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Online-Journal für systemische Entwicklungen

systemagazin Adventskalender: fremd

Jürgen Hargens, Meyn: fremd

Mit dem „fremd“ könnte es mir ähnlich gehen wie mit einem Adventskalender – jeden Tag ein neues Türchen, und ich weiß nie, was hinter dem Türchen wartet. Immer eine Überraschung. Etwas anderes. Etwas Neues. Etwas Fremdes. Etwas (Un-)Bekanntes. Anders gesagt – etwas, was nicht in meinen „normalen“ Alltag passt, denn dort bemühe ich mich stärker darum, dass wenig Fremdes auf- oder eintritt. Das wirkt – Fachbegriff: Selbst-Rückbezüglichkeit – sich auf mich aus und trägt zu (m)einem eher guten Gefühl bei: ich weiß, was kommt. Keine Überraschung. Das Gefühl, alles (oder das meiste) unter Kontrolle zu haben.

Also – immer dasselbe?

Das könnte dann so scheinen, als gäbe es keine Alternativen. Dann wäre ich dabei, TINA zu praktizieren: There Is No Alternative. Das weiß der Volksmund seit Jahrhunderten, dass das wohl eher nicht stimmen kann, denn „erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.“

Ich selber kenne mich (zumindest ein bisschen) und weiß daher, dass es mir nicht immer leicht fällt, mit Fremdem umzugehen. Mit fremden Menschen. Die sehen meist schon anders aus. Und da schnappt oft die Falle zu, glaub’ ich – in Erinnerung an das dritte Watzlawicksche Kommunikationsaxiom: „jede Kommunikation wird interpunktiert“, d.h. interpretiert, also bewertet. Lässt sich wohl auch kaum vermeiden. Nur sollte ich mich hüten (auch wenn es schwerfällt), eine solche (nämlich meine) Interpretation anhand der Begriffe „richtig – falsch“ oder „gut – schlecht“ zu treffen.

Dabei dürfte ich nämlich vergessen, dass es sich immer um meine Interpretation handelt, die für mich gilt. Andere interpretieren anders. Nur, leider, so meine Erfahrungen und mein Erleben, besteht offenbar eine Tendenz, solche Interpretationen (Deutungen!) in einem zweiten Schritt „umzudeuten“ – aus meiner Interpretation wird so allzu leicht eine für alle gültige Wahrheit.

Was in meinen Augen hier verwechselt würde, wäre der Unterschied zwischen Wahrheit und Glaube. Ich glaube, dass bestimmte Dinge so sind – für mich. Sobald ich verallgemeinere, rede ich davon, dass ich wüsste, was für alle gilt. Und dann würde ich mich dem annähern, was Heinz von Foerster mit dem eingängigen Satz beschrieben hat: Wahrheit tötet!

Von daher ist es mir lieber (nicht zu verwechseln mit „angenehm“), mich auf Fremdes einzulassen, es zu respektieren und Andersartigkeiten (Unterschiede) zuzulassen.

Ohne solche Impulse – meine Interpretation – wäre ich schon am Ende, denn es gäbe nichts mehr. Nichts Neues, keine Entwicklungen – denn all dies ist letztlich ja auch zuallererst Fremdes.

Und Hägar, der Wikinger, einer meine Lieblingscartoon-Helden, würde den Satz mit den so passenden Worten abschließen: „glaub’ ich!“

Ich stelle mir vor, jeder Mensch würde sein Wissen, seine Erkenntnis, mit diesem Satz abschließen. Das wäre wunderbar … glaub’ ich.

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