
Wacht auf!
Wacht auf, – denn eure Träume sind schlecht!
Bleibt wach, – weil das Entsetzliche näher kommt.
Auch zu dir kommt es, der weitentfernt wohnt
von den Stätten, wo Blut vergossen wird,
auch zu dir und deinem Nachmittagsschlaf,
worin du ungern gestört wirst.
Wenn es heute nicht kommt, kommt es morgen,
aber sei gewiß.
„Oh, angenehmer Schlaf
auf dem Kissen mit roten Blumen,
einem Weihnachtsgeschenk von Anita, woran sie drei Wochen gestickt hat,
oh, angenehmer Schlaf,
wenn der Braten fett war und das Gemüse zart.
Man denkt im Einschlummern an die Wochenschau von gestern abend:
Osterlämmer, erwachende Natur, Eröffnung der Spielbank in Baden-Baden,
Cambridge siegte gegen Oxford mit zweieinhalb Längen, –
das genügt, das Gehirn zu beschäftigen.
Oh, diese weichen Kissen, Daunen aus erster Wahl!
Auf ihm vergißt man das Ärgerliche der Welt, jene Nachricht zum Beispiel:
Die wegen Abtreibung Angeklagte sagte zu ihrer Verteidigung:
Die Frau, Mutter von sieben Kindern, kam zu mir mit einem Säugling,
für den sie keine Windeln hatte und der
in Zeitungspapier gewickelt war.
Nun, das sind Angelegenheiten des Gerichtes, nicht unsre.
Man kann dagegen nichts tun, wenn einer etwas härter liegt als der andre.
Und was kommen mag, unsere Enkel mögen es ausfechten“
Ach, du schläfst schon? Wache gut auf, mein Freund!
Schon läuft der Strom in den Umzäunungen, und die Posten sind aufgestellt.
Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für
euch erwerben zu müssen.
Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit
der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!
Günter Eich
Das Jahr der Geistenswissenschaften? Haben wir! Jetzt. Wirklich. Und gestern ist es im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnet worden. Vom Soziologen, und Friedenspreisträger Wolf Lepenies. Seine interessante Rede ist in der heutigen Online-Ausgabe der Welt nachzulesen:„Am bedrohlichsten aber ist das Verschwinden ganzer Disziplinen. Auch wenn wir von den Biologen gelernt haben, dass zum Erhalt der Artenvielfalt keine Maximierungs-, sondern eine Optimierungsstrategie notwendig ist: Analog zum Artenschutz- benötigen wir längst ein Fächerschutzabkommen. Es steht zu befürchten, dass der sogenannte Bologna-Prozess, der in das deutsche Universitätssystem die Bachelor- und Master-Studiengänge hineinzwingt, das Todesurteil für eine Reihe kleiner Fächer bedeutet“ Und:„Im Zeitalter der Wanderungen, des Kulturenwechsels und hoher Mobilitätsansprüche an den Einzelnen helfen die Geisteswissenschaften, sich in unterschiedlichen Milieus und Lebenswelten zurechtzufinden. Die Geisteswissenschaften sind Verstehens- und Übersetzungswissenschaften – aber sie übersetzen nicht mit dem Ziel, ein einheitliches Idiom zu schaffen, in dem sich alle mühelos miteinander verständigen könnten. In den Geisteswissenschaften muss die Geschichte vom Turmbau zu Babel neu erzählt werden: Am Anfang sprachen die Menschen verschiedene Sprachen, und weil es großer Anstrengung bedurfte, sich zu verständigen, werteten sie jede gelingende Verständigung hoch; zum Konflikt kam es erst, als die Menschen ein einziges Idiom zu sprechen anfingen und nun der Illusion verfielen, sich für die Verständigung untereinander nicht mehr anstrengen zu müssen. Die Geisteswissenschaften ebnen Unterschiede nicht ein, sondern machen sie verstehend deutlich – und zeigen dabei, dass ästhetisches Vergnügen und ethische Befriedigung darin liegen, sich über erkannte Unterschiede miteinander zu verständigen. Dies ist der Sinn einer auf den ersten Blick etwas rätselhaften Bemerkung des Anthropologen Claude Lévi-Strauss: ,Nicht die Ähnlichkeiten ähneln sich, sondern die Unterschiede.‘ Das Motto für die Geisteswissenschaften steht in Shakespeares ,King Lear‘, und der Graf von Kent spricht es aus: ,I’ll teach you differences‘ – ,Ich will euch Unterschiede lehren.'“
Gestern, am 25.1., wäre Ilya Prigonine, 90 Jahre alt geworden. Der Physikochemiker und Nobelpreisträger für Chemie (1977) wurde am 25.1.1917 in Moskau geboren und übersiedelte mit seiner Familie 1921 nach Deutschland und 1929 nach Belgien, wo er 1949 die belgische Staatsbürgerschaft annahm. Er wurde weltberühmt für seine Arbeiten, in denen er sich mit dem Problem der Genererierung von Ordnung aus Chaos beschäftigte. Der berühmt gewordene Begriff der„dissipativen Strukturen“ wurde von ihm geprägt. Sein Werk ist weit über den eigenen Arbeitsbereich hinaus bekannt geworden, so auch in der Psychologie und den Sozialwissenschaften. Im Internet ist ein autobiografischer Text von ihm