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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Systemische Bibliothek K

Rüdiger Keimer, Köln: Hand in Hand mit Pinocchio – Phantasien als Weg der Kommunikation in der Krisen- und Sterbebegleitung

Mit diesem Artikel möchte ich einige Beispiele und Anwendungen der phantasieorientierten Methodik des „Prismatisierens“ in Beratung und Begleitung schildern. Die von dem Krefelder Psychiater Prof. Dr. Alfred Drees vertretene Aufforderung, eigene emotionale Resonanz und „freie Phantasien“ in Beratung und Therapie zu nutzen und einzubringen1, bedeutet nach meiner Erfahrung eine wertvolle Erweiterung der Kommunikation, besonders auch in Situationen der Krisen- und Sterbebegleitung, in denen ich als Klinikseelsorger arbeite.

Heinz J. Kersting: Konstruktivistisch-systemische Supervision und Beziehung. Ermunterung zu einem neuen Forschungsprogramm (edition ferkel)

Auf den Supervisionstagen in Freiburg im Jahr 2000 monierte ich in einem Vortrag, dass konstruktivistisch-systemische SupervisorInnen in ihren Beschäftigungen mit der Theorie der Supervision die affektive Seite der konstruktivistisch-systemischen Supervision in der Regel nicht in den Blick nehmen. Ich wurde von einigen TeilnehmerInnen scharf kritisiert mit dem Hinweis, dass vor allem die SupervisorInnen, die ihre Wurzeln in der Sozialen Arbeit haben, den Beziehungsaspekt der Supervision berücksichtigten und was, so bemerkten sie, hätte mehr mit Affekten zu tun als die Beziehung zwischen SupervisorIn und SupervisandInnen. Ja, sie würden im wesentlichen den Erfolg ihrer Supervisionen auf die gelungene Beziehung zwischen SupervisorIn und SupervisandInnen zurückführen. Ich hätte mich in meiner Kritik klarer ausdrücken sollen (…). Ich bestreite nicht, dass den handelnden SupervisorInnen – und das mag vor allem für die, die in der Sozialen Arbeit beruflich sozialisiert wurden – der Aufbau, das Durchtragen der Beziehung und das sich Wiederlösen aus der Beziehung ganz besonders wichtig ist. Ich selbst bin davon überzeugt, dass die Qualität der personalen Begegnung zwischen SupervisorIn und SupervisandInnen wesentliches zum Erfolg der Supervision beiträgt (…).

Rudolf Klein: … Trinken hält Leib und Seele zusammen. Zur systemischen Konzeptualisierung süchtigen Trinkens (Erstveröffentlichung 2002 in: Familiendynamik 27(3), S. 259-296)

Die Herausforderung für eine an der Systemtheorie angelehnte Beschreibung »süchtigen Trinkens« besteht darin, die bereits von Feuerlein (1979) beschriebene und kaum ernsthaft anzuzweifelnde Trias von biologischen, psychischen und sozialen Faktorengruppen in ihrer jeweiligen Relevanz und in ihrem Zusammenwirken für die Entwicklung eines süchtigen Trinkens hinreichend darstellen zu können (Feser 1986). Dabei geht es in einem ersten Schritt weniger um die Frage, wie die einzelnen Faktoren beim Prozess der Sucht gewichtet werden müssen (Küfner 1981), sondern auf welche Art die unterschiedlichen Operationen der drei Faktorengruppen und deren Zusammenwirken konzeptualisiert werden können. In einem zweiten Schritt wird eine solche Konzeption in einen historisch-gesellschaftlichen und anthropologischen Kontext gestellt. Der dritte Schritt liefert eine konsistente Beschreibung eines idealtypischen Verlaufs der systemischen Therapie süchtigen Trinkens. Besonderer Augenmerk liegt dabei auf dem Timing und einer speziellen Abfolge therapeutischer Schritte.

Rudolf Klein: Profanisierungen und Sakralisierungen – zur Bedeutung von Familienaufstellungen in der Systemischen Therapie (Erstveröffentlichung 1998 in ZSTB 16 (3), S. 164-175)

Der Autor unternimmt den Versuch, Familienaufstellungen nach Bert Hellinger als therapeutische Übergangsrituale zu interpretieren. Dabei setzt er sich mit der Frage auseinander, inwiefern Familienaufstellungen eine wichtige Ergänzung im Rahmen systemischer Therapie darstellen können.

Heiko Kleve„Heinz Kersting als Supervisor, Sozialarbeiter, Handlungsforscher, Sozialarbeitswissenschaftler und Konstruktivist – Beobachtung eines Beobachters“ (Erstveröffentlichung in: Heinz J. Kersting (2002): Zirkelzeichen. Supervision als konstruktivistische Beratung. Aachen: Kersting Verlag, S. 287-311)

Im folgenden werde ich meine Beobachtungen des wissenschaftlichen Weges von Heinz Kersting darlegen. Ich habe diesen Beitrag für seine Festschrift anlässlich seines 60. Geburtstags verfasst (Kleve 1997a). Ich betrachte Heinz Kersting als einen (sozialarbeits-)wissenschaftlichen Autor, dessen Publikationen für die Herausbildung meiner eigenen Themenschwerpunkte richtungsweisend waren und sind; und dies vor allem, weil Heinz Kersting wohl einer von den ersten Sozialarbeitswissenschaftlern oder Supervisoren war, die begannen, Soziale Arbeit, Supervision oder Beratung schlechthin kommunikationstheoretisch und konstruktivistisch zu reflektieren. Diese Reflexionen zeichnen sich für SozialarbeiterInnen und andere psychosoziale BeraterInnen nicht zuletzt durch ihre praktische Anschlussfähigkeit aus.

Heiko Kleve: Soziale Arbeit als konstruktivistische Praxis. Anregungen für ein postmodernes Verständnis von Sozialarbeit (Erstveröffentlichungen 1997 in „Soziale Arbeit“ sowie 2003 in Heiko Kleve: Sozialarbeitswissenschaft, Systemtheorie und Postmoderne. Grundlegungen und Anwendungen eines Theorie- und Methodenprogramms. Freiburg/Br.: Lambertus, S. 30-44.)

In dem Beitrag wird Sozialarbeit mit Hilfe der konstruktivistischen Erkenntnistheorie reflektiert. Denn SozialarbeiterInnen sind bei jedem KlientInnenkontakt in erster Linie mit erkenntnistheoretischen Problemen der Beschreibung, Erklärung und Bewertung sozialer Realität konfrontiert. Diese Probleme werden in einen soziologischen und wissenschaftstheoretischen Kontext gestellt, um davon ausgehend, einige praktisch relevante Beschreibungsmöglichkeiten für eine postmodern aufgeklärte Sozialarbeit abzuleiten.

Heiko Kleve: Fritz B. Simons klinische Epistemologie – oder: Über die Verrücktheit, nach logischen Regeln zu leben (Erstveröffentlichung in Heinz J. Kersting (Hrsg.): Der Zirkel des Talos. Gespräche mit Systemischen TherapeutInnen. Aachen 1999)

Der Heidelberger Psychiater und Psychoanalytiker Fritz B. Simon kann ohne Übertreibungen als einer der bedeutendsten und innovativsten systemischen Therapeuten und Theoretiker betrachtet werden. Wie kaum einem anderen ist es Simon gelungen, die rasanten Entwicklungen der kybernetischen, systemtheoretischen und konstruktivistisch-differenztheoretischen Forschungen aufzunehmen und in seinen Ansätzen zur systemischen Fundierung psycho- und familientherapeutischen Handelns zu integrieren bzw. auszubauen (…). Neben Helm Stierlin, Arnold Retzer, Gunther Schmidt und Gunthard Weber wird Fritz B. Simon zur sogenannten ‚Neuen Heidelberger Schule‘ gezählt, in welcher an der Entwicklung einer grundlegenden systemischen Therapiemethodik insbesondere zur Behandlung von PatientInnen gearbeitet wird, die als psychotisch diagnostiziert wurden (…).

Wolfram K. Koeck: Erkennen = (Über-)Leben. Bemerkungen zu einer radikalen Epistemologie (Erstveröffentlichung 1983 in: Zeitschrift für systemische Therapie (1)1, S. 45-55)

Die besondere Fähigkeit, die Welt zu erkennen, sie durch Wissen zu beherrschen und zu überwinden, gesteht der Mensch nur sich selbst zu, gleichgültig ob er sie auf göttliche Transzendenz oder säkulare Mechanismen (etwa einer kosmischen Evolution) zurückführt. Als inbegriff der Optimierung solchen Erkenntnisvermögens gilt heute weithin unbezweifelt die moderne Wissenschaft, der gleichsam das Monopol zugestanden wird, sichere und allgemeingültige (objektive und absolut wahre) Erkenntnis zu liefern und zu garantieren. Die weltweite Privilegierung solcher wissenschaftlicher Erkenntnis-Suche und Erkenntnis-Produktion wird einhellig durch ihre bisherigen Leistungen für das (Über-)Leben und den zivilisatorisch-kulturellen Fortschritt der Menschheit gerechtfertigt. Wissen-(schaft) ist daher Macht: die auf empirisch bewährten, rational begründeten und exakt formulierten Theorien der Naturwissenschaften ruhende moderne Technik unserer Industriegesellschaften allerdings belegt dies, besser noch die meist unbemerkte und doch überaus folgenreiche „normative Kraft“ des von den Human- und Sozialwissenschaften geschaffenen „Faktischen“, etwa im Gesundheits- und Erziehungswesen oder im Wandel der Formen und Moden alltäglichen Zusammenlebens. Die Entzauberung und Trivialisierung der Welt wird zwar oft (professionell) beklagt, aber als erträglicher – und in jedem Fall unvermeidlicher – Preis für ihre Kontrollierbarkeit, ja Machbarkeit angesehen (oder ohnehin nur als ein Generationenproblem), das Erlebnis der Überlegenheit und Macht des auf sich allein gestellten menschlichen Verstandes nährt vielmehr immerfort die Hoffnung, sich die Welt tatsächlich untertan zu machen, das verlorene Paradies – oder ein irdisches Schlaraffenland – allein mit den Mitteln der emanzipierten menschlichen Vernunft herzustellen, die immer wieder so schmerzlich erlebte eigene Vergänglichkeit und Schwäche aus der Welt zu schaffen. Die Wahrheit – der Wissenschaft – soll den Menschen endgültig befreien.

Oliver König: Vom Nutzen der Gruppendynamik für die Supervision (Erstveröffentlichung in DGSv aktuell 4/04)

Der folgende Artikel wurde geschrieben für DGSv aktuell (4/2004), der Zeitschrift des Berufsverbandes für Supervision, der Deutschen Gesellschaft für Supervision. Er war Teil einer „Reihe kompakter Fachbeiträge aus den jeweiligen Blickwinkeln supervisorischer ‚Schulen’“, so die Vorbemerkung der Redaktion. Dem Artikel zur Gruppendynamik vorausgegangen waren entsprechende Artikeln zum systemischen Ansatz, der Psychoanalyse sowie der Gruppenanalyse, auf die ich kurz Bezug nehme, um neben den fachlichen Fragen auch die berufsständischen Themen kommentieren zu können, die bei dieser Aufsatzreihe von Anfang mitschwangen. In den weiteren Ausgaben folgten bislang Artikel zum Dreieckskontrakt, zum Integrativen Ansatz, sowie zum personenzentrierten Ansatz. Die Aufsätze werden von der DGSv gemeinsam in einer Broschüre veröffentlicht werden.

Oliver König: Die Rolle der Familie in der Soziologie unter besonderer Berücksichtigung der Familiensoziologie René Königs (Erstveröffentlichung 1996 in Familiendynamik Heft 3, S. 239-267)

Mein Vater René König (1906-1992) war einer der bedeutendsten (Familien)Soziologen der Nachkriegszeit. Seine erste, im engeren Sinne soziologische Buchveröffentlichung (vgl. Aleman 1992) waren seine „Materialien zur Soziologie der Familie“, 1946 noch in der Schweiz erschienen, wo er in Zürich als Emigrant von 1937 bis 1953 gelebt hat. Basis für diese Veröffentlichung war ein Gutachten für den Schweizer Bundesrat gewesen. Zugleich fällt dies mit seiner eigenen Familiengründung zusammen. 1946 lernte er seine spätere Frau, meine Mutter, kennen. Sie heirateten Anfang 1947, im November 1947 wurde mein Bruder, vier Jahre später wurde ich geboren, ebenfalls in Zürich. „Bislang wusste ich alles über die Familie“, so erzählte mir meine Mutter in Vorbereitung für diesen Aufsatz eine selbstironische Äußerung von ihm, die er in seiner Vorlesung in Zürich zu machen pflegte, „nun habe ich selber eine und weiß gar nichts mehr“.

Oliver König: Geben und Nehmen. Soziologische Annmerkungen zu einem psychotherapeutischen Konzept. (Erstveröffentlichung 1997 in Familiendynamik Heft 2, S. 200-223)

Aus soziologischer Sicht stellt sich der in den letzten Jahren bekannt gewordene psychotherapeutische Ansatz Bert Hellingers, der u.a. an die kontextuelle Therapie von Boszormenyi-Nagy anschließt, als Austauschtheorie dar. Die zugrundeliegenden Annahmen spielen eine zentrale Rolle in den Arbeiten der Ethnologen bzw. Soziologen Marcel Mauss und Claude Levy-Strauss, sowie dem mikrosoziologischen Ansatz von George C. Homans sowie den daran anschließenden Rational-Choice Theorien. Beide Varianten von Austauschtheorien sind in der Soziologie sowohl auf das Generationen- wie auf das Geschlechterverhältnis angewandt worden. Zum Abschluss werden die Überlegungen von Hellinger auf dem Hintergrund der dargestellten soziologischen Beiträge interpretiert.

Robert Kötter: Mobiles Coaching (das Raumgefühl, die Jurte und die Praxis), Originalbeitrag

Aus der Beschäftigung mit mobilen Räumen entwickele ich eine Skizze von mobilem Coaching. Durch Beispiele aus der Philosophie, aber auch aus nomadischen Kulturen entwickle ich Mobilität als ein tragbares Konzept für psycho-soziale Arbeit. Dabei steht die Frage: „Wie kann Vertrauen und Geborgenheit an einem Ort geschaffen werden, der den Gesprächspartnern neu ist?“ im Vordergrund. Es zeigt sich, dass Rituale eine wichtige Rolle bei der Beantwortung dieser Frage spielen können.

Sabine Kötter und Manfred Cierpka: Besuchskontakte in Pflegefamilien. Eine empirische Untersuchung zur Dynamik im Beziehungsdreieck „Pflegeeltern-Pflegekind-Herkunftseltern“. (Erstveröffentlichung 1997: System Familie 10(2), S. 75-80)

Im Zuge der kontrovers geführten und wenig wissenschaftlich fundierten Debatte über das Verständnis der Pflegefamilie als Ersatz- oder Ergänzungsfamilie sind Besuchskontakte zwischen Pflegekind und seinen Herkunftseltern umstritten. Auf diesem Hintergrund wird eine Studie vorgestellt, die an 51 Pflegefamilien den Einfluss von Besuchskontakten auf die erweiterte Pflegefamilie untersucht. Der Vergleich von Pflegefamilien mit laufenden, mit abgebrochenen sowie ohne Besuchskontakte zeigt, dass ein Erhalt der Beziehung des Pflegekindes zu seinen Herkunftseltern nur über Besuche möglich ist. Die meisten Pflegeeltern haben jedoch die Vorstellung einer quasileiblichen Familie, empfinden Besuchskontakte als zusätzliche chronische Belastung und lehnen sie ab. Abbrüche der Besuchskontakte minimieren die Chance einer Auseinandersetzung des Pflegekindes mit den eigenen Wurzeln. Aus den Ergebnissen werden einige Auswahlkriterien für Pflegefamilien abgeleitet, in denen Besuchskontakte geplant sind. Es sollte jeweils in einer einzelfallbezogenen Diagnostik darüber entschieden werden, welche Lösung (mit oder ohne Besuchskontakte) für das Pflegekind, die Pflegeeltern und die Herkunftseltern am besten geeignet erscheint.

Alexander Korittko: Bilder, von denen wir uns kein Bild machen. Sequentielle Traumatisierung bei Kindern und Jugendlichen durch Krieg und Flucht. Erstveröffentlichung 2002 in ZSTB 20(3), S. 175-180)

Über 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges sehen wir in zwei Fernsehdokumentationen Bilder des Krieges und der Flucht der deutschen Zivilbevölkerung 1945. Männer und Frauen, die damals Kinder waren, berichten von ihren erschütternden Erlebnissen, die Bilder davon sind unauslöschlich in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Die Autoren der Reihe „Die große Flucht“ (ZDF) fühlen sich „verblüffend“ an das jüngste Geschehen in Ex-Jugoslawien erinnert. Ich will in diesem Artikel den Versuch unternehmen, in einer Verknüpfung des Schicksals einer bosnischen Familie mit den Berichten von Menschen, die den Zweiten Weltkrieg und dessen Ende als Kinder erlebt haben, die Auswirkung von sequentiellen Traumatisierungen zu beschreiben.

Alexander Korittko, Lutz-Ulrich Besser: Alptraum Eschede: Zwischen Trauma und Trauer (Vortrag auf dem 5. Europäischen Familientherapiekongress in Berlin 2004)

Am 6. Juni 1998 verunglückte der ICE „Conrad Wilhelm Röntgen“ von München nach Hamburg nahe der Ortschaft Eschede in Niedersachsen. 101 Menschen starben, sehr viel mehr wurden verletzt. Innerhalb von 15 Minuten erreichten Rettungsmannschaften, Sanitäter und Notfallärzte den Unglücksort. Über 1.000 Menschen waren fünf Tage und Nächte mit der Bergung von Verletzten und Toten beschäftigt. Eine Reihe von Zufällen führten dazu, dass schnell geholfen werden konnte. Ein Jahr zuvor ereignete sich eine Brandkatastrophe in der selben Gegend. In der Folgezeit hatten Feuerwehren und Rettungseinheiten einen differenzierten Notfall-Plan ausgearbeitet, der zu einer besseren Zusammenarbeit führte, als in anderen Gegenden Deutschlands. Zum zweiten fand zum Zeitpunkt des Unglücks in der Medizinischen Hochschule Hannover die Jahrestagung der Notfallärzte Deutschlands statt, 30 km von Eschede entfernt. Zum dritten hatte einen Monat zuvor die erste deutsche Tagung zum Thema „Post-traumatischer Stress“ stattgefunden, das Feld der Psychologie und Psychotherapie hatte ein klareres Bewußtsein über Post-traumatische Stress-Belastung entwickelt.

Anna Margarete Krätschell: Die Vergangenheit ist nicht vergangen. (Erstveröffentlichung 2000 in: System Familie 13(3), S. 149-153)

Es wird eine Familie vorgestellt, in der vor dem familiengeschichtlichen Hintergrund der Vernichtung der Vorfahren im KZ sich ein Muster herausgebildet hat, nach dem die Familie (meist mit allein erziehender Mutter) sich nach außen abschließt, nach innen im gemeinsam benutzten Bett die Familiengrenzen auflöst und nach dem schließlich die Toten durch immer wieder neu hinzukommende Kinder ersetzt werden. Im Zentrum der Beratung, ergänzt durch Supervision von Kindergärtnerinnen, die mit der Stummheit von 2 Kindern aus dieser Familie außerhalb ihres Zuhauses nicht zurechtkommen, steht die Ablösung der Mutter von ihrer eigenen Herkunftsfamilie, als deren konkreter erster Schritt die Auflösung des „Familienbetts“ erfolgt. Im Kommentar zu diesem Fallbericht lenkt der Autor den Blick auf den „ungebrochenen Familiengründungsoptimismus“, der jedoch nicht durch eine konsolidierte Paarbeziehung gestützt ist. Stattdessen überlagert das Erinnern der ermordeten Toten die aktuelle Familiensituation, und die Autorin sowie Kommentator sind sich darin einig, dass die Ablösung von der eigenen Herkunftsfamilie der Schlüssel zur Autonomisierung dieses Familiensystems ist.

Allert, Tilman (2000): Kommentar zu Krätschell: „Die Vergangenheit ist nicht vergangen“. (Erstveröffentlichung 2000 in: System Familie 13(3), S. 153-155)

Jürgen Kriz: Über die Schwierigkeit systemisch zu narrativieren. (Erstveröffentlichung 1998 in System Familie 11(3), S. 105-111)

In Ergänzung zu einem früheren Beitrag, in dem die Unangemessenheit klassischer Methoden zur wissenschaftlichen Untersuchung von systemischen Phänomenen herausgearbeitet und kritisiert worden war, wird nun die grundsätzliche Unangemessenheit unserer indoeuropäischen Sprachtruktur zur Vermittlung systemischer Konzepte und Einsichten herausgearbeitet. Dynamische Prozesse, mit der typischen Vernetzheit der Phänomene und zirkulären Beziehung zwischen Täter- und Opferdynamiken, lassen sich kaum angemessen in einer dinghaften, an einfach-isolierbaren Ursache-Wirkungs-Ketten orientierten Sprache darstellen. Dies wird u.a. exemplarisch am systemisch verstandenen Phänomen der „Macht“ aufgezeigt und diskutiert.

Jürgen Kriz: Pragmatik systemischer Therapie-Theorie. Teil I: Probleme des Verstehens und der Verständigung (Erstveröffentlichung: System Familie (1988) 1:92-102)

Vor dem Hintergrund der Pragmatik-Maxime, d.h. der Nützlichkeit für Verstehen und Verständigung, werden einige Probleme in der systemischen Literatur erörtert (1.). Nach einem Plädoyer gegen Ausgrenzung („nichtsystemischer“) therapeutischer Erfahrung (2.) geht es um Schwierigkeiten, die „Familie“ als „System“ zu konzeptionalisieren (3.) sowie um den Nutzen von Analogien (4.) und des Autopoiesis-Konzeptes (speziell Luhmannscher Prägung) für systemische Familientherapie (5.). Als Konsequenz der Kritik wird eine andere Konzeption von „Kommunikation“ (als Basiselement des „Systems“ vorgeschlagen), deren Relevanz für das Verstehen von Familientherapie in Teil II gezeigt werden soll.

Jürgen Kriz: Pragmatik systemischer Therapie-Theorie. Teil II: Der Mensch als Bezugspunkt systemischer Perspektiven (Erstveröffentlichung: System Familie (1990) 3:97-107)

Nach einer kurzen Zusammenfassung der in Teil I entwickelten Grundposition steht im Zentrum dieses Beitrages ein Abriss der „Personenzentrierten Systemtheorie“, die humanistische und systemische Aspekte zu verbinden sucht. Dabei rückt durch eine veränderte Interpunktion statt der üblichen, eher behavioristisch auf Kommunikationen zentrierten Konzeption von „Systemen“ der Mensch wieder ins Zentrum systemischer Perspektiven. Der rekonstruktive Wert dieses Ansatzes zum Verständnis klinischer Prozesse wird abschließend skizzenhaft demonstriert.

Kronmüller, Klaus-Thomas, Mechthild Hartmann, Friedebert Kröger, Günther Bergmann, Ernst Richard Petzold und Wolfgang Herzog: Die therapeutische Beziehung im familientherapeutischen Erstgespräch. (Erstveröffentlichung 1999 in System Familie 12(2), S. 57-63)

Trotz einer relativ großen Übereinstimmung bei der Konzeptualisierung der therapeutischen Beziehung in der Familientherapie wurden bislang nur wenige empirische Untersuchungen durchgeführt. Dies liegt vor allem im Fehlen von ökonomischen Meßinstrumenten zur Erfassung dieses komplexen Beziehungsgefüges begründet. In der vorliegenden Studie wurden N = 29 familientherapeutische Erstgespräche bei Familien mit einer essgestörten Tochter untersucht. Das Interaktionsverhalten wurde mit der Fragebogenversion des „Systems für die mehrstufige Beobachtung von Gruppen“ (SYMLOG) erfasst. Zentrale Annahmen zur Gestaltung der therapeutischen Beziehung im Sinne eines einflussnehmenden, aktiv strukturierenden, freundlich bezogenen und zielorientierten Therapeutenverhaltens konnten bestätigt werden. Es gelang, verlaufsprognostisch bedeutsame Beziehungsmuster zu identifizieren. Hierbei erwies sich das Interaktionsverhalten zwischen den beiden Therapeuten als besonders relevant. Die Ergebnisse verweisen auf die Bedeutung der therapeutischen Beziehung für die Behandlung und zeigen die Möglichkeit auf, die komplexen Beziehungen in der Familientherapie mit SYMLOG abzubilden. Aufgrund ihrer Ökonomie ist diese Methode auch geeignet, die Ausbildung und Supervision von Familientherapeuten zu verbessern.

Krüger-Lebus, Susanne & Udo Rauchfleisch: Zufriedenheit von Frauen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit und ohne Kinder. (Erstveröffentlichung 1999 in System Familie 12(2), S. 74-79)

Es wird die partnerschaftliche Zufriedenheit von 71 kinderlosen lesbischen Paaren und 35 lesbischen Paaren mit Kindern untersucht. Weiterhin wird geprüft, ob Unterschiede in der subjektiv erlebten Beziehungsqualität zwischen biologischen und sozialen Müttern bestehen. Neben der Erfassung soziodemographischer Daten werden verschiedene Fragebögen verwendet. Die Probandinnen berichten über ein hohes Maß an Zufriedenheit in ihren lesbischen Partnerschaften. In der Beurteilung der Qualität ihrer Zweierbeziehung unterscheiden sich – im Gegensatz zu heterosexuellen Paaren – kinderlose lesbische Frauen nicht von lesbischen Paaren mit Kindern. Zwischen biologischen und sozialen Müttern ergeben sich keine Unterschiede hinsichtlich partnerschaftlicher Zufriedenheit, Befindlichkeit und Belastungsausmaß. Sie sind auch gleichermaßen zufrieden mit der Aufgabenverteilung im Haushalt. Hingegen kommt es zu einer Spezialisierung zwischen biologischen und sozialen Müttern im Hinblick auf die Verantwortlichkeit bei der Kinderbetreuung und der Erziehungsarbeit, wobei die letztere vor allem von den biologischen Müttern geleistet wird und bei ihnen zu einer signifikant größeren Unzufriedenheit mit der Arbeitsteilung in diesem Bereich führt.

Marianne Krüll: M. = Max = Marianne = Mann? (Erstveröffentlichung in: Zeitschrift für systemische Therapie  7(2), 1989 und in: Ethik und Sozialwissenschaften – Streitforum für Erwägungskultur 2(2), 1991.

1989 erschien in der Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung eine Kampfansage von Marianne Krüll gegen eine bestimmte Verlagspraxis, nämlich die Geschlechtszugehörigkeit von AutorInnen bei Literaturangaben durch die bloße Nennung von Initialen der Vornamen unsichtbar zu machen. Hinter dieser Praxis vermutete sie eine systematisch gegen schreibende Frauen gerichtete sexistische Kampagne – die Beiträge von Frauen würden damit (da der Wissenschaftsbetrieb überwiegend durch Männer in Gang gehalten werde) gewissermaßen enteignet und u.U. als Produkte männlicher Erkenntnis dargestellt. Auch wenn ich die feministische Emphase dieser Darstellung nie geteilt habe (Frauenfeinde könnten Texte womöglich auch negativer bewerten, wenn sie geschlechtsspezifisch ausgeflaggt sind), war ich von diesem Text begeistert, weil er etwas thematisierte, was mich immer schon gestört hat: dass ich mir nämlich keine Vorstellungen von der Person machen konnte, die diesen Text verfasst hat, weil der Name dann nur noch eine Chiffre für die Autorenschaft ist, aber keine hinter dem Text stehende Person. Der Anteil der weiblichen Autoren im Wissenschaftsbetrieb dürfte seit 1989 deutlich zugenommen haben. Das Argument, dass Frauen mit der inkrimierten Praxis marginalisiert werden sollen, scheint mir daher mittlerweile an Überzeugungskraft verloren zu haben. Gleichzeitig ist aber deutlich zu sehen, dass es mittlerweile kaum noch Ausnahmen von der Regel gibt, d.h. wir finden nur noch selten die vollständigen Namen in Literaturverzeichnissen (ja: wir können uns noch glücklich schätzen, wenn wir überhaupt noch ein vollständiges Literaturverzeichnis in einer Zeitschrift finden dürfen). Gerade als Systemiker sind uns aber die Angaben zu den AutorInnen (Geschlecht, Nationalität, Herkunft, Arbeitsfeld) doch wichtige Kontextinformationen, weil Texte nicht für sich selbst sprechen, sondern beobachterabhängig sind. Im Kontext, der Zeitschrift, die ich selbst mit herausgebe, ist die Reduzierung auf das Initial des Vornamens genauso Praxis wie in der Zeitschrift, in der dieser Text 1989 erschienen ist. Für mich ein Grund, diese Praxis noch einmal mit dem Verlag zu diskutieren. Insofern danke ich Jürgen Hargens für die Anregung, diesen Beitrag im systemagazin nach 25 Jahren wieder zu veröffentlichen und Marianne Krüll für die Zustimmung.

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