systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Soziale Systeme 2004

Baecker, Dirk (2004): Einleitung: Wozu Gefühle? In: Soziale Systeme 10(1), S. 5-20

abstract: Obwohl Talcott Parsons die Vermutung formuliert hat, dass Gefühle zusammen mit Intelligenz und Einfluß Austauschmedien im Handlungssystem sind, die in ihrer Bedeutung für die Motivation und Selektion von Handlung in der modernen Gesellschaft an die Stelle, immerhin, der sozialen Schichtung getreten sind, gibt es keine soziologisch prominente Theorie der Gefühle. Erst in jüngerer Zeit wird der Gegenstand wieder entdeckt und etwa unter dem Gesichtspunkt des „emotion work“, der Kompetenz des sozial dosierten Umgangs mit Gefühlen, des Näheren erforscht. In dieser Einleitung in das Themenschwerpunktheft „Soziologie der Emotion“ werden einige Aspekte einer Soziologie der Gefühle vorgestellt. Im Zentrum steht die Frage, welche Perspektiven die Theorie sozialer Systeme in der Fassung, die Niklas Luhmann erarbeitet hat, für eine Soziologie der Gefühle bereithält. Dabei stellt sich heraus, dass die Soziologie der Gefühle bei Luhmann ebenfalls keinen prominenten Stellenwert hat, mit der Theorie ihrer Funktion bei der normativen Amplifikation von Erwartungen zu Ansprüchen und als Immunsystems des Bewusstseins jedoch weiterführende Hinweise vorgelegt hat. Die Einleitung stellt die verschiedenen Beiträge des Heftes vor und konzentriert sich dabei auf eine Theorie der Attributionsambivalenz der Gefühle.

Ciompi, Luc (2004): Ein blinder Fleck bei Niklas Luhmann? Soziale Wirkungen von Emotionen aus Sicht der fraktalen Affektlogik. In: Soziale Systeme 10(1), S. 21-49

abstract: Dynamische Wirkungen von Emotionen auf das kollektive Denken und Verhalten wurden bisher soziologisch kaum hinreichend erfasst. Dies wird im ersten Teil des Artikels anhand der kritischen Analyse ihres Stellenwerts im Werk von Niklas Luhmann paradigmatisch aufgezeigt. Luhmann versteht Emotionen fast nur als individuelle Störphänomene, die grundsätzlich nicht Gegenstand der Soziologie seien. Dieser Sichtweise wird anschliessend das Konzept der fraktalen Affektlogik (Ciompi 1982; 1997) gegenübergestellt, welches Affekte als gerichtete energetische Zustände evolutionären Ursprungs auffasst, die mit spezifischen Verhaltenstendenzen und Kognitionen gekoppelt sind und sich – u.a. dank dem Phänomen der emotionalen Ansteckung – auf verschiedenste soziale Ebenen ausbreiten. Emotionen beeinflussen das kollektive Denken und Handeln sog. selbstähnlich wie das individuelle. Sie lenken Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis auf Ausserordentliches, regulieren das Alltagsverhalten und vermögen auch plötzliche nichtlineare Umschläge von Fühlen, Denken und Verhalten in global neue Funktionsmuster zu bewirken. Anhand von sozialen Schlüsselphänomenen wie kontingenter Kommunikation, Selbstreferenz, Komplexitätsreduktion, Sinn- und Wertbildung wird weiter gezeigt, dass kollektive Affekte im Dienst der Autopoiese sozialer Systeme stehen. Sie sind biogene Grundenergien, die letztlich alle soziale Dynamik mobilisieren und strukturieren. Diese Sichtweise ergänzt einen “blinden Fleck” in der Luhmannschen Soziologie und führt zu neuen Fragestellungen.

Wimmer, Manfred (2004): Gestörtes Gleichgewicht, symbolische Ordnung: Biologische und soziokulturelle Dimensionen der Interaktion von Emotion und Kognition. In: Soziale Systeme 10(1), S. 50-72

abstract: Eine evolutionär–phylogenetische Perspektive hinsichtlich des Verhältnisses von Emotion und Kognition macht deutlich, dass deren Wurzeln in basalen regulativen Aktivitäten zu finden sind und beide untrennbar zusammenwirken. Phylogenetische Entwicklung ist dabei durch jeweils spezifische Formen der Affekt–Kognition Interaktion gekennzeichnet, wobei der affektive Anteil immer eher auf die organismusinternen Zustandsformen hin ausgerichtet ist, welche die äußerlich sichtbaren Verhaltensakte massiv beeinflusst. So wirken beispielsweise im Bereich instinktiver Verhaltensorganisation die emotionalen Verhaltenskomponenten als jene richtungsgebenden Instanzen, welche sensorische, motorische und ganz allgemein kognitive Prozesse massiv beeinflussen. Als zentrales Charakteristikum menschlichen Verhaltens erscheint die Fähigkeit zur Symbolbildung, welche ein völlig neue Dynamik der Affekt–Kognition Interaktion zur Folge hat. Affektiv–kognitive Prozesse sind nun nicht mehr unmittelbar an die paläopsychische Nahwelt gebunden, sondern bewegen sich innerhalb komplexer Symbolsysteme welche auch umfassende psychische Destabilisierungen bedingen, die wiederum zur Entstehung weiterer (vielfach kompensatorischer) Symbolsysteme beitragen. Trotz der massiven Veränderungen und Transformationen welche das biologisch angelegte Affektrepertoir dabei erfährt, wirkt es fortwährend als limitierender Rahmen und bildet damit gleichsam „Tiefenstrukturen“ der entstehenden symbolischen Räume.

Emrich, Hinderk M. (2004): Neurokognitive und psychologische Aspekte einer Gefühlstheorie sozialer Bindungen. In: Soziale Systeme 10(1), S. 73-88

abstract: Der Frage, auf welche Weise Gefühlszustände in die neurokognitiven Prozesse bei sozialem Bindungsverhalten implementiert sind, wird auf verschiedenen Ebenen der Wahrnehmungspsychologie und der Interpersonalbeziehung nachgegangen. Prototypisch werden die Befunde aus der Synästhesie-Forschung vorgestellt und hinsichtlich der von R. Girard entwickelten Mimesis-Theorie der Begehrenskopplung diskutiert. Ein wesentliches verbindendes Element hierbei ist die Frage nach Prozessen intrapsychischer Kohärenzbildung. Es wird vermutet, dass soziale Bindungs-Stabilisierungsprozesse mit gefühlshaften Kohärenzsteigerungen einhergehen, die mit Elementarprozessen der Versprachlichung zu tun haben.

Fuchs, Peter (2004): Wer hat wozu und wieso überhaupt Gefühle? In: Soziale Systeme 10(1), S. 89-110

abstract: Üblicherweise versteht man unter Gefühlen, Emotionen oder verwandten Konzepten einen Phänomenbereich, der sich soziologischer Beobachtung entzieht, es sei denn, diese Beobachtung bezieht sich auf die analysierbare Semantik von Gefühlen. In diesem Aufsatz wird der Versuch gemacht, Gefühle oder Emotionen funktional zu bestimmen. Das Ergebnis ist, daß das, was wir Gefühle nennen, sich der asketischen Konstitution eines Bewußtseins verdankt, daß in Koproduktion mit Kommunikation seine Unfähigkeit registriert, direkt und vollständig seine wahrgenommenen komplexen Körperzustände in soziale Systeme ‚einzuspiegeln‘. Es benutzt ja nichts weiter als Zeichen für seine eigene Reproduktion. Deshalb entwickelt es in Zusammenarbeit mit Kommunikation Zeichen, die für das einstehen, wofür kein Zeichen einstehen kann.

Simon, Fritz B. (2004): Zur Systemtheorie der Emotionen. In: Soziale Systeme 10(1), S. 111-139

abstract: Emotionen als psychische Ereignisse, die nicht von außen beobachtbar sind, müssen von der Kommunikation von Emotionen unterschieden werden. In ihrer sozialen Funktion lassen sie sich als symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien verstehen, die – je nach Typ der kommunizierten Emotion – die Entstehung charakteristischer Interaktionssysteme wahrscheinlich oder unwahrscheinlich machen. These ist, dass eine ihrer zentralen Funktionen darin besteht, als “Außenseite” die Bildung von Organisationen zu fördern, die einer nicht-emotionalen Logik der Entscheidungsbildung und Konfliktlösung dienen. Die Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Funktionssysteme läßt sich als Institutionalisierung der Negation der Kommunikation von Emotion im Rahmen des Zivilisationsprozesses erklären. Emotionen spielen eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung kultureller Muster, da ihre Befolgung oder der Verstoß gegen sie von den Interaktionsteilnehmern der jeweiligen Kultur mit der Kommunikation von positiven oder negativen Emotionen beantwortet wird.

Staubmann, Helmut (2004): Der affektive Aufbau der sozialen Welt. In: Soziale Systeme 10(1), S. 140-158

abstract: Der blinde Fleck der Soziologie in Bezug auf Emotionen liegt keineswegs in einer schlichten Ignorierung von Emotionen, sondern darin, dass Emotionen als etwas Präsoziales oder Präkulturelles aufgefasst werden, also ihr genuin sozialer Charakter nicht erkannt wird. In der Sprache Luhmanns: Emotionen gelten als Teil der Umwelt des sozialen Systems. Was damit ausgeblendet wird, sind die affektiven Prozesse und Strukturen sozialer Systeme, der affektive Aufbau der sozialen Welt. Der Grund liegt in einer essentialistischen Definition der Soziologie und ihrer daraus abgeleiteten Grundbegriffe. Im Falle Luhmanns ist es die definitorische Bindung der elementaren sozialen Operation Kommunikation an Sinn und konsequenterweise der sozialen Struktur an Semantik. Die Bedingung der Möglichkeit der Wahrnehmung von Emotionen als soziale Phänomene besteht in einer begrifflichen Differenzierung, die am Beispiel von Simmels Form/Inhalt-Unterscheidung und Parsons’ funktionaler Definition des ”Handlungssystems” demonstriert wird. Im Anschluss an die Parsons’sche Theorie wird weiters durchaus im Sinne des für Luhmann zentralen Autopoiesis-Konzeptes dafür argumentiert, Affektivität als eine strukturell unabhängige Komponente sozialer Kommunikation/Handlung zu begreifen.

Stenner, Paul (2004): Is Autopoietic Systems Theory Alexithymic? Luhmann and the Socio-Psychology of Emotions. In: Soziale Systeme 10(1), S. 159-

abstract: Nach einer kritischen Sichtung der Luhmann’schen Überlegungen zum Phänomen der Emotionen wird eine Theorie entwickelt, die emotionale Prozesse in einer Zone der strukturellen Kopplung von organischem, psychischem und sozialem System lokalisiert. Die Theorie lenkt die Aufmerksamkeit auf einen substantiellen historischen Zusammenhang von (legalen oder moralischen) Rechten und Emotionen. Dieser Zusammenhang wird durch einige Beispiele illustriert, die sich mit spezifischen Emotionen und einem allgemeinen Konzept von Emotionen beschäftigen.

Fuchs, Stephan (2004): Some Writing on Thinking and Talking. In: Soziale Systeme 10(2), S. 199-216

abstract: Eine weitverbreitete Gewohnheit plaziert Denken und Gedanken in das Bewußtsein von Personen. Gegen diese Gewohnheit wird erwogen, ob nicht das Denken durch uns denkt, und nicht in uns. Der Prozeß des Denkens ist über weite Strecken unbewußt. Ein »Gedanke« ist eine Kondensierung innerhalb dieses Prozesses. Was Gedanken bedeuten, wird nicht im Bewußtsein entschieden, sondern innerhalb der regionalen Kommunikationsnetzwerke, in die Gedanken eingefüttert werden. Kommunikation, z.B. ein Gespräch, findet nicht in uns statt, sondern wir sind im Gespräch, so wie wir uns in einer Stimmung befinden.

Grant, Colin (2004): Uncertain Communications: Uncertain Social Systems. In: Soziale Systeme 10(2), S. 217-232

abstract: Der folgende Essay handelt von einer kritischen Untersuchung der Beziehung zwischen Kommunikation und Unsicherheit im Kontext systemtheoretischer Überlegungen. Der Text verfolgt also das Ziel, an die von etwa Dirk Baecker und Siegfried J. Schmidt initiierte kritische Reflexion anzuknüpfen, die im englischsprachigen Raum kaum Gehör gefunden hat. Es wird im folgenden argumentiert, dass Niklas Luhmanns Sozialtheorie – und zwar trotz seiner Behandlung von Unsicherheit – mit einer unzureichend komplexen Kommunikationstheorie operiert, die letztlich von überstabilen Systemgrenzen ausgeht. Da Luhmann Systemgrenzen nicht als flüssig konzipiert, werden kommunikative Sicherheiten im Sinne von binären Codes überbewertet. Diese Überstabilisierung von Kommunikationen rührt auch daher, dass Luhmanns Theorie sozialen Agenten bekanntermassen wenig Platz einräumt. Dieser Essay beginnt mit einer vorsichtigen Rekonstruktion der Grenze zwischen System und Umwelt und entwickelt anschliessend einen Vorschlag für unsichere Kommunikationen und unsichere Grenzziehungsoperationen in sozialen Systemen, dargestellt am Beispiel des heutigen ›Massenmedienterrorismus‹.

Cevolini, Alberto (2004): Verzetteln lernen. Gelehrsamkeit als Medium des Wissens in der frühen Neuzeit. In: Soziale Systeme 10(2), S. 233-256

abstract: Seit dem 16. Jahrhundert stellt man bei Pädagogen und Gelehrten ein besonderes Interesse an den Techniken der Wissensverwaltung und der Informationsbearbeitung fest. Gleichzeitig wächst die Opposition gegen die klassischen, auf Imagination basierenden Mnemotechniken und es setzt sich allmählich eine positive Haltung gegenüber der Gelehrsamkeit durch. Im 17. Jahrhundert empfiehlt man immer häufiger, »Theater« und »Gärten« des Gedächtnisses durch die Praxis des Exzerpierens zu ersetzen, während die Exzerptenbücher als Zweitgedächtnis und als Gelehrtenmaschine verstanden werden. Wie kann man diese Veränderung erklären? Was für eine Rolle hat die Erfindung des Buchdrucks in diesem Fall gespielt? Der Artikel untersucht diese Fragen und schlägt vor, die Entwicklung als Übergang von einer Gesellschaft, in der man vor allem Erinnern lehrte, zu einer Gesellschaft, in der man Vergessen lernt, zu verstehen.

Baecker, Dirk (2004): Miteinander leben, ohne sich zu kennen: Die Ökologie der Stadt. In: Soziale Systeme 10(2), S. 257-272

abstract: Die allgemeine Soziologie hat die Stadt in den letzten Jahrzehnten etwas aus den Augen verloren. Das Phänomen der »schrumpfenden Städte« und weltweite Urbanisierungsphänomene, die sich nicht nach dem Muster der europäischen Stadt zu vollziehen scheinen, lenken jedoch wieder die Aufmerksamkeit auf die Frage, welche gesellschaftlichen Funktionen die Stadt in welcher Form erfüllt. Die Stadt ermöglicht das Miteinanderleben von Leuten, die sich unbekannt sind (Max Weber). Die Stadt zwingt das Bewusstsein zur Ausbildung von Intelligenz zur Ausfilterung eines andernfalls nicht zu bewältigenden Überschusses an Sinneseindrücken und Information (Georg Simmel). Die Stadt bildet einen ökologischen Zusammenhang ohne eine übergreifende Ordnung (Chicago). Der Aufsatz erinnert an diese klassischen Ansätze zu einer Soziologie der Stadt, um sie im Rahmen einer Analyse der sozialen Form des städtischen Raums weiterzuentwickeln. Im Anschluss daran wird ein Evolutionsmodell der Stadt skizziert, das eine Perspektive eröffnet, wie aktuelle Tendenzen des Schrumpfens und Wachsens einzuschätzen sind. Der Ausgangspunkt des Aufsatzes ist die Unterscheidung der beiden Systemreferenzen Kommunikation (soziale Systeme) und Bewusstsein (psychische Systeme).

Åkerstrøm Andersen, Niels (2004): The Contractualisation of the Citizen – on the transformation of obligation into freedom. In: Soziale Systeme 10(2), S. 273-291

abstract: Zeit einiger Zeit findet im öffentlichen Sektor eine Entwicklung statt, die mit dem Schlagwort des Vertrags bezeichnet werden kann; gekennzeichnet ist diese Entwicklung zunächst durch Ausgliederung und neuerdings durch die Entwicklung interner Verträge. Die neueste Form stellen Verträge zwischen der Verwaltung und den Bürgern dar, bei denen diese sich zu einer aktiven Teilnahme an der Definition des Bürgers selbst verpflichten. In Dänemark werden zum Beispiel Verträge zwischen Sozialbehörden und alleinerziehenden Müttern geschlossen, die das Verhalten als Mutter betreffen, das Sexualleben, die Lebenspartner, die Eßgewohnheiten etc. Der Beitrag untersucht die unterschiedlichen Formen der Bürgerverträge und stellt die Frage, welche fundamentaleren Werte und Kategorien tangiert werden (z.B. Freiheit), wenn das Verhältnis von Verwaltung und Bürger in Vertragsform gegossen wird. Der Artikel weist auf eine Reihe bemerkenswerter Paradoxien in der skizzierten Entwicklung hin; insbesondere demonstriert er, daß die neuen Bürgerverträge einen Versuch darstellen, Freiheit zu einer Pflicht zu machen.

Fuchs, Peter & Markus Heidingsfelder (2004): MUSIC NO MUSIC MUSIC. Zur Unhörbarkeit von Pop. In: Soziale Systeme 10(2), S. 292-324

abstract: Die heuristische Idee, die in diesem Aufsatz verfolgt wird, ist es, das Unschärfe-Phänomen ›Pop‹ als eigentümliches, weltgesellschaftlich operierendes Funktionssystem aufzufassen. Als Sozialsystem reproduziert es eine spezifische (kommunikative) Differenz, die sich dem Medium des ›Songs‹ einschreibt, das Wahrnehmungen auf raffinierte Weise in den Kommunikationszusammenhang des Systems einbettet. Angenommen wird, daß nach preadaptive advances, die bis in die Renaissance zurückreichen, das System in den Fünfziger Jahren startet mit der spezifischen Operation der ›Provokation-im-Medium des Songs‹ und sich strukturell entlang prozessiert an Formen der Provokation und Gegenprovokation: Rock’n’Roll, Beat, Garage, Psychedelic, Heavy Metal, Hip Hop, Rave, Techno. Geprüft wird unter anderem, ob sich eine Funktion des Systems konstruieren läßt, ob das System über einen Leitcode verfügt (These: Hit/Flop), über ein Medium (Songs), über Formen organisatorischer Sicherheit (Labels) etc. Diese Analysen lassen noch keine definitive Entscheidung über den Systemstatus zu, plausibilisieren aber die Annahme, daß eine darauf bezogene systemtheoretisch orientierte Forschung fruchtbar sein könnte.

Hutter, Michael (2004): Pop: music by market. In: Soziale Systeme 10(2), S. 325-331

abstract: Popmusik gehört zu dem Teilbereich der Kunstkommunikation, in dem die Beiträge oder »Werke« durch die Menge verkaufter Reproduktionen mitevaluiert werden. Um die These zu stützen, wird gezeigt, dass – Medium, Funktion und Code der Popmusik zum Kunstsystem gehören. Desweiteren wird gezeigt, dass die strukturelle Kopplung an wirtschaftliche Transaktionen und die operationale Kopplung an Unternehmen der Popmusik, ihre Eigenart verschaffen.

Stäheli, Urs (2004): Pop as provocation. In: Soziale Systeme 10(2), S. 332-338

abstract: Der Aufsatz diskutiert die Rolle von Provokation in Fuchs/Heidingfelders Konzeption des Pop-Systems. Zunächst wird ihr Begriff der Provokation im Kontext der Cultural Studies verortet; in einem zweiten Schritt wird argumentiert, daß die theoretische Platzierung der Provokationskategorie Schwierigkeiten bereitet. Ein ahistorisches Verständnis von Pop als Provokation wird nun mit einem anderen Popverständnis konfrontiert, das die temporale Struktur von Pop betont. Es wird vorgeschlagen, ernst zu nehmen, wie Pop mit Präsenz umgeht und diese zelebriert. Gerade diese spezifische Temporalität, die selbst ebenfalls historisch zu verstehen ist, ist wichtig, um die Konnektivität von Pop verstehen zu können. Der Aufsatz endet mit einigen Bemerkungen zum Verhältnis von Pop und Kunst.

Schumacher, Eckard (2004): Signs over signs: resignification, recombination and reproduction. In: Soziale Systeme 10(2), S. 339-344

abstract: Fuchs/Heidingsfelder grenzen sich in ihrem Beitrag über Pop nicht nur gegenüber Dissidenz- und Subversionstheorien ab, sie blenden zudem weitere vorliegende Ansätze aus, die auch aus systemtheoretischer Perspektive für die Auseinandersetzung mit Pop-Phänomenen fruchtbar sein könnten. Der Kommentar skizziert drei Probleme, die eine Supplementierung des Entwurfs sinnvoll erscheinen lassen. Sie betreffen 1. den Zeichenbegriff und die im Kontext von Pop beobachtbaren Verfahren der Resignifikation, 2. ein Geschichtsmodell, das nicht auf fortschreitende Provokation, sondern auf das Prinzip der Rekombination fokussiert ist und 3. das Verständnis von Rock’n’Roll (und Pop) als spezifische, von medialen Dispositionen und diskursiven Konventionen abhängige Verbindung von Musik und Technologie.

Hahn, Torsten & Niels Werber (2004): The popular as a form. In: Soziale Systeme 10(2), S. 345-354

abstract: ›Pop‹ ist, so der Vorschlag dieses Beitrags, kein eigenständiges Funktionssystem, sondern ein Bestandteil des Kunstsystems. Populäre, ›bloß‹ unterhaltende Kommunikationsformen aus dem Kunstsystem auszuschließen, wie Fuchs/Heidingsfelder vorschlagen, wiederholt Luhmanns Differenz zwischen Höhenkamm, d.h. Kunst für Kenner, und Trivialem als Teil der Massenmedien. Im Gegensatz dazu verstehen wir als Kunst all jene Kommunikation, die entweder interessant oder langweilig ist, was ›Pop‹ und Pop-Musik einschließt. Weiterhin gehört ein Großteil der Funktionen, der für die Autoren den Ausschlag gibt, ›Pop‹ zum Sozialsystem zu promovieren (die Betonung der Seite der Mitteilung, die Provokation, die Verkörperung von Kommunikation etc.), zu den Operationen des Kunstsystems. Unser Vorschlag ist, ›Pop‹ als Strategie des Erreichens von Vollinklusion aufzufassen, d.h. als Semantik oder Form, die von verschiedenen Funktionssystemen dazu genutzt wird, ›totale‹ Inklusion zu ermöglichen. Infolgedessen werden spezielle Formen des Populären wie Charts, Rankings, In-and-Out-Listen etc. im Wirtschaftsystem oder Wissenschaftssystem usw. genauso wie in Massenmedien oder der Kunst genutzt.

Wasser, Harald (2004): Luhmanns Theorie psychischer Systeme und das Freudsche Unbewusste. Zur Beobachtung strukturfunktionaler Latenz. In: Soziale Systeme 10(2), S. 355-390

abstract: Auch psychologische Strömungen, die teilweise über Jahrzehnte konträr zu Freuds Ansichten gestanden hatten, gehen zunehmend davon aus, dass die Psyche nicht nur bewusst, sondern auch unbewusst operieren kann. Nun lässt sich systemtheoretisch kein Unbewusstes konstruieren. Damit ist für die Systemtheorie die Möglichkeit, an derartige Forschungen bzw. Forschungsrichtungen anzuschließen, verbaut. Entgegen des transdisziplinären Versprechens, das Luhmann gegeben hatte, können somit aber nur bewusstseinsphilosophisch-kognitivistische Psychologien von Systemtheoretikern berücksichtigt werden. Das wäre vertretbar, wenn es sich konsequent aus der systemtheoretischen Theoriearchitektur ableiten ließe. Der Artikel versucht nachzuweisen, dass genau dies nicht der Fall ist. Die Rejektion der Annahme, die Psyche könne auch unbewusst operieren, ergibt sich aus einem einzigen Postulat, das aus ganz verschiedenen Gründen revidiert werden sollte: das Postulat von der Identität von Psyche und Bewusstsein. Sobald man auf dieses Postulat verzichtet, macht die Konstruktion eines Unbewussten systemtheoretisch keinerlei Schwierigkeiten mehr. Der Artikel versucht darzulegen, dass mit dem Entfallen des Identitätspostulats neben der konsequenten Darstellung der Systemtheorie als einer transdisziplinären Theorie einige weitere Vorteile entspringen sowie eine Reihe von Widersprüchen aufgelöst werden können. In jedem Fall kann die Systemtheorie auf diese Weise deutlich Abstand zur Bewusstseinsphilosophie gewinnen, womit zugleich ihre Distanz zur Subjektphilosophie mehr Substanz erhielte.

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