Alexander Trost, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und bis zu diesem Sommer Professor für Sozialmedizin, Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Kath. Hochschule NRW in Aachen, beschäftigt sich seit Jahren mit Bindungstheorie in Lehre und Forschung. Mit seinem „Aachener Bindungsforschungsteam“ führt er derzeit ein Online-Projekt zur Erfassung von Bindungsstilen von systemisch arbeitenden Kolleginnen und Kollegen durch. Ähnliche Untersuchungen wurden bereits z.B. bei Professionellen der Sozialen Arbeit, oder im direkten Vergleich zwischen Studierenden der Sozialen Arbeit und des Maschinenbaus, bei Ausbildungskandidaten und Mitgliedern verschiedener Ehe-Familie- und Lebensberatungsstellen /Masterstudiengänge durchgeführt.
Im Exposé zur Online-Befragung heißt es: „Die Erkenntnisse der Bindungsforschung haben in vergangenen Jahrzehnten eine große Bedeutung für das Verstehen unseres Erlebens und Handelns erlangt. Der Begründer der Bindungstheorie, John Bowlby hatte schon früh Psychoanalyse, Verhaltensforschung und systemisches Denken in einen schlüssigen Zusammenhang gebracht. Heute wissen wir, dass die durch frühkindliche interaktionelle Erfahrungen ausgestalteten und im Lebenslauf modifizierten Bindungsstile unser Denk-, Fühl- und Verhaltensrepertoire maßgeblich prägen. Das gilt auch für die therapeutische/ beraterische Arbeitsbeziehung. Das Aachener Bindungsforschungsteam lädt Sie als SG-Mitglieder herzlich dazu ein, an einer speziell auf „SystemikerInnen“ zugeschnittenen Erhebung, den eigenen Bindungsstil betreffend, teilzunehmen. Die Umfrage basiert auf dem vielfach bewährten und gut evaluierten Bielefelder Fragebogen für Partnerschaftserwartungen.
Unsere Erfahrungen mit frühen Bezugspersonen werden im Erwachsenenalter auf die Erwartungen an eine Partnerschaft übertragen. Daher gilt der BFPE als verlässliches Instrument zur Erhebung des Bindungsstils. Die Forschungsarbeit wird von der DGSF ideell unterstützt. Die Ergebnisse der Erhebung werden in einem Vortrag bei der DGSF-Jahrestagung 2016: „Systemisch – Wirksam – Gut“ in Frankfurt vorgestellt.“
Die Befragung läuft bereits seit einiger Zeit, die website des Online-Fragebogens, auf der alle weiteren Schritte erklärt werden, ist noch bis zum 22.7. freigeschaltet. Und hier geht es zur Befragung…


Heute würde Virginia Satir ihren 100. Geburtstag feiern. Sie wurde am 26. Juni 1916 in der tiefsten Provinz der USA, dem Kleinstädtchen Neillsville in Wisconsin (2010: 2.463 Einwohner) geboren. Als sie 13 war, bestand ihre Mutter darauf, dass die Familie umzog, um der Tochter den Besuch einer High School zu ermöglichen, die sie 1932 abschloss. Im gleichen Jahr begann sie ihre Ausbildung am Milwaukee State Teachers College (jetzt University of Wisconsin-Milwaukee), die sie mit einem Bachelor beendete. Nach einer Zeit der Tätigkeit als Lehrerin machte Satir noch eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin und begann schon 1951, in eigener Praxis mit Familien zu arbeiten, was zur damaligen Zeit völlig außergewöhnlich war. Ab 1955 unterrichtete sie das Fach Familiendynamik am Illinois Psychiatric Institute. In einer Zeit, in der alle namhaften Familientherapeuten Männer waren, setzte sich als einzige Frau mit großem Selbstbewusstsein durch. Ende des Jahrzehnts zog sie nach Kalifornien, wohin sie 1959 von Don D. Jackson und Jules Ruskin in das Gründungsteam des Mental Research Institute in Palo Alto bei Stanford (USA) berufen wurde. Hier übernahm sie die Leitung der Ausbildungsabteilung des Instituts und entwickelte das erste familientherapeutische Ausbildungsprogramm in den USA, das auch eine Weltpremiere darstellte.Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre war Virginia Satir auch häufig in Deutschland zu Gast, um hier Workshops und Kurse zu geben. Vor allem hat sie durch ihre Verbindung mit dem Weinheimer Institut für Familientherapie viele systemische Therapeutinnen und Therapeuten geprägt, die ihre professionelle Entwicklung im IFW begonnen haben. Die starke Orientierung an der sogenannten Mailänder Schule um Mara Selvini Palazzoli einerseits, die konstruktivistische und systemtheoretische Wende, die die Familientherapie Anfang der 80er Jahre hierzulande nahm, andererseits führte jedoch dazu, dass der Ansatz von Virginia Satir, der u.a. Arbeit mit Familienskulpturen, Familienrekonstruktion und das Konzept des Selbstwerts in den Vordergrund rückte, außerhalb der humanistisch geprägten psychotherapeutischen Szene nicht sehr breit rezipiert wurde. So habe ich Virginia Satir nie selbst erlebt, mich aber auch nicht darum bemüht, da mir ihre konzeptuellen Überlegungen nicht besonders zusagten. Ihre geschichtliche Bedeutung für die Familientherapie habe ich erst viel später realisiert.
Der systemische Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass er bei der Erklärung von (vermeintlich individuellen) Phänomenen immer die verschiedenen relevanten sozialen, historischen, ökonomischen, rechtlichen u.a. Kontexte einbezieht. Gerade bei der Frage, was als psychisches oder seelisches Problem, Krankheit oder Störung gelten kann, ist diese Perspektive von besonderer Bedeutung. Allerdings ist die Frage, inwiefern gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss auf die Entstehung psychischer Probleme nehmen oder diese sogar verursachen, schon viel älter als systemtheoretische Beschreibungen. Ob der Kapitalismus krank macht, ist eine alte soziologische Fragestellung, die aber natürlich von eminenter politischer Bedeutung ist (und seit den 60er Jahren diskutiert wird).
