systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

systemagazin-Adventskalender: Eine Geschichte von der Scham

| 2 Kommentare

6adventPeter Müssen, Köln: Eine Geschichte von der Scham

Bei der SG-Tagung 2012 in Köln, mit dem Titel „Würde ist tastbar” – ausgerichtet vom IF Weinheim, habe ich Dr. Stephan Marks durch seinen Vortrag „Scham – Hüterin der Würde” kennengelernt. Das Thema ist mir gleichsam unter die Haut gefahren und so ist er seitdem bei den Weiterbildungen des WIST in Münster oft zu Gast. Dabei erzählt er gerne die „Geschichte von der Blattlaus”, für die ich hier im Adventskalender ein Türchen öffnen möchte.

Scham ist nach Marks ein universelles Gefühl, das alle Menschen auf individuelle Art kennen. Dieses Gefühl, so sehr es auch peinigen mag, wird nur selten in Worte gefasst und oft tabuisiert, zeigt sich aber deutlich in Körperreaktionen, wie z.B. dem Erröten, oder aber in Ausdrücken der Körpersprache. Das Schamgefühl isoliert und trennt, macht den Menschen einsam und oft zum verächtlichen Gespött der anderen.

Scham kann in vielen, ja fast allen Situationen auftauchen. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen, die mit Menschen arbeiten, Scham erkennen und mit ihr kundig umgehen können, z.B. Pflegekräfte, Lehrer, Psychotherapeuten und Berater usw.

Ob die Scham destruktiv-dysfunktionale Folgen hat, hängt ab von ihrer Menge (das „Gefäß“ der Scham kann überfließen) und der Art des Umgangs mit ihr.
Stephan Marks unterscheidet u.a. folgende Situationen, in denen Scham akut werden kann; immer sind die Grundbedürfnisse von Menschen nach Anerkennung („Sieh mich!”), Zugehörigkeit („Lass mich teilhaben und dazu gehören!”), Schutz oder Sicherheit („Sieh mich, aber nicht alles!”) und nach Integrität („Hilf mir, meine Schuld zu tragen!”) betroffen:

  1. die mitfühlende, empathische Scham, wenn erlebt wird, dass ein anderer sich schämt, oder auch als Gruppenscham z.B. für die Gruppe, Partei oder Kirche, der man selbst angehört, sowie die Scham für das eigene Land und seine Geschichte,
  2. die Anpassungs-Scham, wenn erlebt wird, dass man sich daneben benommen hat und peinlich war, z.B. wenn man nicht den Erwartungen oder Normen seines sozialen Umfeldes gerecht wurde und deshalb ausgegrenzt, ausgelacht oder verachtet wird,
  3. die moralische Gewissens-Scham, wenn erlebt wird, dass man den eigenen Erwartungen an sich nicht gerecht geworden ist, wenn man schuldig geworden ist, anderen oder sich selbst gegenüber.

Können Schamgefühle nicht konstruktiv verarbeitet und integriert werden (gesunde Scham), dann entstehen u.a. folgende Scham-Abwehrformen und Masken der Scham:

  1. Projektion: Anderen wird vorgeworfen, wofür man sich selbst schämt
  2. Beschämung, Verachtung, Ausgrenzung: Andere werden gezwungen, sich zu schämen
  3. Negativismus, Zynismus: Werte – eigene und die anderer – werden verachtet
  4. Arroganz: Protziges Verhalten zum kaschieren der eigenen Scham
  5. Trotz, Wut, Gewalt: Passive Ohnmacht wird in aktive Macht verlagert
  6. Anpassung, Selbstaufgabe: Sich klein und unsichtbar machen, um Beschämung zu entgehen
  7. Ehrgeiz, Leistung, Perfektionismus: Ungesunder Ehrgeiz, damit einen niemand auslachen kann
  8. Emotionale Erstarrung: Totstellen hinter einer starren Maske

Die Brisanz dieser Gedanken im Hinblick auf die aktuelle politische Lage in Deutschland (Flüchtlinge) und für die Berufe, die mit Menschen arbeiten, liegt meiner Meinung nach auf der Hand.

Beim Umgang mit bestehender Scham git es, sie wahrzunehmen und mit ihr umzugehen, ohne zusätzlich zu beschämen. Nicht die Scham an sich in ihrer Würde behütenden Funktion, sondern ein Zuviel an Scham soll erspart werden, um die Würde des Menschen zu wahren. Die Fähigkeit zu gesunder Scham ist einerseits durch stabile Bindung und Vertrauen zu ermöglichen und andererseits ist pathologischer Scham („Ich bin, so wie ich bin, ein Fehler und nicht liebenswert.”) entgegen zu wirken.

Von dieser Scham und dem guten Umgang mit ihr erzählt die “Geschichte von der Blattlaus” (Aus: Toon Tellegen: Briefe vom Eichhorn an die Ameise). Vielleicht kann sie ja auch Ihr Interesse für dieses – wie ich finde – wichtige Thema wecken!

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine schöne Adventszeit und ein frohes Weihnachtsfest!

Die Blattlaus:

Am Rande des Waldes, in einem Häuschen unter dem Rosenstrauch, wohnte die Blattlaus.
Sie schämte sich. Sie wußte nicht, wofür, aber sie schämte sich, solange sie sich erinnern konnte.

Morgens, wenn sie aufwachte, wurde sie rot, sobald sie daran dachte, dass sie es war, die hier im Bett lag.
Und wenn sie aufstand, sagte sie: „Es tut mir leid.“

Alles tat ihr leid: jeder Schritt, den sie machte, jeder Gedanke, der ihr in den Kopf kam, jedes Verlangen, das sie auch nur für den Bruchteil einer Sekunde empfand.

Sie hatte ihre Fenster und Türen sorgfältig mit Brettern vernagelt.
Denn wenn jemand hereinschauen und sie sehen würde, was würde er dann von ihr denken? Nichts Gutes.

Eines Morgens saß sie hinter dem vernagelten Fenster, als sie jemanden vorbeikommen hörte.
Es war Eichhorn.

Hier wohnt die Blattlaus, dachte Eichhorn, das stimmt. Er versuchte hineinzuschauen.
Aber er sah nichts.

Ich muß sie dringend mal besuchen, dachte er. Aber nicht sofort. Da erschrickt sie vielleicht.

„Blattlaus!“, rief er. „Ich bin’s, Eichhorn. Soll ich dich morgen besuchen?“

Er wartete einen Moment, aber es kam keine Antwort.
„Morgen früh?“, rief er und ging dann weiter.

Die Blattlaus saß zitternd in der Dunkelheit.
Zu Besuch, bei ihr: Noch nie hatte sie sich so geschämt.

„Es tut mir leid!“, rief sie, als Eichhorn sie schon längst nicht mehr hören konnte.

An diesem Nachmittag schrieb sie einen Brief.

Geehrter Eichhorn,
nicht kommen. Bitte, bitte.
Blattlaus

Sie schob den Brief durch ein Loch in der Wand und dachte: Er wird den Brief furchtbar finden und das ist er auch.

Ein paar Stunden später kam ein Antwortbrief:

Liebe Blattlaus,
gut, ich werde nicht kommen.
Aber ich möchte dir gern etwas schenken.
Du hast doch bestimmt mal Geburtstag.
Was wünschst du dir?
Eichhorn

Die Blattlaus hockte sich in eine Zimmerecke unter ihren Stuhl.
Mit wirren Haaren und fast violett vor Verlegenheit las sie den Brief immer wieder.

Vielleicht findet er mich doch nicht seltsam, dachte sie.
Und sofort danach dachte sie: Aber er hat mich ja noch nie gesehen!
Ich muß ihn etwas fragen. Unbedingt.
Sonst steht er vor meiner Tür und ruft: „Schäm dich! Schäm dich!“
Genau so lange, bis ich mich in mich verkrochen habe.

An diesem Abend lief sie in ihrem dunklen Zimmer hin und her. Ach, wie schlimm ist es doch, ich selbst zu sein, dachte sie. Erst spät am Abend schrieb sie Eichhorn einen Antwort:

Lieber Eichhorn,
ich möchte gern den Duft von Honig.
Aber nur den Duft.
Blattlaus

Am nächsten Morgen wachte sie früh auf und war schon bereit, sich wie jeden Morgen für sich selbst zu schämen, als plötzlich der Duft von Honig durch ihren Schornstein hereindrang.

Da wurde sie rot und Wellen von Scham schlugen über ihr zusammen.

Aber es war eine andere Art Scham als die übliche an normalen Tagen.
Seltsam, dachte sie. Was ist das bloß für eine Scham?
Mit geschlossenen Augen sog sie vorsichtig den Duft von Honig ein und staunte über sich selbst.

Open Door (Foto: Peter Müssen)

Open Door (Foto: Peter Müssen)

Print Friendly, PDF & Email

2 Kommentare

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Zur Werkzeugleiste springen