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Edgar Morin (8.7.1921–29.5.2026): Das Denken in Verflechtungen

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Am 30. Mai 2026 ist Edgar Morin in Paris im hohen Alter kurz vor seinem 105. Geburtstag gestorben. Mit ihm verliert die intellektuelle Welt einen der letzten Denker des 20. Jahrhunderts, der es unternommen hatte, der Zersplitterung des wissenschaftlichen Wissens in zahllose Einzeldisziplinen mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für Komplexität und Transdisziplinarität entgegenzuarbeiten. Im konstruktivistischen und systemischen Diskurs in Deutschland wurde Morin leider wenig wahrgenommen, wohl auch, weil nur ein kleiner Teil seiner Texte auf deutsch erschienen ist.

Ich konnte ihn 1984 in St. Etienne auf einem Familientherapiekongress erleben, wo er neben Heinz von Foerster und Humberto Maturana zu den Hauptrednern gehörte und mich dauerhaft beeindruckte.

Edgar Morin, geboren als Edgar Nahoum am 8. Juli 1921 in Paris als Sohn säkularer jüdischer Einwanderer aus Thessaloniki, durchlief selbst eine komplexe Biografie: Résistance-Kämpfer, Mitglied der Kommunistischen Partei bis 1951, danach Parteiausschluss und lebenslanger Dissident gegenüber jeder Orthodoxie. Am Centre national de la recherche scientifique (CNRS), dem er seit 1950 angehörte und dessen Forschungsdirektor er wurde, arbeitete er an der Schnittstelle von Soziologie, Philosophie, Ethnografie und Biologie. Er erhielt Ehrendoktorate von 38 Universitäten weltweit. 

La Méthode: Ein Gegenprogramm zur Vereinfachung

Morins intellektuelles Lebenswerk konzentriert sich auf das sechsbändige Werk La Méthode (1977–2004), dessen erster Band La nature de la nature das Programm vorzeichnet: Ordnung, Unordnung und Organisation sollen nicht als Gegensätze, sondern als untrennbar verschränkte Dimensionen der Wirklichkeit begriffen werden. In kritischer Auseinandersetzung mit der allgemeinen Systemtheorie Ludwig von Bertalanffys, mit der Kybernetik Norbert Wieners und der Informationstheorie Claude Shannons entwickelt Morin eine eigenständige Position. Er übernimmt das Konzept des offenen Systems, radikalisiert es aber: Kein System sei vollständig offen, keines vollständig geschlossen. Jedes System brauche Öffnung zur Umwelt und Schließung zur Selbsterhaltung — eine Spannung, die er nicht auflöst, sondern als konstitutiv für alle Systeme begreift.

Das Kernkonzept ist Komplexität — und Morin betont, dass complexus im Lateinischen „zusammengewoben“ bedeutet. Komplexität ist für ihn keine Eigenschaft schwieriger Sachverhalte, sondern eine epistemische Haltung: der Versuch, das Zusammenspiel von Teilen und Ganzem, von Subjekt und Objekt, von Ordnung und Störung nicht durch Reduktion zu bewältigen, sondern durch ein Denken, das die Spannung zwischen diesen Polen auszuhalten vermag. Dabei formuliert er drei Grundprinzipien: das dialogische Prinzip (das scheinbar Widersprüchliche zusammenhalten), das Rekursionsprinzip (Produkte und Ursachen sind zirkulär verschränkt) und das hologrammatische Prinzip (der Teil enthält das Ganze, wie das Ganze die Teile prägt).

In der deutschsprachigen Diskussion ist Morin nie zu einer kanonischen Referenz geworden — weder im Luhmannschen Systemdiskurs noch in der systemischen Therapie, auch wenn Luhmann durchaus auf ihn wiederholt Bezug genommen hat. Die strukturellen Parallelen sind aber unübersehbar. Morin definiert seinen Ansatz explizit als konstruktivistisch, eine Position, die der von Heinz von Foerster verwandt ist — auch wenn Morin den Begriff anders akzentuiert und stärker ontologisch einbettet als die Kybernetiker zweiter Ordnung.

Mit Maturana und Varela teilt Morin die Faszination für das Phänomen der Selbstorganisation lebender Systeme. Sein Konzept der auto-éco-organisation — das Lebewesen konstituiert sich autonom und öko-organisiert sich zugleich — ist eine eigenständige Variante dessen, was Maturana als Autopoiese beschrieben hat, ohne direkte Abhängigkeit der Begrifflichkeiten. Beide Ansätze kreisen um dieselbe Spannung: Autonomie und Kopplung sind keine Gegensätze.

Für die systemische Therapie ist Morins Werk indirekt wirksam: durch seinen Einfluss auf konstruktivistisches Denken in Pädagogik, Organisationsentwicklung und Epistemologie. Das Prinzip der Rekursion — dass Wirkungen auf ihre Ursachen zurückwirken, dass jeder Beobachter in das Beobachtete eingebunden ist — ist eine Grundfigur systemisch-therapeutischen Denkens, auch wenn es aus anderen Quellen direkt bezogen wird. Wer Batesons Ökologie des Geistes kennt, wird bei Morin vieles wiedererkennen.

Morin war kein Systemtheoretiker im engeren Sinn. Er war auch kein Therapeut und kein Kybernetiker. Er war ein Denker, der darauf bestand, dass die Trennung von Disziplinen ein epistemologisches Problem ist, nicht nur ein organisatorisches. In einer Zeit, in der Wissen zunehmend fragmentiert produziert wird, hat seine Forderung nach einem Denken der reliance — des Verbindens, nicht des Trennens — an Dringlichkeit gewonnen.

Für den systemischen Diskurs hinterlässt Morin ein doppeltes Erbe: den Begriff der Komplexität, der heute in therapeutischen, pädagogischen und organisationalen Kontexten so selbstverständlich verwendet wird, dass seine philosophischen Grundlagen oft nicht mehr erinnert werden (und zunehmend zugunsten von ideologisch-moralischen Positionen verloren geht) — und die epistemologische Strenge, mit der er forderte, dass jede Erkenntnis die Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit mitreflektieren muss. Connaissance de la connaissance — Erkenntnis der Erkenntnis. Das ist das Kernprogramm einer Wissenschaft, die ihre eigene Konstruiertheit ernst nimmt.

Edgar Morin hat dieses Programm über fünf Jahrzehnte mit einer Konsequenz verfolgt, die in der zeitgenössischen Wissenschaftskultur selten geworden ist. Das systemische Denken wäre ohne ihn ärmer.

Der Sender Arte hat zum Anlass seines Todes eine Dokumentation über Edgar Morin auf seine Website gestellt

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