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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Familiendynamik 2021

Heft 1

Kleve, Heiko & Peter Jakob (2021): Editorial: Belebung stärkender Geschichten. In: Familiendynamik, 46 (1), S. 1-1. 

Abstract: Mit Geschichten erzählen wir unser Leben, geben ihm Sinn und Bedeutung, treffen Unterscheidungen, erklären, was wir erleben. Unsere Geschichten können problembeladen oder lösungsorientiert sein oder auch beides. Besonders eindrücklich sind Narrative, die von Herausforderungen erzählen und zeigen, wie diese gemeistert wurden. Geschichten greifen jedoch nicht nur Erlebtes auf, sondern beeinflussen ihrerseits unser Erleben und Verhalten. Sie können Bindungen stärken oder schwächen, uns Lösungen näherbringen oder aber zur Eskalation beitragen. In Therapie, Beratung und Coaching begegnen wir vor allem Problemerzählungen, die Klient*innen daran hindern, ihre Stärken zu entfalten und sich als selbstwirksam zu erleben. Daher ist die psycho-soziale narrative Arbeit eine Art Dekonstruktion von defizitorientierten Narrativen, um neue Erzählungen hervorzubringen. Obwohl dies in jeder Form von psycho-sozialer Arbeit mehr oder weniger ausgeprägt geschieht, etwa als Reframing, möchten wir mit diesem Heft Narrative und die Narrative Therapie explizit in den Mittelpunkt rücken. Damit führen wir zugleich einen Diskurs fort, den Arist v. Schlippe im Februar 2020 an der Universität Witten/Herdecke mit der internationalen Tagung »Durch Geschichten wandern … Narrative Psychotherapie und Nomadische Theorie« initiiert hat. Hier wurden philosophische Fragen diskutiert, aber auch emotionale Erfahrungen ermöglicht, die spürbar machten, aus welchem Stoff unsere Welt des Denkens, Fühlens und Sprechens gemacht ist – eben aus Erzählstoff. Und dieser Stoff verleiht uns die Kraft, nicht nur soziale Veränderungen zu reflektieren, sondern sie anzuregen.

Borst, Ulrike, Christina Hunger-Schoppe & Heiko Kleve (2021): Für Hans Rudi Fischer zum Abschied. In: Familiendynamik, 46 (1), S. 4-5. 

Jakob, Peter (2021): Die Neuerzählung des Selbst. Eine Wanderung durch Geschichten sozial engagierter Therapie. In: Familiendynamik, 46 (1), S. 6-17. 

Abstract: Narrative Therapie wird in diesem Beitrag als Therapiekonzept beschrieben, das sich kontinuierlich weiterentwickelt hat. Ein relativistisches Konzept von ›Selbst‹ ist dabei bis heute prägend. Im Narrativen Therapieansatz wird davon ausgegangen, dass vorherrschende gesellschaftliche Diskurse schädigende, pathologisierende Beschreibungen von Menschen mit bedingen. Diese Annahme bildet den Ausgangspunkt dafür, dass sich narratives Arbeiten auch mit Fragen sozialer Gerechtigkeit im Veränderungsprozess befasst. Anhang konkreter Beispiele wird eine ökosystemische narrative Praxis vorgestellt, in der Menschen in der Therapie neue Erzählstränge entwickeln, die ins narrative Geflecht des sozialen Umfeldes eingewoben werden. Diese Erzählstränge basieren auf konkreten Erfahrungen und Handlungen, denn erst die Kongruenz von Handlung und ihr zugeschriebener Bedeutung ermöglicht es, dass die neuen Geschichten als plausibel und authentisch erlebt werden. Mithilfe der Methoden des gewaltfreien Widerstandes können Klient*innen, die Misshandlungen erfahren haben, zu Protagonist*innen ihrer selbsterzählten Lebensgeschichte werden. Indem sie sich durch verschiedene Erzählstrukturen hindurch bewegen, können sich ihre Selbstkonstruktionen verändern und sie sich als immer selbstwirksamer erleben.

Olthof, Jan & Mariëlle Gelissen (2021): Das Buch mit drei ­Kapiteln. Eine narrative Traumatherapie. In: Familiendynamik, 46 (1), S. 18-27. 

Abstract: Der Prozess der narrativen Traumatherapie konzentriert sich auf die verschiedenen therapeutischen Interventionen, die sich erfahrungsgemäß als besonders wertvoll erwiesen haben, nämlich die Entwicklung einer gemeinsamen Interpretation und einer Metapher als Leitnarrativ für diese Interpretation, die Externalisierung des Traumas und die Verwendung von EMDR. Der Artikel verdeutlicht einen solchen Therapieverlauf am Beispiel eines einundzwanzigjährigen jungen Mannes, der im Alter von zwölf einen schweren Unfall erlitten hatte, den er nicht verarbeiten konnte. Neben dem Prozess, wie traumatische Ängste überwunden werden konnten, schildert der Artikel auch, wie im Therapieverlauf sowohl »innere« wie auch »äußere Stimmen« gehört wurden, in denen ein Loyalitätskonflikt in der Herkunftsfamilie seinen Ausdruck fand.

Wu, Jiajia & Alexander Korittko (2021): DDR/BRD-Vereinigung und Ein-Kind-Politik in China. Traumata und Narrative zwischen politischer Propaganda und familiärer Transgenerationalität. In: Familiendynamik, 46 (1), S. 28-37. 

Abstract: Anhand zweier Beispiele, nämlich des Übergangs der DDR zur Bundesrepublik und der Ein-Kind-Politik in China, werden die Dynamiken emotionaler sozio-politischer Traumata und die Geschichte(n) dadurch entstandenen Leidens beleuchtet. Insbesondere die Wechselwirkungen von Propaganda und individuellen Reaktionen werden untersucht, ebenso die Einflüsse traumatischer Erfahrungen auf die Folgegeneration und schließlich heilende Interaktionen. Die hier gewählten Beispiele verdeutlichen, dass je nach Interpretation unterschiedliche Trauma-Narrative entstehen können, die sich wiederum spezifisch auf die Folgegenerationen und die Interaktionen zwischen den Generationen auswirken.

Funcke, Dorett (2021): Ereignis, Wendepunkt und Krise. Elementare Formen menschlicher Kommunikation (Teil II). In: Familiendynamik, 46 (1), S. 38-46. 

Abstract: Der Beitrag ist die Fortsetzung eines Textes (vgl. Familiendynamik 4/2020), in dem eine persönliche Lebenskrise, die zeitlich mit der globalen Krise der Corona-Pandemie zusammenfällt, in ihrem dramatischen Gehalt reflektiert wird. Vor diesem Hintergrund werden zugleich zentrale Eigenschaften menschlicher Kommunikation erörtert. Während es in Teil I v. a. um eine Selbsterlebensbeschreibung geht, die die Leser*innen mit einer lebensweltlichen Veränderungskrise vertraut macht, und die Virus-Krise chronologisch dargestellt wird, geht es im vorliegenden Teil II um soziologische Präzisierungen. Erläutert werden einige Begriffe aus der Disziplin Soziologie, die zentral mit dem Begriff der Kommunikation arbeitet und menschliches Handeln als von Regeln geleitetes Verhalten versteht. Im Zentrum stehen Beispiele, die verdeutlichen, dass menschliche Kommunikation immer mit Rekurs auf Regeln zustandekommt und Bezug nimmt auf die basalen Dimensionen Zeit und Raum. Darüber hinaus werden neue Formen von kooperationsorientierter Sozialität in der Corona-Krise vorgestellt. In diesem Zusammenhang werden kommunikative Handlungen wie die Begrüßung, das Abschied-Nehmen und die Beziehung Dankbarkeit näher beleuchtet.

Schmidt, Finn & Heiko Kleve (2021): Die Leiblichkeit der Systemischen Auf­stellung. Versuch einer phänomenologischen Erklärung der repräsentierenden Wahrnehmung. In: Familiendynamik, 46 (1), S. 48-55. 

Abstract: Der vorliegende Beitrag untersucht das Phänomen der sogenannten repräsentierenden Wahrnehmung systemischer Aufstellungsarbeit, und zwar aus der Perspektive der Leiblichkeitsphänomenologie. Mit der Wahrnehmungs-Phänomenologie des Philosophen Maurice Merleau-Ponty wird auf die systemtheoretische Unterscheidung der Systemreferenzen des Biologischen, Psychischen und Sozialen geantwortet und der Leib als Medium beschrieben, das diese Differenzen sowohl integriert wie auch transzendiert. Die repräsentierende Wahrnehmung, so die hier diskutierte These, realisiert sich im Medium der Leiblichkeit und unterläuft die operationale Schließung autopoietischer biologischer, psychischer und sozialer Systeme.

Roesler, Christian (2021): Innovative Strategien zur Prävention von Paarproblemen. In: Familiendynamik, 46 (1), S. 56-67. 

Abstract: Der Beitrag verdeutlicht die gesellschaftliche Bedeutung von Paarbeziehungen sowie die Folgen für das Gemeinwesen, wenn auf Dauer angelegte Paarbeziehungen scheitern. Belastete Paarbeziehungen sowie insbesondere Trennung / Scheidung beeinflussen die psychische und körperliche Gesundheit der Partner*innen langfristig, führen zu langdauernden psychischen Beeinträchtigungen bei den betroffenen Kindern und über die soziale Transmission des Scheidungsrisikos zu einer Zunahme von belasteten Paarbeziehungen in der nächsten Generation. Darüber hinaus werden Leistungen des Gesundheitswesens sowie der Kinder- und Jugendhilfe öfter in Anspruch genommen, für die das Gemeinwesen aufkommen muss. Programme zur Prävention von Paarproblemen werden vorgestellt und es wird dafür plädiert, diese wirksamen Unterstützungsangebote aktiver zu verbreiten. Die in anderen Ländern bereits umgesetzten innovativen Strategien zur Verbreitung präventiver Maßnahmen werden vorgestellt, um hieraus Vorschläge für verbesserte präventive Unterstützungsangebote für Paare auch in Deutschland zu entwickeln.

Rufer, Martin (2021): Der besondere Fall: »… also doch schon wieder eine ›Wunder­heilung‹ …« Wenn weniger (Therapie) mehr ist. In: Familiendynamik, 46 (1), S. 68-72. 

Abstract: Im Laufe eines langen Therapeutenlebens gibt es unter den Hunderten von Fällen zahleiche, die einen berühren, die nachwirken und es wert wären, als »besondere« erzählt zu werden. »Besonders« ist der hier geschilderte Fall (Herr G., geb. 1959) in einem doppelten Sinne: Zum einen, weil dies der letzte Fachartikel aus meiner Feder sein wird, und zum anderen, weil ich mich damit auch als Praktiker abgrenze von einem interventionsfokussierten Vorgehen mit linearem Fallverständnis, getreu der Maxime: Je besser der Input (Intervention), desto besser der Output (Therapieergebnis).

Boyd, Britta & Heiko Kleve (2021): »Narrative in Familienunternehmen als sinnstiftende Erzählungen«. Heiko Kleve im Gespräch mit Britta Boyd. In: Familiendynamik, 46 (1), S. 74-75. 

Abstract: Britta Boyd ist Associate Professor for Business Administration an der University of Southern Denmark und Adjunct Professor am Beijing Institute of Technology mit zahlreichen Veröffentlichungen in internationalen Zeitschriften und Büchern zu ihren Forschungsgebieten Familienunternehmen, Entrepreneurship, internationales Marketing und nachhaltiges Management. An der Syddansk Universitet lehrt sie hauptsächlich internationales Marketing, Business Marketing, Corporate Social Responsibility und Entrepreneurship.

Eickhorst, Andreas (2021): Rezension – Jörn Borke, Bettina Lamm & Lisa Schröder(2019): Kultursensible Entwicklungspsychologie (0–6 Jahre). Grundlagen und Praxis für pädagogische Arbeitsfelder. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: Familiendynamik, 46 (1), S. 76-77. 

Trachsler, David (2021): Rezension – Maria Teresa Diez Grieser & Roland Müller (2019): Mentalisieren mit Kindern und ­Jugendlichen. Stuttgart (Klett-Cotta). In: Familiendynamik, 46 (1), S. 77-78. 

Pelzer, Kurt, Günther Emlein & Ulrich Sollmann (2021): Leserbriefe zur Covid-19-Ausgabe (4/2020). In: Familiendynamik, 46 (1), S. 79-86. 

Abstract: Die drei Zuschriften, die wir nachfolgend abdrucken, sind wiederum auch sehr gegensätzlich: Kurt Pelzer schöpft aus Informationsquellen im Bereich der Medizin und Naturwissenschaften, um das Interview mit Harald Walach aus einer Gegenposition heraus kritisch zu hinterfragen. Günther Emlein kritisiert fast das ganze Heft und findet es aus der Metaposition Luhmann’sch-systemtheoretischer Sicht nicht tiefgründig genug. Die Positionen nicht und die Gegenpositionen auch nicht. Ulrich Sollmann wiederum wendet ein, dass manche Beiträge durch ihre allzu kunstvolle Sprache vom Inhalt des Geschriebenen ablenken.

Lüscher, Kurt (2021): »Verlässlichkeit«. In: Familiendynamik, 46 (1), S. 87-87. 

Abstract: Corona scheint alles zu durchdringen. Als Metapher: Der Virus entfaltet sich nicht nur in den Körperzellen, sondern auch in den Zellen unserer Sozialität. Lassen sich diese Folgen von Corona auf einen einfachen Begriff bringen? Die Frage scheint vermessen, noch vermessener der Versuch einer Antwort. Ich wage es dennoch und formuliere eine einfache These. Sie lautet: Corona stellt das Selbstverständliche infrage. Der Alltag scheint aus den Fugen geraten; das Selbstverständliche als der Kitt, der ihn zusammenhält, scheint brüchig.

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