Florian Koschitz ist Wirtschaftswissenschaftler und systemischer Therapeut und Berater in Berndorf/Österreich. Seine familientherapeutische Ausbildung hat er an der Lehranstalt für Systemische Familientherapie in Wien absolviert. In der von der Lehranstalt herausgegebenen Zeitschrift Systemische Notizen hat er 2018 einen Beitrag mit dem Titel „Ich will so bleiben, wie ich bin – nur anders! Paradoxien als ein Zugang zu systemischer Therapie“ veröffentlicht – eine systematische Perspektive auf Paradoxien als therapeutisches Erkennungs- und Interventionsinstrument. Seine zentrale These lautet, dass sich viele therapeutische Anliegen als innere Widersprüche oder Paradoxien beschreiben lassen, deren Erkennen den Weg zur Veränderung eröffnet.
Der Autor verankert Paradoxien historisch in der Philosophie und zeigt ihre kulturübergreifende Bedeutung in religiösen und spirituellen Traditionen auf, von der griechischen Philosophie über buddhistische Koāns bis hin zu mystischen Traditionen in Christentum, Islam und Judentum. Für die systemische Therapie greift Koschitz auf die theoretischen Grundlagen von Bateson, Watzlawick sowie die Typentheorie von Russell und Whitehead zurück.
Koschitz beschreibt charakteristische somatische Indikatoren des Erlebens paradoxer Botschaften und Glaubenssätze bei Klienten, zu denen Verzweiflung, Anspannung im Magenbereich, Verwirrung sowie das Gefühl orientierungsloser Bodenlosigkeit gehören. An einem Fallbeispiel zeigt er, wie die Strukturformel der Paradoxie, dass „gleichzeitig α und nicht α“ gilt, in eine unendliche Rekursion durch negativen Selbstbezug führt, die die Klientin in einer oszillierenden Dynamik zwischen zwei unvereinbaren Polen gefangen hält.
Zu den charakteristische Verhaltensweisen von Menschen in paradoxen Situationen gehören Koschitz zufolge der Abbruch der Kommunikation, das Leugnen von Widersprüchlichkeit, die Zuschreibung auftretender Unannehmlichkeiten als Eigenartigkeit einer Person als „Indexpatienten“, unklare und verwirrende Bezugnahmen auf andere Kommunikationen sowie das dogmatische Festhalten an wortwörtlichen Bedeutungen.
Die therapeutische Arbeit zielt für Koschitz auf eine Metapositionierung als „via regia“ – den Königsweg aus der Paradoxie. Koschitz verdeutlicht dies anhand von Viktor Frankls bekanntem Beispiel zweier Menschen, die darüber streiten, ob das vor ihnen liegende Objekt ein Kreis oder ein Rechteck sei. Die Auflösung liegt im Dimensionsgewinn: Beide blicken auf denselben Zylinder, aber aus unterschiedlichen Perspektiven auf Grundriss und Aufriss. Durch Dimensionsgewinn, neue Prämissen oder Perspektivenwechsel kann die paradoxe Struktur aufgelöst werden, indem eine Grundannahme ergänzt wird, die das Problem anders betrachten lässt.
Eine mögliche Konsequenz liegt für den Autor darin, dass bereits das Benennen der paradoxen Struktur die zugrundeliegende Dynamik verändern kann. Wenn es gelingt, oft jahrelanges, sprachlich kaum fassbares Leid in wenigen Sätzen zum Ausdruck zu bringen, reagieren Klienten fast immer mit Zustimmung und augenblicklicher Erleichterung. Dieser Moment des Verstanden-Werdens eröffnet eine erste Meta-Position und damit eine Selbstbeobachterposition, die vom reinen Ausgeliefertsein zur bewussten Wahrnehmung führt. Die Klientin oder der Klient erlebt sich nicht mehr nur als „Passagier“ der Dynamik, sondern gleichzeitig als Beobachter, was emotional deutlich weniger anstrengend ist und neue Handlungs- und Sichtweisen ermöglicht.
Der Artikel verweist abschließend auf etablierte Interventionsformen wie das Tetralemma von Varga von Kibéd und Sparrer, das Werte- und Entwicklungsquadrat bei Schulz von Thun sowie paradoxe Interventionen bei Watzlawick, Palazzoli und therapeutische Doppelbindungen bei Milton Erickson als konkrete Anwendungen paradoxietheoretischen Denkens.