systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

systeme 2019

Heft 1

Reddemann, Luise (2019): Über Mitgefühl – ein common factor in der Psychotherapie traumatisierter Menschen? In: systeme, 33 (1), S. 6-23. 

Abstract: Jerome Frank hat schon in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts die Frage gestellt, ob Hoffnung ein Element jeder Psychotherapie sei (Frank & Frank 1991). Ähnlich frage ich nach achtsamem Mitgefühl als einem Element jeder Psychotherapie.
Zur Beschäftigung mit Mitgefühl fühlte ich mich von dem Moment an besonders herausgefordert, als ich Anfang 1985 die Leitung einer psychosomatischen Klinik übernahm. Vielleicht können sich die Jüngeren unter Ihnen nur noch schwer vorstellen, dass es damals gang und gäbe war, PatientInnen, die von sexualisierter Gewalt zu berichten versuchten, mit dem Hinweis abzuwürgen: „Das haben Sie doch sicher selbst gewollt“. Später komme ich auf Freundlichkeit zu sprechen. Sie werden mir sicher zustimmen, dass das unfreundlich und wohl auch respektlos war.
Sie können sich vielleicht auch nicht vorstellen, wie wenig zu jener Zeit, ich spreche von den 1980er Jahren, Traumafolgen in Deutschland Interesse fanden, wenn Sie sich die heutige Fülle an Literatur und die vielen Institute dazu ansehen. Pierre Janet war in Deutschland zu jener Zeit so gut wie nicht bekannt, vermutlich nicht zuletzt, weil Freud ihn abgelehnt hatte und weil er stets an der Vorstellung festgehalten hat, dass seelische Erkrankungen mit Traumatisierungen in Zusammenhang standen, vornehmlich sexualisierte Gewalt, also einem beziehungsschädigenden Verhalten, das jegliches Vertrauen für die Betroffenen infrage stellt (siehe Heim 2017). Was dann wiederum für uns in der Behandlung zu einer großen Herausforderung wird.
Erst von Onno van der Hart, einem profunden Kenner der Arbeiten Janets, lernte ich Anfang der 90er Jahre etwas über Stabilisierung und dass wir schwer traumatisierten Menschen Möglichkeiten zur Orientierung in ihrem inneren Chaos anbieten sollten, sie gegebenenfalls auch einzuladen, ihr äußeres Chaos zu ordnen (van der Hart 2008). Das ist aus meiner heutigen Sicht eine mitfühlende Intervention, bei der es darum geht, Leiden zu mildern. Im Rahmen der Forschung zu common factors wird die Notwendigkeit betont, dass wir klare Strukturen anbieten sollten, weil es für den Patienten sonst keine Orientierung gibt. Das hatte ich nicht gelernt. Heute weiß ich, wie wichtig das ist.

Hermes, Veronika (2019): Systemische Theorie und Inklusion. Wie die systemische Haltung dabei hilft, Selbstbefähigung bei Menschen mit Lernschwierigkeiten zu stärken. In: systeme, 33 (1), S. 24-46. 

Abstract: In der Behindertenarbeit findet seit einigen Jahren ein massiver Umbruch statt. Der Weg führt von der Fürsorge hin zu Selbstbestimmung, vom Paternalismus hin zur Personenzentrierung. Die Rechte von Menschen mit Behinderung werden konsequent gestärkt. Diese Transformation ist noch lange nicht abgeschlossen. Sie erfordert ein Umdenken auf allen Ebenen, von der Gesetzgebung über die Gesellschaft, die Einstellung des Einzelnen und die Arbeit von professionell Tätigen. Die Systemtheorie und die systemischen Methoden geben hier wertvolle Anregungen, wie diese Veränderungen vollzogen werden können. Darum soll es in diesem Artikel gehen.

Balz, Hans-Jürgen & Marascha Heisig (2019): Die nächsten Schritte gehen. Impulse und Fragen zur Weiterentwicklung des systemischen Ansatzes in der Coaching-Praxis und -Weiterbildung. In: systeme, 33 (1), S. 47-73. 

Abstract: Der Beitrag fragt danach, worin die Attraktivität des systemischen Ansatzes auf dem Coaching-Markt besteht. Dazu wird der CoachingBegriff thematisiert, der Nutzen der systemischen Sicht für das Business-Coaching herausgearbeitet und der Frage nach der Beziehung von systemischer Theoriebildung, Grundhaltung, Prozessgestaltung und Methodik nachgegangen. Der Beitrag zielt auf die Profilschärfung des systemischen Coaching-Ansatzes im Dschungel der vielfältigen Coaching-Angebote.

Loth, Wolfgang (2019): Rezension – Corina Ahlers (2018): Patchworkfamilien beraten. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: systeme, 33 (1), S. 74-76. 

Loth, Wolfgang (2019): Rezension – Sigrun-Heide Filipp & Peter Aymanns (2018): Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. Vom Umgang mit den Schattenseiten des Lebens (2., aktualisierte Aufl.). Stuttgart (W. Kohlhammer). In: systeme, 33 (1), S. 76-80. 

Grabenberger, Silke (2019): Rezension – Pam Metzeler & Anna Castronovo (2018): Dark Way. Die Geschichte eines Suizids. Norderstedt (BoD Verlag). In: systeme, 33 (1), S. 80-81. 

Klinkerfuß, Mathias (2019): Rezension – Manfred Prior (2018): Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist die Lösungssicht. Eintägiger Workshop mit Demonstration und Übungen (DVD). Prior Productions, MEG-Frankfurt. In: systeme, 33 (1), S. 81-83. 

Loth, Wolfgang (2019): Rezension – Bernhard Strauß & Ulrike Willutzki (2018) Was wirkt in der Psychotherapie? Bernhard Strauß und Ulrike Willutzki im Gespräch mit Uwe Britten. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: systeme, 33 (1), S. 83-87. 


Heft 2

Wagner-Paar, Natascha & Silke Grabenberger (2019): Editorial. In: systeme, 33 (2), S. 95-96. 

Wagner, Elisabeth, Evelyn Niel-Dolzer & Florian Koschitz (2019): Welche Wissenschaft braucht die Psychotherapie – welcher Wissenschaft nützt die Psychotherapie? In: systeme, 33 (2), S. 97-118. 

Abstract: Das österreichische Gesundheitsministerium verlangt von allen psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten, Psychotherapieforschung zu betreiben. Dabei stützt es sich auf ein Wissenschaftsverständnis, das einer dualen „Theorie/Empirie“-Unterscheidung unterliegt. Auf dieser Leitunterscheidung basierend, identifizieren zuständige Gremien einen Mangel an Forschungsaktivität in den Ausbildungsinstituten. Sie verlangen folglich, die Aktivitäten auf diesem Gebiet zu erweitern. Die vorliegende bibliometrische Studie zeigt jedoch durch Analyse gegenwärtiger systemisch-therapeutischer Fachmagazine, dass Psychotherapeut_innen schlicht einer anderen Art Wissens bedürfen: nämlich wissenschaftlich praxisorientierten, handlungsleitenden Wissens anstelle outcome-orientierter Empirie. Die Untersuchung zeigt in diesem Bedarf die grundlegende Leitunterscheidung „Theorie/Praxis“ auf. Während die Autor_innen dieses Artikels die Forderung nach umfänglicherer Rezeption wissenschaftlicher Forschung in den psychotherapeutischen Curricula unterstützen, argumentieren sie gleichzeitig, dass es eben kein Defizit an wissenschaftlicher Aktivität gibt. Die Aktivitäten sind auf die Schaffung anderen Wissens ausgerichtet: Solches, das für die Praxis relevant ist.

Tomm, Karl (2019): Das Postfaktische und eine Begründung für therapeutische Initiativen. In: systeme, 33 (2), S. 119-132. 

Abstract: Der vorliegende Beitrag vertritt die Auffassung, dass die systemischen Paradigmen des Sozialen Konstruktionismus und des Hervorbringens von Wirklichkeiten (bringforthism) eine ausreichende Wissensbasis für TherapeutInnen dafür darstellen, in Therapien trotz der Abwesenheit jeglicher Gewissheiten Initiativen zu ergreifen und proaktiv zu handeln.

Gergen, Mary, Karl Tomm, Sheila McNamee, Jill Freedman, Gene Combs, Ben Furmanet al. (2019): Drei Fragen an … Mary Gergen, Karl Tomm, Sheila McNamee, Jill Freedman und Gene Combs, Ben Furman, Tom Levold, Gunther Schmidt. In: systeme, 33 (2), S. 133-138. 

Abstract: Am ersten Tag des Jubiläumskongress „systemic spirits – 30 Jahre ÖAS“ gab es Impulsreferate der eingeladenen keynote speaker. Ihre Statements konzentrierten sich auf drei Fragen: 1. Wo verorten Sie sich heute in der systemischen Landschaft? 2. Welche neuen Ideen begeistern Sie heutzutage? 3. Welche systemischen Ideen und Strömungen sind in Zukunft Ihrer Meinung nach die wichtigsten und nützlichsten? Im Folgenden sind ihre Statements – jeweils zu den einzelnen Fragen zusammen­ gefasst – aufgeführt.

Hinsch, Joachim & Gerhard Walter (2019): 30 Jahre ÖAS – aufregende Anfänge, beeindruckende Entwicklungen. In: systeme, 33 (2), S. 139-144. 

Abstract: Dieser Text ist der Versuch von zwei „Zeitzeugen“, den Beginn und dann auch aktuelle Entwicklungen der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und systemische Studien aus ihrer Perspektive darzustellen. Alles Gesagte wird be­kanntlich von uns Beobachtern gesagt. Insofern wird dieser Versuch einer „Entwicklungsrekonstruktion“ v. a. das eigene Erleben der Autoren widerspiegeln.

Loth, Wolfgang (2019): In memoriam Hans Schindler (6.7.1952 – 8.10.2019). In: systeme, 33 (2), S. 145-150. 

Heusch, Christine (2019): Rezension – Ute Karnahl (2019): Den Liebescode begreifen. Wie die Biologie uns zur Liebe eingerichtet hat – und was wir als Kultur daraus machen. Hamburg (Tredition). In: systeme, 33 (2), S. 151-152. 

Loth, Wolfgang (2019): Rezension – Hartmut Rosa (2019): Unverfügbarkeit. Salzburg (Residenz­Verlag). In: systeme, 33 (2), S. 153-156. 

Loth, Wolfgang (2019): Rezension – Arist von Schlippe & Jochen Schweitzer (2018): Gewusst wie, gewusst warum. Die Logik systemischer Interventionen. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: systeme, 33 (2), S. 157-159. 

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