
Zugeflogene Worte
Ich bin ja nun mit meinen 79 schon eine längere Wegstrecke unterwegs und prinzipiell im Ruhestand. Doch halte ich mich zu Themen, die mich interessieren, auf dem Laufenden. Hauptinteresse immer noch: Der Mensch in seiner Entwicklung. Doch sind das heute weniger meine alten Fachthemen. Es ist sogar verblüffend, wie schnell man an vielem das Interesse verlieren kann, wenn man erstmal im Ruhestand ist. Es sei denn, es tut sich etwas Neues. Da fällt mir allerdings zu diesem Jahr wenig ein.
Doch blieben es zwei Worte, die mir in den letzten Wochen zugeflogen sind. Und alle habe etwas mit Dialog und Perspektiven zu tun. Die Worte sind Imagogie und Geschwisterlichkeit.

Ich glaube es war Richard David Precht, der von Imagogie gesprochen hat. Das Wort kannte ich nicht und es löste in mir die Phantasie aus, dass es auf etwas Wichtiges verweist. Als ich recherchierte, kam es in Begleitung von Demagogie daher. Demagogie: Vereinfachend, auf Emotionen zielend wie z.B. Angst und Empörung, um über Zustimmung Macht zu erlangen. Ja, davon hatten wir reichlich dieses Jahr.
Imagogie dagegen: auf Berührung zielend, um über Inspirationen z.B. durch Bilder und Metaphern Vorstellungen zu wecken. Wie z.B. könnten Zukünfte sein, die zumindest ein tolerantes und friedfertiges Nebeneinander ermöglichen? Für Zukunfts- und Dialogfähigkeit auch in dystopischen und polarisierten Gefilden braucht es gemeinsame Wirklichkeitsbilder. Diese sollten einerseits anerkennen, wo wir stehen und dass es nicht wie gehabt weitergehen kann, aber andererseits Hoffnung wecken, dass es sinnvolle Zukünfte gibt, für die es lohnt, sich zu engagieren, notfalls Opfer zu bringen. Der Klassiker also: „Wie können und wollen wir leben?“! Und welchen Preis sind wir bereit dafür zu zahlen? Auch darum zu streiten lohnt, doch auch die Streitkultur liegt im Argen. Leider kommen wir mit positiven gemeinsamen Narrativen nicht so recht voran, obwohl sich viele ernsthaft bemühen, sich nicht mit irrelevanten oder ideologischen Scharmützeln auf der Titanic zu begnügen.
Konstruktiv Streiten will ja auch gelernt sein. Auf Kontroverses und Unwägbares hauptsächlich mit Brandmauern und roten Linien zu reagieren, reicht nicht, obwohl verständlich ist, wenn der Intoleranz keine Toleranz entgegengebracht werden soll. Wo aber liegen die Grenzbereiche zwischen Beschwichtigung und Dialogbereitschaft?
Der Stress ist groß und dementsprechend geht es immer gleich auch ums Selbstverständnis. Doch durch Befestigung von Identitätsinseln und Moralismus ist das Problem nicht zu lösen. Zu viele Fragen bleiben unbeantwortet. Ich beneide niemanden, der da besondere Verantwortung trägt. Leider habe auch ich keine Antworten und kann höchstens etwas zur Deeskalation und zur Haltungsbildung beitragen.
Und hier kommt die Geschwisterlichkeit ins Spiel. Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit, Schlagworte aus der französischen Revolution, die sich in der Blüte des deutschen Idealismus und der Weimarer Romantik „nebenan“ ereignete. Alle drei Begriffe und deren Zusammenhang beschäftigen mich immer wieder. Hier nur ein paar Sätze zur Geschwisterlichkeit, wie man Brüderlichkeit heute nennen müsste.
In meiner Herkunftsfamilie war man sich nicht besonders nahe. Die positive Folge: Es gab auch wenig Verwicklung und Drama, nicht mal bei den Erbteilungen, die viele Familien aus dem Ruder laufen lassen. Ich hatte immer eher das Bild von einer Stallgemeinschaft verschiedener Tierarten statt von einer homogenen Gemeinschaft. Mir war es recht. Jeder konnte außerhalb finden, womit er verbunden sein wollte. Das als Hintergrund für mein Verständnis von Geschwisterlichkeit.
Die Basis-Variante der Geschwisterlichkeit ist die Koexistenz. Man kann und will „unfallfrei“ nebeneinander leben und aneinander vorbeikommen. Das ist schon viel. Minimumanforderung hierfür ist Toleranz. die gerade dort gefordert ist, wo die Lebensarten anderer schwer zu ertragen sind. Darüber hinaus gibt es die Premium-Variante Komplementarität: Man macht es den anderen möglichst leicht, z.B. nimmt man sich möglichst wenig heraus, beeinträchtigt andere nicht ohne Not und faire Auseinandersetzung. Das ist im Angesicht endloser Ausbeutung und der Hortung von Privilegien schon eine gehobene Form von Geschwisterlichkeit. Organisieren wir uns so, dass andere, auch solche, mit denen wir nichts weiter zu tun haben wollen, sich damit verträglich auch gut organisieren können? Dann gibt es die Luxus-Variante der Geschwisterlichkeit, die Kooperation in Gemeinschaften mit solchen, mit denen wir zusammenleben und -wirken wollen. Gelingt eher selten und auf weite Strecken wirklich gut, beglückt dafür umso mehr.
Die mir zugeflogenen Gedanken -miteinander verbunden- könnten anregen, über Beziehungen zu anderen im Kleinen wie im Großen zu sinnieren und Bilder zu entwickeln, was wir tun können und wollen, um ein paar Schritte Richtung Upgrade in Sachen Geschwisterlichkeit zu gehen.
Eine frohe Weihnachtszeit
wünscht Bernd Schmid










