwendigkeit am Ende eine »Punktlandung« auf genau 120, 180 oder 240 Leistungspunkte hinzubekommen. Es wird beschrieben, wie bei der Gestaltung – und teilweise auch bei der Lösung – von Bologna-Studiengängen sich eine Sudoku-Mentalität ausbildet: Hauptsache es geht am Ende irgendwie auf.

Wegmann, Nikolaus (2010): kommt die Theorie zum Leser? Der Suhrkamp Verlag und der Ruhm der Systemtheorie. In: Soziale Systeme 16 (2): S. 463-470.

abstract: Groß ist nur, was gerühmt wird. Der Aufsatz stellt die Frage, wie die Systemtheorie ihren Weg zum Ruhm gefunden hat. Die Antwort konzentriert sich auf den Suhrkamp Verlag als dem Hausverlag Niklas Luhmanns: Gleich zweimal tritt Luhmann in eine besondere Beziehung zu einem anderen Suhrkamp-Autor. Erst in diesen Autorenpaarungen Habermas / Luhmann und Rainald Goetz / Luhmann wird aus dem Soziologen Luhmann der große Theoretiker.

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