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Online-Journal für systemische Entwicklungen

systemagazin-Adventskalender: Hinter jeder offenen Tür steckt immer … (ein Zitat)

1adventLiebe Leserinnen und Leser,
heute ist der erste Advent – und auch dieses Mal gibt es einen systemagazin-Adventskalender! Wie schon in den letzten Jahren ist das Projekt beim Start noch offen: das heißt, ich freue mich noch auf den einen oder anderen Beitrag von Ihnen, damit der Kalender auch bis zum 24.12. läuft. In den letzten Jahren hat das immer gut geklappt. Das Motto des diesjährigen Kalenders lautet „open doors“. Es gibt also keine inhaltlichen Vorgaben, vielmehr soll in diesem Kalender Platz sein für Geschichten und Erwägungen, die Sie gerne mit der systemischen Szene teilen möchten. Den Anfang macht heute Wolfgang Loth – viel Spaß beim Lesen!

Wolfgang Loth, Bergisch-Gladbach: Hinter jeder offenen Tür steckt immer (ein Zitat)

… vielleicht, obwohl das mit den offenen Türen nicht so eindeutig ist. Nehmen wir die Doors, „This is the end“ singen sie, und fangen damit ein Lied an. Gut, das ganze Lied nennen sie dann auch wieder „The End“, und das am Anfang ihrer Karriere, aber immerhin, Raum geöffnet für Luzides. „The Doors“ als Konzept und Bekenntnis: Wenn die Pforten der Wahrnehmung geöffnet seien, werde deutlich, wie die Dinge wirklich seien: unendlich. Zitat auch dieses, mehrfach, von Blake zu Huxley zu Morrison. Im Unendlichen kommt nicht nur Nettes vor, der Text zum end greift ans Gemüt, nicht Helligkeit, sondern Dusternis, offene Tür hin oder her. Und überhaupt, offene Türen sind an sich weder gut noch schlecht. Ob sie eher als Einladung gemeint sind oder eher als Frischluftschleuse, darüber können die Meinungen auseinandergehen. Je nachdem, wen man fragt, die Wohnungseigentümer oder die Einbrecher. Da wäre er also wieder, der Kontext, als Bedeutung und als Perspektive. Das unerschöpfliche „je nachdem“. Jedenfalls soweit wir das Unendliche verfolgen können, vermutlich nicht so weit. Manchmal helfen Grenzen halt beim Orientieren, und manchmal vergessen wir sowohl das Gemachte von Grenzen als auch deren Provisorisches. Da klingt es dann eindeutig: Wir sind das Volk! Ach Gott, das? Seit wann? Für wen? Und der Orient im Orientieren? Ex oriente lux und dann go west! Flüchtendenschicksal? Tür auf, Tür zu.

loth_06Durch die offene Tür winkte noch so etwas wie ein „Zitat des Tages“. In diesem Zitat kommt ein Herr Weber vor, Neuropsychiater, der sein Thema nicht im Lobpreis der neuesten bildgebenden Verfahren findet, sondern in Geschichten über merkwürdige Erfahrungen von Menschen, deren Gehirn ihnen andere Lösungen liefert als gemeinhin erwartet. Irgendwie erinnert der Geschichten webende Weber an Oliver Sacks. Und wie dieser hat er mit seinen Geschichten ein breites Publikum erreicht. Richard Powers erzählt diesen Roman mit dem Titel „Das Echo der Erinnerung“ (Fischer). An einer Stelle heißt es da: „Nach Webers Auffassung war ein großer Teil des bewussten Verhaltens eher auf Exaptation als auf Adaptation zurückzuführen, sozusagen auf kreative Zweckentfremdung, nicht auf funktionsgebundene Anpassung“.

Ehrlich gesagt, von Exaptation hatte ich noch nie etwas gehört. Aber wie das da so stand, fand ich meinen Sinn darin, eine Tür war offen. Was war angestoßen? Vielleicht dieses: Je länger ich „im Geschäft bin“, desto weniger berühren mich Bemühungen, Systemisches in eine Wettbewerbsform zu gießen, funktionsgebunden orientiert auf ein Standing im Sozialrechtsimperium. Die Kraft zur kreativen Zweckentfremdung scheint verbraucht, vielleicht, vielleicht auch nur getarnt, wer weiß. Jedenfalls will mir kein Zauber einfallen, der zur Kontrolle von Abweichungen vom Leitliniengerechten passt. Es geht mir dabei nicht um Anarchie an sich, auch nicht um Freiheit von Konsequenzen. Respekt vor der Basis zum Überbau! Arbeit ist ok, Mühen auch. Wie spitzte Hannah Arendt das so treffend zu: „Der Fluch der Arbeit ist nicht die Mühe, sondern der Zwang“. Und es ist wohl kein Zufall, dass sie so enthusiastisch auf Eric Hoffer ansprach, den Diogenes aus San Francisco, der über lange Zeit seine Balance zwischen schweißtreibenden Brotberufen und ungestörtem Lesen und Studieren lebte. Der wusste, was er meinte, als er, und damit nun Schluss für heute mit den durch die offene Tür hineingehuschten Zitaten, als er also schrieb: „Die dringende Suche nach den unmittelbar lebensnotwendigen Dingen hört praktisch auf, sobald wir nur etwas einigermaßen Angemessenes gefunden haben, die Suche nach den nicht unmittelbar notwendigen Dingen setzt sich dagegen endlos fort“.

Citation doors:
Hannah Arendt (2002) Denktagebuch I. München: Piper, Zit., S.374
The Doors (1967) The End. https://www.thedoors.com/discography/songs/end-602
Eric Hoffer (1968) Die Angst vor dem Neuen. Reinbek: rororo, Zit. S.97
Richard Powers (2006) Das Echo der Erinnerung. Frankfurt: Fischer, Zit. S.272

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