systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

systeme 2020

Heft 1

Niel-Dolzer, Evelyn (2020): Biografie, Narrativ und Historizität – über den Unterschied zwischen Erzählen und Aneignen der eigenen Geschichte. In: systeme, 34 (1), S. 5-18. 

Abstract: Die Autorin nimmt Bezug auf die Marginalisierung der psychoanalytischen Wurzeln in der Konzeptualisierung Systemischer Therapien und das darin aufscheinende Motiv der „Verleugnung und von Herkunft“ im Kontext diskursiven Erinnerns und Vergessens. Sie blickt aus einer metatheoretischen Perspektive auf die klinische Praxis und verfolgt die These, dass aus einer (radikal)konstruktivistischen Perspektive die Geschichtlichkeit als conditio humana aus dem Blick geraten ist: „Geschichte“ wird überwiegend als Narrativ, nicht als Gewordensein beachtet. Für die psychotherapeutische Praxis zeigt sie auf, welch hohe klinische Relevanz eine Erweiterung und die Ergänzung traditioneller systemtherapeutischer Theoriebildungen um phänomenologische Konzeptualisierungen von Zeitlichkeit, Erfahrung und Gedächtnis (Erinnern und Vergessen) haben. Besonders für ein klinisches Verständnis von Traumatisierung sieht sie hier einen notwendigen Bedarf an metatheoretischer und konzeptueller Weiterentwicklung innerhalb der Systemischen Therapien.

Reddemann, Luise (2020): Resilienz – Chancen und Risiken eines Konzepts. In: systeme, 34 (1), S. 19-39. 

Abstract: Das Thema Resilienz soll hier von verschiedenen Seiten beleuchtet werden: die Chancen des Konzepts, aber auch dessen Risiken und mögliche Verwerfungen sollen diskutiert werden. Darüber hinaus möchte ich auf die neuere Forschung hinweisen, die uns darüber belehrt, dass das Konzept sehr unklar ist. Ich werde hin- und herpendeln zwischen den beiden Polen der Zustimmung zu dem Konzept und den vielen Fragen dazu.

McNamee, Sheila (2020): PraktikerInnen als Menschen – (Sich) Verändern im dialogischen Begegnen. In: systeme, 34 (1), S. 40-50. 

Abstract: Im Rahmen eines Verständnisses von Praxis als einer menschlichen Praxis – d. h. PraktikerInnen zuerst und vor allem als Menschen anzusehen – möchte ich Sie gerne teilhaben lassen an dem, was mich zurzeit an Therapie beschäftigt, und an den Themen, denen wir unsere besondere Aufmerksamkeit widmen sollten. Meine Anliegen drehen sich um, (1) wie wir uns ausbilden, um systemische TherapeutInnen zu werden, (2) des Weiteren um die Komplikationen, die professionelle Diskurse für unser Bewusstsein als KlinikerInnen mit sich bringen, (3) die andauernden Diskussionen über konkurrierende Formen von Therapie, und (4) dass sich trotz unserer Aufmerksamkeit für relationale Prozesse unser Fokus immer noch auf kleine relationale Einheiten richtet (Paare, Familien, Individuen) auf Kosten umfassenderer sozialer Institutionen und Diskurse. Nachdem ich diese Anliegen näher dargelegt habe, möchte ich einige weiterführende Schritte für systemische Therapie, Praxis und Forschung vorschlagen.

Emlein, Günther (2020): Der Kuckuck im Amselnest: Systemtheorie in der (systemischen) Praxis. In: systeme, 34 (1), S. 51-68. 

Abstract: Der Beitrag schlägt der Systemischen Beratung und Psychotherapie vor, ihre eigene Praxis mithilfe von Theorie zu beobachten. Theorie ermöglicht, die Beschreibungen der Praxis präzise zu fassen und konsistent miteinander zu verknüpfen. Das Papier skizziert die Folgerungen für die Praxis, die sich aus der Beobachtung dieser Praxis mithilfe der Systemtheorie Bielefelder Provenienz (Niklas Luhmann) ergeben.

Simon, Fritz B., Elvira M. Gross & Ulrich P. Hagg (2020): „Nur wer logisch denkt, kann verrückt werden!“ Paradoxien in Gesellschaft, Organisationen und Familien sowie „konkrete Rezepte“ zu Kommunikation. Elvira M. Gross und Ulrich P. Hagg im Gespräch mit Fritz B. Simon. In: systeme, 34 (1), S. 69-79. 

Stratmann, Cordula (2020): Humor in der therapeutischen Arbeit. In: systeme, 34 (1), S. 80-89. 

Abstract: Zu Beginn möchte ich mich kurz vorstellen: Nach dem Studium der Sozialarbeit, der Ausbildung zur Systemischen Familientherapeutin und Supervisorin und acht Jahren der Beratungsarbeit mit Familien in den 80er und 90er Jahren wurde meine im Mutterleib bereits angelegte, ausgeprägte Komik von Fachpersonal aus der Medienbranche entdeckt, woraufhin ich nun seit über 20 Jahren in Freiberuflichkeit eine Reihe von Aufgaben als Komikerin, Buchautorin und Bühnenkünstlerin angenommen habe.

Ich habe meine beratende Tätigkeit für Familien, Paare und Einzelne mit großer Leidenschaft getan – ebenso mein Tun als Komikerin. Was beiden Aufgaben gemein ist, ist die Tatsache, dass es stets um gute Lebenszeit geht. Um Entlastung, um Selbstdistanz und – so habe ich es auch als Komikerin am liebsten – um Selbsterkenntnis und neues Ansetzen nach Durchatmen.

Meine komische Arbeit bekomme ich durchaus als therapeutisch zurückgemeldet und genauso empfinde ich sie auch. Dennoch habe ich das therapeutische Arbeiten im kleinen, geschützten Raum in den vergangenen Jahren vermisst, sodass ich mittlerweile wieder in eigener Praxis Menschen in Krisen berate.

Ich bin mein Leben lang schon ausgeprägte Praktikerin, weniger die Theorie als die Praxis, das leidenschaftliche Ausfragen von Praktikern oder das Zugucken bei denselben sowie lebenslanges Ausprobieren haben mich ausgebildet: Meine langjährige Erfahrung in Beratung anderer ebenso wie jede Beratung, die ich selbst in meinem Leben aufgesucht habe. In meinem Fall liegt es nahe, dass ich mich mit dem Gedanken auseinandersetze, inwiefern die humorvolle Grundhaltung des Therapeuten zur Welt sowie zu seinem eigenen, persönlichen Leben prägend ist für das, was für ein/e BeraterIn er oder sie überhaupt ist für die Menschen.

Damit stoße ich auf die Frage, inwiefern die Familien, die Eltern, die Jugendlichen mit dem innersten Kern eines Therapeuten zu tun bekommen sollten. Ist nicht der am professionellsten, am hilfreichsten, der so neutral wie möglich auf die Menschen in ihrer Ratlosigkeit trifft?

Liessmann, Konrad Paul (2020): „Aber so ernst auch wieder nicht“ – Ironie, Humor und Witz als Einspruch gegen die Wirklichkeit. In: systeme, 34 (1), S. 90-99. 

Abstract: Wohl verbindet mich einiges mit Paul Watzlawick – der Geburtsort, die Schule, die wir, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten, besucht haben, und die für mich so erfreuliche Auszeichnung mit dem Paul Watzlawick Ehrenring der Wiener Ärztekammer –, aber Paul Watzlawick steht unmittelbar nicht im Zentrum meiner heutigen Überlegungen, sehr wohl aber Fragen, die ihn in seiner Art und Weise, Kommunikation zu denken, durchaus beschäftigt haben. Der Titel meines Vortrags: „Aber so ernst auch wieder nicht“ ist das Halbzitat eines Satzes von Theodor W. Adorno. Dieser lautet vollständig: „Philosophie ist das Ernsteste, aber so ernst auch wieder nicht.“ Ich könnte nun das Adorno-Zitat für meinen Vortrag kurzerhand umdrehen und sagen: Humor ist wirklich etwas Lustiges, aber so lustig auch wieder nicht. Dieses Spiel mit Ernst und Humor, mit Ernst und Nichternst bedeutet, dass der Stachel des Humors, der Stachel der Ironie, der Stachel des Witzes, der Stachel des Zynismus darin liegen, das Ernste zu etwas Unernstem zu machen. Darin liegt auch der subversive Charakter dieser Sprach- und Kommunikationsformen. Wir finden diese Umdrehungen ja besonders erheiternd, wenn es um den Ernst der anderen geht, den wir ohnehin nicht ernst nehmen. Wenn ich darauf abziele, die beschränkten Vorstellungen des Spießbürgers zu entlarven, kann ich von Herzen darüber lachen, denn ich teile diese Vorstellungen nicht, sie sind mir nicht ernst, denn ich bin aufgeklärt; nur dem anderen sind sie ernst, denn dieser ist borniert; und dann überführe ich ihn und entlarve ihn seiner Borniertheit. Sehr lustig! Deswegen würde ich als Nagelprobe, ob Sie tatsächlich bereit sind für Humor, immer sagen: Lachen Sie nicht über den Ernst der anderen, versuchen Sie über das zu lachen, was Ihnen selbst ernst und wichtig ist. Da werden Sie merken, das hat schnell seine Grenzen – und das ist gut so. Deshalb ist diese Frage von Ernst und Unernst nie von moralischen Fragen zu trennen, es geht immer darum, worüber darf man eigentlich lachen und wo sind die Grenzen des Lachens.

Denkhaus, Anke, Claudia Prücklmayer & Ursula Killi (2020): Ein mehrperspektivischer Erfahrungsbericht zur „Ich schaffs!“-Jubiläumstagung, München 11/2018. In: systeme, 34 (1), S. 100-104. 

Wolf, Ferdinand (2020): Joachim Hinsch zum 75sten. In: systeme, 34 (1), S. 105-107. 

Abstract: Joachim Hinsch feierte am 16.3.2020 seinen 75. Geburtstag! Ein Anlass, diesem Pionier der Systemischen Familientherapie in Österreich ein paar Gedanken zu widmen.

Hagg, Ulrich P. (2020): „Sich verstehen und verständigen kann man auch, ohne einverstanden zu sein.“ In Memoriam Josef Duss-von Werdt (24.10.1932 – 25.10.2019). In: systeme, 34 (1), S. 108-111. 

Abstract: Er war für mehrere Generationen ein wichtiger Wegbereiter und Vermittler sowohl der Systemischen Therapie als auch der Systemischen Mediation, in seiner Rolle als Mitbegründer und mit Helm Stierlin jahrelanger Herausgeber der Zeitschrift Familiendynamik, als Dozent für Systemtherapie an der Universität Fribourg und Lehrbeauftragter in Bern und Genf, als Mitbegründer und 20 Jahre lang Leiter des Instituts für Ehe und Familie in Zürich. Darüber hinausgehend hat er das schweizerische Mediationsgesetz mit auf den Weg gebracht, gründete den Schweizer Verein für Mediation und war im wissenschaftlichen Beirat der europäischen Masterprogramme für Mediation; er war gefragter Ausbildner, Lehrender und Praktiker der Mediation in Deutschland, Österreich und der Schweiz, ein begnadeter Vermittler, ein homo mediator in jeglichem Sinn. Humanistisch und humorvoll gleichermaßen. Als ich vor der Jahrtausendwende erstmals in eine seiner Fortbildungen zur Philosophie der Mediation gelangte, war ich von der Kongruenz seines vermittelnden Tuns sofort fasziniert: alles was passierte, inhaltlich und vom Ablauf, wurde gemeinsam abgestimmt, bis es für jeden und jede Einzelne im Raum möglich war weiterzumachen. Es war ihm zeitlebens ein Herzensanliegen, die enge Verwandtschaft und Wechselwirkung zwischen Mediation und Demokratie deutlich zu machen.

Jegodtka, Renate, Peter Luitjens & Mirja Winter (2020): Buchgespräch – Renate Jegodtka, Peter Luitjens (2018): Kim, Tim-Tiger und das gefährliche Etwas: Eine Mutmach-Geschichte für traumatisierte Kinder. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: systeme, 34 (1), S. 112-118. 

Abstract: Jegodtka und Peter Luitjens im Jahr 2019 den SG-Praxispreis SGt sys­temisch. Mirja Winter tauschte sich mit den beiden über die bei der Lektüre des Buches entstandenen Eindrücke und Fragen aus. Statt einer Rezension entstand auf diese Weise folgende, dialogische Buchbesprechung.

Fobian, Clemens (2020): Rezension – Lydia Hantke & Hans-Joachim Görges (2019): Ausgangspunkt Selbstfürsorge. Strategien und Übungen für den psychosozialen Alltag. Paderborn (Junfermann). In: systeme, 34 (1), S. 119-120. 

Schwetz-Würth, Johanna (2020): Rezension – Elisabeth Klar und Kathrin Kloeckl (2019): Vernachlässigbare Veränderungen. Weitra (Verlag Bibliothek der Provinz); Elisabeth Klar (2020): Himmelwärts. Salzburg (Residenz Verlag). In: systeme, 34 (1), S. 121-122. 

Rufer, Martin (2020): Rezension – Jürgen Kriz & Fritz B. Simon (2019): Der Streit ums Nadelöhr. Körper, Psyche, Soziales, Kultur. Wohin schauen systemische Berater? (Hrsg. Matthias Ohler). Heidelberg (Carl-Auer). In: systeme, 34 (1), S. 123-125. 

Wahlster, Andreas (2020): Rezension – Luise Reddemann, Ljiljana Joksimovic, Simone D. Kaster & Christian Gerlach (2019): Trauma ist nicht alles – Ein Mutmach-Buch für die Arbeit mit Geflüchteten. Stuttgart (Klett-Cotta). In: systeme, 34 (1), S. 125-126. 

Lindner, Thomas (2020): Rezension – Martin Rufer & Christoph Flückiger (Hrsg.)(2020): Essentials der Psychotherapie. Praxis und Forschung im Diskurs. Bern (Hogrefe). In: systeme, 34 (1), S. 127-129. 

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