Die Kurklinik war ihre Idee gewesen. Er reiste mit, wenig begeistert. Erste Schlappe, als der Kellner am Morgen zum Tisch kommt. Oh je, Kaffee gehört aber nicht zum Antistressprogramm! Da wird der Partner wach: Hören Sie, die Kur beginnt um 16 Uhr, also bitte ein ganz gewöhnliches Frühstück. Ein dreistes Benehmen, wie die Gesichter der Kurgäste zeigen.
Gegen Abend wird die Kurwoche feierlich eröffnet, mit Chefarzt und Kurdirektorin, beide schlank und gebräunt wie im Kino. Die Gäste schreiten mit Plastic-Hüllen an den Schuhen durch das Kurareal. Als Willkommenstrunk wird ein lauwarmer Lindenblütentee in Champagnergläsern serviert. Nobel.
Das erste Antistressdiner: eine trockene Semmel, ein Löffelchen Quark und eine Tasse Milch bei Blumen und Kerzen. Die Semmel dient der Kauschulung, belehrt die Frau Oberin. Zu jeder Semmel und jeder Suppe sagt sie sodala
Diskrete Blicke in die Runde: neben den erwarteten Menschen aus der 2. und 3. Lebensphase erstaunlich viele junge, schöne. Ausserdem drei allein sitzende Herren aus der Schweiz, die Gesichter bekannt von Zeitung und Fernsehen: ein hoher Militär, ein hoher Politiker, ein nicht mehr so hoher CEO eines jetzt kaputten Unternehmens. Niemand redet mit ihnen, selbst die Deutschen nicht. Das muss an ihrer traurigen Ausstrahlung liegen
In der Frühe sitzen alle im Bademantel vor dem Kurareal und trinken grausliches Bittersalz-Wasser. Es soll die bösen Schlacken aus dem Körper jagen. Ein Bußritual! Leider hat sie die Badeschlappen vergessen und muss in Wollsocken zur Ärztin. Die misst sie aus, wie sie im Leben noch nie vermessen wurde, und notiert ihre Werte. Bauchumfang und so ist zu erwarten. Aber Hals? Sie will doch am Hals nicht abnehmen!
Bäder, Heublumenwickel und Massagen. Vor lauter Schwäche mögen sie kaum wandern, dafür entspannt kuscheln Antistressprogramm. Zum Essen gibt’s die übliche trockene Semmel, ihr aber bringt die Oberin nur Tee. Die Ärztin habe dies angeordnet. Hexe! Blitzartig ist sie achtjährig: Ihre Geschwister haben allen Schokoladenkuchen weggeputzt, die Monster, und sie brüllt los. Aber heute, unterstützt von ihrem Liebsten, sagt sie freundlich-bestimmt: Ich geh nicht ohne Essen ins Bett! Sie kriegt ihre trockene Semmel, sodala, und ist zufrieden.
Am Ende der Kur wird’s feierlich. Das Grüpplein ist angewärmt, die Stimmung wie im Klassenlager. Alle kriegen ein Zeugnis mit den Schluss-Vermessungsdaten. Ihr Hals ist wirklich ½cm dünner geworden! Fröhlich wippt sie mit den schwarzen Lacksandalen unter dem Bademantel.
Im Jahre 2002 hat die im vergangenen Jahr verstorbene systemische Paartherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin allwöchentlich Sonntags in der Neuen Zürcher Zeitung eine Kolummne mit dem schönen Titel„Paarlauf“ veröffentlicht, in der sie kleine Beobachtungen und Geschichten aus ihrer paartherapeutischen Praxis für ein größeres Publikum zugänglich machte. Rudolf Welter hat aus diesen Beiträgen eine kleine Broschüre zum Andenken an Rosmarie Welter-Enderlin gestaltet. Mit seiner freundlichen Erlaubnis können die LeserInnen des systemagazin an diesen Sonntagen die Texte auch online lesen.
24. Juli 2011
von Tom Levold
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Schneller geht’s kaum. Der Kongress hat vom 1. bis zum 3. Juli getagt und nun liegt schon der begeisterte und anregende Tagungsbericht von Andreas Manteufel aus Bonn vor:„Gehens auch zum Ärztekongress?, fragt mich die freundliche Pensionswirtin bei meiner Ankunft in der Mozartstadt. Ich vermute, dass sie eine andere Veranstaltung meint und erkläre, dass ich an einer Tagung über Gehirnforschung und Psychotherapie teilnehme, die viele Berufsgruppen zusammenführt, neben Ärzten auch Psychologen, Philosophen, Sozialwissenschaftler, und neben Wissenschaftlern auch viele Psychotherapeuten. Das ist uns egal, wir sagen Ärztekongress, das ist einfacher, unterweist sie mich darin, dass es sich keineswegs um ein Missverständnis, sondern eher um eine verständliche Komplexitätsreduktion handelt. Neurobiologie der Psychotherapie Perspektiven und systemtherapeutische Innovationen ist für Nichteingeweihte ja auch ein bisschen sperrig“, schreibt Manteufel und erzählt – eingerahmt von eigenen Bildern – dann durchaus nachvollziehbar, was es auf dem Kongress zu hören und zu sehen gab.