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Online-Journal für systemische Entwicklungen

22. November 2020
von Tom Levold
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Mony Elkaïm (7.11.1941-20.11.2020)

Mony Elkaïm 2010 (Foto: commons.wikimedia.org)

Am Freitag, dem 20. November, ist Mony Elkaïm nach langer Krankheit in Brüssel verstorben. Er war ein wichtiger Pionier der Familientherapie in Europa und Mitbegründer der EFTA, der Europäischen Familientherapie-Vereinigung.

Mony wurde am 7.11.1941 in Marrakesch geboren. Nach Abschluss eines Neuropsychiatrie-Studiums in Belgien absolvierte er Anfang der 1970er Jahre ein Stipendium in Sozial- und Gemeinschaftspsychiatrie an der Abteilung für Psychiatrie am Albert-Einstein-College für Medizin in New York und leitete in diesem Kontext ein Zentrum für geistige Gesundheit in der South Bronx, New York. 1973 gründete er das Lincoln Family Therapy Training Program, welches Fachleute speziell auf den Kontext des städtischen Ghettos vorbereitete. Im Juni 1974 organisierte Mony Elkaïm in New York eine nationale Konferenz zum Thema Familientherapie im städtischen Ghetto. Therapeuten wie Jay Haley, Marianne Walters, Ross Speck und Forscher wie Albert Scheflen nahmen daran teil.

Im Jahr 1975 entwickelte er mit dem Team des Vereins “La Gerbe” in Brüssel Netzwerkpraktiken und Familientherapien mit benachteiligten Bevölkerungsgruppen, die er in den USA initiiert hatte.

Mony Elkaïm organisierte mit Hilfe der Gerbe-Mitglieder im Januar 1975 in Brüssel ein internationales Treffen zum Thema “Die Alternative zum psychiatrischen Sektor”, an dem verschiedene ausländische Teams und Persönlichkeiten wie Franco Basaglia, Giovanni Jervis, Felix Guattari, Roger Gentis sowie Françoise und Robert Castel teilnahmen.

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16. November 2020
von Tom Levold
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22 % erzieherische Hilfen mehr als im Jahr 2009

WIESBADEN – Im Jahr 2019 haben die Träger der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland 1,017 Millionen erzieherische Hilfen für junge Menschen unter 27 Jahren gewährt. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, waren dies 13 500 Fälle mehr (+1,3 %) als im Jahr 2018. Damit haben die erzieherischen Hilfen nicht nur das zweite Jahr in Folge die Millionengrenze überschritten, sondern auch einen neuen Höchststand erreicht: Zwischen 2009 und 2019 sind die Fallzahlen der in Anspruch genommenen erzieherischen Hilfen kontinuierlich gestiegen, und zwar um 182 000 Fälle (+22 %). 

Erzieherische Hilfen für junge Menschen

Erzieherische Hilfen sind professionelle Beratungs-, Betreuungs- oder Hilfeangebote, auf die Eltern minderjähriger Kinder einen Anspruch nach dem Kinder- und Jugendhilferecht haben. Voraussetzung ist, dass eine dem Kindeswohl entsprechende Erziehung nicht gewährleistet werden kann, die Hilfe für die kindliche Entwicklung aber geeignet und notwendig ist. Die Inanspruchnahme ist grundsätzlich freiwillig, sie kann aber bei drohenden Kindeswohlgefährdungen auch vom Familiengericht angeordnet werden. Unter bestimmten Voraussetzungen haben auch junge Volljährige bis zum 27. Lebensjahr Anspruch auf vergleichbare Hilfen. 

Knapp jede zweite erzieherische Hilfe ist eine Erziehungsberatung

Das Kinder- und Jugendhilferecht (SGB VIII) unterscheidet bei den erzieherischen Hilfen zehn verschiedene Hilfearten: Davon wurden 2019 am häufigsten Erziehungsberatungen in Anspruch genommen (47 %). An zweiter und dritter Stelle standen Heimerziehungen (13 %) und sozialpädagogische Familienhilfen (13 %). Dahinter folgten Vollzeitpflege in Pflegefamilien (9 %) und Hilfen durch Erziehungsbeistände oder Betreuungshelfer (7 %). Gut ein Drittel (35 %) aller erzieherischen Hilfen wurden von den Jugendämtern und knapp zwei Drittel (65 %) von Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und anderen Träger der freien Jugendhilfe durchgeführt. In 72 % der Fälle richtete sich die Hilfe an Minderjährige, in 16 % an gesamte Familien und in weiteren 12 % an junge Erwachsene. 

Hohe Inanspruchnahme durch Alleinerziehende und bei Transferleistungsbezug 

435 000 (43 %) aller erzieherischen Hilfen wurden 2019 von Alleinerziehenden in Anspruch genommen. Damit nahmen Alleinerziehende deutlich häufiger erzieherische Hilfen in Anspruch als zusammenlebende Elternpaare (346 000 beziehungsweise 34 %) oder Elternteile in einer neuen Partnerschaft (164 000 beziehungsweise 16 %). 

Erzieherische Hilfen wurden auch häufig bei Bezug von staatlichen Transferleistungen in Anspruch genommen: Bei 39 % aller gewährten Hilfen lebte die Herkunftsfamilie oder der junge Mensch ganz oder teilweise von Transferleistungen – also von Arbeitslosengeld II (SGB II), bedarfsorientierter Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung oder Sozialhilfe (SGB XII) oder bei Bezug eines Kinderzuschlages. Während der Anteil mit Transferleistungsbezug bei Elternpaaren (25 %) weit unter dem Durchschnitt (39 %) lag, war er bei Alleinerziehenden mit 51 % nicht nur weit überdurchschnittlich, sondern auch mehr als doppelt so hoch wie bei den Elternpaaren. (Quelle: DeStatis)

13. November 2020
von Tom Levold
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109 Jahre Heinz von Foerster

Heute gibt es eine etwas unübliche Geburtstagsparty, denn es handelt sich erstens nicht um einen runden Geburtstag, zweitens findet er online statt, und drittens lebt das Geburtstagskind zwar leider schon seit 2002 nicht mehr, hat aber im Herzen und Hirn von vielen Menschen nachhaltige Spuren hinterlassen.

Anita von Hertel, Mediatorin aus Hamburg und begeisterte Systemikerin, lädt heute Abend von 20 h bis 21:49 h zu einer Zoom-Veranstaltung mit 109 Minuten über und mit Heinz von Foerster ein, die bestimmt interessant und sehr kurzweilig wird. Der Zugang lautet wie folgt: Klicken Sie auf diesen Link zum Zoom-Meeting, das Passwort lautet 109.

Hier noch ein kleiner Vorgeschmack:

12. November 2020
von Tom Levold
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Die Menschen in Deutschland wohnen inzwischen häufiger allein als noch vor drei Jahrzehnten

WIESBADEN (12.11.2020) – Das Leben in Deutschland spielt sich seit dem sogenannten „Lockdown Light“, der am 2. November 2020 in Kraft trat, noch stärker als zuvor in Privathaushalten ab. Von den Kontaktbeschränkungen außerhalb des eigenen Haushalts sind vor allem Alleinlebende betroffen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, wohnte 2019 fast die Hälfte der Alleinlebenden (42 %) in Großstädten ab 100 000 Einwohnern. Beinahe jede oder jeder dritte Alleinlebende (32 %) lebte in kleinen Gemeinden unter 20 000 Einwohnern. In den mittelgroßen Gemeinden zwischen 20 000 und 100 000 Einwohnern lebte mit 26 % gut jede oder jeder vierte Alleinlebende.

Die Menschen in Deutschland wohnen inzwischen häufiger allein als noch vor drei Jahrzehnten: Der Anteil der Einpersonenhaushalte erhöhte sich von 1991 bis 2019 von 34 % auf 42 %.

Vor allem junge Männer und ältere Frauen leben allein

Mehr als jede fünfte Person (17,6 Millionen Menschen) lebte 2019 in einem Einpersonenhaushalt. Dies war die häufigste Haushaltsform in Deutschland, noch vor den Zweipersonenhaushalten (13,8 Millionen). Dabei gibt es jedoch deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Während bei den insgesamt knapp 8,5 Millionen allein wohnenden Männern mehr als jeder Dritte (38 %) zwischen 20 und 39 Jahre war, bildeten bei den Frauen die 60- bis 79-Jährigen mit rund 34 % die größte Gruppe der Alleinwohnenden. Ab einem Alter von 80 Jahren ist die Zahl der Alleinwohnenden bei den Frauen fast vier Mal so hoch wie bei den Männern (1,9 Millionen Frauen, 0,5 Millionen Männer). Unter anderem aufgrund der höheren Lebenserwartung von Frauen gibt es insgesamt mehr allein wohnende Frauen (rund 9 Millionen) als Männer (8,5 Millionen).

Etwa die Hälfte der Menschen in Einpersonenhaushalten (8,9 Millionen) sind ledig, 4,2 Millionen sind verwitwet, 3,3 Millionen sind geschieden und 1,1 Millionen sind verheiratet, leben aber getrennt.

Jung und Alt lebten 2019 in weniger als einem Prozent der Haushalte zusammen

Ein Zusammenleben junger Menschen unter 18 Jahren mit den zur Risikogruppe zählenden älteren Menschen ab 65 Jahren steht wegen der Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 besonders im Fokus. Davon gab es im Jahr 2019 deutschlandweit 157 000 Haushalte. Das sind nur 0,4 % der insgesamt 41,5 Millionen Haushalte in Deutschland.

In Haushalten ab fünf Personen leben Jung und Alt am häufigsten zusammen

Die Konstellation Jung und Alt unter einem Dach trifft man umso häufiger an, je mehr Personen in einem Haushalt leben. 2019 galt das vor allem für die 1,4 Millionen Haushalte, in denen fünf Personen und mehr wohnten: Jung und Alt lebten in 4,8 % oder 69 000 dieser Haushalte unter einem Dach.

Die Kontaktbeschränkungen sehen derzeit vor, dass sich maximal zehn Personen aus bis zu zwei Haushalten treffen können. In Haushalten ab fünf Personen lebten 2019 in Deutschland insgesamt 7,7 Millionen Menschen. Mit einem Anteil von 41 % waren diese zumeist in kleinen Gemeinden (unter 20 000 Einwohnern) ansässig. Die übrigen Haushalte ab fünf Personen verteilen sich fast gleichmäßig auf mittelgroße Gemeinden bis 100 000 Einwohner (28 %) und urbane Räume ab 100 000 Einwohnern (30 %).

Der Anteil der Haushalte, in denen fünf oder mehr Personen lebten, ging vom Jahr 1991 bis 2019 um 1,5 Prozentpunkte zurück (5 % im Jahr 1991; 3,5 % im Jahr 2019).

Methodische Hinweise:

Die Angaben beruhen auf Ergebnissen des Mikrozensus. Die Privathaushalte können sowohl Haupt- als auch Nebenwohnsitz sein. Rundungen können dazu führen, dass nicht in jedem Fall eine Grundgesamtheit von 100 % erreicht wird. (Quelle: DeStatis – Statistisches Bundesamt)

9. November 2020
von Tom Levold
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Mary M. Gergen (12.12.1938 – 22.09.2020)

Mary Gergen (Foto: Tom Levold)

Erst vor ein paar Tagen erhielt ich die traurige Nachricht vom Tod Mary Gergens, die bereits am 22.9. ihrem Krebsleiden erlegen ist. Noch im Frühjahr 2019 haben wir uns in Wien auf der ÖAS-Jubiläumstagung gesehen, auf der auch dieses Foto entstanden ist. Kennen gelernt hatten wir uns schon früher, auf der Jahrestagung der SG in Marburg 2010, die Klaus Deissler ausgerichtet hatte. Wir verbrachten einen schönen Abend auf der Tagungsparty, ohne dass ich zunächst wusste, mit wem ich es zu tun hatte. Wir unterhielten uns über alle möglichen Dinge unseres Lebens in Deutschland und den USA und kamen sehr schnell über Privates miteinander ins Gespräch, als wären wir schon viel länger miteinander bekannt. Im vergangenen Jahr trafen wir uns dann in Wien wieder, wo sie einen kraftvollen Vortrag hielt und mit ihrer unglaublichen Ausstrahlung den ganzen Saal für sich einnahm. Sie, ihr Mann Ken und ich waren während des Kongresses im Haus von Corina Ahlers untergebracht, wo wir eine schöne Zeit auch abseits der Tagung mit vielen Gesprächen und gutem Essen und Trinken verbrachten. Ihre Vitalität und Zugewandtheit haben mich ebenso wie ihre Bestimmtheit und Energie, die auch in diesem Foto erkennbar ist, sehr beeindruckt. Ich bin froh, sie auf diese Weise kennenlernen zu dürfen. Thomas Friedrich-Hett und Klaus Deissler, die lange mit ihr als einer wichtigen Vertreterin des Sozialen Konstruktionismus verbunden waren, haben für systemagazin einen Nachruf verfasst.

Thomas Friedrich-Hett, Essen & Klaus Deissler, Marburg: Nachruf auf Mary Gergen

Mary Gergen verstarb am 22. September friedlich in ihrem zu Hause in Wallingford, nachdem sie zum vierten Mal mit Krebs ringen musste. Mary hinterlässt ihren Mann Ken, 5 Kinder und 4 Enkelkinder. 

Mary Gergen erwarb zunächst einen M.S. in Pädagogischer Psychologie mit Schwerpunkt in Beratung an der Universität von Minnesota und arbeitete bis zu ihrer Emeritierung in 2006 als Professorin für Psychologie und feministische Studien der Penn State University, in Brandywine, Media, PA/USA. Sie wurde insbesondere durch ihre Studien zum Feminismus (s. das Buch „Feminist Reconstructions in Psychologie“) und zusammen mit ihrem zweiten Ehemann Kenneth G. Gergen, zum sozialen Konstruktionismus bekannt. Mary engagierte sich aber auch für ein erweitertes Verständnis traditioneller Forschung und veröffentlichte zusammen mit Gudmund Iversen das Buch: „Statistics, A Conceptual Approach.“ 

Für ihre Lehre an Universitäten gewann sie mehrere Auszeichnungen. 

Seit 1970 war Mary Mitglied der American Psychological Association, innerhalb deren sie die Society for the Psychology of Women mitbegründete. 

An Sozialem Konstruktionismus Interessierten ist Mary  Gergen auch als engagiertes Mitglied und Mitbegründerin des Taos Instituts (Chagrin Falls, Ohio, USA) bekannt, in dem sie 27 Jahre dem Vorstand als Schatzmeisterin angehörte. Im TAOS Institut, einer non-profit Organisation zur Förderung der praktischen Potentiale des Sozialen Konstruktionismus, engagierte sich Mary für ein PhD-Programm und eine weitreichende internationale Vernetzung. 

Seit 2001 gab Mary zudem zusammen mit ihrem Mann Ken den Positive Aging Newsletter als online-Zeitschrift heraus. In bisher 113 Ausgaben, die aktuell in 8 Sprachen übersetzt werden, werden die positiven Potentiale des höheren Lebensalters betont und negative Mythen über Ältere vielfältig dekonstruiert. 

Ich (T.F.-H.) habe Mary Gergen erstmals 2004 in einem Seminar des Marburger Instituts viisa, in dem ich als Lehrtherapeut tätig bin, persönlich kennen gelernt. Eigentlich hatten wir Ken Gergen zum Thema sozialer Konstruktionismus eingeladen. Aber er kündigte an, zusammen mit seiner Frau Mary zu kommen, um uns auch ein neues Herzensthema der beiden vorstellen zu können: Positive Aging (Positives Altern)!

Ich arbeitete damals als Psychologe in der Gerontopsychiatrie und war zugleich skeptisch und neugierig. In wenigen Stunden legten uns die beiden leidenschaftlich die soziale Konstruktion unserer weit verbreiteten defizit-orientierten Altersbilder dar und schilderten die breite Vielfalt dieser bis heute eher negativ bewerteten unbeliebten Lebensphase. 

Die Begeisterung von Mary und Ken hat mich angesteckt und verführte mich zu einer bis heute anhaltenden Beteiligung an der deutschen Übersetzung des Positive Aging Newsletters, zu intensiver Literaturrecherche, zwei eigenen Fachbüchern, zahlreichen Aufsätzen, Vorträgen, Seminaren, zu einem bereichernden Netzwerk engagierter Praktiker und Praktikerinnen und zu einer großen Freude am Älterwerden. Und auch zu einem seit 2004 anhaltenden und sehr bereichernden Kontakt mit Mary und Ken.

Mary hat sich in ihrer Arbeit und wohl auch in ihrem Leben in besonderer Weise für die Wahrnehmung, Bewusstmachung und Transformation sozial konstruierter Stereotypen engagiert und damit in vielen gesellschaftlichen Bereichen Räume erweitert. Wir werden ihre warmherzige, achtsame, inspirierende und freundliche Präsenz vermissen! 

Eine kleine Randbemerkung:

Die meisten feministischen Ansätze realisieren sich durch dialogische Praxisformen – insofern kann man feministische Forschung als einen impliziten Beitrag zur dialogischen Forschung verstehen – 

Zumindest hat Mary Gergen in ihrer feministischen Orientierung aus unserer Sicht  eine implizit dialogische Haltung gelebt, als Kollegin praktiziert und nicht nur uns zu weiteren Diskursen eingeladen und angeregt. 

Wichtige Veröffentlichungen:

Gergen, Mary (1988). Feminist Thougth and the Structure of Knowledge. NYU Press. 

Gergen, Mary & Davis, Sarah N. (Ed.)(1997). Toward a new psychology of gender. Routledge. 

Gergen, Mary (2001). Feminist Reconstructions in Psychology: Narrative, Gender and Performance. Thousand Oaks: Sage. 

Kenneth J. Gergen & Mary M. Gergen (2004). Social Construction: Entering the Dialouge. Taos Institute Publications. 

Kenneth J. Gergen & Mary M. Gergen (2009). Einführung in den sozialen Konstruktionismus. Heidelberg: Carl-Auer. 

Gergen, Mary & Gergen, Kenneth J. (2017). Paths to Positive Aging: Dog Days with a Bone and Other Essays. Taos Institute Publications. 

Ein Video von Mary: 

Das TAOS Institut (mit einem Link zu einem Nachruf)

Der Positive Aging Newsletter

28. Oktober 2020
von Tom Levold
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Stellungnahme der DGSF zum geplanten Kinder- und Jugendstärkungsgesetz – KJSG

Das Bundesfamilienministerium plant eine Novellierung des KJHG, das dann als Kinder- und Jugendstärkungsgesetz firmieren soll. Die Stellungnahme der DGSF ist das Ergebnis einer verbandsinternen Arbeitsgruppe und umfasst 18 Seiten.

In den Vorbemerkungen zum Entwurf heißt es: „Die gesetzlichen Änderungen in der Jugendhilfe müssen im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklungen daraufhin geprüft werden, inwieweit sie junge Menschen und ihre Familien befähigen

  • Zugang zu ihren personalen, biografischen und sozialen Ressourcen aufzunehmen
  • individuelle und familiäre Resilienzen aufzubauen, zu stärken und zu erhalten
  • gelingende Kommunikations- und Beziehungsstrukturen der Familienmitglieder zu stärken und
  • Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer Nationalität, ihrem ausländerrechtlichen Status und ihrem körperlichen Zustand an gesellschaftlichem und sozialem Leben zu ermöglichen.

Dabei geht es um den Aufbau strukturgebender Vorgaben, die Fachkräften Freiräume für individuelle Passungen von Hilfen sozialgesetzbuchübergreifend ermöglichen, sodass für jeden Einzelfall bedarfsgerechte Hilfen für Kinder, Jugendliche und ihre Bezugspersonen gestaltet werden können.

Es geht bei der Gestaltung der Hilfen um die Anerkennung von Loyalitäten und Beziehungen als Ressourcen von Kindern und Jugendlichen zu ihren Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen und es geht um ein achtsames, ressourcen- und lösungsorientiertes sowie kooperations- und beziehungsorientiertes Agieren von Fachkräften, die Partizipation in ihrer Haltung leben und nicht nur als Methode anwenden. Es geht auch um das Aushalten von, für familiäre Bindungen charakteristische, Ambivalenzen und das Schützen von Kindern ohne die Reduktion von Eltern auf ihr schädigendes Verhalten. Es geht um das konstruktive Lösen von Konflikten, das Suchen und Finden von Zielen mit und nicht für Kinder und Eltern und letztendlich um das Schöpfen von Hoffnung der Familie auf eine gute Zukunft.

Die gesetzlichen Änderungen im KJSG müssen aus systemischer Sicht auch dahingehend geprüft werden, ob sie die Kinder- und Jugendhilfe als Gesamtsystem im gesellschaftlichen Kontext stärken.

Eine Stärkung der Jugendhilfe ist grundsätzlich verbunden mit einem hilfe- und kooperationsorientiertem Ansatz in den Hilfen zur Erziehung. Eltern scheinen in dem Referentenentwurf eher in ihrem Gefahrenpotential für Kinder denn als Erziehungspartner*innen und Erziehungsverantwortliche in den Blick genommen zu werden. Es ist zu befürchten, dass die zunehmende Engführung der Arbeit der Jugendämter auf die Wahrung des Kinderschutzes und die Kontrolle elterlichen Verhaltens, das negative Image der Jugendämter in Deutschland verschärft, die dort tätigen Fachkräfte demotiviert und belasteten Familien den Hilfezugang deutlich erschwert. Eine Behörde, mit deren Einschalten gedroht wird, oder deren Einschaltung ohne das Wissen von Betroffenen erfolgt, kann von Eltern und Kindern kaum als unterstützende Hilfeinstanz erlebt, wahrgenommen und angenommen werden.

Die beschriebenen kontextuellen systemischen Prämissen sind Grundlage der Kommentierung des Referentenentwurfs.“
Der vollständigen Text ist hier zu lesen…

22. Oktober 2020
von Tom Levold
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Gunthard Weber wird 80!

Lieber Gunthard,

alle fünf Jahre ein runder Geburtstag – und wie immer wird er auch im systemagazin gefeiert. Zum 65. Geburtstag ist hier unser Gespräch erschienen, das wir in Halle abseits der SG-Tagung über Leben als Lerngeschichte geführt haben, dann waren die 70 und die 75 dran – und nun 80 Jahre, was für ein Datum! Eine lange Lebens- und Lerngeschichte in der Tat. Ich freue mich, dass wir uns seit 40 Jahren an allen möglichen Orten und zu allen möglichen Anlässen immer wieder begegnen und uns über unsere Entwicklungen, Freuden und Nöte auf dem Laufen halten. Du warst der erste, mit dem ich auf dem DAF-Treffen 1993 in Frankfurt die Idee zur Gründung der SG besprochen habe, und ohne diesen Schritt wäre es wohl nicht so schnell in diese Richtung gegangen. Für deinen Zuspruch als Förderer, Freund und Kollege in all diesen Jahren danke ich dir von Herzen.

Für die kommende Zeit wünsche ich dir alles erdenklich Gute, vor allem Gesundheit, Verbundenheit mit den Menschen, die dir wichtig sind, und auch in Zukunft viele beglückende emotionale und intellektuelle Erlebnisse!

Herzliche Grüße,
Dein Tom


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20. Oktober 2020
von Tom Levold
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Anni Michelmann wird 75!

Anni Michelmann

Heute feiert Anni Michelmann ihren 75. Geburtstag und systemagazin gratuliert von Herzen.

Anni Michelmann ist aus der psychotherapeutischen Szene nicht wegzudenken, ihre Bemühungen um die wissenschaftliche und sozialrechtliche Anerkennung der Systemischen Therapie, ihre Beiträge für die Schmiedung von Allianzen zwischen den unterschiedlichsten Akteuren in diesem Feld, die beharrliche Lobby-Arbeit im politischen Feld und ihre Tätigkeit als berufspolitische Vertreterin von DGSF und SG haben ganz wesentlich den Weg zur Etablierung der Systemischen Therapie geebnet. Auch innerhalb der systemischen Verbände war sie mit ihrer Energie, mit der sie diese Politik nicht nur verfolgte, sondern auch mit dem entsprechenden Druck auf die Schiene setzte, eine maßgebliche Akteurin. Wie sie das alles hinbekommen hat, ist mir bis heute schleierhaft geblieben. Die meisten ihrer emails trafen nach Mitternacht, oft erst gegen 3 oder 4 h morgens ein.

Ich habe Anni Mitte der in den 80er Jahren kennengelernt, uns verband die Mitgliedschaft in der DAF, aber darüber hinaus eher wenig. 1986 kam es in Köln auf einem DAF-Treffen zu einer relativ heftigen Auseinandersetzung über die Notwendigkeit der Gründung eines neuen Verbandes, des DFS, Anni und ich waren auf unterschiedlichen Seiten der Debatte, weil eine Reihe von Instituten, u.a. die IGST und die APF, die ich damals vertrat, dem Beitritt zum DFS ablehnend gegenüber standen. Ähnliches wiederholte sich dann im Zuge der Fusion von DFS und DAF zur DGSF, als Kurt Ludewig und ich für die SG die Einladung zur Beteiligung an der Fusion ablehnten. Wir haben uns daher eher kritisch gegenübergestanden.

Näher kennengelernt haben wir uns dann Anfang des Jahrtausends, als DGSF und SG den Auftrag zur gemeinsamen Durchführung der Jahrestagung 2004 der EFTA in Berlin erhielt. Es formierte sich eine Arbeitsgruppe (Anni Michelmann, Gisal Wnuk-Gette, Wilhelm Rotthaus, Friedebert Kröger, Arist von Schlippe, Kurt Ludewig und ich), die über mehrere Jahre diese Tagung, mit 3.500 eine der größten Tagungen einer einzigen Psychotherapie-Richtung in Deutschland, vorbereitete und durchführte. In diesen Jahren lernten wir uns gut kennen und schätzen. Ein spätes Ergebnis dieser wunderbaren Zusammenarbeit war dann 2014 unser Revival als Vorbereitungsgruppe der Systemischen Geschichtswerkstatt, die seit einiger Zeit für jeden frei zugänglich ist.

2003 wurden wir dann als Vertreter von DGSF und SG von der DGSv zu einem Gespräch in Köln gemeinsamen mit Vertretern anderer Supervisions-Fachverbände eingeladen. Wie sich zu unserer Irritation herausstellte, wollte der Vorstand der DGSv dieses Gespräch nutzen, um den anderen Verbänden, die als Konkurrenten betrachtet wurden, anzubieten, ihre jeweiligen SV-Weiterbildungsabschlüsse durch die DGSv (natürlich kostenpflichtig) zertifizieren zu lassen. Anni und ich hatten uns aber eine andere, konfrontative Strategie überlegt, die dann auch zu einer völligen Wendung des Gespräches führte, nämlich zur Gründung des gemeinsamen Verbändeforums Supervision, die zu einer ausgesprochen guten, vertrauensvollen und ergiebigen Zusammenarbeit der Verbände für die nächsten Jahre führen sollte – einschließlich der Veranstaltung von drei größeren Tagungen.

Liebe Anni,
auf das Ergebnis deiner Arbeit kannst du wirklich mit Stolz und Zufriedenheit zurückschauen. Ich wünsche dir für die kommenden Jahre alles Gute, Gesundheit und weiterhin viel Energie für all die Dinge, die dir wichtig sind und die du noch machen und erleben möchtest. und vielleicht fällt ja auch noch die eine oder andere Begegnung mit Weggefährten darunter.

Herzliche Grüße
Tom Levold
Herausgeber systemagazin


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9. Oktober 2020
von Tom Levold
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Linde v. Keyserlingk (8.5.1932 – 2.10.2020)

Am 2.10.2020 starb in Stuttgart die Familien- und Kindertherapeutin und Kinderbuchautorin Linde v. Keyserlingk. Arist von Schlippe und Gatis Bušs aus Lettland nehmen hier von ihr Abschied.

„Linde war für uns ein Fenster nach Europa“ 

Gatis Bušs (Riga) und Arist v.Schlippe (Osnabrück) zum Tode von Linde v. Keyserlingk

Erster Teil (Arist v.Schlippe)

Am 2.10.2020 starb die Stuttgarter Familientherapeutin Linde v. Keyserlingk im Alter von 87 Jahren. Vermutlich werden nur wenige LeserInnen des Systemagazins ihren Namen kennen. Doch soll ihr komplexes Lebenswerk an dieser Stelle gewürdigt werden, es ist mehr als der Erwähnung wert. 

Sie war eine außergewöhnliche Frau, eine engagierte Familientherapeutin, Kindertherapeutin, Praktikerin und große Erzählerin. Ihre Bücher für die Kinderseele aus dem Patmos-Verlag sind bis heute lesenswert, sie erreichen verletzte Kinderseelen durch sensible kleine Geschichten (beson­ders bedeutsam finde ich: „Geschichten für die Kinderseele“ und: „Da war es auf einmal so still“ – über den kindlichen Umgang mit Tod und Sterben). Ihre Empathie und Intuition verbanden sich mit Kreativität und Genauigkeit – und so verstand sie viel davon, wie man Familien helfen kann, Belas­tungen in Chancen zu verwandeln. Ein Beispiel fällt mir hierzu ein: Einer ihrer Schwerpunkte war die Sandspieltherapie, deren Verbindung zu systemischen Konzepten gerade in jüngster Zeit wieder diskutiert wird. Ein Video, in dem sie mit einem multikulturellen Paar mit dieser Methode arbeitet, hat mich besonders beeindruckt. Beide Partner bauen hier jeweils ihren persönlichen Lebensent­wurf mit Figuren und Symbolen im Sand auf. Das Bild der deutschen Frau zeigt ein typisch deut­sches „Märchenhaus“, rote Ziegel, mit Tannen umgeben. Ihr afrikanischer Mann baut eine typische Szenerie aus seiner Heimat. Beide bekommen nun die Aufgabe, jeweils sieben Symbolfiguren aus dem eigenen Kasten herauszunehmen und in einem dritten Sandkasten eine gemeinsame neue Szenerie zu bauen. Es ist ein bewegendes Beispiel, wie man symbolisch Geschichten neu erzählen und an der Verbindung von Kulturen arbeiten kann.

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2. Oktober 2020
von Tom Levold
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Verbandsentwicklung am Beispiel der DGSF

Tom Levold, Köln:

Die Reihe „Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten“, die seit einiger Zeit im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht unter der Herausgeberschaft von Jochen Schweitzer und Arist von Schlippe erscheint, umfasst kleinformatige, ca. 90 bis 100 Seiten starke Büchlein, die „kurz, kompakt und anschaulich [beleuchten sollen], wie systemische Beratung zur Lösung alltäglicher schwieriger Lebenslagen in existentiellen Grenzsituationen (»Leben«), intimen Beziehungen (»Lieben«) und im Beruf (»Arbeiten«) hilfreich sein kann“.

In dieser Reihe ist nun ein Band der drei ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V. (DGSF) – Wilhelm Rotthaus, Jochen Schweitzer und Enno Hermans – erschienen, in dem sie ihre Überlegungen zur „Verbandsentwicklung am Fallbeispiel der DGSF“ zusammenfassen. Der launige Titel „Das Ganze Systemische Feld” verdankt sich seinem Akronym DGSF, das er mit der Abkürzung des Verbandes teilt.

In der Einleitung legen die Autoren ihren Anspruch dar, den sie mit diesem Band verwirklichen wollen, nämlich einmal Menschen, die mit Verbandsangelegenheiten praktisch zu tun haben, „Anregungen zu einer Gestaltung ihrer Organisation geben“ zu wollen, Beraterinnen „für Besonderheiten sowie die typischen Stärken und Schwächen der Beratung von vorwiegend ehrenamtlichen, gemeinnützigen, idealistisch motivierten Non-Profit-Institutionen [zu]sensibilisieren“ und der DGSF zu ihrem 20. Geburtstag eine kurze Entwicklungsgeschichte und „kleine ,Geschichtensammlung’“ zu schenken (S. 16). Für 90 Seiten ist das schon eine starke Agenda, die zumindest für den dritten Punkt gut eingelöst wird. Alle drei Autoren tragen zu den von ihnen als Vorsitzende verantworteten Zeitabschnitten wichtige Entwicklungsschritte in der Verbandsentwicklung, Hinweise auf programmatische und organisatorische Kontroversen sowie zahlreiche Anekdoten, z.T. auch von anderen in der Verbandsentwicklung wichtigen Personen zusammen, so dass sich ein lebendiges Bild einer überaus schnell wachsenden sowie kreativ und flexibel auf die damit verbundenen innerorganisatorischen Herausforderungen reagierenden Organisation ergibt.

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1. Oktober 2020
von Tom Levold
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Bundesverdienstkreuz für Jürgen Kriz

Ordensverleihung – Herr Professor Dr. Jürgen Kriz erhält das Bundesverdienstkreuz (Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland). Foto: Swaantje Hehmann

Jürgen Kriz ist mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für seinen Einsatz für die Förderung und die wissenschaftliche Anerkennung der Humanistischen Psychotherapie in Deutschland sowie die konsequente Umsetzung humanistischer Werte ausgezeichnet worden. Die Übergabe durch Oberbürgermeister Wolfgang Griesert fand am Dienstag, 29. September, im Rahmen einer Feierstunde im Osnabrücker Rathaus statt (Foto: Jürgen Kriz mit seiner Frau Gila und Wolfgang Griesert).

In der Pressemitteilung der Universität Osnabrück heißt es: „1944 in Ehrhorn geboren, studierte Kriz Psychologie, Philosophie und Pädagogik sowie Astronomie und Astrophysik an den Universitäten Hamburg und Wien, an der er 1969 auch promoviert wurde. 1974 bis 1999 hatte er den Lehrstuhl für Empirische Sozialforschung, Statistik und Wissenschaftstheorie an der Universität Osnabrück inne. 1980 wechselte er zum Fachbereich Psychologie, in dem er bis 1999 überlappend mit der Methoden-Professur die Professur Psychotherapie und Klinische Psychologie übernahm.

Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2010 lehrte Kriz an der Universität Osnabrück, hatte aber auch zahlreiche Gastprofessuren in Wien, Zürich, Berlin, Riga, Moskau und den USA inne. Schon seit vielen Jahren engagiert er sich für die Umsetzung der Wissenschaft im sozialen Bereich. Die Entwicklung, Erprobung und Evaluation von Patientenschulungsprogrammen hat er in Kooperation mit dem Christlichen Kinderhospital Osnabrück maßgeblich vorangetrieben. Zudem hat er sich dort für eine familienzentrierte psychologische Begleitbetreuung von chronisch kranken Kindern und Jugendlichen eingesetzt. Auch an der Gründung der Telefonseelsorge in Osnabrück vor 30 Jahren war Kriz federführend beteiligt.

National sowie international ist er ein geschätzter Lehrender, Forscher und Gutachter und gilt als einer der führenden psychotherapeutischen Experten. Aufgrund seiner herausragenden Leistungen wurde er schon mit zahlreichen Ernennungen und Auszeichnungen geehrt, u.a. dem Viktor-Frankl-Preis, dem Preis der Dr. Margrit Egnér-Stiftung, dem Ehrenpreis der Gesellschaft für personenzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V., und dem Wissenschaftspreis der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT).

,Es ist für mich eine Ehre, das Bundesverdienstkreuz für mein Bemühen um eine menschengerechtere Wissenschaft, Psychotherapie und Gesellschaft erhalten zu haben. Ich freue mich sehr, dass damit indirekt auch der große Einsatz sehr vieler Menschen für die Humanistische Psychotherapie in Deutschland anerkannt und gewürdigt wird’, so Prof. Kriz über seine Auszeichnung.“

Arist von Schlippe hat in seiner Laudatio zur Preisverleihung betont: „Jürgen Kriz hat sich seit Beginn seiner akademischen Tätigkeit damit auseinandergesetzt, dass gerade in einer von Messdaten beherrschten Welt die Aufgabe der Wissenschaft darin besteht, mit Wissen verantwortlich umzugehen, also nicht allein auf die Sicherheit statistischer Signifikanzen zu vertrauen. „Wo bleibt die Verantwortung des Menschen in einer von Messdaten beherrschten Lebenswelt?“ war der Titel seines Vortrags anlässlich der Verleihung des Margrit Egner-Preises, eines der höchsten Schweizer Psychotherapiepreise, der ihm vor beinahe einem Jahr in Zürich verliehen wurde.

Wir leben in einer von Sinnzusammenhängen durchsetzten seelischen und sozialen Welt. Es ist eine einzigartige menschliche Fähigkeit, auf komplexe Weise Sinn zu erzeugen. Dieses Thema hat Jürgen Kriz immer beschäftigt – die Kategorie Sinn gilt ja für psychische wie für soziale Systeme gleichermaßen. Um diese zu verstehen, braucht es eine weit gestellte Optik, eine, die die Psychologie nicht allein aus ihren naturwissenschaftlichen Wurzeln heraus leisten kann.

So war es für ihn eine besondere Herausforderung, den wissenschaftlichen Blick offenzuhalten – in der Psychologie im Allgemeinen und in der Psychotherapie im Besonderen. Sein konkretes Anliegen war es, die Perspektiven der Humanistischen und der systemischen Psychotherapieformen zusammenzuführen und zugleich ihre Besonderheit zu betonen. Es sind zwei Verfahren, denen hier – anders als in anderen Ländern – lange Zeit die Marginalisierung drohte. Sein Engagement ging weit über das Akademische Feld und weit über sein aktives Berufsleben hinaus. Ich erinnere mich gut an eine Situation, deutlich mehr als 20 Jahre her, als er sagte: „Ich habe mich entschieden, mich einzumischen! Das, was hier in der Psychotherapie passiert, kann nicht so bleiben!“ Und genau das hat er getan. Er hat dafür gesorgt, dass die Psychotherapielandschaft in Deutschland heute von Artenvielfalt geprägt ist. Und wir alle wissen, dass Artenvielfalt die Voraussetzung für ein stabiles ökologisches Gleichgewicht ist.“

systemagazin gratuliert ganz herzlich zu dieser Auszeichnung!

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