
Den 30. Jahrgang der systeme haben wir nun vor uns liegen, der „Interdisziplinären Zeitschrift für systemtheoretisch orientierte Forschung und Praxis in den Humanwissenschaften“. Gegründet von Ludwig Reiter und der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und systemische Studien in Wien, wird sie seit längerem gemeinsam von der ÖAS und der Systemischen Gesellschaft als grenzüberschreitendes Projekt herausgegeben. Gratulation zum 30.! Das aktuelle Heft befasst sich sich schwerpunktmäßig mit den Auswirkungen der „unübersichtlichen gesellschaftspolitischen Situationen“ – im Editorial heißt es dazu: „,Wir leben alle unter demselben Himmel, aber wir haben nicht den gleichen Horizont’. Mit diesen Worten beginnt unsere aktuelle Ausgabe der systeme. Im letzten Heft wurde schon die Frage gestellt, was systemische Perspektiven zu bieten haben, angesichts von Weltgeschehnissen, die zu überfordern scheinen und einfache Handhabbarkeiten in Frage stellen. Versuchen sie diese in einen erweiternden Rahmen zu betten oder ist es noch mal eine Draufgabe zur Komplexitätssteigerung? Die vorherrschende Stimmung von der bodenständigen Meinung, die „Welt steht nimmer lang“, dem beklagenden Verfall der Welt und der Ambivalenz gegenüber dem Phänomen von dem sich ständig bewegend Wogendem, wie den momentan vorherrschenden Völker- bzw. Wanderungsbewegungen, bringt, so scheint es, vermehrt Unsicherheit. Das Krisenhafte hält die westliche Welt in Atem, Flüchtlingskrise, Wirtschaftskrise, Identitätskrise, Psychokrise, Systemkrise? Die vorliegende Ausgabe der systeme lebt von diesen Fragen, die vielleicht auch unsere LeserInnen beschäftigen mögen, und gibt eventuell neue Perspektiven. Von Horizonten, die sich nicht gleich ausnehmen lassen, bis zur heilenden Kraft der Imagination, die Federn fliegen lässt.“ Im aktuellen Heft gibt es Beiträge von Cornelia Oestereich, Günter Schiepek, Klaus Henner Spierling, Cornelia Koppetsch, Maria Borcsa, Katia Charalabaki & Katerina
Theodoraki sowie Luise Reddemann zu lesen. Alle bibliografischen Angaben gibt es hier zu lesen …



Heute würde Virginia Satir ihren 100. Geburtstag feiern. Sie wurde am 26. Juni 1916 in der tiefsten Provinz der USA, dem Kleinstädtchen Neillsville in Wisconsin (2010: 2.463 Einwohner) geboren. Als sie 13 war, bestand ihre Mutter darauf, dass die Familie umzog, um der Tochter den Besuch einer High School zu ermöglichen, die sie 1932 abschloss. Im gleichen Jahr begann sie ihre Ausbildung am Milwaukee State Teachers College (jetzt University of Wisconsin-Milwaukee), die sie mit einem Bachelor beendete. Nach einer Zeit der Tätigkeit als Lehrerin machte Satir noch eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin und begann schon 1951, in eigener Praxis mit Familien zu arbeiten, was zur damaligen Zeit völlig außergewöhnlich war. Ab 1955 unterrichtete sie das Fach Familiendynamik am Illinois Psychiatric Institute. In einer Zeit, in der alle namhaften Familientherapeuten Männer waren, setzte sich als einzige Frau mit großem Selbstbewusstsein durch. Ende des Jahrzehnts zog sie nach Kalifornien, wohin sie 1959 von Don D. Jackson und Jules Ruskin in das Gründungsteam des Mental Research Institute in Palo Alto bei Stanford (USA) berufen wurde. Hier übernahm sie die Leitung der Ausbildungsabteilung des Instituts und entwickelte das erste familientherapeutische Ausbildungsprogramm in den USA, das auch eine Weltpremiere darstellte.Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre war Virginia Satir auch häufig in Deutschland zu Gast, um hier Workshops und Kurse zu geben. Vor allem hat sie durch ihre Verbindung mit dem Weinheimer Institut für Familientherapie viele systemische Therapeutinnen und Therapeuten geprägt, die ihre professionelle Entwicklung im IFW begonnen haben. Die starke Orientierung an der sogenannten Mailänder Schule um Mara Selvini Palazzoli einerseits, die konstruktivistische und systemtheoretische Wende, die die Familientherapie Anfang der 80er Jahre hierzulande nahm, andererseits führte jedoch dazu, dass der Ansatz von Virginia Satir, der u.a. Arbeit mit Familienskulpturen, Familienrekonstruktion und das Konzept des Selbstwerts in den Vordergrund rückte, außerhalb der humanistisch geprägten psychotherapeutischen Szene nicht sehr breit rezipiert wurde. So habe ich Virginia Satir nie selbst erlebt, mich aber auch nicht darum bemüht, da mir ihre konzeptuellen Überlegungen nicht besonders zusagten. Ihre geschichtliche Bedeutung für die Familientherapie habe ich erst viel später realisiert.
Der systemische Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass er bei der Erklärung von (vermeintlich individuellen) Phänomenen immer die verschiedenen relevanten sozialen, historischen, ökonomischen, rechtlichen u.a. Kontexte einbezieht. Gerade bei der Frage, was als psychisches oder seelisches Problem, Krankheit oder Störung gelten kann, ist diese Perspektive von besonderer Bedeutung. Allerdings ist die Frage, inwiefern gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss auf die Entstehung psychischer Probleme nehmen oder diese sogar verursachen, schon viel älter als systemtheoretische Beschreibungen. Ob der Kapitalismus krank macht, ist eine alte soziologische Fragestellung, die aber natürlich von eminenter politischer Bedeutung ist (und seit den 60er Jahren diskutiert wird).
