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systemagazin Adventskalender: „Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es“

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Andreas Manteufel, Bonn: „Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es“

Eigentlich ist diesem geflügelten Wort von Erich Kästner nichts hin zu zu fügen.

Nur soviel: Ich sehe nicht, dass Theorien, wissenschaftliche Modelle oder Therapieschulen gesellschaftliches Engagement begründen – schon gar nicht Systemtheorie.

Wer sich dafür entscheidet, Zeit und Energie für einen Einsatz in der Umwelt von Kommunikationen (also bei seinen Mitmenschen) zu investieren, hat dafür andere, persönliche, vielleicht weltanschauliche, vielleicht religiöse, vielleicht humanistische Motive. Vielleicht auch einfach das Gefühl, etwas tun zu müssen. Nicht aber „systemische“ oder anderweitige, wissenschaftlich formulierte Werte.

Auch beim Fußball sagt man: Wer zuviel nachdenkt, hat die Chance schon vertan. Eine grundlegende Überzeugung, handeln zu müssen, leitet uns oft spontan.

Ich habe mich in den letzten vier Jahren in meiner Kirchengemeinde engagiert, einen kleinen Ortsausschuss geleitet, das Chaos organisiert und viel Kleinarbeit gemanagt, viele Klagen und Beschwerden angehört, manchen Durchblick gefördert, manchen wieder verloren und manchen bis heute nicht gefunden. Erfahrungen aus Ausbildung und Beruf helfen natürlich dabei, so etwas zu tun, ohne zu verzweifeln. Aber mein Impuls, diese Aufgabe an zu nehmen, entsprang – neben der Unfähigkeit zum Nein-Sagen – am ehesten einem persönlichen Verantwortungsgefühl.

Andreas Manteufel

Man denkt vielleicht, dass gerade die Religion den Einsatz für die Gemeinschaft und liebevolle Nächstenhilfe selbstverständlich macht? Für die einen ja. Andere gebären sich unter dem Zeichen des Kreuzes unbekümmert egoistisch, üben Gewalt und Missbrauch aus. Die einen retten Flüchtlinge, weil sie sich zum Helfen verpflichtet fühlen als Kinder des christlichen Abendlandes. Andere meinen, eben jenes vor angeblich drohender Überfremdung retten zu müssen, und sei es mit Gewalt. Jede Religion und jede Theorie kann für alles herhalten. Über die Rolle von Kirche, aber auch der Psychologie im Nationsalsozialismus müssen wir gar nicht erst reden.

In den Jahren meiner systemischen Therapieausbildung wurden wir als „Beboachter 2. Ordnung“ sozialisiert. Der Gedanke, in ein operational geschlossenes System verändernd eingreifen zu können, galt als naiv. Wir taten es natürlich trotzdem. Auch die, die sich „Non-Interventionisten“ nannten.

Wir demaskierten psychiatrische Diagnosen als reine Konstrukte und Krankheit als Zuschreibung. Aber welcher Systemiker machte schon irgendwelche Anstalten, die „armen Irren“ aus ebendiesen zu befreien? Das gehört, wie jeder weiß, in eine andere Zeit.

Ein Buch aus dem systemischen Regal las ich in dieser Zeit, das in Sachen Engagement Eindruck hinterließ: Evan Imber-Blacks „Familien und größere Systeme“. Das war handfest und wenig theoretisch. Es handelte vom Helfen „im Gestrüpp der Institutionen“ und vermittelte die Freude daran, sich mit kühlem Kopf in das Gestrüpp zu stürzen und für seine Klienten Schneisen frei zu schlagen.

In der Klinik bestellten wir zu dieser Zeit mit Begeisterung die Familien unserer Patienten ein, um zirkuläre Fragetechniken zu üben. Unter uns war ein ärztlicher Kollege, medizinisch und pharmazeutisch bestens aufgestellt, der sich um systemische Gesprächsführung wenig scherte. Aber er war bekannt dafür, dass er in jedem Gespräch gnadenlos Partei für seine Patienten ergriff und dafür selbst den Streit mit den Angehörigen nicht scheute.

Das imponierte vielen von uns nachhaltig.

Irgendwann in den 90er Jahren hörte ich Paul Watzlawick, den Peter Stöger der Lösungs- und Kurztherapeuten, bei einer Lesung in Bonn. Am Ende wurde er nach einer Art persönlicher Quintessenz seiner langen Therapeutenerfahrung gefragt. Da war nichts von spontanen Entwicklungssprüngen, goldenen Schlüsseln oder genialen Interventionen zu hören. „Step by Step“, empfahl er. Er sprach von Geduld und davon, dass man Schweres aushalten müsse.

Das entsprach überhaupt nicht der Erwartung des Publikums.

Mir imponierte es aber nachhaltig.

Ich sehe Systemtheorie und Systemische Therapie als eine wundervolle Sache an.
Aber ebensowenig wie irgendeine andere Theorie oder Therapie als Quelle guter Taten.

Frohe Weihnachten wünscht Andreas Manteufel

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Ein Kommentar

  1. …”den Peter Stöger der Lösungs- und Kurztherapeuten”, da muss man erst mal drauf kommen, lieber Andreas, grandios, auch wenn das im Moment vielleicht (aus Kölner Sicht) etwas unglücklich ist, aber da hatte der Herr W. ja auch eine Anleitung für parat, die Welt ist klein.
    Deine so schön geerdeten Gedanken tun gut. Frohe Weihnachten auch Dir und Deinen Lieben!
    Wolfgang

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