
Das aktuelle Heft des„Kontext“ ist einem spannenden Experiment gewidmet. Im Mittelpunkt steht ein langer und ausführlicher anonymer Bericht eines Adoptivvaters, der von Experten der Jugendhilfe, Familientherapie und sozialen Arbeit kommentiert wird. Die Geschichte dieses Experimentes war keine einfache, was sich schon daran zeigt, dass der zugrundeliegende Text bereits vor zwei Jahren bei der Redaktion eingegangen ist. Im Editorial heißt es:„Es ist ein ganz aus der Perspektive eines engagierten, fachlich versierten (der Adoptivvater ist selbst Psycho- und Familientherapeut), aber zugleich durch seine Tochter und das Jugendamt sich verletzt fühlenden Vaters geschrieben theoretisch würde man sagen: eher linear als zirkulär. Aber hier geht es um tiefe Gefühle der Kränkung, Ohnmacht, Frustration und des sich von der Umwelt im Stich gelassen Fühlens; und wie sollten diese den Nerv der Existenz treffenden Erfahrungen anders als linear zum Ausdruck gebracht werden? Die Perspektiven der anderen beteiligten Personen und Institutionen kommen kaum ins Spiel, wenn aber, dann unter der Wahrnehmungs- und Beurteilungsperspektive des Vaters. Zugleich ist der Bericht sehr selbstreflexiv angelegt denn es handelt sich bei dem Autor um einen Fachmann; doch auch diese Selbstreflexion bezieht die Perspektive der anderen kaum mit ein. Andererseits zeigt der Bericht, mit wie viel Liebe, Engagement und Verantwortungsbewusstsein sich die Adoptiveltern um die Beziehung zu »ihrem« Kind bemühten, das schon als Baby zu ihnen kam. Wir alle waren von dem Text sehr betroffen, ambivalent in der Reaktion und
unsicher im Bezug auf die Frage : Was sollen wir mit diesem Text anfangen? Ihn einfach in einer der nächsten Ausgaben zu veröffentlichen, war unmöglich. Von seiner Länge her hätte er alle anderen Beiträge in den Hintergrund gedrängt. Aber auch die konsequente Beibehaltung der eigenen Perspektive betrachteten wir als ein Problem : Das Jugendamt erschien als »Täter«, die Eltern, hier vor allem der Vater und letztlich auch die Adoptivtochter als dessen Opfer“
Wie weiter berichtet, erwies sich nicht nur aufgrund der Anonymität des Autors (die bis heute für die Herausgeber fortbesteht) die Kommunikation mit ihm als schwierig, es war auch nicht leicht, in Frage kommende Kommentatoren zu finden. Auch ein abschließender Text des Autors kam nicht zustande. Dennoch entschieden sich die Herausgeber zur Veröffentlichung, weil„endlich einmal die die andere Seite Sozialer Arbeit, Beratung und Therapie, nämlich die Adressatenseite, zum Zuge kommt zumindest durch die Feder eines Betroffenen, der über genügend Mut, soziale und intellektuelle Kompetenzen verfügt, um sich öffentlich zu artikulieren. Diese Seite zu hören, ernst zu nehmen, wertzuschätzen und dialogisch für den weiteren Hilfeprozess zu nutzen, auch wenn sie uns kränkt, verletzt und in unserem professionellen Selbstwert trifft, ist ja eine wesentliche Forderung an die systemische Praxis (und nicht nur an diese)“
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In der Zeitschrift„Soziale Systeme“ erschien 2004 ein bemerkenswerter Beitrag von Harald Wasser, Autor zahlreicher Publikationen u.a. zu den Themen Medientheorie, Systemtheorie, Psychologie, Hirnforschung und Psychoanalyse, der sich mit der Problematik des Ausschlusses des Unbewussten aus der Luhmannschen Systemtheorie beschäftigt, für die das psychische System mit Bewusstsein zusammenfällt. Der Artikel ist auch im Internet zu lesen. In der Zusammenfassung heißt es:„Durch aktuelle Forschungen veranlasst gehen zunehmend auch psychologische Strömungen, die teilweise über Jahrzehnte konträr zu Freuds Ansichten gestanden hatten, davon aus, dass die Psyche nicht nur bewusst, sondern auch unbewusst operieren kann. Nun lässt sich, wenn man Luhmann beim Wort nimmt, systemtheoretisch kein Unbewusstes konstruieren. Damit ist für die Systemtheorie die Möglichkeit, an derartige Forschungen bzw. Forschungsrichtungen anzuschließen, verbaut. Entgegen des transdisziplinären Versprechens, das Luhmann gegeben hatte, können somit aber nur bewusstseinsphilosophisch-kognitivistische Psychologien von Systemtheoretikern berücksichtigt werden. Das wäre – so bedauerlich es ist – vertretbar, wenn es sich konsequent aus der systemtheoretischen Theoriearchitektur ableiten ließe. Der Artikel versucht nachzuweisen, dass genau dies aber nicht der Fall ist. Ganz im Gegenteil ergibt sich die Rejektion der Annahme, die Psyche könne auch unbewusst operieren, aus einem einzigen Postulat, das nicht nur revidierbar ist, sondern aus ganz verschiedenen Gründen revidiert werden sollte. Es handelt sich dabei um das Postulat von der Identität von Psyche und Bewusstsein. Dieses Identitätspostulat lässt sich aber nur aus einer subjekt- bzw. bewusstseinsphilosophischen Tradition heraus rechtfertigen, aus einer Tradition also, mit der die Systemtheorie bekanntlich gerade brechen möchte. Interessant ist nun, dass, sobald man auf dieses Postulat verzichtet, die Konstruktion eines Unbewussten systemtheoretisch keinerlei Schwierigkeiten mehr macht. Der Artikel versucht darzulegen, dass mit dem Entfallen des Identitätspostulats neben der konsequenten Darstellung der Systemtheorie als einer transdisziplinären Theorie einige weitere Vorteile entspringen sowie eine Reihe von Widersprüchen aufgelöst werden können. Selbstverständlich sind umgekehrt bewusstseinsphilosophisch orientierte Psychologien mit der Verabschiedung vom Identitätspostulat keineswegs gezwungen, nun ebenfalls ein Unbewusstes zu postulieren: Die Annahme eines Unbewussten wird ja nicht zwingend, aber sie wird zu einer tragfähigen Option. In jedem Fall kann die Systemtheorie auf diese Weise deutlich Abstand zur Bewusstseinsphilosophie gewinnen, womit zugleich ihre Distanz zur Subjektphilosophie mehr Substanz erhielte“
