systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

13. Februar 2012
von Tom Levold
Keine Kommentare

Zitat des Tages: Jay Haley (19.7.1923-13.2.2007) über Ausdauer und Intensität

„Der Therapeut muss bereit sein, sich mit einer Familie auf die Matte zu begeben, bis entweder das Kind normal funktioniert oder der Therapeut fünfundachtzig ist, was immer zuerst kommt. Diese Ausdauer sollte der Familie schon in einem einzigen Interview klar ersichtlich sein. Oft gibt es ein Interview, das sich ausschließlich auf ein Problem konzentriert und der Familie klarmacht, dass es keine Alternative gibt – es muss etwas unternommen werden. Die Anforderungen an die ausdauernde Intervention sind, dass sie einfach und klar ist. Falls die Familie zum vereinbarten Zeitpunkt nicht handelt, muss sich der Therapeut auf dieses eine Thema konzentrieren, während die Familie ihr Verhaltensrepertoire ausspielt.
Um ein Beispiel anzuführen: Ein dreiundzwanzigjähriger Mann wurde verrückt und wurde kurz vor seinem Universitätsabschluss hospitalisiert. Er hatte schon seit vier Jahren von seinen Eltern getrennt gelebt, weil er von zu Hause weggegangen war, um eine Universität in einem anderen Staat zu besuchen. Er hatte geheiratet und lebte mit seiner Frau zusammen. Er begann, sich seltsam zu verhalten, kehrte in die Stadt seiner Eltern zurück und wurde hospitalisiert. Seine Frau zog zu seinen Eltern. Nach zwei Monaten in der Klinik stand er kurz vor der Entlassung, und der Therapeut begann, mit der Familie zu arbeiten. Im Erstinterview wurde die Frage nach Zukunftsplänen aufgeworfen. Der junge Mann und seine Frau wie auch seine Eltern sagten, das junge Paar würde schließlich in eine eigene Wohnung ziehen. Der Therapeut forderte sie auf, eine Frist für den Umzug in die eigene Wohnung zu setzen. Alle stimmten dem Datum zu, welches schriftlich fixiert wurde. Die Therapie war auf dieses Ziel hin orientiert. Der junge Mann und seine Frau sollten in ihrer eigenen Wohnung wohnen, während er die Universität am Heimatort besuchte und die ein oder zwei Kurse nachholte, die er zum Abschluss noch brauchte. Der Therapieplan war, dass der junge Mann so schnell wie möglich in eine Lage versetzt würde, die ihm die Ablösung von zu Hause ermöglichte – was seine Situation vor der Therapie war, als er mit seiner Frau zusammenlebte und das College besuchte. Es war unklar, ob der junge Mann in Bezug auf seine Frau, auf seine Eltern oder beide zusammengebrochen war. Der Auszug aus dem Elternhaus sollte diese Frage klären.
Zwei Monate später sollten der junge Mann und seine Frau in eine völlig einzugsbereite Wohnung ziehen. Am festgesetzten Tag zogen sie nicht um. Der junge Mann stand an diesem Tag einfach nicht auf bzw. erst sehr spät. Seine Frau war bestürzt, und der Therapeut arrangierte einen Termin an diesem Abend für das junge Paar. Das Gespräch konzentrierte sich auf die Erklärungen des jungen Mannes, warum sie nicht umgezogen seien. Als Teil des strategischen Planes sollte der Therapeut sagen: »Warum sind Sie nicht umgezogen?« Er sollte nichts anderes sagen. Das Gespräch dauerte fast drei Stunden. Es drehte sich um nichts anderes als um die Ausreden des jungen Mannes, darunter seine Symptome und sein hilfloses Verhalten. Seine Frau, über seine Ausreden erzürnt und enttäuscht, brachte zum Ausdruck, wie sie seine Schwierigkeiten, sich von den Eltern zu lösen und sich auf sie einzulassen, sah. Nach dem Gespräch kehrte das Paar zum Elternhaus zurück, und die Mutter fragte den jungen Mann, worüber sie im Interview so lange gesprochen hätten. Er sagte, dies sei eine Privatsache zwischen ihm und seiner Frau: Er zog damit zum ersten Mal diese Grenze. Er hörte auch auf, sich so zu verhalten, als sei er handlungsunfähig, und das Paar zog noch in derselben Woche in seine Wohnung um.
Bei diesem Ansatz wird ein entscheidendes Thema gewählt, man spricht über nichts anderes, nur über das, was zum Thema gehört. Die Interaktion wird für jeden sehr intensiv. Alle relevanten Probleme kommen bei der Diskussion des entscheidenden Themas heraus: Sie sind wie Speichen, die sich um die Radnabe drehen“ (In: Leaving Home. Therapie für junge Menschen im Umbruch. Heidelberg (Carl Auer) 2011, 190f.)

13. Februar 2012
von Tom Levold
Keine Kommentare

Jetzt mal angenommen…

Vor einem Jahr war an dieser Stelle ein Vorabdruck von Therese Steiners Buch mit„Anregungen für die lösungsfokussierte Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“ zu lesen. Cornelia Tsirigotis hat das Buch gelesen und rezensiert:„Wo auch immer sich dieses Buch gerade zufällig öffnete, wenn ich es in die Hand nahm, habe ich mich an der jeweiligen Stelle festgelesen, immer neugierig geworden, immer an- geregt, vor allem immer auch ermuntert, im nicht therapeutischen Kontext lösungsorientiert zu arbeiten – was nicht heißen soll, dass ich nicht empfehle, das Buch von vorne nach hinten zu lesen. Ein Buch für alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten“
Zur vollständigen Besprechung…

12. Februar 2012
von Tom Levold
Keine Kommentare

Kurt Lewin (9.9.1890-12.2.1947)

Heute vor 65 Jahren starb Kurt Lewin (Foto: Wikipedia), einer der wichtigsten Pioniere der Gestaltpsychologie und in vielem auch des systemischen Denkens. Sein Werk ist auch heute noch von Relevanz, auch wenn es wohl nicht mehr viel gelesen wird. Bernard Burnes von der Manchester School of Management hat unter dem Titel„Kurt Lewin and complexity theories: back to the future?“ eine Arbeit über die Aktualität von Lewin für die Theorie der Komplexität und des organisationalen Wandels verfasst, die im Journal of Change Management 4(4) im Jahre 2004 erschienen ist:„Many writers acknowledge the significance of Kurt Lewin’s contribution to organizational change. However, over the last 20 years, where the focus has been on rapid, transformational change, Lewin’s work has increasingly become seen as outmoded and irrelevant to the needs of modem organizations. It might be expected that this tendency would increase as academics and practitioners draw on the work of complexity theorists to portray organizations as complex, dynamic, non-linear self-organizing systems. Though there are some who do take this view, there are others who point to the similarities between Lewin’s work and that of complexity theorists. In order to examine these conflicting views, the article begins by reviewing Lewin’s Planned approach for change and arguing that it is a more robust approach than many of its detractors acknowledge. This is followed by a review ofthe literature on complexity theories which draws out the main implications of these for organizational change. The discussion of the two approaches which follows argues that there is common ground between the two which can fruitfully be built upon. The article concludes by arguing that if the complexity approach is the way forward for organizations, then they may have to return to Lewin’s work in order to implement it: very much a case of ‚back to the future’“
Zum vollständigen Text…

11. Februar 2012
von Tom Levold
Keine Kommentare

Professionelle Präsenz

Die letzte Ausgabe von„systhema“ im Jahre 2011 ist ganz dem Thema„Präsenz“ gewidmet, das von Bruno Körner, Martin Lemme, Liane Stephan, Cornelia Hennecke, Michael Grabbe, Elisabeth Uschold-Meier, Barbara Bleibaum und Eva Pinkall unter unterschiedlichen Aspekten beleuchtet wird. Zu den vollständigen abstacts
geht es hier…

10. Februar 2012
von Tom Levold
Keine Kommentare

Dynamic, Dyadic, Intersubjective Systems: An Evolving Paradigm for Psychoanalysis

Wer die Entwicklung der Systemischen Therapie in den Anfängen verfolgen konnte, erinnert sich noch gut an die zum Teil heftigen bis feindseligen wechselseitigen Abgrenzungen zwischen systemischen und psychoanalytischen AutorInnen. Diese Phase ist längst Vergangenheit. Heute kann man feststellen, dass es nicht nur Schnittmengen gemeinsamen Interesses gibt, sondern auch Dinge, die man vielleicht voneinander lernen kann. Schlüsselfrage dabei ist, inwiefern Begriffe, Konzepte oder Erfahrungen füreinander auf eine Weise anschlussfähig gemacht werden können, die Raum für eigene oder gemeinsame Weiterentwicklungen bietet. Robert D. Stolorow, Lehranalytiker am Institute of Contemporary Psychoanalysis in Los Angeles (Foto: Facebook) versucht seit Jahrzehnten, die Theorie dynamischer Systeme als Rahmen für die Rekonzeptualisierung psychoanalytischer Theoriebildung fruchtbar zu machen. In Internet ist sein Aufsatz„Dynamic, Dyadic, Intersubjective Systems: An Evolving Paradigm for Psychoanalysis“ zu lesen, der 1997 in Heft 3 der„Psychoanalytic Psychologie“ erschienen ist. Im abstract heißt es:„Dynamic systems theory is a source of powerful new metaphors for psychoanalysis. Phenomena such as conflict, transference, resistance, and the unconscious itself are grasped from this perspective as dynamically emergent properties of self-organizing, nonlinear, dyadic, intersubjective systems. The conception of development as evolving and dissolving attractor states of intersubjective systems richly illuminates the processes of pattern formation and change in psychoanalysis. Effective interpretations are seen as perturbations of the therapeutic system that permit new organizing principles to come into being“
Zum vollständigen Text…

9. Februar 2012
von Tom Levold
Keine Kommentare

Zeitdruck im Krankenhaus

„Ärzte und Pflegende leiden unter dem wachsenden Effizienz- und Zeitdruck gleichermaßen. Um mit dieser täglichen Belastung umzugehen, finden sie meist ihre eigenen Lösungsstrategien. Die wiederum sind häufig kontraproduktiv und rufen neue Probleme auf den Plan“, so das Resümee einer Untersuchung, die Julika Zwack, Stefan Nöst und Jochen Schweitzer von der Sektion Medizinische Organisationspsychologie am Institut für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Heidelberg verfasst haben. Ihre Ergebnisse haben sie in Heft 3/2009 der Zeitschrift„Arzt und Krankenhaus“ zusammengefasst.
Zum vollständigen Text geht es hier…

8. Februar 2012
von Tom Levold
Keine Kommentare

Wulff will auch Wahlkampf in Frankreich machen

Bundespräsident Christian Wulff hat auf einer Pressekonferenz in Schloss Bellevue am gestrigen Abend zum gemeinsamen Wahlkampf von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy (Image by א (Aleph), http://commons.wikimedia.org) Stellung bezogen. Er freue sich darüber, dass Präsident Sarkozy nun permanent das Wort Allemagne im Munde führe. Allerdings scheine das Staatsoberhaupt Frankreichs nicht zu wissen, dass Frau Merkel nur den zweitwichtigsten Posten im Lande innehabe.„Es wäre passender gewesen, wenn der französische Präsident vertrauensvoll auf mich als Staatsoberhaupt Deutschlands zugekommen wäre. Ich bin aber immer noch jederzeit bereit, ihn – von Präsident zu Präsident – im Wahlkampf zu unterstützen. Es ist schließlich keine Schande, prominente Freunde zu haben“, äußerte Wulff wörtlich. Außerdem ließ er durchblicken, dass es zwischen ihm und seinem französischen Kollegen viel mehr Gemeinsamkeiten gäbe als zwischen Sarkozy und der Bundeskanzlerin.„Wir machen beide gerne Urlaub mit guten Freunden und können uns auch in diesen rauhen Zeiten immer noch über jede noch so kleine finanzielle Unterstützung freuen, von wem auch immer sie kommen mag. Darüber hinaus liegt uns in Zeiten der allgemeinen Arbeitsplatzvernichtung außerordentlich viel daran, unseren Arbeitsplatz um jeden Preis zu erhalten“, betonte Wulff vor der Presse. Außerdem sei beiden gemeinsam, dass es niemanden gäbe, der ihnen irgendeine Form von Größe attestiere – das könne den Schulterschluss nur stärken. Einen gemeinsamen Auftritt mit Angela Merkel in Frankreich schloss Wulff aber aus. Auf die Frage, ob er einen Wahlkampf in Frankreich mit der Würde seines Amtes vereinbaren könnte, antwortete er: „Wenn der Präsident Frankreichs mich rufen Würde, Würde ich natürlich sofort kommen“.

7. Februar 2012
von Tom Levold
Keine Kommentare

ZSTB 1/2012

Das neue Heft der Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung zum Jahresbeginn enthält ein längeres lohnenswertes (email)-Interview, das Wolfgang Loth mit Jürgen Hargens über die Anfänge der Zeitschrift in den frühen 80er Jahren geführt hat. So einfach konnte man damals etwas ganz Neues in die Welt setzen! Harlene Anderson steuert einen Beitrag über„Therapeutische Konversation als generative Dialoge“ und Thomas Friedrich-Hett über„Präsente dialogische Sensibilität – Grundhaltung und Beziehungsgestaltung in der Arbeit mit älteren Menschen“ bei.
Alle abstracts finden Sie hier… 

6. Februar 2012
von Tom Levold
Keine Kommentare

Is there a real you?

5. Februar 2012
von Tom Levold
Keine Kommentare

Do Antidepressants Cure or Create Abnormal Brain States?

Joanna Moncrieff ist senior lecturer in Psychiatry am University College in London, David Cohen ist Professor an der School of Social Work am College of Health and Urban Affairs an der Florida International University in Miami. Gemeinsam haben sie für PLOS Medicine einen interessanten Artikel geschrieben, der sich mit der pharmakologischen Behandlung von Depression beschäftigt. Das Standard-Modell der gegenwärtigen pharmakologischen Behandlung von Depression geht davon aus, dass es sich dabei um eine Störung eines biochemischen Gleichgewichtes handelt, das durch die Gabe von Anti-Depressiva wieder ausgeglichen wird. Allerdings fallen die Forschungsergebnisse, die eine solche„desease-centred“ Hypothese stützen, eher bescheiden aus. Als Alternative schlagen die Autoren ein “drug-centred” Modell vor, das davon ausgeht, das psychotrope Medikamente biochemische Zustände im Körper erzeugt, die u.U., sozusagen als Nebenwirkungen auch Erleichterung bei spezifischen Symptomen verschafft. Medikamenteninduzierte Effekte von Antidepressiva variieren deutlich in Abhängigkeit von ihrer chemischen Klassifizierung – von Sedierung und kognitiver Beeinträchtigung über milde Stimulation bis hin zu gelegentlicher offener Agitation. Die Ergebnisse klinischer Versuche können den Autoren zufolge als medikamenteninduzierte Effekte verstanden werden. Es gibt wenig Hinweise darauf, dass Anti-Depressiva oder andere Medikamente in der Lage sind, eine dauerhafte Stimmungsverbesserung oder andere gewünschte Effekte bei der Behandlung von Depression zu erzielen.
Auf folgender Seite kann der Originalartikel heruntergeladen werden…

4. Februar 2012
von Tom Levold
Keine Kommentare

Systemische Forschung: Ein Qartett

Auf der Systemischen Forschungstagung im Frühjahr 2010 gab es eine interessante Abendveranstaltung mit Jürgen Kriz und Dirk Baecker, die sehr unterschiedliche Ansichten über systemische Forschung dargelegt und – unter der Moderation von Jochen Schweitzer und Matthias Ochs – diskutiert haben. Leider war die Veranstaltung nur sehr kurz, da Dirk Baecker noch einen Zug erreichen wollte, die Vorträge und Diskussionen sind aber dankenswerterweise auf Video aufgezeichnet worden und auf der Forschungsplattform systemisch-forschen.de anzuschauen. Wer also ein bisschen Zeit hat, kann die Videos
hier sehen…

3. Februar 2012
von Tom Levold
Keine Kommentare

Kreativität

Im neuen Jahr findet in Heidelberg ein Kongress zum Thema„Wie kommt neues in die Welt“ statt, organisiert u.a. von den Herausgebern der Familiendynamik unter der wissenschaftlichen Leitung von Hans Rudi Fischer. Das erste Heft der Familiendynamik in diesem Jahrgang ist passenderweise dem Thema„Kreativität“ gewidmet, unter den Blickwinkeln der Liebe, der Sehnsucht und der Psychotherapie. Autoren sind u.a. Robert J. Sternberg, Rainer Holm-Hadulla, Wolfgang Hantel-Quitmann und Francesca Rigotti. Einen weiteren Text zum„Verstummen der Stimmen zur Nazizeit“ steuert Helm Stierlin bei. Wie immer sind auch diesmal alle abstracts und bibliographischen Angaben im systemagazin zu finden,
und zwar hier