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systemagazin Adventskalender: Ost und West – Nicht so ein richtiges Weihnachtsmärchen

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Peter Fuchs, Bad Sassendorf:

Die einst frenetisch gefeierte Vereinigung Deutschlands ist nun historisch geworden, das heißt auch: Sie scheint abgetan zu sein, gar ‚aus- oder abgestanden‘ oder schlicht langweilig. Klar: Wie immer gibt es ein jährliches Gedenken, ein ‚In dulci jubilo‘. Aber eine richtige Fröhlichkeit oder ein ‚Des sollt ihr alle froh sein …‘ stellt sich dabei nicht so recht ein. In den Vordergrund rückt die Frage: ‚Ubi sunt gaudia?‘ Wo sind die Freuden geblieben? Wann kam ein ‚Ein Irrsal ( … ) in die Mondscheingärten einer einst heiligen Liebe‘?

Nüchterne Antworten sind schwer zu finden. Das Genre des Pathos verbietet sich von selbst – anders als in der selig süßen Weihnachtszeit, die zuweilen im Register der Sentimentalität spielt. Aber auch die Trockenheit des guten Geistes (zum Beispiel im Blick auf die Ost/West-Differenz) führt gelegentlich ins Fassungslose, wie Erich Kästners ‚Sachliche Romanze‘ exemplarisch anhand der ‚Liebe‘ zeigt:

„Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.“

Bei mir war es so, dass ich drei Jahre nach dem furiosen Start der Vereinigung nach Neubrandenburg kam und bald Grund hatte, die Differenz West-/Ostdeutschland für ‚monströs‘ zu halten. Sie wurde im Alltäglichen betrieben, war ständig gegenwärtig. Man konnte ihr nicht ausweichen – weder psychisch noch sozial. Schlimmer noch: Die Beobachtung dieser Differenz, so sachlich sie sein mochte, war selbst beteiligt an dem, was es zu beobachten gab, und daran änderte sich meinem Empfinden nach nichts: Die Differenz, von der die Rede ist, betrieb und betreibt sich selbst und nahm die Form der ‚Selektivitätverstärkung‘ an, also die eines Prozesses, der nur mühsam ausgebremst werden kann.

In solchen Fällen mag es sinnvoll sein, jene Unterscheidung lamentofrei auf ihre Beschaffenheit hin zu prüfen. Zunächst ist ja erstaunlich, dass die Differenz alles andere als scharf ist. Sie lässt sich nicht als Antagonismus begreifen, nicht als trennscharfe Zweiseitenform. Anders ausgedrückt: Sie bezeichnet eine Dimension. Man kann locker sagen: weniger westlich, mehr westlich – und auf der anderen Seite wird dasselbe Spiel gespielt. Die Unterscheidung hat eine Gleitform und ist deswegen sozial fungibel, das heißt: vielfältig ausnutzbar für welche Zwecke auch immer. Und: Diese Differenz ähnelt anderen Konstruktionen wie Rechts/links, wie Oben/Unten etc. Sie bezeichnen nichts anderes als ‚bewegliche Gesichtspunkte‘, zu der Skalen gehören, auf der sich Schieberegler finden.

Ein weiterer und damit zusammenhängender Grund dafür, warum die Unterscheidung West/Ost so vage, so unsicher, so unangreifbar scheint, ist ein kurioser Re-entry, der Wiedereintritt der Differenz auf beiden Seiten der Differenz. Im Westen lässt sich Westen/Osten einsetzen, im Osten die von Osten/Westen. Die Re-entries im Westen, im Osten können ein Präferenz-Management so bewirken, dass Vorzugsrichtungen (Vorlieben) auf beiden Seiten der Ausgangsdifferenz verfestigungsfähig generiert werden, dies dann sogar in der Form reziproker Beobachtungen anhand der Re-entries, die relativ bestandsfeste Kausalitäten konstruieren – oft als Erzählungen, die auf wissenschaftliche Einwände nicht reagieren.

Kann man etwas tun? Utopisch gesehen, ja, man könnte. Ein probates Mittel wäre es, einfach die Differenz zu löschen, zu tilgen oder, besser noch: zu vergessen – nachhaltig. The very choice could be rejected. Die Unterscheidung würde so in die Regionen der Austauschbarkeit getrieben. Mir ist das zugestoßen nach zwei Jahren in Neubrandenburg, Wie immer schrieb ich ein Buch, hier über die Leitdifferenz Ost/West und ihre Folgen. Danach sah ich die Dinge anders. Die Konsequenz war, dass ich auf einmal nur noch Leute sah. Mehr brauchte es wirklich nicht.

Zu Weihnachten darf man sich etwas wünschen. Ich bestehe schon lange darauf, dass ich keine Kleinigkeiten möchte. Ohne ‚Großigkeiten‘ ist mir Weihnachten verdorben.

Ich brauche nicht zu sagen, was ich mir die nächsten Jahre wünsche, Weihnachten hin, Weihnachten her.

I wish you a Merry Christmas
Peter Fuchs

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