Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber meine Begeisterung für systemisches Denken entsprang einem Ort, an dem man diese Begeisterung bis heute selten vermutet: einer traditionsreichen deutschen Universität. Genau gesagt war es die Eberhard Karls Universität zu Tübingen, die sich im Übrigen derzeit mit dem bemerkenswerten Claim Innovativ. Interdisziplinär. International. Seit 1477 (www.uni-tuebingen.de/aktuelles/veroeffentlichungen/imagebroschuere.html) schmückt. Innovativ war sie selbstverständlich auch schon Ende der 1980er Jahre, als ich dem Ende meines Pädagogikstudiums entgegen strebte. In ihren altehrwürdigen Gemäuern war neben viel Historischem auch Platz für Neues und einer dieser Plätze war ein von Ewald Johannes Brunner geleitetes Seminar zu Konzepten der Familientherapie. An die einzelnen Inhalte des Seminars kann ich mich, soviel muss ehrlicherweise eingestanden werden, nicht mehr so genau erinnern. Aber dass ich mit der abschließenden Hausarbeit zur Familientherapie der Mailänder Schule und der Lektüre ihrer faszinierenden Schriften (vor allem Magersucht von Mara Selvini-Palazzoli und natürlich Paradoxon und Gegenparadoxon von der gesamten damaligen Mailänder Gruppe) Wochen und Monate zugebracht habe, das ist mir eindrücklich im Gedächtnis geblieben. Letztlich habe ich diese Hausarbeit dann viel zu spät abgegeben, was sicher nicht nur der vertieften Beschäftigung mit den paradoxen Interventionen, sondern auch einigen unaufschiebbaren handlungspraktischen Zwängen, die Studierende bis heute chronisch plagen, geschuldet war. Dennoch: spätestens nach erfolgreicher Abgabe war ich der der Suggestionskraft der leicht dahin geschriebenen Bücher und den vermeintlich so spielerisch daherkommenden Interventionen der Mailänder Gruppe völlig erlegen.
Es war sicher auch nicht ihre Schuld, dass ich in meiner ersten beruflichen Praxis als Sozialpädagogin in der Psychiatrie mit den Erträgen meiner intensiven Lektüre schnell an die Grenzen stieß. Die reale Welt einer großen psychiatrischen Landesklinik war ganz anders als gedacht und überraschend schnell änderte sich dort erstmal gar nichts. Hätte ich den Klassiker von Erving Goffman Asyle und seine scharfsinnige Analyse psychiatrischer Anstalten als totaler Institutionen früher gelesen, wären mir manche harten Erfahrungen mit der Institution vielleicht erspart geblieben, aber diese Lektüre kam erst später, als ich das Buch im Rahmen meiner Dissertation häppchenweise durchgearbeitet habe. Das ist nicht gerade leichte Kost, auch wenn amerikanische Soziologen allemal verständlicher schreiben als ihre deutschen Kollegen (allen voran der systemische Übervater Luhmann).
Was sich aus meiner Psychiatriezeit und der damit verbundenen Ernüchterung bis heute gehalten hat, ist ein tiefes Misstrauen gegenüber vermeintlich schnell wirkenden Interventionen und viel-versprechenden Methoden. Daher lese ich in der Regel auch keine Methodenbücher. Geblieben ist mir auch die Suche nach einem umfassenderen Verständnis von psychischen
Krankheiten. Dabei sind mir viele Bücher aus den Reihen systemischer Vordenker und Nachdenker wichtig geworden; hängen geblieben bin ich dann aber vor allem an der Geschichte von Alfred, einem als schizophren diagnostizierten jungen Mann. Alfreds Familie wurde von dem Soziologen Bruno Hildenbrand über eine lange Zeit intensiv teilnehmend beobachtet oder vielleicht in diesem Fall besser, im Alltag begleitet. In Alltag und Krankheit hat er seine Beobachtungen zu einer ethnographischen Fallanalyse verdichtet, die einen romanhaft hineinzieht in die Geschichte, das alltägliche Leben und die alltäglichen Dramen dieser Familie. Dass es nicht beim puren Einblick bleibt, ist der Rückbindung der Beobachtungen an soziologische Theorien – der Lebenswelt, der Phänomenologie u.a. – zu verdanken. Dieses familiendynamische und phänomenologische Verständnis von psychischen und anderen Störungen finde ich bis heute allemal spannender und auch systemischer als so manche naturwissenschaftlich angehauchten Systemtheorien. Aber natürlich kann man das nicht so einfach gegeneinander ausspielen.
Mit Alfred bin ich nicht nur einem Modell, sondern auch einer Forschungsmethode verfallen, der qualitativ-rekonstruktiven (Einzel-)Fallstudie. Das ist in Zeiten, in denen harte Zahlen und quantitative Daten Hochkonjunktur haben, für eine Wissenschaftlerin nicht immer ganz einfach durchzuhalten. Dennoch sind Fallstudien einfach ein großartiger Zugang zu sozialen Welten in Familien, Teams, Organisationen und Regionen, wenn es tatsächlich gelingt, einen analytischen Zugang und vertieftes Verstehen mit dem Eintauchen in eine spannende Geschichte zu verbinden. Daher würde ich mal etwas kulturpessimistisch angehaucht sagen: so lange es noch Verlage gibt, die auch umfangreiche fallrekonstruktive Studien (geht meist nicht unter 250 Seiten ab) veröffentlichen und solange es noch Menschen in Wissenschaft und Praxis gibt, die damit etwas anfangen können, sollte man dranbleiben. In diesem Sinne – falls Sie zu denen gehören, die wissenschaftliches systemisches Denken (zum Thema Psychiatrie und Familie) in Form von gut gemachten Fallstudien spannend finden, hier einige überhaupt nicht repräsentative sondern extrem subjektiv gefärbte Empfehlungen:
Allert, Tilman (1997): Die Familie. Fallstudie zur Unverwüstlichkeit einer Lebensform. Berlin: De Gruyter.
Floeth, Thomas (1991): Ein bißchen Chaos muss sein. Die psychiatrische Akutstation als soziales Milieu. Bonn: Psychiatrie-Verlag.
Goffman, Erving (1973): Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Hildenbrand, Bruno/Welter-Enderlin, Rosemarie (2004) : Systemische Therapie als Begegnung. Stuttgart: Klett-Cotta.
Hildenbrand, Bruno (2006): Alltag und Krankheit. (2. Aufl.) Stuttgart: Klett Cotta.
Kastl, Jörg Michael (2009): Hannes K., die Stimmen und das persönliche Budget. Soziobiographie einer Behinderung. Bonn: Psychiatrie-Verlag.
Rosenthal, Gabriele/Stephan, Viola/Radenbach, Niklas (2011): Brüchige Zugehörigkeiten. Wie sich Familien von Russlanddeutschen ihre Geschichte erzählen. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.
Schreiben habe ich eigentlich nicht gemocht und nicht gekonnt. Meine Deutschnoten aus der Schulzeit verrate ich niemandem. Allenfalls Briefe habe ich geschrieben, wenn ich etwas zu erzählen oder meine jugendlichen Lebensphilosophien an FreundInnen heranbringen wollte. Später, im Griechenlandjahr 1981, im Bergdorf ohne Wasser und Strom waren Papierbriefe sowieso das einzige Medium des Kontaktes mit Familie und FreundInnen in Deutschland.
Systemisch bin ich in den frühen achtziger Jahren von den reflexiven Ideen und kollaborativen Dialogen Harlene Andersons, Harry Goolishians und Tom Andersens berührt worden. Letzere meine Mentoren sind verstorben, aber ihr Geist beseelt noch jetzt Forscher und Praktiker skandinavischer Länder und einige deutschsprachiger Kollegen. Als solch eine treue Seele bemühe ich mich, den Studentinnen in der systemischen Ausbildung den relationalen Dialog und das Reflexive des Systemischen Ansatzes gegenüber dem von ihnen erwarteten Werkzeugkoffer für Studenten zu vertreten. Andererseits, wenn ich reflexiv ehrlich zu mir bin, dann muss ich zugeben, dass ich Harry Goolishian zwar faszinierend fand, dass ich seine Interventionen jedoch nicht erkennen und damit auch nicht umsetzen konnte. Nicht umsonst wurde sein Tun öfters als unsichtbare Therapie bezeichnet. Tom Andersen fand ich humorig, seine unendliche Reflexivität jedoch manchmal nervtötend. Ich erlebte eine verzwirbelte blutlose therapeutische Haltung und fand für mich keine Verkörperung im Spiel mit den Worten. Da sprach meine bilinguale spanische Seele aus mir und sagte: Zu trocken, zu verkopft, zuwenig Rhythmus, plätscherndes therapeutisches Geplänkel. Was bleibt denn da beim Gegenüber hängen?
Im Bücherregal meines Vaters das Regal, das ich mittlerweile geerbt habe standen diverse Bücher, die mir in frühen Tagen Ehrfurcht einflößten, vor allem Ehrfurcht vor meinem Vater, der diese Bücher offenbar gelesen und verstanden hatte.
Das heutige Kalendertürchen macht Kurt Ludewig mit einem Beitrag zur Entstehungsgeschichte seines Klassikers Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis auf. Dabei soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass der Autor heute 71 Jahre alt wird, zum Geburtstag gratuliert systemagazin von Herzen und wünscht für die kommenden Jahre alles Gute, Glück und Gesundheit! Aber nun soll Kurt Ludewig selbst zu Wort kommen:
Projekt heranzumachen, und es nach den geltenden Regeln zu erledigen. Das hieß: Eine annehmbare Fragestellung zu entwickeln, ein passendes statistisches Design zu wählen und die Ergebnisse so zu behandeln, dass kein »normaler« Gutachter normal im Sinne von normaler Wissenschaft nach Kuhn die Arbeit ablehnen würde. So schwierig wäre das nicht gewesen, schließlich hatte ich einige Jahre zuvor bei Peter Hofstätter promoviert, der als einer der führenden empirischen Psychologen galt und maßgeblich an der Einführung der statistischen Methoden in die Psychologie beteiligt gewesen war. Bei diesem Gedanken, mich gewissermaßen zu »prostituieren«, um einen Titel zu bekommen, drehte sich mir der Magen um. Deshalb hatte ich vor Jahren beschlossen, weiterhin an der Entwicklung der systemischen Therapie zu arbeiten; ich wollte nicht fremd gehen, um bloß ein paar Streifen auf meine Schulter zu bekommen. Ich wähnte mich eben in einer wie sich zeigen sollte trügerischen Sicherheit.
Ich habe sehr früh mit dem Lesen begonnen, so früh, dass mein Vater prüfte, ob ich berichten bzw. erzählen könne, was ich gelesen hatte. An einem Heiligen Abend, ich mag acht Jahre alt gewesen sein, schenkte er mir, vermutlich in der gleichen Absicht, einen Western, dessen Protagonist Tom Prox hieß, dargestellt als einer jener Männer, die den Colt gedankenschnell ziehen, mit ihm in Bruchteilen von Sekunden ihr Ziel treffen konnten, aber auch in der Lage waren, mittels ihrer Fäuste eine Kneipe mit einem Dutzend Halunken zu räumen.
Ich kreise um das, was ich suche, finde schließlich Begriffe, formuliere, was ich sagen will, und lege mich damit auf eine bestimmte Ausdrucksweise fest. Ich füge unterschiedliche Begriffswelten zusammen und schütze diese Verknüpfungen, indem ich eine Menge Sätze um sie herum baue und Bilder dazu entwerfe. Ich bahne damit Wege und schaffe einen Schein, den ich mag. Die gewählten Worte und damit verbundenen Assoziationen haben eine Selbstwirksamkeit, eine ihnen immanente, unsichtbare Erwartungsstruktur. Am interessantesten wird es in den Bereichen, wo die Begriffe sich reiben, weil sie sich selbst nicht mehr genügen und auf andere verweisen. Mir kommt vor, dass der Inhalt, den viele Begriffe ansprechen, hinter und zwischen ihnen zu finden ist in der Dynamik der Bedeutungen, die umkreisen, was sich eigentlich nicht sagen lässt.
etwas auf, um es dann wieder vergessen und mich mit anderem beschäftigen zu können mit Abzweigungen von den gewohnten Wegen meines Denkens, Wegweisern in eine Richtung, die vielversprechender erscheint, weil sie mir eine andere Haltung zu mir selbst und einen anderen Zugang zu meiner Welt vermittelt. Ich notiere diese Abzweigungen vom Vorgegebenen, weil ich sie beizeiten wieder finden möchte, um sie näher zu erkunden. Leider ist ihre Zahl inzwischen recht groß, so dass es mir schwer fällt, mich zu orientieren. Zehntausend Word-Files umfasst meine Festplatte inzwischen dem gegenüber scheint die Zahl der Texte, die ich veröffentlicht habe, sehr gering zu sein. Das Schreiben dient dem Suchen und bringt das dabei Gefundene in eine nur vorübergehend akzeptable Form. Ich habe damit begonnen, als ich in der Volksschule war zuerst handelte es sich um Geschichten über kleine Mädchen und ihre Abenteuer, dann um Tagebuchtexte, in denen das inzwischen älter gewordene Mädchen in all dem Abenteuerlichen, das sie erlebte, nach Selbstverständnis suchte. Statt als Jugendliche die Lokale unsicher zu machen und mich mit Gleichaltrigen zu vergnügen, verfasste ich einen utopischen Roman. Während meines Zoologiestudiums versuchte ich in einem theoretischen Text Gott und die Evolutionstheorie zu vereinen dies setzte ich zehn Jahre später im Rahmen einer theologischen Diplomarbeit fort, in der es um Gott und den Konstruktivismus ging. Und auch in den letzten Jahren kaue ich in meiner Freizeit an einem Buch über ein ähnliches Thema, das nicht und nicht fertig werden will. Dazwischen habe ich mich um ganz andere Texte bemüht z.B. um Forschungsberichte, Fachartikel oder Skripten für die systemische Ausbildung, in denen ich versuchte, eine mir eigene Sprache für die vermittelten Inhalte zu finden. Glücklicherweise ist mir das Tagebuchschreiben in den letzten Jahren abhanden gekommen hätte ich die Chance, jemals das Interesse einer Biografin zu wecken, dann wäre diese wohl trotzdem sehr beschäftigt und käme vor lauter Lesen zu gar nichts mehr. Ich habe mich in Gesprächen mit einem imaginären Beobachter (in dieser Phase Daimon genannt) aus vielen Problemen herausgeschrieben, habe schreibend die Antwort auf Fragen gesucht und schreibend neue Fragen erfunden. Ich habe Manuskripte von zweihundert Seiten auf ein Viertel zusammengekürzt um sie dann wieder auf das Doppelte zu erweitern. In meinen privaten Dateiordnern finden sich unveröffentlichte Gedichte, ein Theaterstück und ein fast fertiger Roman.
Ich muss gestehen: Als Kind habe ich extrem wenig bis gar nicht gelesen. Mich hat einfach nichts interessiert. Weder Karl May noch Lederstrumpf noch irgendwelche andere sogenannte Kinder- und Jugendliteratur.
langsamer, weniger ballgewandt, beherrschten das Dribbeln einfach nicht. Wen wunderts, die lasen halt.