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Diagnosis Human

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David Vernon Keith (13.7.1938 – 19.4.2024) war ein amerikanische Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Professor für Psychiatrie an der SUNY Upstate Medical University in Syracuse, New York. Acht Jahre lang gehörte er der psychiatrischen Fakultät der Universität Wisconsin an, bevor er fünf Jahre in privater Praxis am Family Therapy Institute in St. Paul, Minnesota, arbeitete. An der Universität von Wisconsin traf Dave auf Carl Whitaker, M.D., der als einer der wichtigen Wegbereiter der Familientherapie gilt. Er wurde Co-Therapeut, Co-Autor und therapeutischer Mitarbeiter von Dr. Whitaker und arbeitete über zwanzig Jahre lang mit ihm zusammen.

2023 erschien sein gemeinsam mit Amy Begel verfasstes Buch Diagnosis Human: How Unlocking Hidden Relationship Patterns Can Transform and Heal Our Children, Our Partners, Ourselves, das Raluca Lechner aus Wien rezensiert hat.

Raluca Lechner, Wien:

Ich habe mich aus einem sehr persönlichen Grund für die Rezension dieses Buches entschieden – nämlich aufgrund meiner Beziehung zu den Autor:innen. Seit 2014 durfte ich David V. Keith, den Mitbegründer der Symbolisch-Experientiellen Familientherapie (SEFT) gemeinsam mit Carl Whitaker, persönlich kennenlernen, regelmässig besuchen und bis kurz vor seinem Tod im April 2024 in intensiven Austausch stehen. Ich war Teil seiner Supervisionsgruppe „Le Salon“ und konnte lange Zeit von seinem Mentoring, seiner Haltung und seiner Lehre profitieren.

Auch Amy Begel, Familientherapeutin aus New York, Musikerin und Schülerin von Salvador Minuchin, die mit einem großartigen Jazzmusiker und gebürtigen Österreicher verheiratet ist, bin ich durch David Keith begegnet und von ihr inspiriert worden.

In Dankbarkeit für die Inspiration und die zutiefst menschlichen Begegnungen mit Dave und seiner Frau Noel sowie mit Amy ist dieser Beitrag seinem ersten Todestag gewidmet.

Amy Begel und David V. Keith legen mit Diagnosis Human: How Unlocking Hidden Relationship Patterns Can Transform and Heal Our Children, Our Partners, Ourselves ein ebenso mutiges wie poetisches Plädoyer für die systemische Perspektive vor in einer Therapielandschaft, die am Beispiel der USA nach wie vor stark vom medizinischen Paradigma geprägt ist. Die Autor:innen laden dazu ein, Diagnosen wie Depression, ADHS oder selbstverletzendes Verhalten nicht vorschnell als Ausdruck einer „chemischen Imbalance“ zu deuten, sondern als relational codierte Signale, die innerhalb von Paaren und Familien entstehen und dort auch verändert werden können.

Der große Verdienst dieses Buches liegt in seinen lebendigen Fallgeschichten. In ihnen werden die verborgenen Muster des Alltags sichtbar, in denen individuelles Leid co-konstruiert wird. So erscheint etwa die Depression nicht mehr als ein lediglich isoliertes individuelles, intrapsychisches, hirnchemisches Phänomen, sondern als „Duett statt Solo“, genährt durch Schweigen, Vermeidung oder erstarrten Konflikte. Indem Partner:innen, Eltern und Kinder gemeinsam in den therapeutischen Prozess miteinbezogen werden, zeigt sich, wie Symptome sich verflüssigen, sobald das Familiensystem (Muster) selbst zum Gegenstand der Arbeit wird.

Für systemische Leser:innen ist die intellektuelle Herkunft unverkennbar. Amy Begel war Schülerin von Salvador Minuchin, dem Begründer der strukturellen Familientherapie. Sein Einfluss prägt ihren Blick auf Familien als resiliente Systeme, deren rigide Strukturen durch gezielte Interventionen irritiert und neu geordnet werden können. David V. Keith wiederum steht in der Tradition der Symbolic-Experiential Family Therapy, die er gemeinsam mit Carl Whitaker entwickelte; die kraftvolle Metaphorik dieser Schule durchzieht auch die hier versammelten Fallvignetten. Beide Autor:innen verbinden diese klassischen Linien mit zeitgenössischen Diskurse über: transgenerationale Traumata, kulturellen Kontext und die reflexive Position der Therapeut:innen selbst.

Der Stil bleibt zugänglich auch für Laien und Anfänger. Die Erzählweise öffnet den Raum nicht nur für Fachleute, sondern auch für Paare und Eltern, die Hoffnung und Orientierung suchen. Bemerkenswert ist zudem die Transparenz, mit der die Autor:innen eigene Unsicherheiten und Affekte reflektieren: ein Plädoyer für eine Haltung systemischer Demut.

Eine mögliche Einschränkung liegt in der mitunter raschen Abfolge therapeutischer Transformationen, die fast märchenhaft anmuten. Doch auch hierin zeigen Begel und Keith intellektuelle Redlichkeit, indem sie Familien Jahre später erneut aufsuchen und so die Nachhaltigkeit des Erreichten prüfen.

Ein weiterer Kritikpunkt gleicht dem Lob für die Absicht der Autoren, „Diagnosen“ zu dekonstruieren, menschliches Verhalten zu normalisieren und bestenfalls alles auf einem Kontinuum zu bringen. Die Kritik ist, dass obwohl beide Autoren in Gesundheitssystemen in der USA operieren (bis fast zu seinem Tod im November 2024 hat David Keith als Kinder- und Jugend Psychiater am Universitätskrankenhaus in Syracuse, NY gearbeitet), sie einen Bogen um die Anforderungen des Gesundheitssystems (der USA!) und die dazugehörigen Bedürfnisse der Diagnose und des diagnostischen Verständnisses für Systemiker machen. Es ist gut so, denn sonst wäre das Buch etwas anderes als das was es ist: ein poetisches Plädoyer für eine Haltung in der Psychotherapie, die auch bei uns im deutschsprachigen Raum mit der Akademisierung der Profession, zu verschwinden droht.

Diagnosis Human ist damit eine Einladung, Symptome nicht als Krankheiten, sondern als Beziehungsbotschaften zu verstehen, und Heilung als Prozess der Neuordnung hin zu Lebendigkeit, Nähe und Verbundenheit.

Amy Begel, David V. Keith (2023): Diagnosis Human: How Unlocking Hidden Relationship Patterns Can Transform and Heal Our Children, Our Partners, Ourselves. Rowman & Littlefield Publishers (Bloomsbury Publishing).

228 S., Hardcover
ISBN: 9781538182727
Preis: £ 22,50

Verlagsinformation:

Diagnosis Human offers a compelling alternative to the biomedical model of mental health as it’s been promoted over the last 30 years–a model which says that mental distress is a problem of chemical imbalance, or brain chemistry. Promoted by the highly profitable Psychiatry/Pharmaceutical industrial complex, and followed by much of the broader psychotherapy community, biological psychiatry focuses on quantifying the “illness” by an almost exclusive focus on symptoms. In this model, symptoms are never good. They are always seen as a sign that something is wrong with that person, a sign of pathology that must be changed. People now have a name for what they “have” and receive a prescription for it. What may appear as intractable individual problems, however, often aren’t individual problems at all. This book reveals how many of these distressing emotional states are created by nearly invisible, intimate patterns in our relationships. Diagnosis: Human invites readers into the therapist’s office to be part of family therapy sessions, where they can experience practically first-hand what these intimate relationship patterns look and feel like. The authors present cases of adults dealing with depression, couples who come to therapy reeling from the betrayal of an affair, families with kids diagnosed with ADHD, teenagers with anxiety or young children with temper tantrums. Each therapy session includes the voice of the therapist, inviting readers to sit in as observers to watch and listen as the case unfolds, sometimes in dramatic fashion.

Über die Autoren:

Amy Begel is a family therapist who received her family therapy training over 30 years ago with one of the creators of family therapy, Dr. Salvador Minuchin. Since then, she has maintained a busy private practice in New York City. Until 2011 Amy was Senior Faculty at The Minuchin Center for the Family where she conducted family therapy training nationally and internationally. In addition to her clinical practice in family therapy, Amy is on the teaching faculty of both the Department of Family Practice, Mount Sinai School of Medicine, and Department of Internal Medicine and Cardiology at Maimonides Medical Center where she trains resident physicians in looking at relationship dynamics in the context of medical care. Amy has authored numerous professional articles and posts, including the Psychotherapy Networker, the popular medical blog KevinMD, and HuffPost. She writes the blog Most Human. She lives in Teaneck, New Jersey. 

David Keith was Professor Emeritus of Psychiatry at SUNY Upstate Medical University, Syracuse, New York. He worked in the practice for 45 years before his death. He was on the Psychiatry faculty at Wisconsin for eight years, then entered private practice for five years with the Family Therapy Institute in St. Paul, Minnesota. It was at the University Wisconsin that Dave met Carl Whitaker, MD, considered to be one of the important forefathers of the Family Therapy movement. He became a co-therapist, co-author and therapeutic collaborator with Dr. Whitaker, working with him for over 20 years. Dave was board certified in Child and Adolescent Psychiatry. Dave had published 22 book chapters and 31 papers. He coauthored Defiance in the Family: Finding Hope in Therapy (2001), and he co-edited Family Therapy as an Alternative to Medication: An Appraisal of Pharmland (2003). He is the author of Continuing the Experiential Approach of Carl Whitaker: Process, Practice & Magic (2015). He resided in Manlius, New York.

Ein Kommentar

  1. Rufer Martin sagt:

    Wie wohltuend in Zeiten wie diesen, verbunden mit der Hoffnung, dass mit den Oldies nicht auch dieses Wissen und Können entschwindet..

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