systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Familiendynamik 2006

Clement, Ulrich (2006): Editorial: Kranke Familienangehörige. In: Familiendynamik 31 (1): 1-2.

Ochs, Matthias & Jochen Schweitzer (2006): Kindliche Kopfschmerzen im familiären Kontext. In: Familiendynamik 31 (1): 3-25.

abstract: In den letzten Jahren haben sich empirische Hinweise für die maßgebliche Rolle der Familie bei primären Kopfschmerzen im Kindes- und Jugendalter gehäuft. Der vorliegende Artikel beschreibt acht mögliche familiäre Beziehungsmuster, die mit Kopfschmerzen vom Spannungstyp und Migräne bei Kindern und Jugendlichen zusammenhängen können. Diese werden an Fallbeispielen illustriert.

Galliker, Mark, Madeleine Grivel & Margot Klein (2006): Abhängig von Abhängigen: Gibt es Auswege? Eine Studie zur Partnerzentriertheit in Beziehungen mit und ohne Alkoholproblematik. In: Familiendynamik 31 (1): 26-46.

abstract: Zur Beantwortung der im Haupttitel gestellten Frage wurde eine Untersuchung durchgeführt, deren Ziel die Bestimmung der Besonderheit der Abhängigkeit von Partnerinnen alkoholabhängiger Männer und Frauen von Männern ohne Alkoholprobleme einander gegenübergestellt und auf mögliche Unterschiede überprüft. Im Weiteren wurden erwerbstätige Frauen und nicht erwerbstätige Frauen sowie Frauen mit Kindern und kinderlose Frauen miteinander verglichen. Die an der Untersuchung teilnehmenden Frauen (N=160) gaben zustimmende oder ablehnende Antworten zu einfachen Statements ihre Partnerzentriertheit bzw. ihre Partnerdezentriertheit betreffend. Das auffälligste Ergebnis der Studie ist, dass sich Frauen in Beziehungen mit und ohne Alkoholproblematik in ihrer Partnerzentriertheit nicht signifikant voneinander unterschieden. Hingegen erweisen sich Frauen ohne Kinder sowie Frauen, die nicht erwerbstätig sind, relativ häufig als partnerzentriert. Diese Ergebnisse sprechen gegen ein rein psychologisch verstandenes Konzept der Ko-Abhängigkeit, das wichtige Lebensbedingungen der Frauen nicht berücksichtigt. Konsequenzen hinsichtlich der Angehörigenberatung werden diskutiert.

Ernst, Jochen, Heide Götze, Gregor Weissflog, Christina Schröder & Reinhold Schwarz (2006): Angehörige von Krebspatienten: Die dritte Kraft im medizinischen Entscheidungsprozess? Explorative Befunde zum Shared Decision-Making. In: Familiendynamik 31 (1): 47-69.

abstract: Das Modell der partnerschaftlichen Arzt-Patient-Beziehung (Shared Decision-Making) erlangt sowohl in der gesundheitspolitischen Diskussion als auch im konkreten medizinischen Behandlungsprozess wachsende Bedeutung. Viele Argumente sprechen dafür, dass durch Shared Decision-Making die Effizienz von Gesundheitsleistungen gesteigert werden kann, insbesondere auch bei der Bahandlung onkologischer Krankheitsbilder. Die Datenlage hierzu ist derzeit noch ungenügend. Empirische Forschungen zu diesem Thema fokussieren auf die dyadische Beziehung von Arzt und Patient, wodurch eine Einschränkung der Perspektive auf die isolierte und episodenhafte Betrachtung der Arzt-Patient-Beziehung erfolgt. Eigene Studien hingegen lassen auf die Bedeutsamkeit sozialer Kontextvariablen im Prozess der medizinischen Entscheidungsfindung schließen und hierbei vor allem auf die bedeutende Rolle der Angehörigen. Diese folgen vielfach nicht passiv dem Behandlungsprozess ihrer Familienangehörigen, sondern suchen als »Mandatträger« an der Bestimmung von Behandlungsstrategien mitzuwirken und nehmen so Einfluss auf medizinische Entscheidungen. Gleichwohl befinden sie sich als Mitbetroffene in einer ambivalenten Situation zwischen eigener Belastung und zu leistender Unterstützung. Basierend auf eigenen empirischen Befunden sollen im Folgenden einige dieser Fragen vertiefend behandelt werden, wobei der Schwerpunkt auf einer explorativen Betrachtung liegt, um das Untersuchungsfeld für wünschenswerte weitere Forschungen abzustecken.

Horn, Jürgen (2006): Depressive Störungen – Ursachen und Behandlung (Teil II). In: Familiendynamik 31 (1): 70-91.

abstract: Im zweiten Teil des Beitrages werden therapeutische Optionen zur Behandlung der Depression betrachtet. Die Erkenntnisse und Therpiemethoden der biologischen Psychiatrie sind beeindruckend, sie verdienen daher dargestellt zu werden. Daran schließe ich die Schilderung eines Falles an, an dem die biologische Psychiatrie sich die Zähne ausgebissen hat.
Zuletzt möchte ich dann einen Ausblick auf das Neueste in der psychotherapeutischen Depressionsbehandlung und -prophylaxe, auf die Achtsamkeitspraxis, bieten. Man entdeckt dabei, dass es sich beim angeblich Neuesten wieder einmal um das Älteste handelt, während das wirklich Neue nicht unbedingt das Beste sen muss.

Retzer, Arnold, Ulrich Clement & Hans Rudi Fischer (2006): Welche Rolle spielt Geld in der Psychotherapie? In: Familiendynamik 31 (1): 92-97.

Vogt, Manfred (2006): Rezension – Steiner, Therese, Insoo Kim Berg (2005): Handbuch Lösungsorientiertes Arbeiten mit Kindern. Heidelberg (Carl-Auer). In: Familiendynamik 31 (1): 98-99.

Wolf, Ferdinand (2006): Nachruf auf Steven Darwin de Shazer. In: Familiendynamik 31 (1): 100-102.

Clement, Ulrich (2006): Editorial: Liebe und Freundschaft. In: Familiendynamik 31 (2): 109-110.

Riehl-Emde, Astrid (2006): Die Liebe zum Thema machen? Vorschläge zur Erweiterung des paartherapeutischen Spektrums. In: Familiendynamik 31 (2): 111-129.

abstract: Die wesentlichen Anliegen, die Paare zur Therapie führen, lassen sich als Probleme mit der Liebe verstehen. Angesichts der Bedeutung der Liebesbeziehung für das Eingehen und die Aufrechterhaltung einer Paarbeziehung soll die Paartherapie deswegen um die grundlegende Dimension der Liebe ergänzt werden. In der vorliegenden Arbeit werden Denk- und Handlungsspielräume zum therapeutischen Umgang mit dem Thema »Liebe« eröffnet sowie mögliche Fallstricke und konkrete Vorgehensweisen erläutert.

Retzer, Arnold (2006): Freundschaft. Der dritte Weg zwischen Liebe und Partnerschaft? In: Familiendynamik 31 (2): 130-151.

abstract: Freundschaft wird daraufhin untersucht, ob sie geeignet ist, eine weitere Beziehungsform darzustellen, die in Paarbeziehungen praktizierbar ist. Dazu werden unterscheidende Merkmale von Freundschaft gesammelt und zu einem Kommunikationscode verdichtet. Abschließend werden die nun zur Verfügung stehenden drei Kommunikationscodes Liebe, Partnerschaft und Freundschaft zueinander in Bezug gesetzt.

Scheinkman, Michele & Mona Dekoven Fishbane (2006): Der Vulnerabilitätskreislauf: Der Umgang mit Sackgassen in der Paartherapie. In: Familiendynamik 31 (2): 152-179.

abstract: In dem vorliegenden Beitrag stellen wir den »Vulnerabilitätskreislauf« als Konstrukt für das Arbeiten mit Paaren vor, die sich in ihrer Beziehung festgefahren haben. Wir erweitern das interaktionelle Konzept von wechselseitigen Mustern bei Paaren um verhaltensbedingte und subjektive Dimensionen und zeigen bestimmte Verhaltensprozesse auf, die bei Paaren Verstrickungen auslösen und aufrecht halten. Wir betrachten den Vulnerabilitätskreislauf als einen wesentlichen Knotenpunkt, in dem »Verletzbarkeiten« und »Überlebensstrategien« Schlüsselbegriffe sind, die interaktionelle, soziokulturelle, intrapsychische und intergenerationale Bedeutungs- und Prozessebenen miteinander verknüpfen. Wir stellen das Diagramm des Vulnerabilitätskreislaufs als ein Instrument zur Organisation von Informationen vor und schlagen eine therapeutische Methode vor, um festgefahrene Situationen auszulösen und das Erkennen neuer Muster zu ermöglichen. Dabei verwenden wir vorsichtige Fragemethoden, die »Standbild«-Technik, die Bestärkung von Ruhe und Reflexion, die Trennung von Gegenwart und Vergangenheit, das Anstoßen von alternativen Bedeutungen, Verhaltensweisen, Empathie und Wahlmöglichkeiten. Der Ansatz ermutigt den Therapeuten und das Paar, gemeinsam für Veränderung und die Aktivierung protektiver Faktoren zu arbeiten.

Ruf, Gerhard Dieter (2006): Wo steht die Psychiatrie? Eine systemische Betrachtung aktueller Trends. In: Familiendynamik 31 (2): 180-199.

abstract: Die Psychiatrie ist von Sparzwängen und politischen Ideologien abhängig vor dem Hintergrund eines geisteswissenschaftlichen Ideenpluralismus, des technischen Fortschritts und der Machtinteressen der Gesundheitsindustrie. Dabei lassen sich folgende Entwicklungen beobachten: 1) Immer mehr von der Norm abweichende Verhaltensweisen werden zu psychischen Krankheiten erklärt. 2) Bei diesen Krankheiten wird vorrangig die biologische Dimension erforscht. 3) Psychisch Kranke mit starken und bedrohlich wirkenden Verhaltensabweichungen werden durch Zwangsunterbindung aus der Gesellschaft ausgegrenzt. 4) Psychisch Kranke erhalten durch anthropologische oder ressourcenorientierte Modelle neue Sinnangebote. Der Autor wendet sich gegen einseitig vereinfachte biologische Modelle und plädiert für einen Pluralismus der sich gegenseitig ergänzenden Theorien und Methoden.

Fischer, Hans Rudi, Arnold Retzer & Ulrich Clement (2006): Wozu Hypothesen in der systemischen Therapie? In: Familiendynamik 31 (2): 200-206.

Emlein, Günther & Hans Rudi Fischer (2006): Editorial: Systemische Seelsorge. In: Familiendynamik 31 (3): 213-215.

Emlein, Günther (2006): Die Eigenheiten der Seelsorge. Systemtheoretische Überlegungen. In: Familiendynamik 31 (3): 216-239.

abstract: Der Artikel stellt die Unterschiede zwischen Seelsorge und sonstiger psychosozialer Praxis dar. Aus systemtheoretischer Sicht fallen mehrere Eigenheiten an der Seelsorge auf: Ihr Charakter als religiöses Unterfangen bedeutet, dass sie den religiösen Code »transzendent/immanent« verwendet und damit Unaussprechliches markiert. Sie bietet die auffallende Kommunikationsstruktur der Geselligkeit, und sie hat besondere Merkmale der vertraglichen Vereinbarung.

Ferel, Martin (2006): Seelsorge als Konstruktion von Biographie. In: Familiendynamik 31 (3): 240-252.

abstract: Zur Einordnung des Themas skizziert der Autor die unterschiedlichen Orientierungen der Seelsorge in den letzten Jahrzehnten, um so den Unterschied zu einer systemisch-konstruktivistisch orientierten Seelsorge zu markieren. Sodann wird die These entfaltet, dass Seelsorge neben der Sorge in den verschiedensten Lebenssituationen auch die Aufgabe und CHance hat, die ganze Lebensgeschichte von Menschen wahrzunehmen und ihnen bei der Konstruktion ihres Lebens in bestimmter Weise dienlich zu sein. Seelsorgerinnen und Seelsorger werden zu Mit-Konstrukteuren von Biographien, wenn sie sich Lebensgeschichten erzählen lassen, diese für die Erzählenden in einer kurzen Form aufschreiben und sie ihnen aushändigen. Durch diese Praxis werden hohe Wertschätzung und Würdigung vermittelt, Identität und (religiöse) Geborgenheit werden gestärkt. Abschließend geht es um die für einederartige Biographiearbeit nützlichen Verhaltensweisen und Kompetenzen von Seelsorgerinnen und Seelsorgern.

Knögel, Heike (2006): Zwischen allen Stühlen? Möglichkeiten der Klinikseelsorge aus systemischer Sicht. In: Familiendynamik 31 (3): 253-265.

abstract: Welcher Auftrag charakterisiert den Dienst der Klinikseelsorge in seinen vielfältigen Einbindungen in kirchlichen und klinischen Bezügen und im unmittelbaren Kontakt zu den Menschen? Für welche Themen sind Seelsorgerinnen und Seelsorger zuständig? Diesen und anderen Fragen geht die Autorin anhand eines Fallbeispiels nach und entwirft im Dialog mit Beiträgen aus pastoraltheologischen und systemischen Quellen einen Brückenschlag zwischen den verschiedenen Disziplinen. Mit dem Konzept der »einfühlsamen Treue« wird die Besonderheit der Seelsorge skizziert.

Schaab, Rita (2006): Wechselspiel Seelsorgerliche Kurzkontakte in einer dörflichen Kirchengemeinde. In: Familiendynamik 31 (3): 266-279.

abstract: Systemische Theorie mit der pfarramtlichen Praxis zu verbinden ist eine spannende Herausforderung, die eine ernsthafte Leichtigkeit und heitere Ernsthaftigkeit hervorbringt. Eine Auswahl von Praxisbeispielen stellt unterschiedliche Möglichkeiten von Seelsorge in einer ländlichen Kirchengemeinde dar. Seelsorge ist eine Angebot im Kontext der Kirche, Kommunikation über Gott und die Welt zu initiieren oder fortzusetzen. Die Rolle der Pfarrerin wird durch die Deutung der Gesprächspartner bestimmt.

Morgenthaler, Christoph (2006): Zerbrochene Geschichten. Systemische Trauerseelsorge in narrativer Perspektive. In: Familiendynamik 31 (3): 280-293.

abstract: Der Verlust eines Menschen führt in Familiensystemen zu vielschichtigen Prozessen der narrativen Rekonstruktion der familiären Wirklichkeit. Trauerarbeit beinhaltet wesentlich auch die Überarbeitung der Geschichte der verstorbenen Person und der Geschichten der mit ihr verbundenen Menschen. Das gemeinsame Familiengedächtnis, die individuellen Erinnerungen und die damit verbundenen Identitätskonzepte der Trauernden, die öffentliche Repräsentation dieser Geschichten im Rahmen von Trauerriten und ihre Rückbindung an religiöse Traditionen sind dabei in paradoxer Form aufeinander bezogen. Systemische Trauerseelsorge begleitet methodisch kontrolliert diesen narrativen Ordnungsübergang, hilft trauernden Personen bei der Revision ihrer Geschichten und begleitet sie im liminoiden Übergang zu neuen Geschichten. Trauergespräch(e), der Ritus der kirchlichen Bestattung und unterschiedliche Formen der weiteren seelsorglichen Begleitung bieten kurz nach dem Todesfall einzigartige Möglichkeiten beraterischer und präventiver Art.

Stöbel-Richter, Yve, Kerstin Weidner, Ada Borkenhagen & Karla Beyer (2006): Reproduktionsmedizin heute – was können wir erwarten? In: Familiendynamik 31 (3): 294-315.

abstract: Der vorliegende Artikel gibt einen Überblick zu verschiedenen Aspekten der modernen Reproduktionsmedizin. Dabei werden Zusammenhänge zwischen demographsicher und medizinischer Entwicklung sowie die sich daraus ergebenden spezifischen psychologischen und soziologischen Perspektiven aufgezeigt. Aus den dargelegten Themen – Geburtenrückgang im Kontext zu gewollter und ungewollter Kinderlosigkeit, Determinanten des Kinderwunsches, Wahrnehmung und Bewertung der modernen Reproduktionsmedizin in der Bevölkerung, individuelle Aspekte der reproduktionsmedizinischen Behandlung, psychologische Aspekte und Folgen ungewollter Kinderlosigkeit – werden Konsequenzen für die Beratungspraxis abgeleitet. Es werden voe allem individuelle Probleme und Belastungen bei fortpflanzungsmedizinischen Behandlungen sowie Auswirkungen eines unerfüllten Kinderwunsches dargestellt, aber auch ethische Problemstellungen diskutiert. Die bisherigen Forschungsergebnissezeigen dabei nicht nur einen Mangel an Wissen bezüglich fortpflanzungsmedizinischer Aspekte auf, sondern auch übertrieben große, zum Teil unberechtigte Hoffnungen in Bezug auf Wirksamkeit der reproduktionsmedizinischen Verfahren. Oftmals werden hochaufwendige und kostenintensive Verfahren eingesetzt, um den (langjährigen) Wunsch nach einem Kind zu erfüllen, allerdings ohne psychischen und sozialen Wirkfaktoren Rechnung zu tragen. Somit steht die Devise »ein Kind um jeden Preis« seitens der Paare, aber auch vieler Reproduktionsmediziner im krassen Gegensatz zu mangelnder Beratung vor, während und nach einer Behandlung. Die sich hieraus ergebenden Konsequenzen für die familienpsychologische und psychosomatische Beratungspraxis werden abschließend skizziert.

Mattanza, G. (2006): Rezension – Jürg Willi & Bernhard Limacher (Hg.) (2005): Wenn die Liebe schwindet. Möglichkeiten und Grenzen der Paartherapie. Stuttgart (Klett-Cotta). In: Familiendynamik 31 (3): 316-323.

Clement, Ulrich, Hans Rudi Fischer & Arnold Retzer (2006): Wann endet eine Therapie? In: Familiendynamik 31 (3): 316-323.

Fischer, Hans Rudi (2006): Editorial: Denkwerkzeuge – Zur Landkarte therapeutischen Denkens. In: Familiendynamik 31 (4): 333-337.

Bertrando, Paolo & Teresa Arcelloni (2006): Die vierhändige Hypothese. In: Familiendynamik 31 (4): 338-362.

abstract: Der Prozess der Hypothesenbildung stand über viele Jahre hinweg im Mittelpunkt des Mailänder systemischen Ansatzes und ist auch heute noch von grundlegender Bedeutung für alle Therapeuten, die nach einem solchen Modell arbeiten. Allerdings hat sich die Auffassung von dem, was die systemische Hypothese auszeichnet, im Laufe der Jahre weiterentwickelt, und zwar vor allem, was die Beziehungen zwischen Hypothese, Therapeut und Klienten anbelangt: Hatte man in der Vergangenheit alle Hypothesen gewissermaßen als »Privatbesitz« des Therapeuten angesehen, so wäre die Hypothese aus heutiger Sicht eher als ein Gemeinschaftswerk zu bezeichnen. Der vorliegende Artikel bietet ein Verständnis der Hypothese als einen aus der Interaktion zwischen Therapeuten und Klienten hervorgegangenen Dialog und zeigt am Beispiel der systemischen Einzeltherapie, wie eine solche Art der Hypothetisierung sich in den Kontext einer therapeutischen Sitzung einfügen lässt.

Fischer, Hans Rudi (2006): Mit anderen Augen. Therapie als Kunst der Verfremdung. In: Familiendynamik 31 (4): 363-390.

abstract: In der Therapie geht es um Veränderung. Was ist der Unterschied zwischenlandkarte und Landschaft? Findet Therapie in der landschaft oder in der Landkarte statt? Ausgehend von dieser Unterscheidung zeigt der Autor, dass die »innere Landkarte« des Klienten das Feld ist, das therapeutisch beackert wird. Das ist nur möglich, indem diese »innere Landkarte«, die »Brille«, das Fenster, durch das er seine Welt sieht und strukturiert, von einer Meta-Ebene aus reflektiert wird. Auf der Grundlage der theoretischen Überlegungenwird klar, wie Denkänderungen zustande kommen indem auf das Alte ein neuer, ein fremder Blick geworfen wird. So gesehen hat Therapie die Aufgabe, Klienten einen fremden, anderen Blick auf das Alte, Vertraute zu ermöglichen. Verfremdung und Alterität sind die Gestaltungsprinzipien für einen therapeutischen, im Kern schöpferischen Prozess, dessen Ziel es ist, dass Klienten die Wirklichkeit, sich selbst mit anderen, fremden Augen sehen können. Im vorliegenden Beitrag geht es darum zu zeigen, wie Denkänderungen (Einstellungsänderungen)über einen Reflexionsprozess zustande gebracht werden, der Verfremdung nutzt, um Neues zu kreieren. Der Autor illustriert das Gestaltungsprinzip zur Initiierung von Lern- und Erkenntnisprozessen im zweiten Teil am Beispiel für die Einzeltherapie und zeigt, wie sich dieses Prinzip in der therapeutischen Kommunikation praktisch anwenden lässt. Dazu stellt er ein pragmatisches Vier-Felder-Modell (Tetralemma) vor, eine Art Landkarte für den Therapeuten, in der er den Klienten mit anderen Augen auf sein »Problem« und seine »Lösung« blicken lässt, um so den metaphorisch eingeengten Blick auf die eigene Opferschaft und Täterschaft zu dekonstruieren.

Schmitt, Alain (2006): Vom praktischen und (meta)theoretischen Nutzen von Familienbrett und Fingerpuppen. In: Familiendynamik 31 (4): 391-408.

abstract: Dieser Beitrag schließt an den Artikel von Schmitt (2004) in der FAMILIENDYNAMIK an, wo an Fallbeispielen die spezifische Wirksamkeit von Familienbrett [FB] und Fingerpuppen [Fp] beschrieben ist. Der vorliegene Beitrag fasst die theoretische und metatheoretische Verankerung und den praktischen Nutzen zusammen. FB und Fp lassen sich am besten als weiß-magisches Ritual und als nichtsprachliche Externalisierung (Skulptur) beschreiben, die Primärprozesse aktivieren. Die Technik steigert die Motivation des Helfenden, da sie Spaß macht und die Fantasie anregt. Sie kann diagnostisch und aus Sicht der Kunden selbstdiagnostisch genutzt werden, sie stärkt Kommunikation, Joining und Beziehung und kann als Leitschiene für den gesamten Hilfeprozess dienen.Darüber hinaus wird geprüft, inwieweit FB und Fp (1) mit systemischen Theorien insbesondere zur Selbstwirksamkeit von Kunden vereinbar sind und (2) wie ihre i>unspezifische Nützlichkeit aus der Sicht der allen Therapien gemeinsamen Wirkfaktoren zu bewerten ist. Das Ergebnis ist, dass FB und Fp sehr gut mit systemischer Theorie vereinbar sind (sie passen sich genau den Kunden an, nutzen dessen Veränderungsideen usw.) und unspezifische Wirkfaktoren gut nutzen (sie aktualisieren das Problem, beziehen innerpsychische und soziale Zusammenhänge aufeinander usw.). Insgesamt wird ein qualitatives Schema vorgelegt, nachdem sich eine Technik evaluieren und theoriebezogen und empiriegestützt weiterentwickeln lässt.

Liechti, Jürg (2006): Anorexia nervosa – Epidemiologie und Klinik, Erklärungs- und Therapiemodelle. In: Familiendynamik 31 (4): 409-427.

abstract: Im ersten Teil des Artikels wird das Phänomen der »Anorexia nervosa« aus soziokultureller, epidemiologischer und klinischer Perspektive betrachtet.Faszination und Irritation sind bei dieser Störung nahe beieinander. Auf gesellschaftlicher und psychosozialer Ebene kommt dem Schlankheitsdruck (-wahn?), der in Kulturen mit »westlichem Lebensstil« auf Mädchen und junge Frauen lastet und zu quasi »normativem« Diäthalten führt, eine besondere Bedeutung zu. Wer ihm nicht widersteht, weiblich und in einer psychisch vulnerablen Entwicklungsphase ist, riskiert krank zu werden. Weiter Risikofaktoren auf biologischer, psychologischer und familiärer Ebene werden erwähnt. Epidemiologische Studien erhärten die Wichtigkeit der Sekundärprävention für günstige Verläufe, indem die Prognose bei der Anorexia nervosa umso besser ist, je früher die Störung erkannt und einer effizienten Therapie zugeführt wird. Diagnostische Kriterien, Differentialdiagnosen, die hohe Komorbidität der Störung sowie ihre somatisch belasteten Folgen kommen zur Sprache.

Retzer, Arnold, Hans Rudi Fischer & Ulrich Clement (2006): Was sollen wir merken? Therapiedokumentation als therapeutisches Medium. In: Familiendynamik 31 (4): 428-435.

Stierlin, Helm (2006): Rezension – Wolfgang Hantel-Quitmann (2005): Liebesaffären – zur Psychologie leidenschaftlicher Beziehungen. Gießen (Psychosozial Verlag). In: Familiendynamik 31 (4): 436-437.

Ludewig-Kedmi, Revital (2006): Rezension – Hans Schindler & Arist von Schlippe (Hg.) (2005): Anwendungsfelder systemischer Praxis. Ein Handbuch. Dortmund (Borgmann Media). In: Familiendynamik 31 (4): 437-440.

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