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Rudolf Welter: Liebesdienerin

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Rudolf Welter (Foto: T. Levold)

Rudolf Welter
(Foto: T. Levold)

Zum heutigen Sonntag gibt es den zweiten Text der Serie von literarischen Texten von Rudolf Welter (siehe hier) im systemagazin-Salon:

Rudolf Welter: Liebesdienerin

Jetzt pack ich mal aus: Ab der Strasse ging’s gleich ins Auto des Freiers und dann in eine der Sexboxen, die für uns am Rande eines Außenquartiers aufgebaut wurden. Dieser Ablauf wiederholte sich tagtäglich. Und das im Winter, wenn es schneite und im Sommer, wenn es heiß war und ich dann wenigstens von meiner leichten Bekleidung, mit Ausnahme der hohen Stiefel, profitieren konnte.

Gegen den Aufbau der Boxen gab es vorerst Widerstand von Anwohnern und des Gewerbes – aus Angst vor Lärm oder dem Wegbleiben von Kunden in Quartierläden. Ein Gericht hatte einen Rekurs abgewiesen, es schrieb dann aber noch einige bauliche Auflagen vor. Freier durften das Auto in den Boxen nicht verlassen, außer sie mussten auch einmal.

Einsteigen musste ich in dieses von der Gesellschaft geächteten Geschäftes, weil ich an der Uni studieren wollte und mich meine Eltern finanziell nicht unterstützen konnten. Als Kellnerin oder Sekretärin hätte ich mein Studium und meinen Lebensunterhalt nicht bezahlen können, obwohl ich recht bescheiden lebte. Meine Eltern wussten nichts von dieser Tätigkeit, ich sagte ihnen, in meiner Freizeit häufig an der Uni zu sein um zu studieren.

Das erste Mal zusammen mit einem Freier war schlimm. Ein fettleibiger Typ wollte es schnell hinter sich bringen. Sein Schweiß klebte nachher an meinem Körper, doch dann hörte ich wenigstens das Knittern der Geldscheine, die er mir schuldete und ich versöhnte mich wieder mit meinem Schicksal.

Meine Kunden kamen aus allen Schichten der Gesellschaft. Herren im Anzug, die einmal kamen oder dann Stammkunden wurden. Familienväter in Shorts. Ein Politiker durfte nicht erkannt werden, also trug er eine Maske. Es kamen auch Kunden, die keinen Sex haben wollten, die das Gespräch mit mir suchten. Manchmal ging ich zu den Kunden auch nach Hause. In einem Fall wusste davon gar die Ehefrau, die das Haus in Ordnung brachte und Blumen aufstellte, bevor ich eintraf. Gelegentlich waren auch attraktive Männer dabei, in die ich mich heimlich verliebte. Umgekehrt verliebten sich auch Kunden in mich, was ich aber nicht erwiderte.

Einen Spruch, den ich vor Aufnahme meiner Tätigkeit als Prostituierte oft hörte und den ich jetzt im wahrsten Sinne des Wortes aus erster Hand (meistens der rechten) bestätigen kann: Je kleiner der Penis, desto größer das Auto. Noch etwas, was nicht stimmt: Von uns Prostituierten spricht man vom horizontalen Gewerbe. Kann man sich das vorstellen, in einem Auto? Da ist nichts Horizontales dabei, nur enge, zurück geklappte, höckerige Sitz- und Lehnenberge bestimmen die Unterlage meiner Tätigkeit. Steuerräder, Schalthebel oder Kardantunnelwände schränken den Bewegungsfreiraum und somit das Lustempfinden massiv ein.

Die Konkurrenz unter uns Körpervermarkterinnen hatte in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Immer mehr Frauen kamen aus Ostländern, die aber nur schlecht und recht Deutsch sprachen. Manchmal wurden diese bei Polizeirazzien wieder ausgewiesen, weil sie keine Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung hatten. Die taten mir dann leid, weil darunter sehr nette Frauen waren, mit denen ich Freundschaft geschlossen hatte.

Apropos Sittenwidrigkeit: In einem Kanton meines Landes kam eine Initiative zustande, welche die Aufhebung der Prostitution als Sittenwidrigkeit forderte. Ein Ratsmitglied fügte der Initiative ungefähr den Satz bei: Die entgeltliche Erbringung von sexuellen Leistungen kann heute nicht mehr per se als sittenwidrig eingestuft werden, denn der Begriff sittenwidrig unterliegt dem fortwährenden gesellschaftlichen Wandel. Ich kann mir vorstellen, dass diese Formulierung viele meiner Kunden beruhigte, weil deren Tun damit moralisch gesehen abgesegnet wurde.

Statt mich für andere hinzulegen, wurde ich Kartenlegerin, gab den vormals ausgeübten sittenwidrigen Beruf auf. Karten legte ich zu bestimmten Stunden in einem Studio einer Fernsehstation. Vor Anrufen legte ich mir die Karten zurecht. Anrufe erhielt ich vorwiegend von Frauen, die Rat zu vielfältigen Anliegen suchten. Aufgrund von Geburtsdaten der Anrufenden und meinen Interpretationen von Kartenkombinationen machte ich Vorschläge, wie sie Probleme lösen oder wie sie ihre Zukunft längerfristig gestalten könnten. Ich merkte bald, dass ich zu Menschen, die Hilfe suchten, eine gute Beziehung aufbauen und ihnen helfen konnte.

Ausführlicher, das hieß mit mehr Zeit und genaueren Angaben meiner Kunden, arbeitete ich auf schriftlichem Wege. Ich entwarf für sie, wie ich sagte, Zukunftsbilder. Diese Bezeichnung behielt ich allerdings für mich, denn sie würde kaum verstanden werden von potentiellen Kunden. Für diese bin ich einfach eine Kartenlegerin.

Ich entwarf also für andere Menschen Zukunftsbilder, die sie sich selbst niemals vorstellen konnten oder zutrauten. Ich war sozusagen eine Zukunftszauberin. Ich besaß eine Trickkiste, in denen sich Zutaten befanden, die sich zu schillernden und strahlenden Visionen kombinieren ließen.

Die Zahl meiner Kundschaft nahm stark zu, weil die so genannte Erlernte Hilflosigkeit in unserer Gesellschaft rapide zugenommen hatte. Dieses Phänomen hatte ich während meinem Studium kennen gelernt, wie auch Gründe für dessen Zustandekommen, die sehr vielschichtig sind. Ich will an dieser Stelle aber nicht darauf eingehen. Jedenfalls nutzte ich diese Hilflosigkeit professionell, ohne sie hätte ich nicht leben, das heißt Geld verdienen können. Ich hoffte daher im Stillen, dass dieser Zustand noch eine zeitlang anhielt.

Beim Herstellen eines Zukunftsbildes musste ich überlegt vorgehen. Die Frage war, wie weit ein Bild vom gegenwärtigen Leben des Kunden entfernt liegen konnte, ohne ihn nicht zu stark zu verunsichern. Ich wollte Kunden auch nicht unterfordern mit Zukunftsbildern, die zu wenig abwichen von der Lebenssituation, in der sie momentan lebten.

Da ich wie gesagt mit meinen Kunden schriftlich verkehrte, bekam ich gelegentlich Rückmeldungen, wie meine Zukunftsbilder angekommen waren. Ob sie gut oder schlecht ankamen, konnte ich nur begrenzt beeinflussen. Dass sie aber Wirkung zeigten, beweisen einige Beispiele von Rückmeldungen:

Liebe Frau G

Da haben Sie mir ja etwas Schönes eingebrockt mit Ihrem Bild! Wie stellen Sie sich das eigentlich vor, wie ich dorthin gelangen kann, wo Sie mich haben wollen? Haben Sie sich überlegt, wo ich die Mittel hernehme, um auf diese lange Reise zu gehen? Meine Familie war ganz entsetzt, als ich ihr das ‚Bild’ vorlas. Das passt überhaupt nicht zu dir, sagten alle spontan. Und warum ich mich denn lösen sollte vom jetzigen Leben, es gehe doch gut, meinten sie. Ich solle Sie doch einmal fragen, was denn der Sinn sei, solche Gespinste für andere Menschen auszudenken. Dieses Nachfragen werde wahrscheinlich weitere Auslagen nach sich ziehen, sagte ich ganz verzweifelt. Stimmt das wohl, Frau G?

Schicken Sie mir doch diesbezüglich eine Antwort, vielen Dank.

Mit freundlichen Grüssen P.K.

Sehr verehrte, liebe Meisterin

Vielen herzlichen Dank für das Geschenk meines Lebens, das Sie mir mit der Überreichung Ihres Meisterwerks gemacht haben. Wie können Sie nur in meine tiefsten, geheimen Sehnsüchte eindringen und dies aus so weiter Ferne! Wie können Sie sich nur in meiner Seele nach verborgenen oder verschütteten Wünschen und Visionen umsehen! Ach, es ist so aufregend! Und wie Sie formulieren können! Da wird mir alles so klar, so durch- und einsichtig. Warum bin ich selber nicht schon lange auf dieses Wunschbild gekommen? Aber dafür sind Sie ja da, große Meisterin. Sie müssen wohl ein ganzes Vorratslager von Visionen haben, auf das Sie zurückgreifen können, ist das so? Ich kann Sie versichern, dass ich bei Ihnen wieder ein Bild bestellen werde, sobald das jetzige seinen Glanz verloren hat, sprich, keine Wirkung mehr zeigt. Ich werde Sie bei all meinen Freunden weiterempfehlen.

Ihre  F.Z.

PS: Schicken Sie mir bitte umgehend die Rechnung und, wenn möglich, eine Gebrauchsanleitung, wie ich den Glanz des Bildes möglichst lange erhalten kann. Verlangen Sie dafür eine Extra- Gebühr?

Frau G

Ich kann es kaum glauben. Da zahle ich Fr. 5000.- für ein Zukunftsbild und was kriege ich: Einen Helgen, der mir mein jetziges Leben zur Hölle macht, weil er verdeutlicht, in welcher langweiligen, trostlosen Lage ich mich befinde. Kann ich Ihnen das Bild wieder zurückgeben oder es für ein näher bei meinem jetzigen Leben befindliches umtauschen? Wie kann ich Ihr Bild aus meinem Leben ausradieren? Bitte lassen Sie etwas hören von sich, dieses Unternehmen hat mich völlig hilflos gemacht.

Gruß K.F.U.

Sehr geehrte Frau G

Ihr geniales Bild, das mich in die Zukunft weisen soll, hat mich tief beeindruckt. Ich denke aber, den Fehler meines Lebens begangen zu haben, bei Ihnen ein Zukunftsbild in Auftrag gegeben zu haben. Es hat mich ganz durcheinander gebracht. Wie konnte ich mich nur so lange treiben lassen von fremden Kräften, selbst nichts zu meinem Leben beitragen, keine eigenen Visionen einbringen? Und da kommt das von Ihnen mir zugeschriebene Bild, welche Welten gehen da auf, welche Fluggeräte trauen Sie mir da zu! Aber Sie können ja nicht wissen, dass ich furchtbare Angst vor dem Fliegen habe. Früher war das anders, da hätte ich mich noch in eine Ihrer vorgeschlagenen Flugkisten gewagt, hätte Berge und Täler überfliegen mögen. In meiner Hilflosigkeit und Verzweiflung habe ich nun das Bild in eine mit einer Stahlverschalung versehenen Kiste im Keller versenkt. Dies nützt aber alles nichts, das Bild verfolgt mich überall hin und ätzt eine Spur in meinen Lebenslauf; es macht mich noch krank!

Trotzdem, mit freundlichen Grüssen F.Z.

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