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Online-Journal für systemische Entwicklungen

systemisch – was fehlt? Das Unerfüllte

Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach: Wessen Geistes Gegenwart?

8adventAdvent und das Fehlende gehören zusammen. Obwohl, genauer natürlich das noch Fehlende. Das noch Fehlende, dessen Kommen erwartet wird. Und dessen Kommen das tragende Motiv eines hoffnungsvollen Narrativs ist. Das gäbe jetzt zwar einen schönen Anfang, doch gerät der ins Wanken, wenn das Fehlende mit Systemischer Therapie zu tun haben soll. Wie das? Mir scheint, Systemische Therapie hat nichts mit Advent zu tun, kann es nicht, jedenfalls dann nicht, wenn sich ihre gedanklichen Begleiterscheinungen systemtheoretisch ableiten und sich auf diese Weise ihrer Funktionalität versichern. Da geht es nicht um Advent, sondern um Adjunkt, sozusagen, Erfolg als Fortsetzungsgeschichte. Was ist, ist auch schon wieder vorbei und nur sinnträchtig als Sprungbrett für Nachfolgendes. Sein als imaginärer Zustand und praktisch ein Reigen laufender Ereignisse. Systemtheorie als Fruchtbarkeitstheorie, um es einmal so zu sagen. Allgemein, als Theorie an sich – oder für sich? Im erlebten Leben ist die Dichotomie nicht so leidenschaftslos: schließt sich an/schließt sich nicht an. Noch ist Erleben keine Frage von 0 oder 1 und Lebenserzählungen noch keine Ausgeburt binärer Codes. Fehlt mir das? Nein, das fehlt mir nicht, was hat das hier zu suchen? Im Ernst, fehlt mir was in der Systemischen Therapie? Und wenn ja, wäre das jetzt ein systemtheoretischer Witz zu fragen: woran mache ich das fest? Was soll als umrissen gelten bei etwas, was permanent ausreißt? Systoria nicht zu vergessen, dass eingeschlafene Projekt, die Entwicklungen systemischen Denkens für psychosoziales Helfen gesammelt festzuhalten. Etwas, was fehlt… Ich nähere mich dem Thema, fürchte ich. Dabei hatte ich vor, diesmal nichts zu schreiben zum Adventskalender, die Frage nach dem Fehlenden in der Systemischen Therapie führte mich zu sehr in Widersprüche, in Unerledigtes und das Fehlen an sich wurde groß. Und doch schien mir, dass mir in Systemischer Therapie wirklich etwas fehlen würde, wenn ich dem nicht nachginge.

Wolfgang Loth

Wolfgang Loth

Dann dieses: Hannah Arendt notierte im November 1952 in ihrem „Denktagebuch“ Überlegungen zu „Folgen des Fortfalls der Transzendenz“ (Bd.1, S.266f.). Sie schreibt da: „Jegliches ist nur in Beziehung auf ein Anderes“. Dies sei, schreibt sie weiter, „der ursprüngliche Substanzverlust“. Sie sieht darin die Basis für „Beziehungschaos“ und schreibt: „In dieses Beziehungschaos soll der Funktionsbegriff Ordnung bringen. Ein Jegliches ist die Funktion von etwas Anderem, und im Funktionszusammenhang erhält Jegliches seinen Platz und seinen Sinn“. Und dann trifft sie eine Unterscheidung, bei der mir unmittelbar aufging, wie ich mein Gedankendurcheinander verstehen könnte angesichts der Frage, was mir beim Systemischen fehlt. „Dies“, schreibt Arendt und meint dabei das Herstellen von Sinn per Funktionszusammenhang, „Dies bringt in das Beziehungschaos nicht Sinn, sondern nur Bewegung. Die Bewegung zerreibt den Rest von Substanz“. Und unmittelbar anschließend: „Es ist nie eine Frage der ‚Werte‘, sondern was wir verloren haben, ist der Masstab“ (alle Zitate S.267, U im Orig.). Ist es das, was mir in den Diskursen zur Systemischen Therapie fehlt? Der Bezug auf Umgreifendes, Existenzielles? Warum merke ich so interessiert auf, wenn Peter Fuchs von „Lebens- und Sterbensernsthafigkeit“ schreibt im „Verwalten der vagen Dinge“? Und dann wieder geht mir Kurt Ludewigs Mahnung durch den Kopf: „Psychotherapeut, bleib bei deinem Leisten!“, zuletzt wieder in seinen erfahrungsgenährten „Entwicklungen systemischer Therapie“ (2013, S.78ff.). Es scheint mir so plausibel und ebenfalls respektvoll, wenn er als Alternative zum bescheidenen, behutsamen Vorgehen einen „privilegierten Standpunkt außerhalb unserer Gemeinsamkeit“ anzunehmen gezwungen wäre (S.79). Ich stimme zu, diszipliniere mich – und es bleibt etwas Unerfülltes zurück. Vielleicht geht es über Bande, über ein anderes Metier. Dieser neue Film „Mr. Turner – Meister des Lichts“ über William Turner, den Maler des Übergangs zwischen Tradition und Aufbruch. Wie Turner dahin kommt, das gekonnte Darstellen der Form in eine Auflösung der Form zu transzendieren. Und dies auf eine solche Art, dass nun das vorher im vordergründig Sichtbaren Eingeschlossene sich für das Wahrnehmen dessen öffnet, wie gegebene Form und das Erfahren von Form auf- und miteinander wirken: Substanz geht nicht flöten, ist aber kein Gefängnis mehr. Was einem so fehlen kann.

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