26. Dezember 2011
von Tom Levold
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24. Dezember 2011
von Tom Levold
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Tun se mal spekulieren
Liebe Leserinnen und Leser,
im letzten Kalendertürchen für dieses Jahr befindet sich ein Beitrag von Sabine Timme, die in Hannover neben ihrer Tätigkeit in einem Frauenberatungsprojekt in freier Praxis als„Paar- und Familiencoachberaterintherapeutin“ sowie als Supervisorin tätig ist. An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön an alle, die dazu beigetragen haben, dass sich der systemagazin-Adventskalender auch in diesem Jahr wieder gefüllt hat. Ich hoffe, Ihnen hat die Lektüre Vergnügen bereitet!
Ich wünsche Ihnen allen schöne Weihnachtsfeiertage, Ruhe und Erholung, Freude und Anregung und was immer sonst Sie sich wünschen!
Herzliche Grüße
Tom Levold
Herausgeber
Tun se mal spekulieren
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so Prof. Dr. Hellmuth Freybergers unermüdlich wiederholter Anschubversuch bei Weiss-ich-nich-Antworten auf zirkuläre Fragen. Hundertfach gehört von einer, die Anno 1988 bis 1990 in der Medizinischen Hochschule Hannover als protokollierende Praktikantin hinter einer Einwegscheibe saß und grosses Glück hatte zwei Jahre lang jungen Frauen mit anorektischem und bulimischem Verhalten lauschen zu dürfen.
Rahmen war das von der Bosch-Stiftung finanzierte Forschungsprojekt Psychoanalytische Therapie versus Familientherapie bei Essstörungen.
Heute entspräche die Stimmung und das Verhalten mancher Akteure in der Abteilung Psychosomatik deren Direktor Freyberger war, der eines BATTLEs. Angetreten war: stationär versus ambulant. Psychoanalyse versus Konstruktivismus. Deskriptive versus operative Diagnostik. HipHop versus Standart. Go for it, B-boys!
Hinter der Scheibe auf kleinstem Raum abwechselnd zur Supervison herbeigetanzt: Gunthard Weber, Fritze Simon, Gunther Schmidt, Arnold Retzer, Jochen Schweizer und Paul Watzlawick.
In meinem frisch magistrierten Sozialpsychologinnenhirn herrschte damals rege Synapsentätigkeit in den Arealen für Ethnopsychoanalyse, Kulturanthropologie und Paarungsverhalten. Andere Regionen waren mit der Gründung eines Ethnomedizinischen Zentrums beschäftigt. Da richteten sowohl die systemischen Grundlagen als auch die Tanzschritte des therapeutischen Servicepersonals im Gehirn arges Chaos an. Cells that wire together fire together, Verwirrung löst Suchprozesse aus und dann erst die ganzkörperlichen Folgen
Meine Erinnerung gaukelt mir vor,
wie im Therapiezimmer sechs Familienmitglieder mit ihren Kontrollkompetenzen glänzten und hinter der Scheibe Homöostase sei Dank vergnügtes Chaos herrschte.
Wie manche Bulimieversion sich, einmal quer durchs Familiensystem gerauscht, ein Hypothesen-Hintertürchen zum Verdünnisieren suchte.
Wie eine Anorexievariante sich in zähen Verhandlungen gegen einen Porsche tauschen ließ.
Wie ein Supervisior sich klopfend seinen Wegs ins Therapiesetting bahnte und recht freundlich fragte, ob jemand dem Vater ins Hirn geschissen hätte? Atemstillstand vor und hinter der Scheibe. Der Vater lächelt entspannt: interessant, das habe er sich auch gerade gefragt.
Wie ich im Losverfahren ein Abendessen mit Watzlawick im Hause Freyberger gewann.
Wie Margret Gröne aus diesem Projekt heraus ihr Buch über die verhungerte Bulimie schrieb.
Wie ein Teil des damaligen Therapieteams das Niedersächsische Institut für Systemische Therapie und Beratung (nis) gründete, in dem ich mit vielen anderen im ersten Durchgang Deutsch/systemisch lernte.
Ach ja: der Battle endete nahezu mit Gleichstand, ich baue mit homies und B-Girls eine essstörungsspezifische Mädchen-WG auf und tue Freyberger sei Dank – immer noch spekulieren
23. Dezember 2011
von Tom Levold
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An ecology of mind
Auch wenn ich mich in meinem Studium schon intensiv mit Niklas Luhmann – wenngleich immer aus einer bewussten Distanz heraus – beschäftigt hatte, fand meine Initiation in das systemische Denken eigentlich erst später, nämlich 1980 statt: in der Begegnung mit dem Werk von Gregory Bateson. Zwar hatte ich auch schon vorher im Studium den Artikel »Auf dem Weg zu einer Schizophrenie-Theorie« gelesen, den er gemeinsam mit Don Jackson, Jay Haley und John Weakland verfasst hatte, und der schon 1969 im von Habermas, Henrich und Luhmann bei Suhrkamp herausgegebenen Reader »Schizophrenie und Familie« erschienen war. Verstanden, was da in Palo Alto vor sich ging und welche Bedeutung die Arbeiten der Gruppe um Gregory Bateson in der Zukunft haben würde, hatte ich damals kaum. Familie war mir generell suspekt, was ich durch die Lektüre von David Coopers Tod der Familie und den familienkritischen Aufsätzen von Ronald D. Laing bestätigt fand. Auch das Buch Eltern, Kind und Neurose des am vergangenen Montag verstorbenen Horst-Eberhard Richter, das ich als Schüler verschlungen hatte, lief für mich darauf hinaus, dass die Familie die Wurzel allen Übels ist. Familientherapie hatte da schon etwas anrüchiges für mich, dem der Spruch macht kaputt, was Euch kaputt macht plausibler vorkam.
Doch nun, 1980, war ich irgendwie, mehr durch Zufall als durch bewusste Wahl, in familientherapeutischen Kreisen gelandet und identifizierte mich überraschend schnell damit. Ich las also alles an Büchern und Zeitschriften, was mir damals unter die Finger kam – eine im Vergleich zu heute überschaubare Literaturliste. Der Name Bateson tauchte immer mal wieder auf, allerdings lagen bis dahin nur wenige deutsche Übersetzung seiner wichtigsten Arbeiten vor. Die Ökologie des Geistes erschien dann – lange erwartet – in einer Übersetzung des Philosophen und Übersetzers Hans-Günter Holl im Suhrkamp-Verlag 1980 in einer sehr schönen – und teuren – Ausgabe, die mich in einen wahren Leserausch versetzte. Plötzlich verstand ich die Bedeutung des Wortes Epistemologie auf neue Weise, begriff das Konzept, in Mustern und Unterschieden zu denken, sah meine Welt auf einmal mit anderen Augen. Nichts anderes geschah hier als ein Initiationserlebnis, das bis heute seine Strahlkraft für mich erhalten hat (im Kontext habe ich dieses Buch später dann in der Rubrik Klassiker wiedergelesen besprochen).
Im Sommer schloss sich für mich ein Bogen, als ich eingeladen wurde, auf der Deutschland-Premiere des Films An Ecology of Mind von Nora Bateson, mit der Filmemacherin über ihren Vater Gregory Bateson und seine Bedeutung für die Gegenwart zu sprechen. Die Erscheinung Batesons, seine Austrahlung, Gelassenheit und sein Humor, bringen im Film wunderbar zum Ausdruck, was auch die Lektüre seiner Bücher spüren lässt: eine Begegnung, die einen Unterschied macht. Sie wissen schon
22. Dezember 2011
von Tom Levold
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Systemtheorie – keine Liebe auf den ersten Blick
Als ich 1973 mein Studium der Sozialwissenschaften in Bochum begann, war die große Zeit der Studentenbewegung schon vorbei. 1968 hatte ich, mit 15, noch eher ambivalent erlebt, meine Radikalisierung als schülerbewegter Leider-zu-spät-Kommer fand Ende 1969 statt, als sich alles, was links war, schon in Revisionisten, Anti-Revisionisten und Spontis aufzuteilen begann, wobei ich mich letzteren am ehesten zurechnen konnte. Allen gemein war aber die Kritik nicht nur des Staates und der bürgerlichen Klasse, sondern vor allem die sogenannte Kritik bürgerlicher Wissenschaften. Marx, Engels und Lenin hatte ich schon mit 16 gelesen, auch die prominenten Titel der SDS-Protagonisten, ansonsten war man doch eher auf die Lektüre von (aus heutiger Sicht oft peinlich zweit- und drittklassiger) Sekundärliteratur angewiesen, der man zweifelsfrei entnehmen konnte, dass bürgerliche Wissenschaftler die Entwicklungsgesetze des dialektischen Materialismus entweder noch nicht kannten oder nicht verstanden hatten.
Die Arbeiten bürgerlicher Wissenschaftler selbst zu lesen, erwies sich nach dieser Feststellung als völlig überflüssig und daher als reine Zeitverschwendung. Ein gewisser Verdacht kam mir allerdings hin und wieder, dass es sich vielleicht doch nicht, wie zunächst vermutet, um ein Intelligenzproblem handelte, da offenbar auch gescheite Wissenschaftler selbst nach mehrmaligem Kontakt mit revolutionärer Literatur von ihren bürgerlichen Thesen nicht abzurücken bereit waren. Dieser Verdacht war schon vorher durch die durchaus angenehme Begegnung mit dem Vater einer Schulfreundin genährt worden, der als Manager eines großen Konzerns direkt in den Diensten des Kapitals stand und auch einen sehr intelligenten Eindruck machte, was mich offen gestanden ein bisschen verwirrt hatte.
Auch wenn die Lektüre bürgerlicher Theorien gewissermaßen verboten war und man sich auf ihre Darstellung und Kritik in den einschlägigen revolutionären Texten verlassen musste, tauchten bei mir zunehmend Zweifel an solchen Darstellungen auf – genährt durch die Tatsache, dass sich offenkundig und enttäuschenderweise unter der revolutionären Linken auch viele Menschen tummelten, die intellektuell mit ihren Gegnern kaum mithalten konnten. Der Schock, dass Intelligenz genauso wenig an die Revolution geknüpft war wie Dummheit an die Verhinderung derselben, war jedoch insofern heilsam, als ich begann, nun doch auch neben der Kritik bürgerlicher Soziologie die Schriften zur Kenntnis zu nehmen, die solcherart der Kritik unterzogen wurden. Der Schock, dass es hier spannende und interessante Dinge zu lesen gab, die leider oft viel interessanter waren als das, ihre Kritiker fabrizierten, traf mich noch stärker. Immerhin fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass ich vor allem eines bislang nicht verstanden hatte: dass es in der Welt wie in der Wissenschaft und der Theorie immer komplexer zugeht als man vielleicht wahrhaben möchte und dass die Zurkenntnisnahme differerierender Positionen überhaupt erst einen Zugang zu den zugrundeliegenden Problemen eröffnet.
Diese Einsicht bahnte den Entschluss, die Kritik bürgerlicher Wissenschaften selbst am Original vorzunehmen. Die Entscheidung fiel auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns, der damals in Bochum äußerst unbeliebt war und zudem als Antipode von Habermas als Apologet der herrschenden Verhältnisse galt. In meiner ziemlich dicken Diplomarbeit, die ich mühsam Seite um Seite auf einer alten und leicht klemmenden Olympia-Reiseschreibmaschine tippte, beschäftigte ich mich also mit der„Systemtheorie als Theorie sozialer Kontrolle“. Um den reaktionären Charakter der Luhmannschen Theorie entlarven zu können, musste ich mich tiefer und tiefer in sie hineinarbeiten – eine Arbeit, die mir nicht nur im Laufe der Zeit ein ästhetisches Vergnügen bereitete, sondern auch immer mehr (heimliche) Bewunderung für die Originalität Luhmanns und seine Unbeeindrucktheit von jeder Kritik abnötigte.
Mit seiner Theorie war ich also schon ziemlich vertraut, lange bevor ich mich selbst als Systemiker gesehen habe. Vor allem wäre mir nicht im Traum eingefallen, dass ich später einmal als Therapeut tätig sein würde – und noch viel weniger, dass Luhmann für Therapeuten einmal eine epistemologische Referenzfigur sein würde. Die Auseinandersetzung mit Luhmann hat meiner Lust an Komplexität zum Durchbruch verholfen und mich aus der Eindimensionalität der damaligen Revolutionssemantik herausgelöst. Sein Verständnis von„Theoriearchitektur“, die mit bestimmten Setzungen operiert, deren Tragfähigkeit dann im Verlaufe der Theoriearbeit getestet werden muss und die gegebenenfalls dann umgebaut werden müssen, öffnete mir aber auch die Augen für die Kontingenzen jeder Theorie, eben auch der Luhmannschen, so dass ich bis heute, obwohl sehr stark mit der Systemtheorie identifiziert, nicht der Versuchung ihrer Heiligsprechung oder ihrer Begründer erlegen bin.
21. Dezember 2011
von Tom Levold
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Mal anders herum: Erst Systemiker, dann Therapeut
Drei Tage vor Weihnachten öffnet Ulf Klein aus München, freiberuflicher systemisch-psychodramatischer Coach, Supervisor und Organisationsberater das Türchen für die Leserinnen und Leser mit seiner eigenen Geschichte, die ihren Ausgangspunkt nicht in der Begegnung mit berühmten Therapeuten, sondern mit Perry Rhodan nahm:
Ich war jung, pubertierend und ein großer Fan von Science-Fiction, hatte Perry Rhodan abonniert, las klar – Clarke, Asimov, Heinlein. Noch mehr faszinierten mich aber Lem, Stapeldon, Laßwitz, bei denen es um erkenntnistheoretische und philosophische Fragestellungen ging. Von meiner Familie als Macke geduldet, solange die Schulnoten gut blieben, fand ich wenig erwachsene Resonanz (Unter Schulfreunden war das anders).
Dann sprach mich eines Tages unser Nachbar auf meine Zukunftsromane an, was dazu führte, dass wir über Jahre hinweg regelmäßig
abendelang über Science Fiction diskutierten. Mit einem respektablen Erwachsenen über all diese Was wäre wenn?-Themen diskutieren zu können, also hypothetisch zu denken, war eine große Freude. Die Dinge aus verfremdeter Perspektive zu betrachten (Olaf Stapeldons »Sirius«, quasi die Autobiographie eines intelligent gemachten Hundes mit daher ungewohntem Blick auf die Menschheit), oder aus der großen allumfassenden kosmologischen Metaperspektive (Stapeldons »Der Sternenmacher« oder H.G. Wells »Zeitmaschine«).
Es blieb dann nicht aus, dass ich mich dann auch mit den großen Theorien der (Natur-)wissenschaften eindringlich befasste: Relativitätstheorie, Quantenphysik, Kosmologie, und auch Kybernetik. Was mich immer weiter Fuß fassen ließ im hypothetischen Denken. Leider fand ich für diese Interessen nur wenige Gesprächspartner. 1979, ich schrieb gerade meine Diplom-Arbeit (»Schwangerschafts- und Geburtserleben werdender Väter«), entdeckte ich durch eine Rezension in »Psychologie heute« Erich Jantschs frisch erschienenes Buch »Die Selbstorganisation des Universums Vom Urknall zum menschlichen Geist«. Ich las und las und las und fand alles, aber auch alles, was ich mir so zusammengelesen und philosophiert hatte, in einem konsistenten universellen Theoriegebäude integriert. Fast kostete das Buch mich das Diplom, weil ich durch die intensive Lektüre den Abgabetermin nur mit Mühe einhalten konnte (und weil ich im Lichte der Selbstorganisationstheorie die Schlussfolgerungen in meiner Pilotstudie immer wieder meinte umformulieren zu müssen). Es folgte dann noch eine wunderbare Reise durch Italien, bei der ich ständig sich selbst organisierende Strukturen erlebte: Die Siedlungsstrukturen in der Toskana und in Kalabrien, der Fischschwarm, in den ich beim Schnorcheln eintauchte, die dissipativen Strukturen, die sich beim Kochen der Tomatensauce im Topf bildeten: sich selbstorganisierende Systeme allüberall.
Naja, und als ich dann entdeckte, dass es einen Weiterbildungsgang »Systemische Therapie« gab, hab ich mich natürlich angemeldet. Zunächst aus Neugier, denn mit einer guten Gesprächstherapie-Weiterbildung und – vor allem einer exzellenten Psychodrama-Weiterbildung war ich der Berufspraxis schon bestens gewachsen. Inzwischen ist dies alles zu einer guten szenisch-systemischen Praxis zusammengewachsen.
Also: Dank meinem Nachbarn, Herrn Pfeiffer! Dank Perry Rhodan! Vor allem aber: Danke, Erich Jantsch!
20. Dezember 2011
von Tom Levold
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Auflösung des aktuellen Advent-Rätsels
Liebe Leserinnen und Leser,
dass der diesjährige Adventskalender sozusagen„on the fly“ hergestellt wird, merkt man auch daran, dass es zu kleinen Pannen kommen kann. Da ich in der vergangenen Woche nicht in Deutschland war und vorproduzieren musste, ist mir völlig untergegangen, dass ich den Autor des Beitrages von vorgestern gar nicht namentlich erwähnt habe. systemagazin-LeserInnen wissen natürlich trotz des„Jugendfotos“, dass es sich dabei um Lothar Eder handelt, der schon viele schöne Beiträge im systemagazin veröffentlicht hat, u.a. die wunderbare Post aus Perturbistan. Aber auch hier kann ein update nicht schaden, dies dürfte ein aktuelleres Portrait (Foto: www.eder-psychotherapie.de) sein 🙂
Beste Grüße
Tom Levold
Herausgeber
20. Dezember 2011
von Tom Levold
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Missgeschicke als nützliche Erfahrungsquellen
Stephan Baerwolff, treuer systemagazin-Leser und -autor, öffnet heute das Kalendertürchen mit einer Rückblende auf seine ersten familientherapeutischen Gehversuche und die dann erfolgende„schockierende“ Begegnung mit Kurt Ludewig – eine Begegnung mit Folgen, denn Stephan Baerwolff hat sich dann dem Hamburger Institut für Systemische Studien angeschlossen, dem er er als Lehrtherapeut bis heute angehört:
Vor 30 Jahren steckte ich mitten in meiner familientherapeutischen Weiterbildung, die ich (noch gezeichnet vom Praxis-Schock meines ersten Berufsjahres in einem Psychiatrischen Landeskrankenhaus) begonnen hatte. Unsere Ausbilderin war eine charismatische Familientherapeutin, die uns mit ihrer Energie, ihrer Erfahrung und dem Mut, sich im Geiste der humanistischen Psychologie in die Begegnung mit den KlientInnen zu stürzen, begeisterte. Ich begann, in Beziehungen zu denken und diese mithilfe der Landkarten von Minuchins strukturellem Ansatz oder Satirs Kommunikations-Typen zu sortieren.
Regelmäßig führte unsere Kursleiterin in Anwesenheit des Kurses live-Sitzungen mit Familien. Zu einem Wochenende brachte eine TeilnehmerIn eine vierköpfige Familie mit, die mit ihrem pubertierenden Sohn Schwierigkeiten hatte. Ich erinnere mich nur noch dunkel an das Geschehen in der Sitzung, weiß aber, dass wir wieder einmal begeistert waren vom Einfallsreichtum der Therapeutin und der hohen emotionale Dichte der Sitzung. Umso schockierter waren wir, als die Mutter in einer Feedback-Runde am Ende der Sitzung meinte: Über das Eigentliche haben wir ja gar nicht gesprochen! Später berichtete die Therapeutin selbstkritisch, sie habe sich dadurch dazu verleiten lassen, die Sitzung noch um 15 Minuten zu verlängern, was aber an der Unzufriedenheit der Familie nichts wirklich verändern konnte. Angesichts der methodischen Brillanz der Sitzung waren wir TeilnehmerInnen über die Ignoranz der Familie empört und stellten anschließend allerlei Überlegungen über die der Undankbarkeit zugrunde liegenden Familienstrukturen an. Irgendwie blieb aber bei mir ein vages Gefühl übrig, dass ich hier etwas nicht verstanden hatte, also gewissermaßen eine nicht geschlossene Gestalt, die möglicherweise dazu führte, dass ich dieses Erlebnis zwar zur Seite legte, aber viel später wieder erinnerte.
Im Anschluss an meine Weiterbildung engagierten wir 1983 in der Beratungsstelle, in der ich inzwischen arbeitete, Kurt Ludewig als Supervisor, der die Team-Spannungen zwischen familientherapeutisch und psychodynamisch orientierten KollegInnen bearbeiten sollte. Bei seiner Vorstellung schockierte er mich (der ich doch glaubte mit der familientherapeutischen Literatur vertraut zu sein) mit der Aufzählung von für seine Arbeit bedeutsamen Personen, von denen ich noch nie etwas gehört hatte (Dell, Maturana, von Foerster, von Glasersfeld, Luhmann usw.) und durch deren Werke ich mich bald zu quälen begann, immer mit meinen bisherigen Denkweisen ringend, die heftig gegen die neuen Ideen ankämpften. Zu diesen tumultartigen erkenntnistheoretischen Debatten in meinem inneren Parlament kamen die Verstörungen durch Kurts Interventionen, etwa wenn er beiläufig erzählte, in seiner Klinik hätten Psychoanalytiker und Systemiker (so hießen sie damals wohl noch nicht) aufgehört, miteinander zu diskutieren und begonnen, gemeinsam zu singen! Unmöglich fand ich das!
Trotz dieser Irritationen, gewiss aber wegen Kurts mitreißender Begeisterung und seiner Herzlichkeit, entschlossen sich einige von uns, ihn nach dem Ende der Team-Supervision für eine kleine private Gruppe zu gewinnen, in der er unsere live-Sitzungen mit Familien supervidierte. Diese Sitzungen führten fast regelmäßig dazu, dass anschließend die Therapie beendet war: Während wir uns nämlich von allerlei Ideen und Zielen leiten ließen, die die Familie unseres Erachtens noch erreichen sollten, richtete Kurt unser Augenmerk auf die Wünsche der Familie. Wenn wir sie dementsprechend befragten, stelle sich bald heraus, dass sie mit dem Erreichten zufrieden waren und die Beratung beendet werden konnte. Auch hier gab es in meinem inneren Parlament einige mächtige konservative Lobby-Gruppen, die sich gegen diese Praxis sträubten, doch auch im Zuge meiner Auseinandersetzung mit der systemischen Theorie begann mir allmählich zu dämmern, dass in Kurts Konzept vom Anliegen zum Auftrag ein Herzstück des systemischen Ansatzes liegt. (Nicht zufällig finde ich gerade jetzt, da ich Kurts Buch Systemische Therapie aufschlage, auf Seite 133 beim diesbezüglichen Schaubild ein Lesezeichen!)
Ich weiß nicht genau, wann mir das oben geschilderte Erlebnis aus meiner familientherapeutischen Weiterbildung wieder in den Sinn kam, aber heute benutze ich es gern zur Illustration der Idee der Anliegenorientierung. Dass man damit heute kaum noch jemanden vom Hocker hauen kann, finde ich ebenso erfreulich wie bedauerlich: Natürlich ist es wunderbar, dass sich das systemische Denken so weitgehend durchgesetzt hat, doch manchmal vermisse ich die emotionalen Diskussionen aus den Anfangszeiten, als man z.B. in Weiterbildungen mit systemischen Thesen noch auf heftigen Gegenwind stieß!
Von der Familientherapie heißt es, sie fuße nicht (wie die Psychoanalyse) auf dem Wirken einer Gründerpersönlichkeit, sondern habe mehrere Mütter und Väter. Meine kleine Geschichte zeigt, dass dies auch für meine Entwicklung gilt und dass Lernen nicht nur auf Erfolg gründet, sondern Missgeschicke ebenso nützliche Erfahrungsquellen sein können.
19. Dezember 2011
von Tom Levold
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Adventskalender 2011: 2 Beiträge fehlen noch!
Liebe Leserinnen und Leser,
zum vollständigen Adventskalender fehlen nur noch zwei Beiträge. Wenn Sie sich von den bisherigen Geschichten inspiriert gefühlt und an eigene Erlebnisse erinnert gefühlt haben und bis übermorgen abend ein paar Zeilen schreiben können, freue ich mich über Ihren Beitrag.
Herzliche Grüße
Tom Levold
Herausgeber systemagazin
19. Dezember 2011
von Tom Levold
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Der Platz auf der Tribüne oder: Whose side are you on?
Die Frage, welche Personen mir einen ersten Eindruck von systemischem Denken und Handeln vermittelt haben bringt mir die Erinnerung an eine meiner frühen Therapien ins Bewusstsein. Das war Mitte der 80er Jahre und ich war Gruppentherapeut in einer Klinik für Suchterkrankungen, in der v.a. Alkoholiker mit Langzeittherapien behandelt wurden. Natürlich war das keine intentionale Vermittlung systemischer Prinzipien, es war mehr eine Sensibilisierung für systemische, genauer: für familien- oder paardynamische Zusammenhänge, zudem für Überweisungs- und Auftragskontexte, die sich für mich aus dieser, ich muss es wohl so sagen, zumindest vordergründig gescheiterten Therapie ergab.
Zu jener Zeit gab es ein Lied, das oft im Radio gespielt wurde, das hieß Whose side are you on?, und dieser Titel ist gewissermaßen programmatisch für diesen Fall. Ich betreute eine halboffene Gruppe von ca. einem Dutzend männlicher Patienten, mit denen ich im wesentlichen gruppen-, z.T. auch einzeltherapeutisch arbeitete. Eines Tages wurde mir ein neuer Patient zugewiesen. Im Eingangsgespräch berichtete er mir von einer chaotischen Beziehungsgeschichte; die Frau habe ihn mit den Kindern verlassen, er stehe
jetzt ganz alleine da, das sei der Grund für sein Trinken. Der Mann wirkte geknickt, niedergeschlagen, seiner Hoffnungen beraubt. Nach einiger Zeit bekam ich einen Anruf von einer Therapeutin, welche mit der Ehefrau des Mannes arbeitete und sie kontaktierte mich, um mir gewissermaßen reinen Wein darüber einzuschenken, mit wem ich da arbeite. Zudem wollte sie mir ihre Wünsche nahebringen, an welchen Zielen mit dem Mann zu arbeiten sei und sie wollte mit mir ein gemeinsames Vorgehen abstimmen. Was sie mir berichtete, schockierte mich. Mein Patient wurde als gewalttätig der Ehefrau und den Kindern gegenüber geschildert, sie sei mit diesen inzwischen ins Frauenhaus gezogen, der Patient aber versuche immer wieder, trotz eines Kontaktverbotes seitens der Frau, in Verbindung mit ihr zu kommen. Ich solle nun mit ihm an seiner Problemeinsicht arbeiten und sicherstellen, dass es zu keinen weiteren Kontaktversuchen käme, damit die Frau nun endlich zur Ruhe kommen könne.
Mein Problem war, dass ich mit einem Mal einen anderen Patienten vor mir hatte. War er bis eben ein trauriger Trinker gewesen, hatte ich nun ein gewalttätiges Monster vor mir, das seine Ehefrau trotz gegenteiliger Absprachen nicht in Ruhe ließ. Ich dachte zum einen, dass ich nun therapeutisch dringend etwas tun müsse, um den Patienten zur Einsicht zu bringen, zum anderen fühlte ich mich einigermaßen hilflos. In einem Einzelgespräch konfrontierte ich den Pat. mit der Information, er gestand die Probleme ein und ich vereinbarte mit ihm, dass er seine Frau bis auf weiteres nicht mehr kontaktierte. Erstaunlicherweise schien er sich daran zu halten.
Was nun folgte, war gewissermaßen eine eindrückliche Belehrung über Systemdynamiken, die sich einfach nicht an noch so gut gemeinte therapeutische Zielsetzungen halten, welche nur den einen Pol einer bestehenden Ambivalenz abbilden. Denn eine Weile danach kam der Patient zu mir mit einigen aktuellen Briefen seiner Frau, geschrieben aus dem Frauenhaus, in denen sie ihm deutlich zu verstehen gab, wie sehr sie ihn vermisse. Der Patient berichtete mir nun von einer sich seit Jahren wiederholenden Dynamik von Annäherungen und Trennungen, symbiotischen Phasen, emotionalen Verstrickungen, Vorwürfen, emotionaler und physischer Gewalt, einhergehend mit Alkoholkonsum. Im Laufe der Jahre hatte das Paar es geschafft, diverse professionelle Helfer einzuladen, für sie aktiv zu werden. Alle waren gescheitert, etwas im Sinne der von ihnen selbst gesetzten Ziele zu erreichen, sie zogen sich dann, enttäuscht von ihren so wenig veränderungswilligen oder fähigen Klienten, allesamt zurück, um von den nächsten abgelöst zu werden. Ich telefonierte mit der Therapeutin der Ehefrau meines Patienten und informierte sie die Dame war entsetzt und fürchterlich enttäuscht von ihrer Klientin. Da habe sie doch scheinbar so große Fortschritte mit ihr in Richtung der eigenen Autonomie gemacht. Und jetzt das!
Ich selbst war damals verwirrt. Einmal mehr. Wusste nicht, was ich tun sollte. Hatte aber so ein Gefühl, dass da etwas wirkt, das irgendwie stärker ist als alle Therapeuten zusammen mit ihren so vernünftigen Zielen, die allesamt aus dem reflektiert-akademischen Wertekosmos herrühren. Und so kam mir der Impuls, dass der beste Platz, um mit diesem Patienten und seiner nichtanwesenden, aber kräftig mitmischenden Frau mitsamt der an ihr dranhängenden Therapeutin zu arbeiten, der auf der Tribüne sei.
Es stellte sich heraus, dass dies ein guter Platz war: gewissermaßen als Zuschauer, Zuhörer, An-Teil-Nehmender. Dieser Platz erwies sich als entspannter, zudem bewirkte er paradoxerweise ein Mehr an Empathie für den Patienten. Sich über die eigenen Wertsetzungen im Klaren zu sein, sie nicht unreflektiert dem Patienten aufzudrücken, dabei aber sich selbst, die Regeln der Klinik und letztlich auch die eigenen Werte zu vertreten, das war etwas Neues. Später lernte ich: das nennen Systemiker Neutralität. Und noch viel später lernte ich: das was Systemiker Neutralität nennen, ist im Kern bereits bei Freud angelegt, u.a. im Konzept der Abstinenz. So versuchte ich also, den Patienten, sein System, die mitbeteiligten gegenwärtigen und vergangenen Helfer, auch die Therapiesituation selbst, mitunter von außen zu betrachten. Mir half es. Ihm auch? Ich kann es nicht sagen. Womöglich war es hilfreich für ihn, dass sein Therapeut nun weniger pädagogisch mit ihm umging, für bzw. gegen ihn Ziele definierte und deren Erreichung gewissermaßen überwachte.
In der konkreten Arbeit mit den Patienten, finde ich, kann man mit am meisten über Therapie lernen. Und mit das meiste, finde ich (und denke dabei an Watzlawicks Parabel vom Schiff, das nachts auf hoher See ohne Navigation unterwegs ist), lernt man aus gescheiterten Therapien. Die Therapie, von der ich hier erzähle, ist nach meiner Erinnerung vordergründig gescheitert. Sie ging, wg. vorzeitigen Abbruchs seitens des Patienten oder wg. einer vorzeitigen Entlassung aufgrund eines Verstoßes gegen die Klinikregeln, ohne konkretes Ergebnis zu Ende. Ich vermute, dass ich nicht sein letzter Therapeut war. Ich vermute zudem, dass sich nichts Wesentliches geändert hat am Problemmuster (oder was ich und andere Therapeuten dafür hielten). Mein Wunsch aber ist ein anderer: möge es ihm und den ihm Nahen gut ergangen sein.
18. Dezember 2011
von Tom Levold
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Ob ein Ton richtig ist oder nicht, bestimmt der der nächste Ton
Cornelia Tsirigotis ist systemagazin-Lesern auch schon lange vertraut. Heute öffnet sie die Leiterin einer Frühförder-Einrichtung in Frankfurt am Main und Herausgeberin der„Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung“ das Kalendertürchen mit ihren Erinnerungen an die ersten Begegnungen mit Haja Molter, ihrem Lehrtherapeuten am Weinheimer Institut:
„Ob ein Ton richtig ist oder nicht, bestimmt der der nächste Ton (Haja Molter zitiert Miles Davis über den Jazz)
Es war 1994, ich war seit einiger Zeit in der Frühförderstelle tätig und merkte, dass ich mich mich unbedingt familienorientiert weiterbilden wollte. Mit dem Kommentar: Systemische Denkweise könnte Dir gut liegen gab mir meine damalige Supervisorin in Aachen Haja Molters Telefonnummer, sie macht eine Supervisorensupervisionsgruppe bei ihm. Haja meldete sich sofort, ich bekam Kontakte mit dem IF-Weinheim, einige Wochen später befand ich mich im Vorbereitungs-Schnupperkursus der Weinheimer Familientherapieausbildung.
Was das Beflügelnde war, kann ich nur schwer in Worte fassen. Die vielfältigen Denk- und Handlungsanregungen lassen sich kaum mit Worten beschreiben. Mir gefiel die nicht pathologisierende Denkweise, die sich so wohltuend aus dem in meinem Arbeitskontext damals noch vorherrschenden Störungs-Behinderungsdenken abhob. Die sokratische Mäeutik, die Kunst, systemisch die Kompetenzen und Ressourcen aus den KlientInnen zu erfragen, dockte bei mir besonders anschlussfähig, hatte ich doch als Altsprachlerin in der Schule Freud und Leid mit Sokrates Fragerei gehabt. Mir tat Hajas ruhige Gelassenheit wohl, seine sanft mahnende Erinnerung, mit ganz leicht schräg gelegtem Kopf (der mich an meinen weisen älteren Bruder erinnerte): Es könnte auch ganz anders sein.
Das alles sind nur Einzelspots, das Gesamtbild fällt mir schwer, aus meinen Erinnerungsfetzen zu malen. Als wir mal heftige Auseinandersetzungen mit dem Lehrtherapeutenteam Haja und Heiner Ellebracht hatten, fiel der oben zitierte Satz vom richtigen Ton im Jazz. Meine innere Haja-Stimme in meinem inneren Team nutzt diesen Satz öfter.
Von systemischer Vielfalt Stück für Stück in die eigene Alltagsarbeit implementieren zu können, das wars: Ihr habt jetzt ein Fass Wein im Keller. Trinkt es Glas für Glas!, so Hajas Abschiedssatz nach einer dichten Seminarwoche.
Vielleicht für mich das Wichtigste: Ressourcenblick auf mir selbst zu spüren und in meiner Eigenständigkeit unterstützt und ermutigt zu werden. Ressourcenblick auf mir hat geholfen, aus einer Kultur des Tadels auszusteigen und eine Kultur der Wertschätzung als orientierendes Ziel vor Augen zu haben. Meine Aufgabe als Lehrtherapeut sehe ich darin, schöpferische Distanz zu wahren, liebevolle Einfühlung aufzubringen, Verantwortung für meine soziale Wahrnehmung zu übernehmen, um die Autonomie in der Gruppe zu fördern
und mich so authentisch wie möglich zu verhalten… (Molter 1998 s. 7)
Danke, Haja!“
17. Dezember 2011
von Tom Levold
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Wie alles begann keine Geschichte ohne Geschichten!
Im heutigen Kalendertürchen blickt Rüdiger Beinroth, systemischer Supervisor und langjähriger Erwachsenenbildner in Vlotho, weit zurück in die Vergangenheit, nämlich in die frühen 70er-Jahre, und erinnert sich an seine frühere Kollegin und Chefin:
„1971 kehrte Annedore Schultze, die spätere Leiterin des Jugendhofes Vlotho, von einem Studienaufenthalt aus den USA zurück. Zuvor hatte sie 10 Jahre Methoden der Sozialarbeit an der Höheren Fachschule des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Bielefeld unterrichtet. Sie war begeistert von der Art und Weise wie Virginia Satir in den USA mit Familien arbeitete und wollte diesen Ansatz, nach Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und emeinwesenarbeit, unbedingt in der Jugendhilfe in Westfalen verbreiten.
Der erste Fortbildungskurs für Sozialarbeiter Familienberatung und Familienbegleitung, fand von Februar 1973 bis Dezember 1974 statt. (Parallel dazu begann auch Maria Bosch in Weinheim mit ihren Kursen, was 2 Jahre später zur Gründung des Instituts für Familientherapie Weinheim führte. Die beiden hatten sich bei Virginia Satir in den USA kennengelernt).
Veranstalter des Kurses war der Sozialdienst katholischer Frauen Zentrale e.V. Dortmund.
Das Konzept orientierte sich in seinem methodischen Teil an den Erfahrungen und Veröffentlichungen von Virginia Satir (1973) und Horst Eberhard Richter (1970).
Es war kein starres Konzept, sondern wurde im Kurs mit den Teilnehmer/innen und Referenten ständig weiter entwickelt. Es gab viel Innovation zu
dieser Zeit. Auf einer Fortbildungstagung 1973 in Bielefeld für Erziehungsberater und Sozialarbeiter, arbeitete Annedore Schultze live mit einer Familie auf der Bühne und stellte Skulpturarbeit vor, was eine heftige Fachkontroverse nach sich zog. Das Diakonische Werk von Westfalen veranstaltete ein Seminar zur Familienrekonstruktion mit Maria Bosch in Form eines Marathons, was ebenfalls hohe Wellen schlug.
Nach einer Informationstagung des Landesjugendamtes in Münster 1974, zur Methode der Familienberatung und behandlung (LWL Münster 1985), fiel
die Entscheidung, einen ersten arbeitsfeldspezifischen Lehrgang zur Familienberatung und Familienbehandlung für Sozialarbeiter des
Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) anzubieten. Das war die Geburtsstunde der Familienberatungslehrgänge in Vlotho.
Ich war seit 1972 im Jugendhof tätig. Ich war Sozialarbeiter und Gemeinwesenarbeiter und von Annedore Schultze für ein Modellprojekt zur Zusammenarbeit im Gemeinwesen von Freiburg nach Vlotho geholt worden. Ich hatte andere Aufgaben und verfolgte die Entwicklungen der Kollegin
und späteren Chefin mit Interesse. Im Rahmen des Modellprojekts hatten wir die Analytikerin Ruth Cohn für 3 Monate nach Vlotho geholt. So lernte ich die TZI kennen. Nebenbei studierte ich in Bielefeld auch noch Erziehungswissenschaften, was ich mit dem Diplom 1980 abschloss. Im
Rahmen eines Seminars über Paradigmenforschung lernte ich die Schriften von Talcott Parsons kennen und war fasziniert. Ab da ließ mich die
systemische Denkweise nicht mehr los.
Der Entscheidende Schritt kam 1979. An einem Freitag eröffnete mir Annedore Schultze, dass in ihrem Familienberatungskurs ein Referent ausgefallen wäre und ich von Montag bis Freitag in der letzten Kurswoche des laufenden Kurses einspringen müsse. Bis Montag hatte ich nun Zeit,
die Pflichtlektüre des Kurses zu lesen. Es waren Bücher von Virginia Satir, Salvatore Minuchin und Maurizio Andolfi. Bis Montag hatte ich mir
die für diesen Kurs relevanten Abschnitte einigermaßen einverleibt. Die Woche lief für mich gut und ich hatte endgültig Feuer gefangen. Danach
war ich Co-Leiter in allen weiteren den Kursen.
Ab 1989 leitete ich die systemischen Beratungsfortbildungen 18 Jahre zusammen mit Anne Valler-Lichtenberg aus Köln. Es war eine wunderbare Zeit der gegenseitigen Anregungen und Entwicklungen.
Dank meines großzügigen Arbeitgebers konnte ich viele Kurse besuchen die von Systemikern angeboten wurden. Ich nahm an den Weinheimer Tagungen
teil, erlebte Virginia Satir und andere berühmte Vertreter des systemischen Ansatzes. Schließlich nahm ich auch an einer Ausbildungsgruppe mit Jos J. van Dijk in Bielefeld teil. Leider starb Jos, bevor der Kurs zu Ende war.
In die DAF trat ich erst nach meiner Supervisionsausbildung ein. Es reichte aber noch um die DGSF mit zu begründen. Die DGSF ist zu meiner
Heimat geworden. Hier fühle ich mich wohl und arbeite gerne und engagiert mit.
Heute als Rentner nutze ich die vielen Erfahrungen in meiner Praxis für Supervision, Coaching, Paar und Familienberatung. Das will ich auch noch
ein Weilchen weitermachen. Einmal Systemiker, immer Systemiker“
16. Dezember 2011
von Tom Levold
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Wie transportiert man Ärger ohne Brüllen
Katrin Richter, die als Paar- und Familientherapeutin in Laboe bei Kiel arbeitet, hat als Familienhelferin in Berlin begonnen und dort auch wichtiges Marschgepäck von ihren Klienten mit auf den Weg bekommen, wovon sie im heutigen Kalendertürchen berichtet:
„Als ich in Berlin-Neuköln wieder bei dieser Familie mit den 3 Mädchen war, machte ich die Erfahrung, dass ich mit meinem zirkulären Fragen und mit meinem systemischen Schätzen nicht so richtig weiter kam. Aber irgendwie war mir auch klar, dass diese Mutter ihre Kinder nicht sehen wollte und alles auf ihnen ablud. Ich fand es schrecklich, die Kinder litten und verschafften sich durch Gebrüll Gehör. Diese Mutter meinte es zu gut und gehörte zu denen, die all ihre eigenen Unsicherheiten auf das Herumzupfen an den Kindern laden, sie ständig kontrollieren, sich dann gleichzeitig darüber zu beschweren, dass diese unselbständig sind und zum allgemeinen Familienunfrieden beitragen, wenn sie dagegen aufbegehren. Der Vater brüllt am lautesten, weil das ja nicht auszuhalten ist und wenn man dann in diese Familien hineingerät, herrscht betretenes Schweigen und Scham. Niemand kann der armen Mama sagen, was denn wirklich nervt, wenn etwas nervt, weil sie dann weint und lamentiert und heimlich weitermacht mit Herumzupfen und Kritteln. Ein Tabu-doulebind. Mit etwas Mut schrieb die ältesten Tochter ein Gedicht für die Mama, was durch seine Form endlich eine Gesprächsebene eröffnete und vielleicht für viele Mütter gelten könnte und an das Vertrauen in ihre Kinder appelliert. Es war die Eintrittskarte für mich, nicht über Ärger, sondern über Lieben zu sprechen.
Für die Mütter dieser Erde
Rupf nicht an mir
Zupf nicht an mir
Nun lass mich doch
endlich mal sein
Hör auf zu reiben
es zu übertreiben
Der Schal sitz doch
ausreichend fein
Lass deine Hände
doch von mir und
wende dich dir
deinerselbst wieder zu
Ich will nicht
gekämmt sein
ich will verpennt ein
und putz auch nicht
meine Schuhe
Ich merke vorm Spiegel
gleich wird mir übel
Wir sind wirklich nicht
einer Meinung
Du bist meine Mutter
und ich noch klein
aber lass mich doch
einfach mal sein“
15. Dezember 2011
von Tom Levold
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1968, die Sicht von oben und das Leben eines Fünfmarkstücks
Dass die Türe zum systemischen Denken nicht nur von ausgewiesenen Systemikern, sondern auch in ganz anderen Zusammenhängen – und viel früher – aufgestoßen werden kann, beweist systemagazin-Leserin Lisa Reelsen in ihrem schönen Beitrag im heutigen Kalendertürchen:
„Ja, sie war´s. Ich glaube, sie war´s. Sie muss es gewesen sein! Ich bin mir sicher! Sie war die Person – nach der ja gefragt war – die mir wohl einen ersten Eindruck von systemischem Denken und Handeln vermittelt hat. Aber wann ist man schon sicher?
Eine Weile habe ich nachgedacht, ob ich dem diesjährigen Schreibimpuls für einen Beitrag zum Adventskalender im systemagazin würde nachgehen können. Es fielen mir viele wichtige Menschen und Begegnungen ein. Es können auch die Kunst und einige ihrer Vertreter gewesen sein, die mich immer wieder lehren und erfahren lassen, dass Umdenken notwendig ist, um Menschen, Dinge und Sachverhalte besser verstehen zu können. Auch viele gelesene Bücher waren inspirierend und ich kann mich auch daran erinnern, wer mir das ein oder andere Buch empfohlen hat. Meine Freundin aus Kindertagen, die nun Kinder- und Jugendpsychiaterin ist? Ganz sicher! Oder war es mein alter Studienfreund, der Psychologe ist und mir seinerzeit die Ausbildung zur systemischen Beraterin mit den guten Lehrtherapeuten im WISL empfahl? Ja, der auch! Außerdem war er es, der mir die bundesweite Tagung mit dem Thema Die Schule neu erfinden empfohlen hatte, die im März 1996 in Heidelberg stattfand. Es ging um eine systemisch-konstruktivistische Annäherung an Schule und Pädagogik. Ich kann mich an Menschen und Vorträge erinnern, die mich beeindruckt haben. Heinz von Foerster war wohl anwesend. Ernst von Glasersfeld auch? Da fängt es schon an mit den Erinnerungslücken. Auf jeden Fall war das für mich ein deutlicher Auftakt, mich mit systemischen Überlegungen und einer systemischen Betrachtungsweise auf die Schule, die Pädagogik und später auch auf die Lehrerbildung zu beschäftigen und mich mit dem Unterricht als eine Konstruktion auseinander zu setzen. Aber wann fing es genau an?
Ich gehe noch einen Schritt weiter zurück in meiner Erinnerung. Denn sie war´s doch, denke ich, meine Grundschullehrerin im dritten Schuljahr! Nach meiner Einschulung 1966 in eine katholische Volksschule in einem kleinen Dorf bei Paderborn erlebte ich dort zunächst keine schönen Jahre. Die relativ alten Lehrer damals versuchten ihr Bestes, unterstelle ich ihnen mal, doch der Unterricht lief ausschließlich frontal ab, er bestand zu großen Teilen aus Abschreiben, im Chor lesen und Päckchen rechnen. Er blieb leider auch nicht frei von Demütigungen und Schmerzen, verursacht von ausgerutschten Händen. Außerdem erlebte ich den Unterricht meist als sehr langweilig und so kam ich auf allerhand dummes Zeugs, wie man sich die Zeit in der Schule dennoch irgendwie interessant gestalten konnte. Auf manche Lehrer wirkte ich vermutlich sehr anstrengend. Doch meist blieb ich angepasst und relativ brav.
1968 kam SIE, eine sehr junge, braungebrannte neue Lehrerin mit dunklen Haaren. Sie war vielleicht 20 Jahre alt, wohl noch in der
Ausbildung, ja so wird es gewesen sein, denn oft saß der damalige Rektor mit im Unterricht. Sie strahlte uns an und fragte jeden einzelnen von uns nach seinem Namen. Ich fühlte mich das erste Mal in der Schule einfach direkt gesehen. Sie sorgte wohl in der Volksschule unseres kleinen Dorfes mit 1500 Einwohnern für kleine Revolutionen in der Unterrichtsführung, zumindest in dem von mir bis dahin so erlebten Unterricht. So peppte sie z.B. den Religionsunterricht mit Dias von ihrer Reise durch Israel auf, die sie uns nun zeigte. Dazu erzählte sie interessante Geschichten. Begeistert lauschte ich ihren Worten und die Bilder sorgten für Fernweh. Sie wohnte auch nicht im Dorf und fuhr täglich mit einem weißen VW Käfer vor die Schule. Manchmal nahm sie mich verbotenerweise mit. Ich wohnte etwas am Rande des Dorfes, der Heimweg ging bergauf und ich war stolz mitfahren zu dürfen.
Irgendwann fand sie wohl im Schulgebäude einen alten großen quadratischen Sandkastentisch auf Rollen, den sie etwas entstaubt hatte und eines Tages mitten ins Klassenzimmer schob. Tische und Stühle wurden an den Rand gestellt. Jedem gab sie ein kleines Holzhäuschen in die Hand, von der Sorte wie sie in Monopoly-Spielen zu finden sind. Ihr gestellter Arbeitsauftrag dazu lautete: Stellt euch vor, der Kasten ist unser Dorf. Nun stellt jeder sein markiertes Häuschen an den Platz, wo er glaubt, dass das Haus steht, in dem er wohnt. Es gab Nachfragen, wie das denn gehe. Und sie sagte: Stell dir vor, du bist ein Vogel und schaust von oben auf unser Dorf. Wo wohnst du denn nun? Kannst du das Haus sehen, in dem du wohnst? Stelle das Holzhäuschen an den Platz.
Puh, wir waren mehr als 30 Kinder in der Klasse und es gab ein Gerangel, es wurde laut. Jeder wollte seinen Platz finden in dem großen Kasten. Sie ließ uns machen, reden, begründen, streiten und einigen, wo was zu stehen habe. Zum Schluss standen alle Häuser irgendwie irgendwo. Sie ließ sie so stehen. Erst am nächsten Tag ging es weiter. Wir lernten, dass Distanzen relativ sind, wir begriffen langsam die Himmelsrichtungen. Wir erfuhren die Notwendigkeit von Einigung auf etwas zur besseren Verständigung. Wir erlebten die veränderte Sichtweise von oben sowie den zeitlichen Abstand eines Tages, der den Streit weniger wichtig erscheinen ließ, etc. etc.
Heute könnte man sagen, das war ein genialer, an die Lebenswelt der Schüler/innen anknüpfender Einstieg in eine Unterrichtseinheit zur Kartenarbeit im Heimatunterricht, der schnell alle Schüler/innen aktiv werden ließ, in dem selbstentdeckendes Lernen ermöglicht wurde unter Berücksichtigung von Elementen des Kooperativen Lernens usw. oder so ähnlich. Auf jeden Fall sorgte er für diese intensive Erinnerung und Nachhaltigkeit, zumindest bei mir mit der eigentlich banal erscheinenden Erkenntnis: Veränderungen von Sichtweisen führen oft zu Lösungen. Wenn ich an meinen mangelnden Orientierungssinn denke und an den unerschütterlichen Glauben an mein Navigationsgerät im Auto, muss ich allerdings schmunzeln. Es lässt mich aber auch lächeln bei dem Gedanken daran, dass ich schon oft das schöne Sternenbild der Südhalbkugel der Erde bestaunen durfte, welches sich anders präsentiert als das mir bis vor vielen Jahren bekannte.
In dem gleichen legendären Jahr 1968, in dem ich eben erst 8 Jahre alt war und von den politischen Entwicklungen nichts mitbekam, sorgte diese tolle Lehrerin, die wir Frollein Rochell nannten, für eine ebenso nachhaltige Erfahrung im Deutschunterricht. Sie forderte uns auf, eine Geschichte zu schreiben. Neben den langweiligen bis dahin anzufertigenden Aufsätzen mit eindeutigen einzuhaltenden textsortenspezifischen Kriterien (Rezepte schreiben, Erlebniserzählung mit Einleitung, Hauptteil, Schluss u.a.) hatte der folgende Schreibauftrag seinen besonderen Reiz. Das gestellte Thema lautete: Aus dem Tag eines Fünfmarkstücks. Ich weiß noch, ich fragte nach: Wie geht das? Frollein Rochell meinte: Na, du bist das Fünfmarkstück. Schreib auf, was du so an einem Tag erlebst.
Und ich schrieb und schrieb, seitenweise und aus der Ich – Perspektive. Es machte unbändigen Spaß, mich in dieses Geldstück hineinzuversetzen und ich erzählte fast sein halbes Leben. Nun gut, es landete sogar in Kalkutta, das weiß ich noch. Zur gleichen Zeit las ich nämlich ein Kinderbuch, dessen Geschichte in Kalkutta spielte. Der Name der Stadt klang für mich nach der
großen weiten Welt. Die Autorin des Kinderbuches kam jedoch auch direkt mit erhobenem Zeigefinger daher. Wir sollten ja – vor allen Dingen beim Essen – oft an die armen Kinder auf der Welt denken, es gelang mir und meinen Mitschüler/innen aber nur wenig. Ob es das Fünfmarkstück geschafft hat, weiß ich nicht mehr.
Heute wäre der Schreibauftrag von damals dem Konzept des Kreativen Schreibens zuzurechnen, das sich u.a. den vielbeachteten Aspekten von Kaspar Spinner verpflichtet sieht, nämlich der Irritation, der Imagination und der Expression. Allerhand Kompetenzen können dadurch angebahnt werden. Herausfordernd war die Aufgabe, spannend und vermutlich für mich das erste Mal ein Anlass, mich in etwas hineinzuversetzen und deutlich die Perspektive zu wechseln.
Das Fünfmarkstück hat nun ausgedient, darf irgendwo auf seine alten Tage rumliegen und sich ausruhen. Vielleicht ist es auch eingeschmolzen worden und wieder als etwas anderes im Umlauf. 1968 führte die Aufforderung, die Perspektive zu wechseln, bei mir zu einer erhöhten Schreibmotivation, heute in meiner Arbeit meist zu unerwarteten interessanten Lösungen.
Frollein Rochell, die unsere Ressourcen, die wir als Kinder hatten, im durchgängig wertschätzenden Umgang mit uns so geschickt hervorlockte, verließ die Schule und uns – so habe ich es traurig erlebt – nach gut einem Jahr, heiratete, zog nur ins Nachbardorf, war jedoch dann für uns unendlich weit weg. Ich traf meine damalige Lehrerin, die nun anders heißt, tatsächlich zufällig nach 40 Jahren vor genau drei Jahren ausgerechnet bei der Beerdigung eines Menschen, der uns beiden wichtig war, in meinem Heimatdorf wieder. Wir erkannten uns und es freute uns beide. Es war nicht der richtige Ort, nicht die richtige Zeit und nicht der richtige Raum für ein längeres Gespräch. Auf jeden Fall konnte ich ihr bei dieser Gelegenheit persönlich danken.
Ja, sie war´s!“