Beim Kirschenklauen erwischt, oder: Wer nicht krank ist, braucht auch keine Therapie“. So betitelt Lothar Eder seinen klugen„weiteren Beitrag zur ‚Lehrbuchdebatte'“ für die Systemische Bibliothek, die an dieser Stelle bereits intensiv geführt worden ist. er kritisiert dabei sowohl die Kritiker des Lehrbuches als auch die Autoren und bringt eine interessante Wendung in die Debatte, nämlich eine Rückbindung sprachlicher Konstruktionen an ihre körperbezogenen Wurzeln. Aus dieser, metapherntheoretisch unterfütterten Argumentation, verliert der Krankheitsbegriff für ihn die Anrüchigkeit:„Angestoßen durch den Beitrag von Jürgen Hargens im systemagazin (v. 29.1.2008) als Reaktion auf Jochen Schweitzers und Arist von Schlippes ‚Erwiderung an ihre Kritiker‘ ebenfalls vom Januar 2008, möchte ich im Rahmen der sogenannten ‚Lehrbuchdebatte‘ erneut versuchen, einige Überlegungen beizusteuern. Dabei erscheinen mir sowohl die Position von Schweitzer / v. Schlippe als auch die vielleicht prototypisch für ‚die Kritiker‘ stehenden Anmerkungen von Hargens diskussionswürdig. Die beiden Autoren des Lehrbuchs I und II scheinen sich, so lassen sich einige Passagen ihrer Erwiderung deuten, ihrer Sache mit dem Krankheitsbegriff nicht so ganz sicher zu sein. Möglicherweise ist die Reaktion auch vor dem Hintergrund eines nicht erwarteten und doch recht scharfen Gegenwindes eines größeren Teils der systemischen Szene zu verstehen. Jedenfalls stellen Arist v. Schlippe und Jochen Schweitzer in ihrem Beitrag heraus, sie hielten ja selbst auch nichts vom üblichen Krankheitskonzept, aber man müsse eben in den sauren Apfel beißen, wenn man mit von der Partie sei wolle. Das klingt ein wenig nach einem Geständnis, wenn man beim vermeintlichen Kirschenklauen erwischt worden ist, sein Handeln aber damit verteidigt, man habe es nur im Dienst der Gemeinschaft getan. Man ist dann gewissermaßen ein guter Kirschendieb (d.h. ein ‚guter, weil systemisch reflektierender Verwender des Krankheitsbegriffs‘) im Gegensatz zu denen, die das ohne Gewissensbisse tun (also ‚die‘ ‚Vertreter‘ des ‚traditionellen‘ Gesundheitssystems)“
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13. Mai 2008
von Tom Levold
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Die neue Ausgabe des JoFT bringt Aufsätze zweier sehr prominenter Autoren. Carlos E. Sluzki warnt in seinem Beitrag vor einer„neugierigen“ Haltung von Therapeuten, die einen familientherapeutischen Prozess weit über die Bedürfnisse und die Erwartungen der Familie hinausführt und damit zum Gegenteil dessen wird, was Gianfranco Cecchin in seinem berühmten Aufsatz über„Neugier“ formuliert hat. Gleich zwei Beiträge stammen von John Byng-Hall, der wie kein zweiter in der englischsprachigen Szene für die bindungstheoretische Orientierung in der Familientherapie steht. Die erste Arbeit will FamilientherapeutInnen bindungs- und sicherheitsfördernde Interventionen nahebringen, der zweite Artikel beschäftigt sich mit dem Konzept der Parentifizierung, bei dem Kinder in Familien Elternrollen übernehmen und dabei in gewisser Weise ihre Kindheit verlieren. Familientherapie kann zu einer Aufhebung dieses„role reversal“ beitragen. Jan den Mol und Ann Buysse aus Belgien haben Vorstellungen über den Einfluss von Kindern auf ihre Eltern erforscht, und zwar sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern. Eine weitere Forschungsarbeit untersucht die therapeutische Beziehung in 37 Kurzzeit-Therapien aufgrund von Video-Analysen und setzt die Ergebnisse mit den Wahrnehmungen der Teilnehmer und dem Therapie-Erfolg in Beziehung.
Freiheit wiederum nichts weiter meinen kann als den Zwang zur Selbstreproduktion. Eine Profession ohne Eigenschaften ist in den Worten Heinz von Foersters ihr eigener Regler: Sie entscheidet in jedem Augenblick, wer sie ist, welche Eigenschaften sie an und welche sie ablegt, kurz: welche Form sie sich gibt“ Eine wichtige Frage für die Soziale Arbeit ist die Konzeptualisierung des Menschen, wenn man akzeptiert, dass der Mensch als Theoriebegriff nichts mehr taugt:„Wie in Bezug auf Wissen und Werte greift auch in Bezug auf den Menschen das Prinzip der Überzeugungsentbundenheit. Das meint: Sozialarbeiter müssen nicht mehr davon überzeugt sein, dass der Mensch die letzte oder höchste, jedenfalls tragende Wirklichkeitskonstante ist, doch sie finden auch keinen Grund mehr, nicht trotzdem so zu tun als ob
, um Mögliches zu ermöglichen: Man benutzt die Formel Mensch als eine Art Hebel, um andere zur Annahme von ansonsten prekären Sinnzumutungen zu bewegen. Indem man mit moralischen Untertönen an das eigene Menschsein, was immer das sei, erinnert, rührt man die Spenderherzen oder bewegt etwas in den Köpfen der Klienten. Es gehört mit anderen Worten zur Schmuddeligkeit der Sozialarbeit hinzu, den Menschen einerseits als Turbulenzquelle und Perturbator par excellence ernst zu nehmen, und ihn andererseits, sozusagen wider besseren Wissens, als Kontingenzunterbrecher, als Stopper von Beliebigkeit, als Marke, bei der der Spaß am Konstruieren sein Ende finden möge, in das Gerangel um Wirklichkeitskonstruktionen einzubringen.