Im Deutschen Ärzteblatt ist in Heft 1/2017 ein Interview mit mir zum Thema Diagnosen und Diagnostik erschienen, das auch online gelesen werden kann. Ein findiger Lektor oder Redakteur hat dabei in den Satz „dass wir als Therapeuten nicht nicht diagnostizieren können“ ein doppeltes „nicht“ gefunden und leider sinnentstellend entfernt. Es geht im weitesten Sinne um die Thematik des bevorstehenden Kongresses „Was ist der Fall? Und was steckt dahinter? Diagnosen in systemischer Theorie und Praxis“, der vom 25. bis 27. Mai 2017 in der Heidelberger Stadthall stattfinden wird. Mittlerweile steht der größte Teil des Programms fest. Die Website der Tagung ist mittlerweile auch fertiggestellt, alle Informationen über den Kongress und den Programmablauf sind hier im Überblick zu erhalten. Im Verlag Vandenhoeck und Ruprecht erscheint übriges im April rechtzeitig vor dem Kongress ein Gesprächsband mit dem Titel „Für welche Probleme sind Diagnosen eigentlich eine Lösung?“, in dem Hans Lieb und ich mit Uwe Britten über das Thema Diagnostik diskutieren. In der Verlagsankündigung heißt es: „Bei inzwischen mehreren Hundert Diagnosen für psychische Störungen sind die internationalen Klassifikationssysteme DSM und ICD mittlerweile
angekommen – ist das noch durch irgendetwas gerechtfertigt? Und: Wofür sind Diagnosen bei psychischen Beeinträchtigungen überhaupt sinnvoll? Tom Levold und Hans Lieb suchen im Gespräch nach Antworten. Gerade zu Beginn einer Psychotherapie kann eine standardisierte Diagnostik mit dem Erkennen von Symptomen und der Nennung einer Diagnose hilfreich sein, insbesondere für die Psychotherapeuten selbst. Das gibt ihnen Sicherheit. Doch mit dem Fortschreiten der Therapie ist es ratsam, sich von den allzu einengenden Schablonen heutiger Diagnosen zu distanzieren und den Blick zu weiten, um den Klienten in seiner menschlichen Tiefe besser zu verstehen. Tom Levold und Hans Lieb stehen der gängigen standardisierten Diagnostik mit Vorbehalten gegenüber, zumal so getan werde, als existierten psychische Erkrankungen »für sich« irgendwo. Das tun sie aber nicht, denn die Problemlagen der Klienten sind viel komplexer, als die Diagnosen es suggerieren, sodass die Vergabe einer Diagnose nichts anderes als eine Fremdbeobachtung ist, die oft wenig mit dem Erleben der Klienten zu tun hat. Zwar stehen Diagnosen stets im Raum, wenn es um psychische Erkrankungen geht, doch sie sollten mit kritischer Distanz reflektiert werden. »Wir können nicht nicht diagnostizieren«, meint Hans Lieb. »Ja«, ergänzt Tom Levold, »aber wir dürfen menschlichen ›Sinn‹ nicht medizinisieren«.“
17. Januar 2017
von Tom Levold
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Im Wiener Promedia Verlag ist 2015 das Buch „Das Ende der MEGA-Maschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ von Fabian Scheidler erschienen. Scheidler, der Geschichte, Philosophie und Theaterregie studiert hat, arbeitet als freier Autor für unterschiedliche Medien. Sein Buch wurde von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in die „TOP 10 der Zukunftsliteratur 2015“ gewählt. Jochen Schweitzer hat es gelesen und empfiehlt die Lektüre nachdrücklich. Lesen Sie selbst:
Das letzte Heft des Kontext-Jahrgangs 2016 ist kurz vor Weihnachten erschienen und dem Thema Achtsamkeit und Spiritualität gewidmet. Im Editorial heißt es: „Das Thema Achtsamkeit boomt. Schlägt man dieser Tage eine beliebige Wirtschafts- oder Managementzeitschrift auf, braucht man nicht lange zu blättern, bis man auf einen Artikel stößt, der die Achtsamkeits- und Meditationspraxis als hilfreich für die Bewältigung der Herausforderungen preist, mit denen Führungskräfte und Mitarbeiter in Unternehmen zu kämpfen haben. Wurde dieses Thema in den vergangenen Jahrzehnten eher dem Bereich spiritueller Selbstvergewisserung oder gar dem zweifelhaften Milieu esoterischer Lebensentwürfe zugeordnet, haben Achtsamkeit und Meditation Einzug in eine Welt gehalten, die weithin eher mit rationalistischen Optimierungsstrategien in Verbindung gebracht wird als mit der Frage nach Transzendenz und Sinnsuche.
Lösungsorientierte Beratung hört sich oft einfacher an, als es ist. Dies gilt ganz besonders in der Beratung mit Eltern, die sich bereits getrennt haben und miteinander als Partner nichts mehr zu tun haben wollen. Hier sind Konflikte vorprogrammiert, die an lösungsorientierte BeraterInnen besondere Anforderungen stellen. Sabine Holdt und Marcus Schönherr arbeiten als PsychologInnen seit 1996 in der Familienberatungsstelle des FamThera-Instituts in Leipzig mit getrennt lebenden Eltern an der Bewältigung ihrer Nachtrennungskonflikte und der Regelung ihrer Sorge für die gemeinsamen Kinder. Über ihren Arbeitsansatz haben sie ein Praxishandbuch geschrieben, das 2015 im Klett-Cotta-Verlag in der Reihe Leben lernen erschienen ist.
Die Independent Social Research Foundation (ISRF) und das Journal for the Theory of Social Behaviour (JTSB) vergeben jährlich Essay-Preise für Arbeiten aus unterschiedlichen Sparten. 2014 hat der bekannte Sozialpsychologe Kenneth J. Gergen (Foto: www.carl-auer.de) diesen Preis für einen Essay gewonnen, der eine neue Perspektive auf Forschung vorschlägt – und auf der website von Gergens Taos-Institut heruntergeladen werden kann. Er geht davon aus, dass die „Wissenschaftskriege“ der letzten Jahrzehnte nachgelassen haben und damit Platz für einen „reflektierenden Pragmatismus“ eröffnet, auch wenn nach wie vor die vorherrschende Metapher, die den meisten Forschungen in den Sozialwissenschaften zugrundeliegt, die eines „Spiegels“ von Wirklichkeit sei, also primär eine visuelle Metapher der Beobachtung und Beschreibung von Realität. Gergen bietet eine Alternative zur Spiegelmetapher an, die den Forscher weniger als „Welt-Untersucher“ denn als Welterfinder definiert. Es geht ihm also nicht darum, die Welt auf das, was sie ist, zu untersuchen, sondern Forschung vielmehr darauf auszurichten, Zukunft aktiv zu gestalten. Mit dieser Art von Forschung verbunden ist die Suche nach und Entwicklung von neuen Praktiken und kollaborativem Handeln. Damit einher gehen auch Überlegungen zur veränderten Rolle von Theorie und die Bedeutung einer relationalen Ethik der Forschung.
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Jürgen