Kurt Buchinger, Wien: Wie ich wahrnehme, was ich wahrnehme
Zuzeiten bin ich mehr „metaphysisch“ gestimmt. In allem, was mir begegnet, scheint mir dann ein Geist zu walten, der jede menschliche Fassungskraft überschreitet. Die Natur, der ganze Kosmos mit all seinen Rätseln, die Untiefen der menschlichen Seele, sogar die menschliche Geschichte und Gesellschaft mit ihren unfassbaren Gräueln zeugen auf irgendeine unsentimentale Art und Weise davon. Was ich oder irgendwer anderes zu denken und fühlen vermag, was wir in welcher Form auch immer zum Ausdruck bringen können, spiegelt mir diesen unendlichen Geist wieder – mehr oder weniger getrübt durch unsere begrenzten Möglichkeiten.
Ich ahne das Eine im Vielen, erkenne dass alles mit allem verbunden ist, bin nahe daran in „allem die ewige Zier“ zu sehen.
Wenn mich diese Stimmung nicht mehr ganz ausfüllt, melden sich inmitten der Bewunderung, oder zumindest an ihren Rändern Zweifel, wie das alles möglich ist. In der Folge erhebt sich die Frage, was denn das sein soll, was da waltet und wirkt.
Für etwaige Antworten stehen mir aus den diversen religiösen und philosophischen Traditionen Bilder zur Verfügung. Da ist die Rede von einem liebenden Schöpfergott, oder von einem bösen Dämon, oder von beiden gemeinsam; vom unbewegten Beweger; von einem großen Weltgesetz; vom Rad des Werdens und Vergehens.
Natürlich gibt es innerhalb und zwischen diesen Traditionen endlos viel zu diskutieren. Etwa ob allem ein göttlicher Plan zugrunde liegt, oder ob eine solche Vorstellung eines schaffenden Geistes nicht allzu sehr nach dem Muster menschlichen Tuns gestrickt ist. Ob eine geistige Grundstruktur sich in immer wachsender Entfaltung und Komplexität durch alles hindurch zieht, vielleicht sogar auf ein geheimnisvolles Ziel hin. Oder ob es in kosmischen sowohl als in historischen Dimensionen um die ewige Wiederkehr des selben geht.
Je intensiver ich versuche, solchen Fragen nach zu gehen, desto eher verdünnt sich die Stimmung, die ihnen vorangegangen ist, und die ich „metaphysisch“ genannt habe. Bis zuletzt nur mehr Gedanken übrig bleiben. Auch sie üben einen gewissen Reiz auf mich aus. Sie laden mich dazu ein, ein konsequentes Spiel mit Begriffen zu treiben, ein Zeitvertreib, der süchtig machen kann und sich gelegentlich erst mit Fertigstellung eines großen Puzzles beruhigt, das man ein System nennt. Weiterlesen →
Martin 
Hartwig 
Peter 
Wenn ich weiter mit diesem Bild spiele (in des Wortes bester Bedeutung), dann frage ich mich, wenn ich beraterisch-therapeutisch tätig bin (oder sein will), ob ich „meine Tür(en)“ offenhalte und die Menschen zu mir kommen lasse. Oder ob ich die Tür(en) zumache, indem ich darauf verweise, keine „freien Plätze“ zu haben … was mich sehr bedrückt, denn ich bin immer mehr zu der Überzeugung gelangt, dass dies letztlich ein Ausdruck dessen ist, dass ich nicht über den Tellerrand schaue, sondern so weitermache wie bisher – und dabei das Heinz-von-Foerstersche-Theorem beiseite schiebe: „handle stets so, dass sich die Zahl deiner Möglichkeiten vergrößert“. In einer negativen Formulierung könnte ich sagen: „alternativlos“. Und das, so glaube ich, kann nicht stimmen.
Ruppert 

Peter
Meine systemische Entwicklung wurde angestoßen durch ein Buch und Film von Arist von Schlippe et al. „Zugänge zu familiären Wirklichkeiten“ (2000). Ich würde fast sagen, dass ich vorher recht linear interveniert habe. Damals war ich noch als Familientherapeut in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung tätig und war eher dem Problem ausgesetzt, dass der Altersunterschied zu den Eltern der Hilfeempfänger recht groß war. Ich kann mich noch immer an die vielen Aussagen erinnern, die mich in meiner Entwicklung als Therapeut retrospektiv positiv beeinflussten: „Kannst Du mir bitte einen Betreuer holen, ich habe ein Elterngespräch…“; „Was wollen Sie mir denn erzählen, Sie könnten mein Sohn sein…!“; „Ist Ihr Vater auch zu sprechen…?“
Es waren aus heutiger Sicht oft nicht die zeitaufwändigeren systemischen Interventionen, wie z.B. die Arbeit am Familienbrett, der Skalierungsscheibe oder Aufstellungsinterventionen im Raum, sondern die scheinbar pragmatischen Techniken, die unglaublich schnell wirkten und die Klienten sofort zum Nach-denken anregten und ein „Aha-Erlebnis“ auslösten. Ebenso waren auch systemische Abschlussszenarien unglaublich hilfreich, um bei mir Entwicklung verdichtet anzustoßen, wie z.B. „Hat Ihnen innerhalb der letzten 6 Sitzungen etwas gefehlt, was Sie bisher nicht angesprochen haben?“; „Angenommen, Sie könnten meine therapeutische Entwicklung positiv beeinflussen, was würden Sie mir empfehlen? Fehlte Ihnen etwas an meinen Vorgehensweisen?“; „Angenommen, Sie wären ein Therapeutentester Undercover – Undercover Reportagen sind momentan ein Trend in Deutschland … was würden Sie an meiner Praxis oder an meinen Eigenschaften als Therapeut konstruktiv kritisieren?“
Liebe Leserinnen und Leser,