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systemagazin Adventskalender: Die Tür nach Innen

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21adventLothar Eder, Mannheim:

Open Doors

… heißt in meine Muttersprache übersetzt „offene Türen“. Wer würde nicht sagen, dass dies eine schöne Metapher ist: offene Tür? Und Offenheit – das ist doch eine Charaktereigenschaft eines Menschen, die positiv, begrüßenswert ist. Heißt es denn nicht auch in einem Weihnachtslied „macht hoch die Tür, das Tor macht weit …“?

Zur Offenheit aber gehört ihr polares Gegenstück, die Schließung. Systeme brauchen Grenzen, um überleben zu können. Die Zelle, die ihre Membran aufgibt, stirbt. Der Organismus, der wahllos aufnimmt, kann nicht mehr integrieren und kollabiert. Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein, so lautet ein alter Spontispruch.

Lothar Eder

Lothar Eder

Wer wie ich im November meist noch einmal für ein paar Tage auf die Kanaren fliegt, um Sonne und Licht zu tanken für die lange dunkle Zeit, weiß spätestens bei der Rückkehr, was Schließung, was Verschlossenheit ist. Er schaut in müde, erschöpfte Gesichter. Das liegt am mangelnden Licht, am tiefen Himmel, an der nassen Kälte, aber auch an einem Lebenstempo, das viel zu schnell ist. Der innere Mangel wird auszugleichen versucht durch noch mehr Konsum, durch noch mehr „events“, durch noch mehr erkaufte Freude, den größeren Fernseher, das neue Auto, den Gutschein fürs Wellnesshotel.

Bei den meisten Menschen aber, denen ich in diesem Spätherbst begegne (und mit einigen spreche ich ja auch in meiner Therapiestube) steht ins Gesicht geschrieben: „wegen Überfüllung geschlossen“; das heißt übersetzt „ich kann eigentlich schon lange nicht mehr, ich brauche Ruhe, ich möchte zu mir kommen, mich spüren usf.“

Als Tom dieses Jahr wieder um einen Beitrag bat, war ich zunächst ratlos. Ich begann im Internet nach Zitaten zum Thema „Tür“ zu suchen, in Verbindung mit Laotse, dem alten chinesischen Weisen, der (mir) immer etwas zu sagen hat. Und ich fand folgendes:

„Ton knetend, formt man Gefäße. Doch erst ihr Hohlraum, das Nichts, ermöglicht die Füllung. Aus Mauern, durchbrochen von Türen und Fenstern, baut man ein Haus. Doch erst sein Leerraum, das Nichts, gibt ihm den Wert. Das Sichtbare, das Seiende, gibt dem Werk die Form. Das Unsichtbare, das Nichts, gibt ihm Wesen und Sinn.“

Wie wichtig wäre es also, dass wir uns einen inneren Ort erschaffen, in dem Nichts ist außer Stille und Raum. An dem das entstehen kann, was wir eigentlich wollen und brauchen und wer wir eigentlich sind, jenseits von vordergründigem Streben, Angst und Konsum. Offene Türe heißt also auch: die Tür nach innen. Es ist womöglich das Licht, das wir suchen und auf das wir insgeheim warten. Advent heißt: Zeit der Ankunft, Zeit des Wartens. Warten auf das Licht, das Licht in uns. Nicht ohne Grund haben die Christen den Geburtstag von Jesus (dessen Datum ja unbekannt ist) auf die Tage nach der Wintersonnwende gelegt, an denen das Licht wieder zunimmt. Dies scheint ein Streben des Menschen zu sein, das keine Religion, Rasse oder Nation kennt: „Die Sehnsucht nach Licht ist des Lebens Gebot“ (Henrik Ibsen).

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2 Kommentare

  1. Wunderbar vielschichtig. Danke für den Hinweis auf das Gegenstück zur Öffnung!
    Frohe Festtage SuMa

  2. Sehr schön, Lothar! Herzlich, Matthias Ochs

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