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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Über Kritik, Polemik und das Schweigen zur Sache

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Mein Text über den DGSF-Fragebogen und das damit verbundene Projekt eines „intersektionalen Strukturentwicklungsprozesses“ in der DGSF hat auf LinkedIn einige heftige Reaktionen ausgelöst, die mich — nicht zum ersten Mal — mit dem Vorwurf der Polemik und Diffamierung konfrontieren. So schreibt Holger Lindemann über meinen Beitrag, „dass eine Kritik an der Befragung keinen polemischen Rundumschlag und gar den Versuch der Diskreditierung einzelner Personen im Verband rechtfertigt, wie es in dem Beitrag erfolgt. Das sind alles Ehrenamtliche, die sich für die systemische Sache engagieren“. Als jemand, der sich selbst seit 45 Jahren ehrenamtlich für die systemische Sache engagiert, kann ich nur betonen, dass meine Kritik nicht der Ehrenamtlichkeit der Personen galt, deren Verhalten bzw. politische Positionierung ich kritisiert habe. DGSF-Aufsichtsrätin Nikola Siller geht noch einen Schritt weiter. Sie schreibt über das „penetrante Diffamieren von Tom Levold und die Falschinformationen, die er streut“. Dann legt sie noch mit einem Gorilla-Vergleich eine Schippe drauf und wirft mir mit vor, „als Silberrücken nur öffentlich zu pesten, zu trommeln und Neues zu blockieren“.

Da LinkedIn für eine ernsthafte Auseinandersetzung weder das Format noch den Raum bietet, antworte ich an dieser Stelle auf die Vorwürfe.

Was ich geschrieben habe

Mein Text enthält eine Reihe von Aussagen, in denen ich mich kritisch mit dem Fragebogen und dem dahinter liegenden politischen Programm auseinander setze. Alle Kritikpunkte belege ich mit Quellen, die für jedermann nachprüfbar sind.

Erstens stellt der Einleitungstext des Fragebogens eine rhetorische Präsupposition dar: Er setzt den intersektionalen Umbau als ethisch gebotene Selbstverständlichkeit voraus, bevor die Befragung überhaupt beginnt — und erklärt kritische Einwände gegen diesen Umbau damit implizit zu Verstößen gegen Professionalität und Ethik.

Zweitens schließt das Design des Fragebogens kritische Rückmeldungen strukturell aus. Keine Frage lässt die Antwort zu, den eingeschlagenen Weg für falsch zu halten. Das ist kein Stilproblem, sondern ein elementarer methodischer Fehler, der in jedem Einführungsseminar zur empirischen Sozialforschung thematisiert wird. Holger Lindemann findet diese Umfrage auf LinkedIn „auch nicht gelungen“, allerdings offensichtlich eher, weil darin nicht genug Diskriminierungsformen erwähnt worden sind.

Drittens bestehen konkrete Interessenkonflikte: Eine Aufsichtsrätin der DGSF ist gleichzeitig Mitgründerin und Geschäftsführerin eines Unternehmens, das kostenpflichtige Trainings zur Rassismussensibilisierung anbietet und das Verbandsamt öffentlich als Reputationsressource nutzt. Dieser Interessenkonflikt ist dokumentiert und wird im Verbandskontext mit keinem Wort erwähnt.

Viertens ist die Behauptung, Intersektionalität sei in den Ethikrichtlinien des Verbandes verankert, nachweislich falsch: Das Wort „Intersektionalität“ kommt in diesen Richtlinien kein einziges Mal vor.

Fünftens — und das ist vielleicht der gravierendste Punkt — kündigt die DGSF-Website nichts Geringeres an als einen „strukturellen Umbau“ zu einer „umfassenden intersektionalen Organisationsentwicklung, die auf allen Ebenen wirksam werden soll“: von der Geschäftsstelle über Fachgruppen und Ethikbeirat bis zu den Weiterbildungsinstituten. Das ist keine schrittweise Diskussion eines Themas, sondern die Ankündigung einer grundlegenden Transformation des Verbandes. Eine Legitimation durch einen entsprechenden Beschluss der Mitgliederversammlung existiert dafür meines Wissens nicht. Im Protokoll der Mitgliederversammlung von Herbst 2025 findet sich lediglich der Hinweis, dass der Aufsichtsrat „mit Nachdruck“ am Thema „intersektionale Arbeit“ arbeite. Zwischen einem solchen Hinweis und dem angekündigten Umbau auf allen Ebenen klafft eine erhebliche demokratische Lücke.

Schließlich habe ich darauf hingewiesen, dass sich der Vorgang in ein bekanntes Muster fügt: die Kontext-Debatte 2023, die Forderung nach inhaltlicher Kontrolle der Verbandszeitschrift, die Androhung rechtlicher Schritte gegen das systemagazin.

Das sind Argumente, die sich sämtlich auf vorhandene Quellen beziehen — den Fragebogen selbst, die DGSF-Website, das Protokoll der Mitgliederversammlung, die Ethikrichtlinien des Verbandes, öffentliche Bekundungen der genannten Personen. Wer Polemik und sachliche Kritik zu unterscheiden weiß, wird feststellen, dass Polemik keine Belege braucht. Eine harte, aber sachliche Kritik hingegen schon. Einen polemischen Unterton kann und will ich nicht bestreiten. Auseinandersetzungen müssen auch mal zugespitzt geführt werden, um auf den Punkt zu kommen. Meine Haltung ist allerdings, mich nur zu Angelegenheiten zu äußern, bei denen ich konkrete Argumente vorbringen kann. Ich kritisiere konkretes Verhalten und Positionen und nicht die Personen, die sich damit identifizieren. Wie soll kontroverse Verbandspolitik sonst gehen?

Dass die Reaktionen so heftig ausfallen, legt nahe, dass ein wunder Punkt getroffen wurde — wäre das nicht der Fall, wäre ja eine sachliche Widerlegung die nahe liegende Antwort. Die fehlt aber seitens der DGSF schon seit langem.

Das selbe Muster zeigt sich in der Auseinandersetzung um Stefan Behers Rezension in der Verbandszeitschrift Kontext aus dem Jahr 2023. Im systemagazin habe ich dokumentiert, wie auf eine Rezension nicht mit Gegenargumenten, sondern mit einer koordinierten Kampagne reagiert wurde — und wie diese Kampagne in die Forderung mündete, die redaktionelle Unabhängigkeit des Kontext zu beschneiden. Die Reaktion auf meine Berichterstattung bestand nicht in inhaltlicher Auseinandersetzung, sondern in der Androhung rechtlicher Schritte gegen mich als Herausgeber (auf die man dann doch lieber verzichtet hat).

Was die Kritiker nicht geschrieben haben

Keiner der Kommentatoren, die mir Polemik und Diffamierung vorwerfen, hat auch nur eines dieser Kritikpunkte aufgegriffen, geprüft oder widerlegt. Nikola Siller spricht von „penetrantem Diffamieren“ und „Falschinformationen“ — ohne eine einzige Falschinformation zu benennen. Das ist kein Gegenargument, sondern eine Beschimpfung als Ersatz für Auseinandersetzung.

Dazu passt natürlich, dass sie mich als „Silberrücken“ bezeichnet, dem es mit „pesten“ und „trommeln“ nur darum gehe, „Neues zu blockieren“. Ich halte fest: Nikola Siller ist Aufsichtsratsmitglied der DGSF — also einer der Institutionen, deren Vorgehen ich kritisiert habe — und war namentlich an der koordinierten Gegenkampagne gegen Stefan Behers Kontext-Rezension beteiligt, auf die ich im Artikel hingewiesen habe. Der Hinweis auf mein Alter als Argument gegen meine Kritik ist weder sachlich noch besonders originell. Mich so zu beschreiben, steht ihr selbstverständlich zu. Aus diskriminierungssensibler Sicht habe ich keine Einwände, auch wenn ich nicht sicher bin, ob das so mit ihren eigenen, aber womöglich sehr selektiven diskriminierungskritischen Grundsätzen zu vereinbaren ist.

Zur Frage des Formats

Mehrfach wird mir vorgeworfen, den Diskurs nicht dort zu suchen, „wo er inhaltlich geführt wird“ — also in Verbandsveranstaltungen, Mitgliederversammlungen, internen Foren. Das klingt nach einem Einladungsangebot. Allerdings kann man mir wohl kaum vorwerfen, mich nicht an inhaltlichen Diskursen zu beteiligen. Ich bin 1980 der DAF beigetreten und war von Beginn an Mitglied der DGSF, auch wenn ich 1993 die Systemische Gesellschaft mit gegründet habe und dort lange Jahre meine verbandspolitische Heimat hatte. Als Mitherausgeber habe ich die Verbandszeitschrift Kontext 17 Jahre lang mitgestaltet, habe auf vielen Fachtagungen und Fachtagen Vorträge und Workshops abgehalten und bin auch Mitglied der aktuell laufenden Kontext-AG, die auf der MV 2024 ins Leben gerufen wurde.  

Den erwähnten Einladungen zum Gespräch bin ich nicht gefolgt, weil ich den Eindruck hatte, dass es dabei darum ging, die Debatte um den Kontext und die so genannten „Repliken“ aus der Öffentlichkeit heraus und in die Funktionärsgremien zu holen. In dieser Öffentlichkeit beteilige ich mich seit 2005 mit meinem systemagazin am systemischen Diskurs, durchaus auch ein Ort, „wo er inhaltlich geführt wird“. Kritik an Verbandshandeln, das innerhalb des Verbandes nicht offen gelegt wird, gehört in die Öffentlichkeit — nicht weil ich den internen Diskurs scheue, sondern weil Transparenz in einer Mitgliederorganisation kein Sonderrecht, sondern eine Selbstverständlichkeit ist. Auch hier gilt: Wer meine Darstellung für falsch oder verzerrt hält, kann die Repliken doch einfach veröffentlichen. Dass das nicht geschieht, spricht für sich.

Was bis heute aussteht: Die Unterzeichner jener Kampagne — darunter amtierende Aufsichtsratsmitglieder der DGSF — weigern sich, ihre „Repliken“ den Mitgliedern des Verbandes zugänglich zu machen. Ein Fachverband, der Transparenz und Partizipation als Werte beansprucht, hält interne Dokumente, die verbandspolitisch relevant sind, vor seinen eigenen Mitgliedern zurück. Das systemagazin ist bislang die einzige öffentlich zugängliche Quelle, über die sich Interessierte über diese Vorgänge informieren können. Schon im Oktober habe ich dem Aufsichtsrat vorgeschlagen, die Repliken in einem nur den Mitgliedern zugänglichen Diskussionsforum zu veröffentlichen. Die Einrichtung eines „Diskursraumes bei beunity“ wurde im Januar 2026 in Aussicht gestellt, die sich allerdings „bis Ende Januar“ verzögern würde. Ob beunity als ein Forum, das vor allem für die Mitteilung von Terminen und Werbung von Seminaranbietern genutzt wird, die geeignete Plattform dafür ist, sei dahin gestellt. Das lässt sich aber auch nicht austesten, weil seit dieser Ankündigung nichts mehr in dieser Hinsicht geschehen (Stand Ende April 2026).

Was bleibt

Meine inhaltliche Kritik an den theoretischen Grundlagen der intersektionalen Positionen, die in diesem Prozess propagiert werden, ist nicht neu und nicht auf diesen Artikel beschränkt. Die Motivation, sich gegen Diskriminierung, Benachteiligung, Rassismus und Machtmissbrauch in unserer Gesellschaft einzusetzen, teile ich. Die Konzepte, die sich aus der „critical race theory“ und der postkolonialen Theorie ableiten, halte ich dabei für wenig hilfreich. Sie sind das Unterfutter für ein ideologisches, moralaktivistisches Programm, das in vielen Punkten mit einem systemischen Ansatz nicht zu vereinbaren ist. In meiner Rezension des Buches von Gold, Weinberg und Rohr habe ich im Einzelnen dargelegt, warum die dort vorgelegten theoretischen Herleitungen nicht überzeugen: Der Rassismusbegriff wird so weit ausgedehnt, dass er empirisch nicht mehr operationalisierbar ist; die soziologischen und systemtheoretischen Grundbegriffe wie Macht, Struktur und Gesellschaft bleiben durchgehend undefiniert und werden als Worthülsen verwendet; die empirische Basis beschränkt sich auf hochselektive Studien und anekdotische Belege; und die rhetorische Strategie, aus allgemeinen Traumadefinitionen über den Begriff der Mikroaggression eine umfassende Traumatisierungsthese zu konstruieren, ist methodisch nicht belastbar. Auch diese Kritik ist bislang ohne sachliche Erwiderung geblieben.

Wer meine Argumente für falsch hält, ist herzlich eingeladen, sie (auch im systemagazin) zu widerlegen: mit Gegenbelegen, mit einer anderen Lektüre der Dokumente, mit dem Nachweis, dass meine Darstellung des Interessenkonflikts unzutreffend ist, dass der Fragebogen methodisch sauber ist, dass der zitierte DGSF-Website-Text anders zu verstehen sei, als ich ihn verstanden habe, oder dass das Wort „Intersektionalität“ doch in den Ethikrichtlinien steht und ich es übersehen habe.

Solange das nicht geschieht, beschreibe ich den bisherigen Umgang mit meiner Kritik mit demselben Begriff, den ich auf den Fragebogen angewendet habe: Er immunisiert sich gegen Kritik und Reflexion.

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