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Ken Gergen: Die „Psychologie des Zusammenseins“ für Psychotherapeut*innen

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Auf auf dem DGVT-Kongress 2021 gab es eine Lesung von Ken Gergen, der sein Buch „Relational Being“ (Auf deutsch: „Die Psychologie des Zusammenseins“, s. auch die Rezension von Wolfgang Loth hierzu) vorgestellt hat. In der Zeitschrift VPP (Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis) 3/22 wurde sein Beitrag gemeinsam mit einem Interview veröffentlicht, das Thorsten Padberg, Eugene Epstein, Manfred Wiesner und Lothar Duda mit Ken Gergen geführt haben. systemagazin veröffentlicht hier diese Texte mit freundlicher Genehmigung der VPP (Fotos: Tom Levold)

Ken Gergen, Swarthmore (PA): „Die Psychologie des Zusammenseins“ für Psychotherapeut*innen

Eine Lesung auf dem DGVT-Kongress 2021

Ken Gergen

Vorbemerkung: Kenneth Gergen zählt zu den 50 einflussreichsten Psychologen der Welt. Als Sozialpsychologe hat er sein Fach immer wieder vor Herausforderungen gestellt. Schon in der 70er Jahren stellte er in Frage, ob es zeitlich überdauernde Gesetze der Psyche gebe – eine Idee, die sich aus seiner Sicht nur deshalb so weit verbreiten konnte, weil die Psychologie über ihren empiristischen Fokus vergessen hatte, die Entstehung ihrer Konzepte zu untersuchen. Seine Antwort: „Sozialpsychologie ist Geschichtswissenschaft“. In seinem populärwissenschaftlichen Bestseller „Das übersättigte Selbst“ von 1991 erklärte er der erstaunten Öffentlichkeit, dass das Selbst keinen festen Kern habe, sich der Mensch vielmehr in Abhängigkeit von seinem Umfeld in theoretisch unbegrenzte „Personenpersonen“ auffächerte. In seinem zuletzt erschienenen Buch „Relational Being“, das jetzt unter dem Titel „Die Psychologe des Zusammen-Seins“ im dgvt-Verlag erschienen ist, schrieb er die gesamte Psychologie neu: Statt der Erforschung der Psyche müsse sie sich der Erforschung von Beziehungen widmen, um als Wissenschaft eine feste Grundlage zu haben. 

Auf dem DGVT-Kongress im März 2021 war Kenneth Gergen Gast des Symposiums „Sprachbasierte Ansätze in der Psychotherapie“, um die Implikationen seines Ansatzes für die Psychotherapie herauszuarbeiten. Er trug dabei theoretische Passagen und illustrierende Geschichten aus der „Psychologie des Zusammenseins“ vor und erläuterte diese Absätze für die Teilnehmer*innen. Im Folgenden finden sich die vorgetragenen Passagen. In kursiv sind zudem Gergens Erläuterungen wiedergegeben. Diese Erläuterungen wurden hier ergänzt durch Ausschnitte aus einem Gespräch, das die Veranstalter des Symposiums vorab mit Ken Gergen geführt haben.

——

Ich habe eine Nachbarin, die glaubt, eine unsichtbare Macht dominiere die Welt um sie herum. Es sei eine Macht, erzählt sie mir, die die Wirtschaft und die Umwelt zerstöre, und die meisten Menschen seien nicht in der Lage, sich ihr zu entziehen. Sie warnt mich, dass die Welt in Gefahr schwebe. Außerdem bekümmert sie, dass sie keine Freund*innen hat. Um ihre Ängste aufgrund dieser Bedrohung zu verringern, wird sie sediert (letztendlich wird sie wie ein Fall von Schizophrenie behandelt). Dennoch versuche ich, meine Skepsis zu unterdrücken, wenn sie mir von dieser „unheilvollen Macht“ erzählt. Schließlich ist ihre Konstruktion der Welt eine von vielen möglichen. Und wenn ich sie dazu ermutige, erzählt sie mir gerne mehr darüber. Inzwischen ist meine Nachbarin zu vielen Dingen gut in der Lage – Lebensmittel einkaufen, Kochen, Fahrradfahren, Tennisspielen, Bücher lesen und so weiter. Und ich frage mich: Was wäre, wenn sie lernen könnte, sich nur selektiv zu offenbaren? Wie wäre es, wenn sie verstehen könnte, dass andere durch ihre Wahrnehmungen verunsichert werden und sie ihr deshalb aus dem Weg gehen? Die Fähigkeit, den öffentlichen Ausdruck der eigenen Welt aktiv zu kontrollieren, ist für tragfähige Beziehungen grundlegend. Es ist eine Fähigkeit, die nicht allzu schwer zu erlernen sein sollte, und im Ergebnis hätte sie wahrscheinlich viel bessere Beziehungen. Wie viele von uns haben gelernt, ihre Selbstgespräche im Stillen zu führen?

Ich will dazu anregen, den Hauptfokus jeder Therapie darauf zu legen, die Belastbarkeit der Beziehungen eines Klienten oder einer Klientin zu verbessern, egal ob es sich dabei um vergangene, gegenwärtige oder auch zukünftige Beziehungen handelt. Damit wird Therapie letztlich nicht länger als eine spezifisch psychologische Tätigkeit angesehen. Es geht aus relationaler Sicht nicht um das „Seelenheil“, sondern um relationale Transformation. Das soll nicht heißen, dass nicht mehr über mentale Zustände (wie Emotionen, Erinnerungen und Fantasien) geredet werden darf, sondern dass sie nicht mehr exklusiv im Fokus stehen. Das Sprechen über mentale Zustände ist eine Form des relationalen Handelns. Es geht nicht darum, ob dieses Sprechen „realistisch“ ist, sondern ob es in Beziehungen funktioniert.

Lassen Sie mich ein paar Worte über das Anliegen dieser Passage sagen. Was ich hier beabsichtige, ist, die Beziehungen in den Mittelpunkt zu stellen, also das ständige „In-Beziehung-Sein“, in dem sich die Person befindet, in dem wir uns alle ständig befinden. So wie John Shotter es einmal formuliert hat: Frag nicht danach, was die Person im Kopf hat, frag, worin sich der Kopf der Person befindet, also in welchen sozialen Prozessen er steckt! Um das sinnvoll tun zu können, muss man diesen Fragen erst einmal eine Bühne bereiten. Mit welcher Berechtigung können wir danach fragen, wo wir uns doch seit langem auf den Geist des Einzelnen, seine Gefühle, Gedanken usw. fokussiert haben? Deswegen will ich im Folgenden einen Abschnitt lesen, in dem dieser Beschäftigung mit der Beziehung der Boden bereitet wird. Denn das ist die zentrale Frage: Woher wissen wir, worüber wir reden, wenn wir uns mit „mentalen Zuständen“ befassen?

Versetzen Sie sich für einen Moment an die Stelle eines Psychiaters. Sie hören Ihrem Klienten Fred zu, der gerade sagt: „Seitdem mein Vater gestorben ist, fühle ich mich nicht gut. Ich kann mich nicht aufraffen, irgendetwas zu tun. Ich finde einfach keinen Anfangspunkt. Ich fühle mich unmotiviert. Die Arbeit interessiert mich nicht. Ich weiß einfach nicht, was mit mir los ist.“

Freds Worte sind klar verständlich. Aber was verraten Ihnen die Ausdrücke, die er

gewählt hat, über sein Seelenleben? Sie stehen vor der Herausforderung,

Worte
das Äußerliche
die Oberfläche
das Beobachtbare

dafür zu nutzen, um auf

die Psyche
das Innenleben
die Tiefe
das Verborgene

zu schließen.

Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Offensichtlich haben Sie keinen direkten Zugriff auf das, was hinter den Worten des Klienten steht („in seinem Kopf“). Sie können nicht hinter den Spiegel seiner Augen blicken. Also – wie kommen Sie zu Schlussfolgerungen über sein Innenleben; darüber, was ihn wirklich bewegt, was er tatsächlich fühlt oder was er eigentlich zu sagen versucht?

Falls Sie mit Ihrer Antwort zögern, befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Tatsächlich beschäftigt die Frage, wie man die Seele eines anderen erkunden kann, seit mehreren Jahrhunderten einige der hellsten Köpfe des Westens. Sie ist genauso fundamental wie der Versuch, Gottes Wille aus den Worten der Bibel herauszulesen, die Absichten der Autoren der Grundrechte auszulegen, die Interpretation der wahren Bedeutung eines Gedichts oder der Versuch, eine komplexe philosophische Schrift zu verstehen. Mitunter hängt viel von einer „richtigen Interpretation“ ab. (Tatsächlich gab es Menschen, die aufgrund der Interpretation ihrer Worte durch andere an den Galgen kamen.) Seit ungefähr 300 Jahren sucht die Disziplin der Hermeneutik intensiv nach einer plausiblen Grundlage zur Beurteilung von Interpretationen. Bemerkenswerterweise gibt es keine allgemein akzeptierte Lösung.

„Ja …, aber“, antwortet der Kritiker, „die Situation ist alles andere als hoffnungslos. Dazu kann ich mich auf die Tradition verlassen. Tausende Psychiater vor mir haben eine Praxis der Deutung geschaffen, auf die ich mich verlassen kann; sie wissen, worauf ich achten muss. Im genannten Beispiel könnten sie mir beispielsweise vorschlagen, das Selbstbewusstsein des Klienten einzuschätzen, nach unterdrücktem Ärger Ausschau zu halten oder vielleicht ein dysfunktionales kognitives System zu erkunden.“ Sicherlich, das wäre ganz im Sinne der Psychiatrie. Aber wie hat die Psychiatrie von diesen Dingen erfahren? Haben wir Konzepte wie „Selbstbewusstsein“, „Verdrängung“ oder „kognitives System“, weil die Experten früherer Zeitalter irgendwie das hermeneutische Problem gelöst hätten? Wie wären sie dabei vorgegangen?

Eine Überschrift in der Rubrik „Wissenschaft und Gesundheit“ des Philadelphia Inquirer:

Manchmal sind Bitterkeit und Gereiztheit in Wirklichkeit eine Depression.

Ist das objektives Wissen, göttliche Eingebung oder etwas anderes?

Erneut widerspricht der Kritiker: „Aber ich kann meine Hypothesen doch überprüfen. Ich kann meinem Klienten Fragen zu meinen Interpretationen stellen und seine Antworten werden zeigen, ob ich auf der richtigen Spur bin oder nicht. Ich kann meine Schlussfolgerungen sogar dem Klienten mitteilen und sehe dann, ob er mir zustimmt.“ Also legen Sie dem Klienten nahe, dass er depressiv sein könnte … und er nickt bestätigend. Aha, also so bekommen Sie das Gefühl, auf der richtigen Spur zu sein.

Aber was genau ist hier passiert? Hat der Klient Ihre Interpretationen überprüft, indem er sich auf sich selbst besonnen hat und dann versucht hat, den Begriff „Depression“ mit seinen inneren Zuständen abzugleichen? „Ah ja, jetzt erkenne ich eine Depression in mir … wie konnte mir das entgehen … Sie haben völlig Recht.“ Wohl kaum.

„Nun ja“, antwortet der Kritiker, „vielleicht ist die Selbsterkenntnis des Klienten nicht unhinterfragbar. Aber ich muss mich ja nicht ausschließlich auf seine Worte verlassen. Ich kann sein Verhalten beobachten. Wie viel isst oder schläft er, welche Fehlzeiten hatte er bei der Arbeit und wie verbringt er seine Freizeit? Sein Verhalten wird mir Hinweise darauf geben, ob er depressiv ist oder etwas anderes. Und wenn ich sein Verhalten nicht direkt beobachten kann, verlasse ich mich auf sorgfältig entworfene psychologische Depressionstests. Mit solchen Tests kann der Klient einschätzen, wie häufig er ‚sich müde fühlt‘, ‚Einschlafprobleme‘ oder ‚wenig Energie‘ hat.“

Schön und gut. Nutzen wir nicht alle das Verhalten anderer, um daraus zu schließen, was in ihnen vorgeht? Vielleicht tun wir das, aber die Frage, die wir uns jetzt stellen müssen, ist, ob wir damit auf sicherem Boden stehen. Ist das Verhalten einer Person wirklich ein Fenster in ihren Kopf? Überlege: Ist die Beobachtung von Körperbewegungen beim Versuch, jemanden zu verstehen, etwas prinzipiell anderes als die Auslegung seiner Worte? In beiden Fällen nutzen wir äußerliche Anzeichen, um auf ein unsichtbares Inneres zu schließen. Wenn ich lächle, woher wissen Sie dann, ob dies ein Ausdruck von Fröhlichkeit ist – und nicht Befriedigung, Ekstase, Überraschung oder Amüsement? Könnte es sich auch um den Ausdruck von Ärger, Liebe oder Leichtsinn handeln? Auf welcher Grundlage könnte irgendeine dieser Interpretationen verworfen werden? Weil ich es sage? Woher würde ich das wissen? Und wenn ich in einer Testbatterie angebe, dass ich mich oft müde fühle oder Schlaf- und Essprobleme habe, woher wissen Sie, ob es sich um offensichtliche Symptome einer Depression handelt? Woher haben wir denn die Idee, dass Depression etwas im Kopf eines Menschen ist? Haben wir das beobachtet? Letzten Endes verraten unsere Handlungen – unabhängig davon, ob sie beobachtet oder in einem psychologischen Test berichtet werden – uns genauso wenig über unsere mentalen Zustände wie unsere Worte.

Das gesamte diagnostische Vokabular ist historisch als ein Instrument entstanden, mit dem wir Menschen beschreiben. Und wir können sagen, dass es uns als Psycholog*innen in der Therapie weiterhilft. Es ist eines von vielen Vokabularen, aber es gibt auch andere. Und es besteht immer die Gefahr, dass wir es zum einzigen, unhinterfragbaren Vokabular erklären. Ich verfolge mit Grauen, wie dieses Vokabular zum Allgemeingut wird und wie die pharmazeutische Industrie damit Geld macht. Mit jeder neuen Diagnose gibt es eh man sich versieht ein neues Medikament, das in nicht einmal zwei Jahren populär wird. Heute Morgen bekam ich ein Brief mit der Bitte um eine Spende für eine Mental Health-Organisation, weil inzwischen jeder fünfte Amerikaner innerhalb eines Jahres einmal psychisch krank sein soll. Und ich dachte nur, „Wie bitte?“ Ich habe Enkel*innen, die benutzen Worte wie ADS, wenn sie über ihre Freund*innen sprechen: „Die ist doch ‚zwanghaft‘ oder ‚bipolar‘“, so wie wir gesagt hätten, da ist jemand „miesepetrig“. Das ist der Grund, warum heute einer von fünf psychisch krank ist, weil es zu einer Form des Selbstverständnisses geworden ist.

Je mehr offene Formate wie etwa Open Dialogue angeboten werden, desto besser. Durch das Internet sind Menschen, die bestimmte Diagnosen erhalten haben, miteinander in Kontakt gekommen und haben „Moment mal“ gesagt: „Wer seid Ihr denn, dass Ihr uns sagen dürft, dass wir krank sind?“. Hearing Voices ist eine solche sehr große Gemeinschaft. Die sagen: „Hier sind 18 Dinge, die man in so einem Fall tun kann, die wir entwickelt haben.“ Mir gefällt es ausgesprochen gut, dass diese Menschen sich auf diese Weise Ressourcen erschließen, um ihr Leben zu gestalten, die nicht aus der psychologisch-psychiatrischen Ecke kommen oder daraus bestehen, Medikamente zu nehmen. Ich mache das seit kurzem in Seminaren: Ich frage die Teilnehmer*innen, was sie tun, wenn sie sich depressiv fühlen. Ich benutze dabei ganz bewusst diesen Begriff, und die Leute haben individuelle Strategien dafür: „Ich gehe Joggen“, Ich gehe aus dem Haus“, „Ich lege mir Musik auf“, „Ich spiele etwas“, „Schokolade, dann geht’s mir gut!“ Wir alle finden Wege, wie wir durch den Tag kommen. Dafür müssen wir nicht zur Therapie gehen. Jemand hat uns das vorgeschlagen oder wir sind selbst darauf gekommen. Davon würde ich gerne mehr sehen. Miteinander ins Gespräch kommen: „Wie machst du das denn? Sollen wir es gemeinsam probieren?“

Es war ein idyllischer Tag am Strand und unsere Gespräche mit Laurie und Jon bildeten einen Kontrapunkt zum Rauschen der Wellen. Laurie hatte auch ihre Eltern dabei, die inzwischen über 80 waren. Lauries Mutter war eine üppige, überschwängliche Frau und ihr Gatte war dünn, still und litt unter chronischen Depressionen. Weil wir nicht länger sitzen konnten, baten Mary und ich unsere Freunde auf eine Runde über den Strand. Wir wollten uns gerne die Beine vertreten und Laurie hielt es für eine gute Idee, wenn ihr Vater uns dabei begleiten würde. Widerstrebend erhob er sich, wobei sein klappriger Körper unter der Anstrengung ächzte. Während wir spazierten, nahmen wir unsere Diskussion wieder auf und plauderten in der Sonne fröhlich vor uns hin. Lauries Vater schleppte seinen schlaffen Körper stumm hinter uns her. Nach einer Weile sahen wir, dass wir uns einem FKK-Strand näherten. Während wir uns den nackten Gestalten näherten, bemerkten wir, wie Lauries Vater anfing, sich aufzurichten und wie sich sein Schritt beschleunigte. Als wir den Nudistenbereich betraten, klinkte er sich in unser Gespräch ein. Auf einmal redeten wir alle aufeinander ein. Doch irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem wir umdrehen mussten, um zu unserer Unterbringung zurückzukehren. Während wir auf dem Rückweg waren, fiel Lauries Vater wieder still in sich zusammen. Als wir an unseren Platz auf dem Strand zurückkamen, sackte er auf seinem Handtuch zu einem Haufen zusammen, jetzt wieder „chronisch“ depressiv.

Beim Thema relationaler Veränderungen sind zwei Dinge von besonderer Bedeutung. Das erste und wichtigste ist naheliegender Weise das Beziehungsgefüge, in das der Klient bzw. die Klientin nach der Therapie zurückkehrt. In welchem Ausmaß wird die Teilhabe des Klienten oder der Klientin an diesen Beziehungsmustern verbessert? Doch ich […] will [auch] die Wichtigkeit einer zweiten, weniger offensichtlichen Art betonen, wie der therapeutische Prozess die anderweitigen Beziehungen der Klient*innen beeinflusst. Wir könnten alle Therapeut*innen als soziale Aktivist*innen ansehen. Im Guten wie im Schlechten werden ihre Theorien und Praktiken von der Gesellschaft übernommen, wodurch sie die dort herrschenden Annahmen aufrechterhalten oder verändern. Wir haben bereits einen ersten Eindruck davon erhalten, als wir diagnostische Kategorien behandelt haben. Wenn sich solche Kategorien in der Gesellschaft verbreiten, beglaubigt durch die Autorität der Profession, beginnen Menschen, sich selbst unter Verwendung dieser Kategorien zu beschreiben. Die bis dahin gemeinhin anerkannten Auffassungen werden verdrängt. „Aus „dem Blues“ werden „Depressionen“, das „launische Kind“ wird „bipolar“, die „intensive Hingabe an die Arbeit“ wird zur „Sucht“ usw. Es ist bemerkenswert, dass gemeinsam mit der Zahl professioneller Helfer*innen auch die Anzahl diagnostischer Kategorien gewachsen ist – parallel zur Anzahl therapeutischer Patient*innen und der Höhe der jährlichen Ausgaben für seelische Gesundheit. Auch wenn diagnostische Kategorien innerhalb von Expert*innenkreisen ihren Nutzen haben mögen, so gilt doch in noch stärkerem Maße, dass ihre Verbreitung in der Allgemeinbevölkerung schädlich ist.

„Wir erkunden in der Psychotherapie keine verdeckten psychologischen Tiefen“. Ein Interview mit Kenneth Gergen

Kenneth Gergen macht sich in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch „Die Psychologie des Zusammenseins“ (2021, dgvt-Verlag) auf die Suche nach einem neuen Fundament für die Psychologie und findet es in sozialen Beziehungen. Nicht die Psyche der Einzelnen sollte die erste Untersuchungseinheit sein, argumentiert er, sondern das Zusammenleben der Menschen. Im folgenden Gespräch stellt er die Implikationen seines Ansatzes für die psychotherapeutische Ausbildung und die psychotherapeutische Rolle heraus. Die Fragen stellten Eugene Epstein, Manfred Wiesner, Lothar Duda und Thorsten Padberg.

Professor Gergen, denken Sie, es ist möglich, Psychotherapie durchzuführen, wenn man dabei nicht zuerst an die mentalen Zustände der Menschen denkt? Kann man Veränderungen im Gespräch anstoßen, ohne davon auszugehen, dass hinter dem psychologischen Vokabular etwas Psychisches steht?

Kenneth Gergen: Ich versuche, von dem Gedanken wegzukommen, dass es immer darum gehen muss, was hinter dem steht, was wir reden – dass dahinter etwas Psychisches ist, das es „produziert“. Ich wollte eine andere Perspektive einnehmen, die sich stattdessen mit dem beschäftigt, was im Gespräch passiert: Wie „produzieren“ wir im Gespräch einander? Dabei erkunden wir keine verdeckten psychologischen Tiefen, auch wenn das oft so verstanden wird. Stattdessen erschaffen wir gemeinsam etwas.

Das klingt nach dem, was der Psychotherapeut Harry Goolishian einmal sinngemäß gesagt hat: „Höre auf das, was die Menschen sagen, nicht auf das, was du denkst, was hinter den Worten stecken könnte.“

Kenneth Gergen: Sobald man die Sprache als Linse für das benutzt, was in einer Therapie passiert, dann wird sofort deutlich, dass wir es sind, die Sprache gebrauchen, dass das Sprechen ein Tun ist. Und man braucht keine zweite Sprache, die angeblich hinter dem Gesprochenen steht, die das Eigentliche ist, um das es gehen soll.

Dabei sollte man eines beachten: In die Praxis eines Psychotherapeuten kommen die unterschiedlichsten Menschen, mit den unterschiedlichsten Vorstellungen über die Welt. Und viele von ihnen sind auf Vorstellungen vom Unbewussten oder Trieben fixiert. Diese Vorstellungen sind noch sehr gängig, genauso wie spirituelle Vorstellungen. Wenn man sich auf den Prozess zwischen den Menschen konzentriert, ist es äußerst wichtig, diese mitgebrachte Sprache zu würdigen, die vielfältigen Glaubenssysteme und Werte. Und nicht immer nach etwas zu suchen, das dahintersteht, so dass es dann zum Beispiel immer ein Bindungsproblem ist. Die einzige Frage lautet dann: „Wie hast du das Bindungsproblem gelöst, das hinter dem steht, was berichtet wurde?“ Davon würde ich gerne wegkommen. Dabei kann man immer noch solche Begriffe wie „unbewusste Motive“ benutzen. Wir könnten die Begriffe, so wie sie geäußert werden, nutzen, um davon ausgehend voranzukommen. Dabei sollte man aber nicht das Thema wechseln, in dem Sinne, dass man mit einem bestimmten Problem zur Therapie geht und dann plötzlich nur noch über ein Problem redet, das man mit seinen Eltern hatte, als man vier Jahre alt war. In den USA ist das Thema „Healing“ gerade ganz groß: „Die Wunden der Sklaverei heilen“. Warum sollte man ausgerechnet da ansetzen? Warum sollten wir den Menschen sagen: „Du hast die Sklaverei noch nicht überwunden“?

Wie sollten wir dann Ihrer Meinung nach Psychotherapeut*innen ausbilden?

Kenneth Gergen Was mir überhaupt nicht gefällt, ist eine Ausbildung, die sich an einem festen Regelwerk orientiert, nach dem man in der ersten Stunde X und in der zweiten Stunde Y macht. Das ist zu beschränkend. Es geht für Therapeut*innen darum, gut im Kontakt zu bleiben. Deshalb sind die für mich entscheidenden Teile der Ausbildung, wenn man Ausbildungskandidat*innen bei der Arbeit beobachtet und das dann gemeinsam durchspricht. Aber nicht mit der Idee, dass es den einen richtigen Weg gibt, sondern mit einem Augenmerk darauf, was alles möglich gewesen wäre. „Du hättest jetzt das oder das sagen können“, „Schau, wie du dich da gerade vorbeugst“ – all die Dinge, auf die man aus verschiedenen Perspektiven potenziell achten könnte. So dass die Auszubildenden sehen: „Okay, ich hätte hier das machen können, oder hier das. Das wird mir beim nächsten Mal dabei helfen, flexibler oder sensibler zu reagieren.“ Um die ganze Vielfalt der Möglichkeiten zur Hand zu haben.

Therapeut*innen, die gerade erst mit der Arbeit beginnen, fühlen sich oft unsicher, sie wollen genau wissen, was sie tun müssen und was daraufhin passiert. Sie wollen Komplexität eher reduzieren. Sie, Professor Gergen, suchen hingegen eher nach Wegen mit Komplexität umzugehen. Wie könnte man dies angehenden Therapeut*innen schmackhaft machen?

Kenneth Gergen: Eine aktuelle Entwicklung aus dem medizinischen Bereich ist, dass man schon in der Ausbildung damit beginnt, mit Patientengruppen zu sprechen. Wie geht es den Patient*innen mit den medizinischen Routinen? Die Patient*innen helfen den Auszubildenden, indem sie verständlich machen, wie das Leben für sie ist. Wenn man mit älteren Menschen arbeiten will, dann lädt man Gruppen von Älteren ein, die davon erzählen, wie das so ist, wenn man alt wird und das eigene Leben für die Gesellschaft nicht mehr viel wert zu sein scheint. Wie ist das, wenn man auf seine Krankheit reduziert wird und nicht als ganzer Mensch gesehen wird? Diese Perspektivübernahme sollte Teil der Ausbildung werden.

Wunderbar ist auch der Offene Dialog. Da geht man viele verschiedene Möglichkeiten durch, um zu verstehen, was das Problem ist und was man jetzt tun müsste. Und es nimmt eine Last von den Schultern der Therapeut*innen, die sich sonst ständig fragen: „Was, wenn ich eine falsche Diagnose stelle? Ich muss das hier verstehen, es planen, dabei auch noch selbstbewusst sein.“ Stattdessen sollte ein ganzes Team zusammenarbeiten.

Psychotherapeut*innen werden ohnehin während der Ausbildung häufig bei der Arbeit beobachtet, und dann spricht man gemeinsam darüber, wie die Dinge gerade laufen. Warum kann nicht auch die ganze Therapie so ablaufen? Als ein Training im „Sein“. Wie geht man vor, wie soll man leben? Das ginge auch mit Rollenspielen. Andere Meinung einholen: „Wie schlage ich mich gerade?“

Sie haben mentale Zustände aus dem Fokus gerückt, Sie zweifeln an Diagnosen, jetzt stellen Sie die therapeutische Expertise in Frage. Da könnte man sich als Therapeut*in fragen: „Wenn ich kein Experte für das bin, was hinter den Worten meiner Klient*innen steht, für mentale Zustände oder Diagnosen, worin soll dann meine Rolle bestehen? Warum sollte ich überhaupt Therapeut*in werden?“ 

Kenneth Gergen: Wie wäre es, wenn die Expertise darin bestünde, wie man im Leben steht (im Orig.: „in a way of being“)? Wenn ich an meine eigene akademische Ausbildung zurückdenke, dann erinnere ich mich mehr an den Umgang mit meinen Ausbilder*innen als an das, was sie genau gesagt haben. Es ist eigentlich das, was ich von ihnen übernommen habe. Das heißt nicht, dass ein*e Therapeut*in zu einem Rollenvorbild werden sollte, überhaupt nicht. Stattdessen sollte er/sie ein Kontaktangebot machen, das darin besteht, sich gemeinsam auf ein Ziel zuzubewegen, diese Bewegung zu erleichtern und zu orchestrieren. Dabei zu helfen, das Gespräch voranzubringen. Lassen Sie mich eine Analogie benutzen. Wenn man an „Führerschaft“ denkt, dann meint man damit meist eine Art von Anführer, der alles managed. Jemand, der charismatisch ist und von oben herab alles bestimmt. Aus einer relationalen Sicht würde man aber sagen: „Du brauchst ein viel breiteres Wissen für Strukturen, die sich schnell verändern.“ Also werde zu jemanden, der zuhört, berücksichtige vielfältige Perspektiven, bringe die Menschen miteinander ins Gespräch, über die Grenzen des eigenen Bereichs hinweg, auch außerhalb der eigenen Gruppe. Die Expertise für den therapeutischen Bereich läge dann daran, die Dinge miteinander in Bewegung zu bringen. Nicht nur die Patient*innen und ihre Familien, sondern auch die anderen Therapeut*innen, gegebenenfalls die Polizei usw.

Mir gefällt deshalb der „Not Knowing“-Ansatz von Anderson & Goolishian so gut, bei dem man nicht schon vorab eine Theorie über die Person im Kopf hat, bevor die auch nur ein Wort gesagt hat. Und dann stattdessen vielfältige Perspektiven heranzuziehen. „Depression“ wäre nur eine Möglichkeit, ein Problem zu benennen, man könnte auch sagen, „Ich bin einfach nur müde“, „Ich habe einen Burnout“, „Ich bin traurig“, „Ich weiß beim besten Willen nicht, was mit mir los ist, ich bin einfach durch“, all die verschiedenen Formulierungen, die man benutzen könnte. Welche davon könnte in diesem spezifischen Moment diejenige Formulierung sein, die wir gut gebrauchen könnten, um etwas Neues anzufangen? Das ist wie in diesen alten Tarzan-Filmen, wenn man von einer Liane zur nächsten schwingt, um von da aus wieder weiterzuschwingen.

Ein*e Therapeut*in sollte also nicht nur eine Sprache in die Therapie mitbringen, eine einzige bevorzugte Art des Sprechens. Was Sie „im Leben stehen“ nennen, hat dann also mit einer Haltung zu tun?

Kenneth Gergen: Ich denke da an einen bestimmten Therapeuten, der lacht gern. Man geht an der Tür zu seinem Therapiezimmer vorbei und man hört von drinnen Gelächter. Wie viele Therapeut*innen sind in der Lage, sich des Lachens zu bedienen? Lachen ist eine solche Art, „im Leben zu stehen“, es ist ein wichtiger Teil des Lebens, warum sollte das nicht Teil des Therapierens sein? Das wäre Teil eines Ansatzes, der noch keinen Namen hat: Therapie als Neu-Orientierung in der sozialen Welt. Als Hilfe zum Umgang mit der komplexen Welt, in der wir leben. Machen Sie sich das bewusst: An einem einzigen Tag sprechen Sie mit verschiedenen Kolleg*innen aus unterschiedlichen akademischen Lagern. Dann sprechen Sie mit Ihrem Partner, da geht es um ganz andere Dinge. Dann kommen die Kinder und wollen etwas wieder anderes von einem, dann wieder sind es die eigenen Eltern mit ihren individuellen Anliegen. Plötzlich passiert etwas Politisches, mit dem man umgehen muss, jemand ist am Telefon, der Ihnen erzählt, dass er todkrank ist, dann wieder jemand von ganz früher, der einem etwas total Lustiges zu erzählen hat. Jeden Tag springt man von einem Ding zum anderen. Um damit fertig zu werden, muss man ganz viele verschiedene Persönlichkeiten ausbilden. Wie können Therapeut*innen Menschen dabei unterstützen, all das zu leisten?

Das erinnert an Robert Bellahs Buch „Die Gewohnheiten des Herzens“. Der sieht eine ganz ähnliche Rolle für Therapeut*innen, als Mittler für Menschen, die keine festen Bezüge mehr haben. Er sieht das allerdings sehr negativ: So weit sind wir gekommen, wir haben nichts anderes mehr, als uns einmal in der Woche zu begegnen, wobei wir dann in typischer Therapeut*innenmanier zurückhaltend mit unseren persönlichen Ansichten sein sollen. Weil wir einander nicht mehr kennen und uns gegenseitig mit dem, was wir denken, nicht verletzen wollen. Sie sehen das viel positiver.

Kenneth Gergen: Die Rolle, die Therapeut*innen hatten, war früher eine andere. Psychotherapie ist für mich aus einer Situation heraus entstanden, als natürlich gewachsene Gemeinschaften verschwanden. Plötzlich gab es keine Nachbarn mehr, die sagten: „Oh das und das tut mir so leid für dich. Komm doch mal auf einen Kaffee rüber“. Diese Leute schickten wir dann stattdessen zum Therapeuten. Heutzutage sind wir sozial übersättigt, da sind eher zu viele Menschen um uns herum. Damit erhält die Therapie eine neue Aufgabe. Es geht im Alltag um ständige Koordination und Therapeut*innen koordinieren diese Koordination. Sie sollen dich nicht „reparieren“, sie sollen dir ermöglichen, sozial besser „mitzuschwingen“.

Ein Beispiel: Wenn ein Kind wegen seiner Schulleistungen Probleme mit den Eltern bekommt, dann sollten Therapeut*innen sich dafür einsetzen, dass sich die Situation in der Schule verändert. Wenn es Strukturen gibt, unter denen die Menschen leiden, dann sollte sich ein relational eingestellter Therapeut damit beschäftigen, wie man diese Strukturen verändert. Sie sollten Gesellschaftskritiker*innen werden.

Therapeut*innen sollten sich also aus den vier Wänden ihrer Praxis heraus bewegen, sich in gesellschaftlichen Debatten beteiligen und sich dort positionieren?

Kenneth Gergen: Ganz genau.

Literatur:

Gergen, K. J. (2021). Die Psychologie des Zusammenseins. Tübingen: dgvt-Verlag.

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