systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Familiendynamik 2017

Heft 1

Teigler, Leonie, Elise Bittenbinder & Arist von Schlippe (2017): Editorial: »Man made disasters.«. In: Familiendynamik 42 (1): 1-1.

Mujawayo, Esther & Dima Zito (2017): Dem Leben wieder einen Sinn geben: Die Arbeit im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge (PSZ) Düsseldorf. In: Familiendynamik 42 (1): 4-9.

abstract: In der psychosozialen Arbeit mit geflüchteten Menschen, deren Lebenssituation von Verlust und Unsicherheit geprägt ist, ist es besonders wichtig, den Menschen Respekt und Wertschätzung entgegenzubringen. Denn mit dem Verlust ihrer vertrauten Umgebung und ihres sozialen Status haben sie gewissermaßen auch ihre Würde verloren. In der Flüchtlingsarbeit empfiehlt sich die Arbeit in einem multiprofessionellen und -kulturellen Team, um der Diversität der KlientInnen Rechnung zu tragen. Wenn es keine gemeinsame Sprache gibt, kommunizieren wir mithilfe von Sprach- und KulturmittlerInnen. Besonderen Stellenwert hat eine wohlwollende therapeutische Beziehung, die an den Ressourcen der KlientInnen anknüpft. Posttraumatisches Wachstum ist möglich, wenn es Menschen gelingt, ihre Erlebnisse zu verarbeiten, ihnen einen Platz in ihrem Leben zu geben und, darauf aufbauend, neue Perspektiven zu entwickeln. Der vorliegende Artikel ist aus einem Gespräch mit Esther Mujawayo entstanden, das Dima Zito verschriftlicht, übersetzt und ergänzt hat. Die Autorinnen möchten ihre Grundhaltungen in der psychosozialen Arbeit mit Geflüchteten vermitteln und haben dafür eine direkte, wenig theoretisierende Sprache gewählt.

Kleefeldt, Esther (2017): Die Kommunikation der Kommunikation: Eine systemtheoretische Betrachtung der Beratung und Therapie mit DolmetscherInnen. In: Familiendynamik 42 (1): 10-17.

abstract: Der vorliegende Artikel versucht, meine langjährige Zusammenarbeit mit DolmetscherInnen systemisch zu rekonstruieren und in einen theoretischen Zusammenhang zu stellen. Ziel ist es, die Therapie oder Beratung mit DolmetscherInnen aus einer Position der Beobachtung 2. Ordnung heraus zu reflektieren. Der Perspektivwechsel ermöglicht es, die »blinden Flecken« der Beobachter 1. Ordnung, also der TeilnehmerInnen des Systems, wahrzunehmen. Dies geschieht im Wissen darum, dass jede Beobachtung, welcher Art und Ordnung auch immer, ihre eigenen blinden Flecken hat. Zunächst wird dargestellt, in welchen Systemen sich DolmetscherInnen, TherapeutInnen oder BeraterInnen und KlientInnen bewegen und welche Eigenschaften diese aufweisen. Fragen nach der Rolle von DolmetscherInnen und den Einflüssen, die Wahrnehmung, Sprache und Beziehung in der Kommunikation spielen, werden erörtert. Es wird deutlich, dass das Therapie- oder Beratungssetting mit DolmetscherIn ein komplexes Funktionssystem darstellt. Die Auffassung, gemäß der DolmetscherInnen unsichtbar sein sollten bzw. ihre Arbeit vergleichsweise trivial sei, wird so ad absurdum geführt. Vielmehr gilt es, die Vielschichtigkeit der Arbeit mit DolmetscherInnen anzuerkennen und aktiv zu nutzen.

Bittenbinder, Elise & Nimisha Patel (2017): Systemische Praxis in globalen Zusammenhängen – zwischen Solidarität und Abwehr. In: Familiendynamik 42 (1): 18-26.

abstract: In diesem Artikel beleuchten die Autorinnen einige Herausforderungen in der psychosozialen Versorgung von Menschen, die Krieg, Folter und andere Menschenrechtsverletzungen überlebt haben. Die Zusammenarbeit mit entwurzelten Menschen, die Gewalt erfahren haben, gefoltert wurden, auf der Flucht oder bereits geflohen sind, fordert allen beteiligten Fachkräften sehr viel ab. In Europa, wohin viele der Menschen fliehen, bildet der »Trauma-Diskurs« weiterhin den Schwerpunkt der Diskussionen. Flüchtlinge gelten gemäß dieser Sichtweise als traumatisiert und therapiebedürftig. In jenen Regionen, in denen kriegerische Konflikte andauern, dominiert eher der Diskurs »MHPSS und humanitäre Intervention«. Der vorliegende Artikel untersucht diese beiden Ansätze hinsichtlich ihrer Grenzen wie Auswirkungen. Zudem fordert er eine Abkehr vom vorherrschenden Trauma-Diskurs und stellt einige praktische Leitlinien in der Arbeit mit Überlebenden vor, die auf systemischem Denken basieren und den Menschenrechten verpflichtet sind. Abschließend plädieren die Autorinnen dafür, Überlebende nicht in vorgefertige, westlich geprägte Konzepte von Leid, Symptom und psychiatrischer Erkrankung zu pressen, sondern auf die Begegnung als Katalysator für Veränderung zu fokussieren.

Brenssell, Ariane & Anna Hartmann (2017): Kontextualisiertes Traumaverständnis in der Arbeit gegen Gewalt an Frauen. In: Familiendynamik 42 (1): 28-39.

abstract: Der vorliegende Artikel nimmt die Kritik an der aktuellen Traumadebatte zum Ausgangspunkt. Er stellt drei Denkimpulse zu kontextualisierenden Traumakonzepten vor, um im Anschluss erste vorläufige Ergebnisse aus dem laufenden Forschungsprojekt »Kontextualisierte Traumaarbeit« zu skizzieren. Die Autor_innen untersuchen in dem Projekt zusammen mit Vertreter_innen aus dem Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff), was eine Praxis der Arbeit gegen Gewalt an Frauen kennzeichnet, wenn gesellschaftliche (Macht-)Verhältnisse in der Beratung mit berücksichtigt werden.

Thebaldi, Bruno (2017): Die neuen Leiden der Psychiatrie?: Jenseits von Depression und Schizophrenie. In: Familiendynamik 42 (1): 40-47.

abstract: Neue Beschreibungen von Krankheitsformen finden einen vorgefertigten diskursiven Rahmen in der Gesellschaft. Aus der tradierten Schande des seelischen Versagens gestaltet sich heute im öffentlichen Raum eine Art von narzisstischer Aufwertung der seelischen Verletzlichkeit. Diagnosen gehören zu den Bildern, die in der Konsumkultur zirkulieren, in der sie zum Teil des individuell designten Selbst werden. Der Ansturm der Bilder in der Psychiatrie kann in diesem Zusammenhang zum Segen und Fluch werden. Im alltäglichen Behandlungsraum gewinnt eine gewisse Deutungshoheit der »Psychoprofessionellen« den Aspekt einer Expertise in einem Auktionshaus. Durch Bilder können Behandler und Klienten sofort kommunizieren. Bildkompetenz ist ein wichtiges Werkzeug für die Arbeit in der Psychiatrie. Gemeinsame Aspekte bezüglich der Rolle der Bilder im zeitgenössischen Selbstdesign und Neurokonstruktivismus werden diskutiert. Der bewusste Blick für die Fremdheit der Sinnstrukturen des Ordnungssystems »Psychiatrie« bleibt für die Behandler unverzichtbar.

Waterstradt, Désirée (2017): Angleichungen weiblicher und männlicher Elternschaft: Der immer kleinere Unterschied als Ideal, Tabu und Überforderung. In: Familiendynamik 42 (1): 48-63.

abstract: Egalitär geteilte Elternschaft ist für viele Eltern heute ein wichtiges Ideal. Es verbreitete sich Ende des 20. Jahrhunderts, doch ein Blick in die Sozialgeschichte zeigt, dass dieses Ideal lange zurückreichende historische Wurzeln hat. Diese lassen sich im Sonderweg europäischer Familienentwicklung mit seinen Einflussfaktoren grundherrschaftlicher Arbeitsorganisation und west-christlicher Religion verorten: unter anderem im Bedeutungsaufstieg der weiblichen Abstammungslinie, in Konsens und Partnerschaftlichkeit, in der Entstehung der Eltern als Arbeitspaar und Doppelspitze der Wirtschaftsgemeinschaft, in der Entstehung des personalen Kollektivbegriffs »Elternschaft«, im europäischen Lebenslaufmuster, im Konzept geistlicher Verwandtschaft, in der säkularen Vergöttlichung des Kindes oder in der Veränderung der Geschlechterwirtschaftsordnung. Dabei wird deutlich, dass Elternschaft keineswegs die »Privatsache« von Elternindividuen ist, sondern die Sache einer gesamten Gesellschaft. In jeder Gesellschaft stellt Elternschaft einen unverzichtbaren Basisprozess dar, der durch die gesellschaftliche Entwicklung über Jahrhunderte hinweg geprägt und verändert wurde.

Teigler, Leonie & Dietrich F. Koch (2017): »Wir verstehen uns heute als eine Institution, die am Schnittpunkt von Gesundheit und Menschenrechten arbeitet«: Leonie Teigler im Gespräch mit Dietrich F. Koch. In: Familiendynamik 42 (1): 64-68.

abstract: Dietrich Franz Koch, geb. 1956, studierte Psychologie an der FU Berlin und absolvierte Weiterbildungen in systemischer und methodenintegrativer Familientherapie am Berliner Institut für Familientherapie (BIF) sowie Klinischer Hypnose am Milton H. Erickson Institut, Berlin. 1986 Mitbegründer des Vereins »XENION Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte e. V.«, seit 1988 Leiter der »Psychotherapeuti- schen Beratungsstelle für politisch Verfolgte XENION«. Mitbegründer der »Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer« (BAfF), von 1997 – 2000 Mitglied des Vor- stands. Veröffentlichungen zu transkultureller Therapie, zur Behandlung von extremen Traumata, Verifizierung von Folter und Begutachtung in aufenthaltsrechtlichen Verfahren Ge- flüchteter; Fortbildungen zu diesen Themen für KlinikerInnen, RichterInnen und Sozialtätige.

Froidevaux, Laurine (2017): »Zurück zu mir«: Die stationäre Behandlung einer Patientin mit komplexer Traumafolgestörung. In: Familiendynamik 42 (1): 69-75.

Loth, Wolfgang (2017): Kurz vor Schluss: Fremd, je nachdem. In: Familiendynamik 42 (1): 87-87.

Emlein, Günther (2017): Ivan Boszormenyi-Nagy und die »Kontextuelle Therapie«. In: Familiendynamik 42 (1): 76-78.

Asen, Eia (2017): Rezension: Ulrich Schultz-Venrath & Peter Döring (2015): Lehrbuch Mentalisieren. Psychotherapie wirksam gestalten. Stuttgart (Klett-Cotta), 3. Aufl.; Anthony W. Bateman & Peter Fonagy (2015): Handbuch Mentalisieren. Gießen (psychosozial); Holger Kirsch, Josef Brockmann & Svenja Taubner (2016): Praxis des Mentalisierens. Stuttgart (Klett-Cotta). In: Familiendynamik 42 (1): 80-83.


Heft 2

Fischer, Hans Rudi & Ulrike Borst (2017): Kraft des Zweifelns – am Bullshit. In: Familiendynamik 42 (2): 89.

Heller, Agnes (2017): Die Furcht vor dem Zweifel. In: Familiendynamik 42 (2): 92-100.

abstract: In einer seiner Jugendschriften formulierte Søren Kierkegaard, dass Philosophie immer mit Zweifeln anfange. Damit beschreibt er die »Logik« aller traditionellen Philosophien. Alle traditionellen Philosophien begännen mit Zweifeln, um – am Ende – zu wahrem, transzendentalem Wissen zu gelangen. Nachhegelianische Philosophen sind mit einem neuen Dilemma konfrontiert: Einerseits sollen sie die Attitüde des Zweifelns auch auf die transzendentale Ebene anwenden, andererseits müssen sie doch ein »arché«, einen festen und unzweifelhaften Grund, voraussetzen, um überhaupt etwas über die Welt wissen und sagen zu können. Also: weder radikaler Skeptizismus noch absolutes Wissen. Was kann man mit diesem Dilemma anfangen? Der Vortrag erörtert verschiedene philosophische Antworten auf diese Frage.

Frances, Allen (2017): Wer ist krank – und wer nicht?: Die entscheidende Rolle psychiatrischer Diagnosen – und ihre gravierenden Mängel. In: Familiendynamik 42 (2): 102-111.

abstract: Dieser Beitrag plädiert dafür, im Bereich der psychischen Störungen wieder die Unsicherheit zu akzeptieren, die dem Thema angemessen ist, und der fortschreitenden Medikalisierung psychischen Leidens entgegenzutreten. Denn das menschliche Gehirn wird niemals so präzise zu erforschen sein, wie es uns manche VertreterInnen der biologischen Psychiatrie glauben machen wollen. Außerdem sind soziale und gesellschaftliche Faktoren oft viel wichtiger als die individuellen Faktoren bei den PatientInnen, wenn es darum geht, Ausmaß und Verbreitung einer mit einer Diagnose bezeichneten Störung zu erklären. Am Beispiel der Diagnosen ADHS und PTBS wird gezeigt, welche historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, aber auch welche Marktmechanismen zur ›Aufblähung‹ einer Diagnose führen können. Viel ernster als die Diagnose sollten demnach das Verstehen der psychosozialen Faktoren, die mit der Störung zusammenhängen, sowie das Engagement für Verbesserungen der sozialen Situation der Betroffenen genommen werden.

Aderhold, Volkmar (2017): Das Un-Wesen psychischer Krankheiten: Über den aktuellen Zerfall von Krankheitskonstruktionen und den phänomenalen Nutzen der Konstruktionslücke. In: Familiendynamik 42 (2): 112-120.

abstract: In dem vorliegenden Beitrag wird zunächst aufgezeigt, welche Fehlentwicklungen in der psychiatrischen Diagnosestellung zu verzeichnen sind. Die mit den Versionen der Diagnosemanuale fortschreitende De-Kontextualisierung psychischer Störungen zieht eine Biologisierung der Psychiatrie nach sich, die letzten Endes eher der Pharmaindustrie als den PatientInnen dient. Die Befundlage der biologischen Psychiatrie ist dabei alles andere als ermutigend, gerade weil die diagnostischen Kategorien zu wenig valide sind. Das neue System der Research Domain Criteria (RDoC), was von funktionellen neuronalen Teilsystemen des gesunden Gehirns ausgeht, könnte die Neurobiologie weiterbringen. Ob dies gelingt, ist nicht absehbar. Klinische Diagnosen dagegen sollten in erster Linie dem Verstehen und der Verständigung dienen. Da sie grundsätzlich Ergebnis eines sozialen Konstruktionsprozesses sind, sollte ein dialogisches Ko-Konstruieren mit den bedeutungsvollen Anderen in der sozialen Welt des Betroffenen im Zentrum stehen. Notwendig und unhintergehbar ist dabei eine innere und äußere Polyphonie dieser Wirklichkeitskonstruktionen. Psychiatrisches Expertenwissen ist Teil dieser Polyphonie.

Hunger, Christina, Laura Klewinghaus & Friederike Küsche (2017): Quo vadis systemische Beratung/Therapie: Stimmen der Kriegsurenkel und Generation Y. In: Familiendynamik 42 (2): 124-133.

abstract: Die systemische Beratung/Therapie ist seit vielen Jahrzehnten Teil des deutschen Gesundheitswesens. Weiterbildungen in systemischer Beratung/Therapie gehören v. a. in den postgradualen Bereich, z. B. nach Abschluss eines Hochschulstudiums oder einer Berufsausbildung und mindestens zweijähriger Berufserfahrung. Die Praxis und Politik rund um die systemische Beratung/Therapie wird v. a. von Menschen im Alter ab vierzig Jahren bestimmt. Jüngere Stimmen, etwa von Studierenden und BerufseinsteigerInnen, sind weniger präsent. Dieser Beitrag widmet sich deshalb der jüngeren Generation – Menschen, die in einem psychosozialen Fach an einer deutschen Universität oder pädagogischen Hochschule studieren oder als BerufseinsteigerInnen ihre ersten Schritte im professionellen Bereich gehen. Er erzählt davon, was sich diese aktuell Mitte/Ende Zwanzigjährigen und Anfang Dreißigjährigen für ihre persönliche Zukunft und die Zukunft einer Fachrichtung wünschen, die möglicherweise für sie heimatbildend wird. Er geht den Fragen nach, welche Wirklichkeiten diese jüngeren Menschen mit Blick auf die systemische Beratung/Therapie konstruieren, welche Enttäuschungen sie erleben und was sie motiviert.

Löffler, René (2017): Impressionen vom Kongress »Die Kraft des Zweifelns« in Heidelberg. In: Familiendynamik 42 (2): 122-123.

Lüscher, Kurt (2017): Menschenbilder. In: Familiendynamik 42 (2): 167.

Funcke, Dorett (2017): In welchen Familien leben wir eigentlich?: Die Kernfamilie – ein aufschlussreicher soziologischer Begriff zur Analyse gegenwärtiger Familienformen. In: Familiendynamik 42 (2): 134-145.

abstract: Dieser Beitrag vertritt die These, dass auch moderne und unkonventionelle Familienformen immer wieder auf die Kernfamilie Bezug nehmen. Dies mag angesichts der Vielfalt an heutigen Familienformen, in der Biologisches und Soziales keineswegs immer zur Deckung kommen, zunächst überraschen. Mithilfe empirischer Forschungsergebnisse zur gleichgeschlechtlichen Familie zeigt der Beitrag, wie sich auch diese am Modell der Kernfamilie orientiert und durch verschiedene Formen der Re-Naturalisierung dem Auseinanderfallen von Biologischem und Sozialem begegnet. Darüber hinaus stellt dieser Beitrag eine theoretische Perspektive auf die Familie vor, welche es ermöglicht, »unkonventionelle« familiale Lebensformen auf alte Muster, die aus der Kernfamilie bekannt sind, zu befragen. Zu diesem Zwecke wird an Überlegungen aus der sozialhistorischen Familienforschung und an eine Familiensoziologie angeschlossen, die die kulturanthropologischen Grundlagen ihres Gegenstandes reflektiert und über ein Strukturmodell der ödipalen Triade verfügt.

König, Oliver (2017): Der Psychoboom der 1970er Jahre und seine Folgen: Zur Entwicklung der Psy-Wissenschaften in der Perspektive der Geschichts- und Sozialwissenschaften. In: Familiendynamik 42 (2): 146-156.

abstract: Der Artikel überblickt fünf aktuelle Bücher, die sich dem Psychoboom der 1970er Jahre, dessen sozio-historischer Entwicklung sowie seinen aktuellen Erscheinungsformen widmen. Theoretischer Bezugspunkt der Arbeiten sind Foucaults Ideen zu sich ändernden Selbstverhältnissen. Der Beitrag zeigt, wie die Psy-Wissenschaften vom Rand ins Zentrum rückten und, nun nicht länger Gegenkultur, Teil des aktuellen Management-Diskurses wurden. Dabei verwandelten sich die Psy-Wissenschaften allmählich von einem Medium der Demokratisierung und Befreiung zu einem ökonomisierten Konzept des Selbst, wie es beispielhaft dem aktuellen Coaching-Diskurs zugrunde liegt. Veranschaulicht wird dies anhand der Entwicklung der Gruppendynamik, der Familientherapie und anderer Varianten der Psychokultur und deren normativen Implikationen.

Hildenbrand, Bruno (2017): Lob des Besenstils: Kritische Anmerkungen zum Aufsatz von Björn Kraus in der Familiendynamik, vermehrt um einen Hinweis auf eine Reflexion des Zweifels im Geist der Phänomenologie. In: Familiendynamik 42 (2): 158-160.

Schweitzer, Jochen (2017): Rezension: Alexander Korittko (2016): Posttraumatische Belastungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Heidelberg (Carl-Auer). In: Familiendynamik 42 (2): 162-163.

Simon, Fritz B. (2017): Rezension: Raoul Schindler (2016): Das lebendige Gefüge der Gruppe. Ausgewählte Schriften. Gießen (Psychosozial Verlag). In: Familiendynamik 42 (2): 163-164.

Emlein, Günther (2017): Rezension: Hans Brunner & Josef Heck (2016): Triff eine Entscheidung! Das Arbeitsbuch zum Konflikt-Lösungs-Modell in Beratung, Mediation und Therapie. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: Familiendynamik 42 (2): 164-166.


Heft 3

Borst, Ulrike & Helke Bruchhaus Steinert (2017): Editorial: Wie aber handeln wir. In: Familiendynamik 42 (3): 169.

Bruchhaus Steinert, Helke (2017): Was hat die Liebe in der Paartherapie zu suchen. In: Familiendynamik 42 (3): 172-181.

abstract: Liebesbeziehungen sind im Erwachsenenalter die wichtigsten und innigsten Beziehungen. Die Liebe ist für die meisten Menschen wesentliches Element einer erfüllten Partnerschaft. Sie wächst, wenn Partner sich offen und authentisch einander zumuten und sich Konflikten stellen. Sich wechselseitig herauszufordern regt Partner zu persönlicher Differenzierung an. Liebesbeziehungen ermöglichen so einen koevolutiven Entwicklungsprozess. Bei enttäuschter Liebe ist es zunächst hilfreich, die Verletzung zu würdigen und beide Partner anzuregen, Verantwortung zu übernehmen. Entlieben gleicht einem Trauerprozess. Gelingt dieser, kann die Tür für eine neue Liebe geöffnet werden.

Eck, Angelika (2017): Von der Paradoxie des Wollenwollens zum sex worth wanting: Therapeutische Alternativen zur Lustpille für die Frau. In: Familiendynamik 42 (3): 182-191.

abstract: Mit der Zulassung des Medikaments Addyi (Flibanserin) hat die Pharmaindustrie nach jahrelangem Bemühen einen Erfolg in der Medikalisierung der weiblichen Lustlosigkeit zu verzeichnen. Die Kritik daran bietet einen willkommenen Anlass zu fragen, welche sexualtherapeutischen Alternativangebote gemacht werden können. Sexuell lustlose Frauen formulieren zu Beginn einer Therapie häufig den paradoxen Wunsch: »Ich will/soll wollen.« Diesen Widerspruch aufzulösen bedeutet, eine Wahlmöglichkeit zwischen »Nein« und »Ja« wiederherzustellen. Um wählen zu können, gilt es zunächst, die Lustlosigkeit zu bejahen und die Unlust zu differenzieren, um dadurch Raum für Selbstbestimmung zu etablieren. Daraufhin kann ergebnisoffen erkundet werden, was die Frau will, was sie als lustvoll erlebt und wie sie sich flexibel zwischen Unlust und Lust bewegen kann. Interventionen gehen dabei weit über das Sexuelle hinaus und beziehen selbstbestimmte Aktivitäten, sinnlichen Genuss und Körpererleben der Frau mit ein. Das Ziel eines solchen Prozesses ist es nicht, sexuell wieder zu »funktionieren«, sondern sich für oder gegen eine Qualität von Erotik entscheiden zu können und eine eigene Erotik zu entwickeln, die es wert ist, gewollt zu werden.

Fraenkel, Peter (2017): On the Eve of Destruction – Therapie mit Paaren am Rande der Trennung. In: Familiendynamik 42 (3): 192-206.

abstract: Dieser Artikel stellt neuartige Konzepte und Techniken für die Arbeit mit verheirateten oder unverheirateten Paaren am Rande der Trennung vor. Bei solchen Paaren müssen auch Standardtechniken und -verfahren anders als üblich angewendet werden – wie etwa einen therapeutischen Vertrag zu schließen und Ziele zu formulieren, Fortschritte zu überprüfen, Hausaufgaben für die Zeit zwischen den Sitzungen festzulegen, an den Kommunikationsfähigkeiten zu arbeiten, Reframing (Umdeutung) anzuwenden sowie weitere Methoden, die Beziehung aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Zehn konkrete Schritte für die Arbeit mit »Paaren am Rande« (PAR) werden detailliert und mit vielen Formulierungsvorschlägen beschrieben. Dabei kommt es immer darauf an, den Partner, der näher an der Trennung steht, für eine Verlangsamung der Entscheidung zu gewinnen, ohne ihn unter Druck zu setzen. Wenn das gelingt, können beide Partner dafür gewonnen werden, »therapeutische Experimente zur Verbesserung der Beziehung« zu wagen.

Brunner, Hans & Josef Heck (2017): Konflikt und Entscheidung: Zur Lösung psychischer und sozialer Konflikte. In: Familiendynamik 42 (3): 208-219.

abstract: Vorgestellt wird ein kompaktes, logisch und systemtheoretisch begründetes Modell, um manifeste und latente, psychische und soziale Konflikte zu lösen. Das Konflikt-Lösungs-Modell (KLM) dient dazu, die differenzierend strukturierte Kommunikation mit Klienten und Partnern professionell zu gestalten. Dieser zeit- und raumbezogene Prozess kann formgleich in Beratung, Mediation und Therapie durchgeführt werden. Im Falle latenter Konflikte zielt er zunächst darauf, Konflikte zu rekonstruieren, um, daran anschließend, passgenaue Lösungen zu konstruieren. Das KLM verbindet die theoretischen Positionen des Differenzdenkens George Spencer-Browns, der Aussagenlogik und der Systemtheorie Niklas Luhmanns mit systemisch-lösungsorientierten Vorgehensweisen. Es geht davon aus, dass ein Konflikt auf die Gegenüberstellung zweier Seiten bzw. den Gegensatz zweier Werte zurückgeführt werden kann und mit Blick auf seine Lösung auf lediglich zwei zurückgeführt werden sollte. Das KLM zeigt, dass es bei zwei alternativen Werten nicht nur zwei, sondern prinzipiell 16 Lösungsmöglichkeiten gibt. Dieser Möglichkeitenraum lässt sich durch eine logische Kombinatorik eröffnen. Lösungsmöglichkeiten zu erweitern ist die Voraussetzung, um eine Entscheidung zu treffen, d. h. eine Lösungsmöglichkeit auszuwählen. Konkret kann sie mit beliebig vielen unterschiedlichen Inhalten gefüllt sein.

Roesler, Christian (2017): Hohe Klientenzufriedenheit bei begrenzter Problemreduktion: Ein Überblick über die Wirkungsforschung zur Erziehungsberatung und eine empirische Untersuchung des »Diskrepanzphänomens«. In: Familiendynamik 42 (3): 220-231.

abstract: Eine Übersicht über empirische Studien zur Wirkung der Erziehungsberatung (EB) findet bislang v. a. retrospektive Studien zur Klientenzufriedenheit. Diese Datengrundlage wird als unzureichend kritisiert. Bisherige Studien zeigen durchgängig eine sehr hohe Zufriedenheit der Klienten, gleichzeitig aber keine entsprechende Verbesserung der als problematisch erlebten Situationen, was als sogenanntes »Diskrepanzphänomen« bezeichnet wird. In einer eigenen Studie wurde die Klientenzufriedenheit erhoben, kombiniert mit einem standardisierten Messinstrument in einem prospektiven Untersuchungsdesign. Zusätzlich wurde in einer qualitativen Interviewstudie das Diskrepanzphänomen näher untersucht und zu erklären versucht. Zu den wichtigsten Ergebnissen zählen: Die Bemühungen der EB um eine nutzerfreundliche Strukturqualität und wertschätzende Beratungsbeziehung bedingen die hohe Zufriedenheit. Das Diskrepanzphänomen lässt sich v. a. als eine veränderte Sicht auf die als problematisch erlebten Situationen bei den Eltern zurückführen, die ihnen einen anderen Umgang mit den Problemen (z. B. mehr Akzeptanz) ermöglicht. Bemerkenswert ist, dass die Klienten in der Beratung v. a. praktische Ratschläge fordern, was im Gegensatz zum bisherigen Professionsverständnis der EB steht. Es wird eine neue Ausrichtung der Wirkungsforschung in der EB mit prospektiven Studiendesigns und standardisierten Messinstrumenten gefordert. Ein bereits angelaufenes Modellprojekt wird vorgestellt.

Hildenbrand, Bruno (2017): Besprechung zu Resilienz aus der Sicht der betroffenen Subjekte. Die autobiografische Perspektive (2017). In: Familiendynamik 42 (3): 234-239.

abstract: Dieser Beitrag bezieht sich auf die Besprechung eines Buches, das sich aus der Masse der Bücher über Resilienz dadurch heraushebt, dass Akteure in biografischer Hinsicht in den Blick genommen werden. Jedoch misslingt dieses Vorhaben im Ansatz, weil Akteure, die per definitionem handelnd ihrer Welt begegnen, in ihrer Innerlichkeit thematisiert und damit ihrer Welt entgegengestellt werden – eine Entscheidung, die bei Sozialpädagogen überrascht. Möglicherweise kann man von diesem Fach nichts anderes erwarten, allerdings bleibt dieses Buch damit hinter den Möglichkeiten zurück, die die Sozialwissenschaften zum Thema Resilienz und menschliches Handeln zu bieten haben.

McNamee, Sheila (2017): Relationale Forschung – Praxis verändern. In: Familiendynamik 42 (3): 240-245.

abstract: Systemische Forschung richtet als »relationale« Forschung ihre Aufmerksamkeit weniger darauf, Forschungs-»Gegenstände« zu rekonstruieren, als vielmehr darauf, wie erkennende Subjekte zu diesen in Beziehung stehen. Es geht eher um die Bedingungen des Erkennens, also darum zu verstehen, wie Wirklichkeitsbeschreibungen erzeugt werden, und nicht darum, etwas zu finden bzw. zu »entdecken«. Am Beispiel der heftigen Debatte um »alternative Fakten« der neuen US-Regierung wird ein naives Verständnis des Konstruktionsmus kritisiert, das Folgendes nahelegen könnte: Wenn Wirklichkeit das Ergebnis sozialer Aushandlungsprozesse ist, müsse die Position der US-Administration genauso gültig sein wie die derjenigen, die dieser Position nicht zustimmen. Doch Konstruktionismus impliziert nicht Beliebigkeit der Konstruktion. Die Auseinandersetzung darüber, wie viele Teilnehmer an der Amtseinführung von Donald Trump im Vergleich zu Barack Obama teilgenommen hatten, sollte nicht auf der Ebene geführt werden, wie es »wirklich gewesen« ist. Eine relationale Forschung versucht zu verstehen, wie das, was jeweils als »Tatsache« gilt, erzeugt wurde und als rational betrachtet wird. So rückt die Frage in den Vordergrund, ob eine Haltung mit absolutem Anspruch auf Wahrheit mit Macht durchgesetzt werden sollte oder ob Forschung in der Lage ist, sich auf multiple Wissensgrundlagen zu beziehen und multiple Kenntnisse zu erweitern.

Went, Britta (2017): »And he is such a bright and understandable guy …«: Elterncoaching bei ausgeprägter Elternmisshandlung. In: Familiendynamik 42 (3): 247-250.

Vorbemerkung der Herausgeberin (UB): Obwohl (oder gerade weil?) diese Fallgeschichte für keinen gut endet, ist sie aufschluss- und lehrreich. Trotz sorgfältiger und »evidenz-basierter« Vorgehensweise der Therapeutin steigt die Familie aus der Therapie aus – vermutlich, weil die Therapeutin bei der Mutter an alte Muster, denen sich diese hilflos ausgeliefert sah, gerührt hat und rühren musste und weil die anderen beteiligten Systeme (Schule und Psychiatrie) schnellere Hilfe versprachen. Wünschenswert wäre es jedoch, dass psychiatrische Institutionen mehr für das gemeinsame Fallverständnis tun würden, statt mit solcher Macht, wie in diesem Fall ausgeübt, die Ohnmacht der Eltern weiter zu verstärken. Vielleicht ging die Geschichte ja auch gut weiter; aber wie könnte daraus gelernt werden, ohne dass miteinander gesprochen wird?

Fischer, Hans Rudi (2017): Bullshit First – Truth Last. In: Familiendynamik 42 (3): 254.

Ahlers, Corina (2017): Rezension: Arist von Schlippe, Torsten Groth & Tom A. Rüsen (2017): Die beiden Seiten der Unternehmerfamilie. Familienstrategie über Generationen: Auf dem Weg zu einer Theorie der Unternehmerfamilie. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: Familiendynamik 42 (3): 252-253.