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Wie systemische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wirkt

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Kasuistik spielt im systemischen Feld keine große Rolle. Meist gehen Fallbeispiele nicht über kleine Vignetten hinaus, die eher illustrativen Charakter haben oder die erfolgreiche Anwendung von bestimmten Interventionen oder Vorgehensweisen belegen sollen, was genau wie in den Therapieprozessen abgelaufen ist, wann und warum welche Vorgehensweisen gewählt wurden, bleibt dann oft im Dunkeln. Das ist bei diesem Buch von Elisabeth Wagner und Sigrid Binnenstein anders, das seine klinischen Reflexionen aus der ausführlichen Darstellung von zehn kinder- und jugendpsychiatrischen Fallverläufen entwickelt, die die Herausgeberinnen mit unterschiedlichen Co-AutorInnen verfasst haben. Barbara Bräutigam, Professorin für Psychologie, Beratung, Psychotherapie an der Hochschule Neubrandenburg, hat das Buch rezensiert und empfiehlt die Lektüre.

Barbara Bräutigam, Stralsund: 

Bei dem Herausgeberband handelt es sich die Darstellung therapeutischer Prozesse in der systemischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie anhand von zehn ausführlich beschriebenen und abgeschlossenen Fallverläufen. 

Dieses Buch basiert zum einen auf dem Interesse der Herausgeberinnen, die Fähigkeit zu fördern, das therapeutische Handeln „auf der Basis eines professionellen Fall- und Wirkverständnisses“ zu begründen.  Zum anderen ist der sich von Deutschland stark unterscheidende berufspolitische österreichische Hintergrund dieses Buches interessant. Im Unterschied zu Deutschland sind in Österreich eine Vielzahl von therapeutischen Methoden wissenschaftlich anerkannt, die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie war bis 2014 kein geschützter Titel. Die Herausgeberinnen schreiben in ihrem Vorwort, dass es ihnen bei der Entstehung dieses Buches ein besonderes Anliegen gewesen sei, dass bei aller Entwicklung einzeltherapeutischer Kompetenzen, die nun propagiert würden, „die Kernkompetenz familientherapeutischen Arbeitens“ (XIII) nicht vernachlässigt werden dürfe. 

Das Buch gliedert sich nach einem Geleitwort von Wilhelm Rotthaus und dem Vorwort der Herausgeberinnen in 11 Kapitel. Das erste Kapitel stellt eine thematische Einführung dar, die Kapitel zwei bis 11 umfassen die 10 Prozessverläufe.

In dem von den beiden Herausgeberinnen verfassten Einführungskapitel werden vor allem Setting- und Methodenfragen der systemischen Therapie mit Kindern und Jugendlichen thematisiert. Dabei setzen sich Elisabeth Wagner und Sigrid Binnenstein u. a. mit der Frage auseinander, inwiefern elterliche Schuldgefühle durch Settingentscheidungen nicht noch weiter verstärkt werden. „Werden Kinder/Jugendliche in den Therapieprozess miteinbezogen und wird mit ihnen an der Symptombewältigung gearbeitet, bedeutet dies in vielen Fällen eine Entlastung für die Eltern, die in der Folge ihre Bereitschaft, nach ihrem Beitrag für Lösungen zu suchen, erhöht. Um allerdings zu verhindern, dass ein ‚Reparaturauftrag‘ des Kindes übernommen wird, ist eine Einschätzung über die Motivation zur Mitarbeit der Eltern/Bezugspersonen empfehlenswert, bevor ein Kind / eine Jugendliche in den Therapieprozess miteinbezogen wird“ (3).  Hinsichtlich der verwendeten Methoden und Techniken verweisen die Herausgeberinnen zum einen auf die Vielzahl gutbekannter kreativer hypnotherapeutischer Techniken und zum anderen aber auch auf hierzulande weniger verbreitete Methode der narrativen Spieltherapie, die die Bezugspersonen miteinbezieht und im systemischen Sinne auf Konzepte der Verhaltenssteuerung verzichtet, weil sie von der Nicht-Instruierbarkeit menschlicher Systeme ausgeht.

Die in den Kapiteln 2 – 11 dargestellten Fallverläufe – sie sind jeweils immer von einer Herausgeberin und einer weiteren Autorin verfasst – bilden eine große Bandbreite hinsichtlich der geschilderten Störungsbilder, Altersspektren, Therapiedauern und Familienkonstellationen ab. Beschrieben werden Jugendliche mit Essstörungen und selbstverletzendem Verhalten, Kinder mit Anpassungsstörungen nach traumatischen Erlebnissen und Verlusten aber auch familiäre – und Bezugssysteme, in denen Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung eine Rolle spielen. In einem Fall eines zehnjährigen Mädchens mit einer sehr ausgeprägten Zwangsstörung umfasst die Therapie mehr als 100 Stunden und widerlegt damit das Klischee, dass systemische Therapie mit einer Kurz-Zeit-Therapie gleichzusetzen ist. Sämtliche Fallverläufe werden sehr detailliert von ihrem Ablauf, der Settingwahl, der eingesetzten Methoden sowie von dem Ablauf der Interaktion zwischen den Klient*innen und Therapeut*innen beschrieben und enden jeweils in einer Reflexion von Fall- und Wirkverständnis.

Der Herausgeberinnenband von Elisabeth Wagner und Sigrid Binnenstein besticht vor allem durch die außergewöhnlich gut und dicht beschriebenen Kasuistiken. Man erfährt sehr detailliert die therapeutische Vorgehensweise und der Einsatz bzw. der Wechsel verschiedener Settings wird sehr nachvollziehbar und gut begründet. Ebenso eindrucksvoll ist die Verbindung einer kind- bzw. jugendlichenzentrierte Vorgehensweise, die mit einem psychodynamischen Verständnis einhergeht und dem ausgeprägten Verständnis der familiären Interaktion bzw. der Interaktion zwischen verschiedenen Bezugssystemen. Das Zusammenspiel zwischen kinder-, jugend – und familientherapeutischen Kompetenzen ist an sämtlichen Fallbeispielen ausgesprochen gut dargestellt und zeichnet dieses Fachbuch in besonderer Weise aus.

Ein wenig irritierend ist der Titel des Buches bzw. das „Wirkverständnis“ von systemischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Man kann anhand und mit diesem Buch sehr gut verstehen, wie diese therapeutische Vorgehensweise funktioniert und was sie bei den beschriebenen „Fällen“ bewirkt hat, ob dieses sich aber primär auf die Methode zurückführen lässt, wird durch dieses Buch nicht belegt. Weiterhin findet sich ein kleiner Fehler im Vorwort auf XIII – hier wird gesagt, dass in Deutschland bei der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie die Verhaltenstherapie und die systemische Therapie sozialrechtlich anerkannt sind – dieses ist nicht richtig, es sind vielmehr die Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. 

Ein insgesamt ausgesprochen lesenswertes Buch für psychosoziale Fachkräfte in der Jugendhilfe und für alle, die therapeutisch mit Familien arbeiten!

(mit freundlicher Genehmigung der Redaktion der socialnet-Rezensionen aus socialnet.de vom 29.3.2018)

 

 

Elisabeth Wagner & Sigrid Binnenstein (Hrsg.) (2018): Wie systemische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wirkt. Prozessgestaltung in 10 Fallbeispielen. Heidelberg (Springer).

187 Seiten. E-Book-Inside
Preis: 29, 99 €
ISBN: 978-3-662-55546-0

Verlagsinformation:

Systemische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und ihren Bezugspersonen weist eine hohe Binnendifferenzierung auf. Die Entscheidung für das passende Setting und die methodische Herangehensweise stellt Therapeuten immer wieder vor Herausforderungen: Wer soll an der Therapie teilnehmen? Mit welcher Absicht entscheide ich mich für welche Intervention? … Dieses Buch gibt anhand von 10 ausführlichen Falldarstellungen Anregungen für die psychotherapeutische Prozessgestaltung. Dabei wird nicht nur die große Bandbreite systemischer Konzepte in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie abgebildet, es wird auch in jedem Fall das konkrete Wirkverständnis praxisnah dargestellt.

Über die Herausgeberinnen

Dr. Elisabeth Wagner, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Lehrtherapeutin für systemische Familientherapie, ist als Ausbildungsleiterin darum bemüht, nicht nur Theorie und Techniken der systemischen Therapie zu vermitteln, sondern auch die Fähigkeit zu fördern, das therapeutische Handeln auf der Basis eines professionellen Fall- und Wirkverständnisses zu begründen.

Mag. Sigrid Binnenstein, Klinische- und Gesundheitspsychologin und systemische Familientherapeutin, Weiterbildung in hypnosystemischen Konzepten in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Besonderes Interesse gilt der Verbindung von spieltherapeutischen Ansätzen und systemischer Therapie.

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