Vor einiger Zeit wies mich Wilhelm Rotthaus auf einen interessanten Artikel des kanadischen Familientherapeuten Allan Wade hin, der schon 1997 in der Zeitschrift Contemporary Family Therapy erschienen ist und der sich mit der Frage beschäftigt, wie der Fokus bei der Bearbeitung traumatischer Erfahrungen von der erlittenen Schädigung der Opfer, ihren Symptomen und Defiziten auf die verschiedenen Akte des Widerstands von Gewaltbetroffenen gelenkt werden kann.
Sein Aufsatz „Small Acts of Living. Everyday Resistance to Violence“ postuliert: Wo Menschen schlecht behandelt werden, leisten sie stets Widerstand – oft nicht spektakulär, aber umsichtig, kreativ und unter riskanten Bedingungen. Therapeutisch bedeutsam ist daher nicht allein die Frage, was Gewalt mit einem Menschen gemacht hat, sondern auch, wie er oder sie darauf geantwortet, sich geschützt, widersprochen, sich innerlich entzogen oder ein anderes Leben entworfen hat.
Wade wendet sich gegen eine klinische Sprache, die Reaktionen auf Gewalt vorschnell als Symptome oder Pathologien beschreibt: Depression, Vermeidung, mangelnde Durchsetzungsfähigkeit, Dissoziation oder Rückzug. Solche Beschreibungen können reale Folgen von Gewalt benennen, verdecken aber leicht, dass Rückzug, Schweigen, innere Distanzierung, Anpassung, Täuschung oder auch scheinbar widersprüchliches Verhalten Gewaltbedingungen Formen der Selbstbehauptung und des Überlebens sein können.
Wades Widerstandsbegriff ist entsprechend weit gefasst. Er versteht darunter jedes mentale oder praktische Handeln, durch das jemand Gewalt abwehrt, ihr ausweicht, sie begrenzt, ihre Deutung zurückweist, sich ihr nicht innerlich unterwirft oder an einer Vorstellung von Respekt und Gleichheit festhält. Entscheidend ist nicht, ob ein Verhalten von außen als heroisch oder erfolgreich erscheint, sondern welche Gefahrensituation bestand und welche Handlungsmöglichkeiten einer Person darin überhaupt offen standen.
Wade betont dabei, dass offene Gegenwehr unter asymmetrischen Machtverhältnissen häufig besonders gefährlich ist, weil sie Gewalt eher verstärken kann. Gerade deshalb treten indirekte, verdeckte und körperlich oder kommunikativ minimale Formen in den Vordergrund: ein Blick, Schweigen, Vermeidung, innere Gegenrede, eine Geste der Verachtung, das Verbergen eigener Gedanken, das Suchen kleiner Schutzräume. Diese „kleinen Akte des Lebens“ sind keineswegs unerheblich, sondern können unter Bedingungen massiver Kontrolle Ausdruck von Würde und Selbstbestimmung sein.
Anhand mehrerer Fallvignetten zeigt Wade, wie eine genaue Rekonstruktion solcher Akte zur Veränderung des Selbstverhältnisses von Klienten beitragen kann. So wird bei einer als depressiv und agoraphob diagnostizierten jungen Frau sichtbar, wie sie über Jahre ihren gewalttätigen Vater konfrontierte, ihre Mutter und Geschwister schützte, Grenzen zog, sich Autoritäten widersetzte und an Vorstellungen von Respekt festhielt. Die Wiederaneignung dieser Geschichte eröffnet ihr eine Sicht auf sich selbst als handlungsfähige Person – ohne die Gewalt oder ihre Folgen zu verharmlosen.
Die Anerkennung von Widerstand konkurriert also nicht mit der Anerkennung des erlittenen Schadens! Sie verhindert vielmehr, dass die Gewalt zum alleinigen Organisationsprinzip einer Biografie wird. Therapeutische Gespräche können dann sowohl Schmerz, Angst, Verlust und Einschränkung ernst nehmen als auch die Intelligenz, die moralischen Orientierungen und die konkreten Praktiken würdigen, mit denen Menschen ihr Leben gegen die Gewalt verteidigt haben. Wades Text ist auch deshalb aktuell, weil er eine Korrektur an einer problematischen Überhöhung all dessen vornimmt, was heute mit dem Begriff des Traumas assoziiert wird. Dieser Hype stellt die Bearbeitung psychischer Traumata häufig als außergewöhnlich kompliziertes Spezialgebiet dar: als etwas, das nur durch eigens zertifizierte Experten, spezifische Verfahren und ein besonders sensibles Vokabular verantwortungsvoll zu behandeln sei. Das kann dazu führen, dass Therapeuten sich vor Gewaltgeschichten zurückziehen, sie an Spezialangebote delegieren oder Begegnungen vorschnell entlang einer traumadiagnostischen Logik organisieren, anstatt zu realisieren, das die Arbeit mit traumatischen Erfahrungen zum Grundbestand jeder psychotherapeutischen Tätigkeit gehört.
Natürlich verlangt Arbeit mit schweren Gewalt- und Missbrauchserfahrungen fachliche Sorgfalt, Schutz vor Retraumatisierung, eine sensible Machtanalyse und gegebenenfalls spezialisierte Hilfe. Wades Beitrag widerspricht dem nicht, erinnert aber daran, dass die Fähigkeit, Gewaltfolgen ernst zu nehmen, Kontext und Machtverhältnisse zu berücksichtigen, Selbstbeschuldigungen nicht zu reproduzieren und vorhandene Handlungsfähigkeit sichtbar zu machen, keine exklusive Zusatzkompetenz sein sollte.
Gerade die therapeutische Fixierung auf „Trauma“ kann unbeabsichtigt jene Entmündigung wiederholen, die Gewalt hervorgebracht hat: Der Mensch erscheint dann vor allem als beschädigt, dysreguliert oder behandlungsbedürftig. Wade stellt eine andere Perspektive in den Vordergrund. Nicht die Frage nach dem verborgenen traumatischen Defekt steht im Zentrum, sondern eine präzise, respektvolle Untersuchung dessen, was Menschen angesichts von Gewalt getan, gedacht, verweigert, geschützt und aufrechterhalten haben.
Ein toller Artikel, vielen Dank!