systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

19. Dezember 2022
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 2022 – 19. Matthias Ohler

Zuversicht bedeuten für mich u.a. besondere Nachdenkformen. Einfach, dass es sie gibt. Zum Beispiel Aphorismen, noch mehr Sonette. Sie sorgen wie von selbst für Kreativität, besonders, wenn sie eine gewisse formale Strenge haben. Ich nenne das poetisch denken. Das Ausfüllen der Form gängelt in gewisser (schöner) Weise das Formulieren und führt oft zu neuen, auf anderem Wege eher unwahrscheinlicheren Gedanken, Erkenntnischancen. Diese bleiben als solche erkennbar, die über einen Weg, aus Erfahrung, entstanden sind und nicht unbefragbar oder unbezweifelbar. Ein Aphorismus, zum Beispiel, der zur Gewissheit oder reklamierten Wahrheit degeneriert, taugt nichts mehr.

Poetisch denken heißt, sich dem Medium Sprache anders anvertrauen, und damit einer hochrelevanten Umwelt. Grammatik ist Alltag in permanenter Verwendung. Poetisch denken könnte man auch so sagen: Dichterische Verwendungen von Sprache stellen eigen-artige Formen zur Prüfung von Gewissheit zur Verfügung. Poetisch denken ist nützlich, wenn wir allmählich anderes alltäglich werden lassen wollen. Das stimmt mich zuversichtlich.

In der Zeit zwischen den Jahren wollen die Tochter meiner Frau und ich uns daran versuchen, auch Collagen als weitere Form poetischen Denkens gemeinsam zu verwenden. Das schafft mir konkrete Zuversicht.

Als Beispiele hier zwei Aphorismen und ein Sonett.

Ich gehöre allen. Mir gehört niemand.

Nicht alles, was sich einmal als Irrtum herausstellt, war schon immer einer.

Entscheiden

Wenn´s um Entscheiden geht, ist erst zu fragen,

welches Entscheiden grad in Frage steht.

Das nämlich ist nicht immer leicht zu sagen,

doch dann erst weiß man, worum´s wirklich geht.

Die sogenannten sachbezog´nen Themen

Sind häufig, aber unbemerkt, begleitet

von einem häufig wichtigeren Schemen,

der sich in das Gewand der Sachen kleidet.

Wie kann man hier die Übersicht behalten?

Man könnte es versteh´n als Maskenball.

Hier ist geraten, man lässt Vorsicht walten.

Nicht jede Party braucht den großen Knall;

man kann sie langsam förmlich umgestalten,

bis zum wie unbemerkten Maskenfall.

18. Dezember 2022
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 2022 – 18. Katrin Bärhold

Die Gewissheit, dass es wieder besser wird, mit einigen kleinen Geschichten aus meiner Familie mit Sprüchen, an die man sich, wenn es nicht so gut geht, erinnern könnte:

Mama

Wer kennt sie nicht, die Sprüche der Kindheit: ‚Solange du deine Füße unter meinen Tisch steckst‘…. oder, oder, oder…. Das kann man richtig kacke finden und dagegen rebellieren, wenn man sich traut, drückt es aber doch auch die Hilflosigkeit der Eltern bei der Erziehung der Kinder aus und weist auf eigene Kindheitsbeschämungen hin. In Deutschland recht verbreitet und tief verankert. Uiuiuiui. Meine Mutter wurde als Flüchtlingskind aus Memel beschämt, weil sie zwar mit 4 geflüchtet – aber mit 7 Jahren immer noch keinen eigenen Schlitten vorzuweisen hatte, mit dem sie im Winter den Berg durch den damals noch vorhandenen Schnee runtersausen konnte. Die anderen Kinder, älter meist, zeigten mit dem Finger auf sie. Pfff. Und! Sie surfte auf ihren „Igelittstiefeln“ (Weich-PVC) durch den Schnee und den Rodelhügel runter – sehr modern – war ihr egal – sie hatte Spass. „Wenns so nicht geht, gehts halt anders“ und ich erinnere mich an ihr Gesicht, als sie das erzählte. Grinsend mit gespitztem Mund- „waren meine – die andern hatten Schlitten, ich die Stiefel“.

Oma

Und Omma – eine traumatisierte, verschreckte harte Frau aus dem letzten Jahrtausend, geboren nach dem ersten, vor dem 2. Weltkrieg. „Ich hatte nix zu lachen, wurde mit 14 beim Bauern in Stellung gegeben und hatte zu funktionieren.“ Sie verschenkte später gern jedem der 4 Enkel ab und zu einen Heiermann – „5 Moork“ wie sie sagte – die waren auch im Osten schwerer an Gewicht. Anders konnte sie ihre Liebe nicht zeigen, wirklich nicht. Meine Cousine schwenkte ihren Zopf – pff und lehnte ab – bloß 5?, mein Cousin versuchte mir meinen abzuschwatzen – wie auch meine wertvolleren Briefmarken und meine Schwester guckte nur. Alle wünschten sich eine Omi mit Kochlöffel, Liebe und Güte. Ich verstand intuitiv – es ging nicht anders. Ihre Enttäuschung versteckte sie hinter ihren roten Locken und den Sommersprossen und ihren Falten. Und wenn ich dann wegen dem oder irgendwas anderem zu ihr geheult kam, gab sie mir trockenes, hartes Brot zum knabbern, zum dran rumsaugen, und sagte: „Wird alles nicht so heiß gegessen wie’s gekocht wird – wart mal ab.“  Aaaah – so hatte sie das also gemacht. Ich hing stundenlang ‚bei ihr ab‘ und las dicke Bücher mit dem Brotkanten dabei. Geschichten lesen oder erzählen, oder erzählt bekommen. Das hatte sie von ihrer Mutter – meiner Uroma.

Papa

Und Papa hatte früher ein Motorrad, als er noch nicht 85 Jahre alt war, er bastelte, schraubte und glich den Mangel aus, wenn er ein Teil nicht hatte, oder etwas nicht funktionierte. Fluchte beim Sägen von Schrauben und Biegen von Rohren. Steckte den Schraubenzieher in den Dreck, fluchte wieder, strengte sich an und murmelte: „was nicht passt, wird passend gemacht“. Dann drehte er am Gas und Brrrrmmmm, war sie an, die alte 250er. Aufsteigen, weiterfahren. Lösungen suchen, es versuchen.

Sauerkraut

Und Mamas absolute Stärke war die Herstellung ihres berühmten Sauerkrautes. Sie hatte meiner kleinen Schwester, als diese etwa 6 Jahre alt war, glaubhaft versichert, dass sie nun groß sei und dieses geschnittene Kraut in seinen Gewürzen schwimmend mit ihren nackten Füßen zu stampfen hatte, dafür müsse sie sich ihre Füße sehr gründlich waschen und schrubben. (Dabei griente sie mich an – wir beide wussten, dass dies ein Scherz sein würde und man natüüüürlich die Hände nimmt – Mittelalter war ja vorbei) ABER! Die kleine Maus sauste also – befreit von jeder Skepsis ins Badezimmer, schrubbte und wusch und spülte und war bereit. Sie war so voller Glauben und Freude, dass meine Mutter (und ich auch) ihr erst etwa zehn Jahre später gestand, dass dies ein Spass gewesen sein sollte, ihre Füße aber wohl sauber genug gewesen seien und ihr Gesicht so viel Bereitschaft ausgestrahlt hätte, dass wir uns im Geiste damals korrigiert hatten und sie stampfen ließen. Und sie grinste sehr breit: „Was lange währt…. ich hab mich gefragt, wann ihr damit rausrückt.“ Und immer wenn es Sauerkraut gab und gibt, schiebt sich ein Lächeln auf mein Gesicht und auf ihres und das meiner Mutter.

17. Dezember 2022
von Tom Levold
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systemagazin 2022 – 17. Ulrich Fellmeth

Das Geschenk der Jahrestagung 2022

Das Geschenk der DGSF-Jahrestagung in Dresden besteht für mich in der Rahmung und Inspiration für eine fortlaufende Reflexion über Weltbilder, Denkweisen, Strategien und Beziehungs-Dynamiken im Kontext der Bemühungen um Klimaschutz. Das erfüllt mich mit systemischer Zuversicht.

Wenn es so etwas wie eine Anleitung geben würde für professionelle systemisch orientierte Aktivist*innen und Netzwerker*innen, dann würde ich aus den Eindrücken und Erkenntnissen von Dresden diese ungefähr so formulieren:

WIR

  • suchen die Nähe der Menschen;
  • halten Ausschau nach Gleichgesinnten;
  • sind neugierig, was unsere Mitmenschen bewegt;
  • nehmen Sorgen und Bedenken ernst;
  • belästigen andere nicht mit unseren eigenen Problemen;
  • ermutigen durch positive Resonanz für bereits Praktiziertes;
  • ermuntern zu weiteren kleinen und großen Schritten;
  • suchen nach Anknüpfungspunkten und Gemeinsamkeiten;
  • vermeiden als Welterklärer aufzutreten;
  • achten auf die Gefahren von missionarischem Eifer;
  • gehen auch dahin, wo es für uns unbequem werden könnte;
  • stellen über alles unser Wohlwollen bezüglich der guten Absichten der Beteiligten;
  • vermeiden Debatten mit Personen und in Gruppen, die zu nichts führen;
  • konzentrieren uns auf Entwicklungs-Potentiale von Beziehungen und Kooperationen;
  • verbreiten realitätsbezogene Zuversicht, ohne Gewissheiten zu postulieren;
  • strahlen Wärme aus, gepaart mit durchdachter Handlungsorientierung.

Unser lokales SDG Projekt arbeitet mit dem Slogan „Vor Ort Teil der Lösung sein“.

Neben vielen anderen Projekten betreuen wir eine Streuobstwiese, pressen mit Eltern und Kindern Apfelsaft und pflanzen neue Apfelbäume an.

Ulrich Fellmeth, Stuttgart, Co-Sprecher DGSF Netzwerk Klimaschutz

16. Dezember 2022
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 2022 – 16. Christian F. Michelsen

Meine Frau und ich lassen uns trösten –  von einer Stubenfliege. Wir haben sie Mathilde getauft, wie die Mathilde in Leila Slimanis lesenswerter Trilogie.

Mathilde, unsere Stubenfliege lässt mich bei jeder unserer Begegnungen an Alekos Panagoulis denken, dem Oriana Fallaci ihr Buch „Ein Mann“ gewidmet hat. Alekos hat als Widerstandskämpfer gegen die griechische Militärdiktatur sehr lange mutterseelenallein in einer Einzelzelle gedarbt. Er hat unter seinem Mangel an menschlicher Nähe gelitten. Aber eine zuverlässige, ständige Begleiterin war eine – Stubenfliege. Trost, Ermutigung, Zuversicht, ein Lebewesen! Nach der Junta wurde er Parlamentsabgeordneter.  Ja, „Über allem steht die sich abzeichnende ökologische Katastrophe…“ schreiben Sie. Der Anblick dieses Insektes auf meiner Tageszeitung lässt mich an die mutigen Widerständler von extinction/rebellion, Ende Gelände oder Letzte Generation denken. Die zeigen wirklich Haltung. Es geht um alles.

P.S.: Meine Verbundenheit mit dieser so selten gewordenen species – hier eine Einzelhüpferin  auf meiner Wanderhose, im Oktober diesen Jahres – ist stellvertretend  für meine felsenfeste Überzeugung, dass wir alles für das Überleben aller noch lebenden Arten unternehmen müssen.


15. Dezember 2022
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 2022 – 15. Yvonne Weber

Das Wissen darüber, unterwegs zu sein, das hat in diesem Jahr und auch in dem vergangenen eine besondere Bedeutung für mich bekommen. Eigentlich liebe ich Rituale, Gewohnheiten, Bekanntes um mich herum. Viel Veränderungen, beruflicher wie privater Natur, haben mir gezeigt, dass auch unterwegs sein bekannt und gewohnt werden kann. Vielleicht nicht immer, aber für eine begrenzte Zeit darf es ein Begleiter sein. 

Seither hat diese Haltung für mich etwas Beruhigendes, Positives. In herausfordernden Zeiten verspricht es mir, dass es auch wieder andere, leichtere Zeiten geben wird. In ruhigen Zeiten ermöglicht es mir Zuversicht und Gelassenheit, dass das so sein darf, da die Bewegung, der Richtungswechsel, die Auf und Abs impliziert sind. Mit dieser Haltung, dieser Hoffnung, dieser Ressourcenorientierung und Kraft begegnen wir unseren Gegenübern in unseren systemischen Gesprächen. Unterwegs bleiben, nach vorne schauen, sich begleitet sehen von lieben Menschen im privaten und beruflichen System. Das wünsche ich Ihnen.

14. Dezember 2022
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 2022 – 14. Lisa Reelsen

Nun bin ich Corona-bedingt für mindestens eine Woche aus meiner Berufswelt abgemeldet und hoffe bei allen Beschwerden immer noch auf einen milden Verlauf, obwohl das Fieber steigt. 

Ich liege etwas gelangweilt auf dem Sofa rum und mein Blick fiel eben nach rechts, wo diese beiden Häkelpuppen, die ich mal getrennt voneinander bei verschiedenen Anbietern im Internet gekauft hatte, stehen bzw. sitzen. Ich stricke, sticke, häkele und nähe tatsächlich gern, auch wenn es etwas „old school“ anmuten mag, es dient mir als Meditation. Und dann ist es eine schöne Tradition. Meine Oma war Schneiderin, meine Mutter Wäschenäherin und sie widmete sich der Handarbeit mit noch viel mehr Inbrunst als ich. Sowas wie diese beiden Puppen jedoch bekomme ich aber dann doch nicht so gut hin. Deshalb kaufte ich sie. Dem bezopften Mädchen hatte ich die Arme verschränkt, da ihr Gesichtsausdruck schon nach Empörung aussah. Dem Teufel hatte ich sie vor einiger Zeit auch verschränkt.

Zum Thema Zuversicht fiel mir nur kurz ein: Solange der Teufel sich solidarisch noch mitempört, kann man noch zuversichtlich sein, auch wenn er dabei grinst. 

13. Dezember 2022
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 2022 – 13. Sabine Klar

Das „Aber …“

Leben ist in seinem Wesen dadurch gekennzeichnet, dass es sich Hüllen baut, sich Schicht um Schicht dort umhäutet, wo etwas zusammen gehalten und zusammen gewoben und anderes abgeschirmt und draußen gelassen werden soll. Es werden Membranen, Häute, Gewebe, Grenzen unterschiedlicher Art gebildet. Das Veränderte wird entfernt, das Vorgesehene weiter erzeugt, das Unnötige ausgeschieden. Das einzelne Lebewesen muss geeigneten Abstand wahren, sich von seiner Umgebung abschirmen und sich ihr gleichzeitig dosiert öffnen. Die Unterscheidungen zwischen Innen und Außen, dem Dazugehörenden und dem Fremden, dem Bewahrenswerten und dem Aufzulösenden sind auch im sozialen und geistigen Bereich eine ständige Aufgabe, die dazu dient, das vertraute Eigene zu erhalten und trotzdem beweglich zu bleiben. 

Ich persönlich lerne gerade an den „Rissen und Beulen“ meiner Welt besonders gut. Dort wo ich nichts mehr verstehe, wo mich etwas stört, wo andere sich nicht meiner Erwartung gemäß verhalten, wo ich mit mir unzufrieden werde, zeigt sich, wie ich meine Welt bislang konstruiert habe und was mir daran wichtig war. Es zeigt sich an diesen Stellen auch, wo Erweiterungsnotwendigkeiten meiner Perspektiven bestehen. Grundsätzlich vermitteln mir systemische Zugänge dabei Vertrauen und Hoffnung, denn … 

  • irgendetwas ist immer gut so wie es ist – bei allem Veränderungsfähigen und Veränderungsbedürftigen gibt es Dinge, Abläufe, Elemente von Situationen, Lebenslagen oder Personen, die so bleiben sollen, wie sie sind. 
  • ich habe bereits viele Fähigkeiten, die ich zur Bewältigung von Situationen brauche – ich muss mir dessen nur bewusst werden. Das gilt für mich genauso wie für die anderen. 
  • ich muss nicht selbst alles zu Ende verstehen – es verändert sich ständig etwas. Menschen sind andauernd damit beschäftigt, ihre Lebenslagen zu gestalten, Situationen haben ihre Eigendynamik – ich kann mich für beides interessieren und daran Anteil nehmen.
  • ich muss nichts ganz alleine lösen – die Menschen, mit denen ich zu tun bekomme, helfen mir dabei, zu begreifen. 
  • es geht oft bloß um den nächsten Schritt und darum, die Veränderungen zu bemerken, die dieser kleine Schritt hervorgerufen hat oder die durch ihn möglich geworden sind. 

Die Fähigkeit, mit mir selbst in Beziehung zu treten und mich in den Blick zu bekommen, ermöglicht mir den Eindruck einer gewissen Freiheit und Gestaltungsfähigkeit. Ich kann entscheiden, welche meiner Empfindungen, Impulse und Gedanken ich mit dem Ehrentitel „Ich“ versehen und welche ich als bloß externe Einflussfaktoren betrachten will. Dann kann ich aus der Kraft meines eigenen Wollens bzw. meines eigenen Guten heraus handeln und in meinem sozialen Umfeld klarer erkennbar werden. Bei allen Unwägbarkeiten des Lebens und aller Ungewissheit der Zukunft schafft mir ein gutes Selbstverhältnis einen inneren Bezugspunkt, an dem ich Beheimatung finde. So denken und handeln zu können, wie es mir selbst entspricht, hilft mir auch in meiner Angst – ich bleibe dann sozusagen Herrin meiner Lage und vertraue mir.

Leider treffen manche Ereignisse trotzdem meine wunden Punkte. Dann kommt mir meine Welt plötzlich fremd und bedrohlich vor, so als sei sie ein Feind, der in meine Burg eindringt und dort Chaos und Verwirrung stiftet. Menschen und gesellschaftliche Dynamiken erscheinen mir dumm, ignorant, zerstörerisch und ich würde am liebsten davonlaufen, den Kopf in den Sand stecken oder auf sie dreinschlagen. In solchen Situationen gerate ich aus dem Gleichgewicht, werde misstrauisch, komme mir selbst befremdlich vor, kann mich auch sozial nicht mehr vermitteln und fühle mich alleine und ausgesetzt. Ich vergesse, dass ich auch hier, zumindest in kleinen Bereichen, Gestalterin meiner Situation bin. 

In solchen Momenten taucht manchmal etwas auf – tief in mir drinnen oder in den Worten der Menschen rund um mich herum. Es ist das „Aber …“ hinter jedem bösen Eindruck, hinter jedem schmerzlichen Ereignis, hinter jeder schlimmen Geschichte – das „Aber …“, das Hoffnung erlaubt, Vertrauen schafft, Widerstand ermöglicht, die Stimmung hebt. Dieses schwer beschreibbare „Aber …“ vermittelt mir etwas trotzig Kindliches und sehr Lebenskräftiges – selbst wenn ich, nach seiner Begründung gefragt, oft keine Worte und klugen Gedanken finde und mir zuweilen angesichts der Tatsachen lächerlich damit vorkomme. Wenn ich es wahrnehme und darauf vertraue, öffnet sich etwas – es wird alles ein wenig leichter, freier, heller, so als ob ein Sonnenstrahl durch eine dunkle Wolkendecke bricht. Ich atme tiefer und merke, wie verschlossen und hart ich vorher war. Ich nehme Unterstützung an und gehe auf andere zu. Dieses „Aber …“ durchdringt mich selbst in meinen dunkelsten Momenten. Es lenkt meinen Blick auf das Wesentliche, auf das was in dieser Lage gut tut, auf das was ich wirklich will. Es hilft mir, mich besser zu behandeln, die Stimmen und Geister in meinem Hirn zu unterscheiden, Boden unter die Füße und den Kopf über Wasser zu bekommen. Es bringt mich vor allem dazu, das „ichende“ Kreisen um mich selbst zu beenden, mich und die anderen wahrzunehmen, wie wir halt sind, und mir bewusst zu werden, wie sehr wir einander gerade in schlimmen Lebenslagen brauchen. Die Welt erscheint dann plötzlich voll kleiner „Aber …“ – und sie leuchtet wieder.

12. Dezember 2022
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 2022 – 12. Kurt Ludewig

Otro sueño … ein weiterer Traum

Das Thema des Adventskalenders 2022 – „systemische Zuversicht“ – rief in mir verschiedene Assoziationen hervor, von denen ich hier über eine berichten möchte. Sie betrifft ein Gespräch, das ich vor vielen Jahren mit einer relativ jungen Frau führte. Sie hatte sich in einen wesentlich älteren Mann verliebt und wollte ihn heiraten. Unter anderem damit konfrontiert, dass er vermutlich lange vor ihr sterben und sie verlassen würde, antwortete sie in aller Gelassenheit, dass sie gerade deshalb vorhabe, ihre gemeinsamen Jahre besonders intensiv zu gestalten, denn wer könnte sagen, wie lang dieser Zeit tatsächlich sein würde. Ich fasste diese Antwort als resignativen Optimismus auf, als eine Form von widersprüchlicher Zuversicht angesichts des vermutlich Unveränderbaren.

Während ich mit diesem Thema befasst war, hörte ich von einer jungen Klimaaktivistin im Fernsehen, die wegen der protestierenden Beschmutzung von Bildern in Museen scharf kritisiert wurde, dass sie auch die Kunst schätzte und sich deshalb wünsche, dass auch ihre Kinder später einmal in der Lage sein könnten, schöne Bilder in Museen zu betrachten. Angesichts aber der unmittelbar bedrohlichen klimatischen Veränderungen sei es gar nicht sicher, dass sie bis dahin überleben und die schönen Künste würden genießen können. Deshalb würde sie ihre ganze Kraft daraufsetzen, den Klimakollaps aufzuhalten. Wenn man es so will, könnte man diese Äußerung als widerstrebenden Pessimismus verstehen und so auch als eine Form von widersprüchlicher Zuversicht.

Beide Situationen wirkten auf mich beispielhaft für zwei der Möglichkeiten, die wir haben, mit der aktuell vielfältig bedrohlichen Lage umzugehen. Denn für beide Frauen ging es um den Umgang mit einem befürchteten Ende und um Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken. Die eine akzeptierte zwar den anscheinend unweigerlichen Endzustand, war aber entschlossen, die verbleibende Zeit möglichst intensiv zu nutzen. Die andere war nicht bereit, das bedrohliche Ende kampflos hinzunehmen, sondern wollte mit allen Mitteln versuchen, es aufzuhalten. 

Beim Nachdenken über diese beiden Strategien, die auf den ersten Blick gegensätzlich wirken, offenbarte sich mir jene sehr menschliche Art der Auseinandersetzung mit existenzieller Bedrohung, die weit über ein bloßes Leugnen hinausreicht und als ein “Dennoch” bzw. ein letzten Endes optimistischer Trotz auftritt. Frage ich mich nun, was dem zu Grunde liegt, fällt mir die wohl menschlichste aller Haltungen, nämlich die der Liebe, ein.

Die eine Frau hält trotz allem aus Liebe zu ihrem Lebenspartner, die andere ist um die Liebe zu den Menschen und dessen Habitat besorgt, mitunter auch um die eigene Nachkommenschaft. Nicht zuletzt geht es beiden auch um die Liebe zu sich selbst und den ihren.

Es bleibt zu fragen, ob diese beiden Bewältigungstrategien beim allem vordergründigen Widerspruch sinnvollerweise zu vereinbaren sind.

Es muss uns doch möglich sein, unsere Lebensspanne möglichst intensiv und liebevoll zu gestalten und erleben, zugleich aber bereit zu sein, die für die fortdauernde Existenz unserer Welt notwendigen Veränderungen auch dann anzugehen, wenn sie mitunter Verzicht und spürbare Einschränkungen beinhalten.

Sind wir Menschen weise genug, diese beiden Strategien sinnvoll zu vereinbaren, ohne die eine gegen die andere auszuspielen oder zu missachten? Lieben wir uns und unsere Umwelt so sehr, dass wir gegenüber der klimatischen Bedrohung bereit sind, der bequemen Lethargie des Leugnens und Verdrängens zu trotzten und so tatkräftig zu überwinden?

Persönlich will ich die Hoffnung auf die menschliche Weisheit nicht aufgeben, auch dann nicht, wenn dies nicht viel mehr als ein Traum wäre.

In diesem Sinne möchte ich an die Worte meines Landsmanns Pablo Neruda anschließen, der schrieb:

Así traigo cada mañana de mi vida del sueño otro sueño

 <So bringe ich an jedem Morgen meines Lebens aus dem Traum einen weiteren Traum>

11. Dezember 2022
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 2022 – 11. Rudolf Klein

(Foto: Barbara Schmidt-Keller)

Lose Gedanken zur Zuversicht

Mit der Zuversicht geht es mir wie es Augustinus mit der Zeit ging. Dieser schrieb: „Was also ist ‚Zeit‘? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemandem auf seine Frage hin erklären will, weiß ich es nicht“ (Augustinus 1989, S. 311).
Zuversicht steht für die feste innere Überzeugung, dass sich Dinge positiv entwickeln und bezieht sich insofern auf die Zukunft. Nun wissen wir spätestens seit Augustinus, dass sich die Zukunft lediglich als Erwartung in der Gegenwart zeigt. Da helfen auch keine Ziel-, Zukunfts- und Wunderfragen. Die Zukunft erscheint als gegenwärtige Zukunft, nicht aber als zukünftige Gegenwart. Wir wissen über die Zukunft nichts Genaues, sie bleibt ungewiss und vage.

Zuversicht ist daher eher mit Begriffen wie Glaube, Vertrauen und Hoffnung verwandt statt mit Wissen oder gar Gewissheit. Der große Unterschied besteht darin, dass Glaube, Vertrauen und Hoffnung Entscheidungen voraussetzen, Wissen und Gewissheit hingegen nicht. Wenn gewiss wäre, dass es Gott gibt, bräuchten wir nicht mehr zu glauben. Wir wüssten es ja. Wenn wir wüssten, dass sich Vertrauen auf jeden Fall bewahrheitet, bräuchten wir nicht zu vertrauen. Wie wüssten es. Wenn es gewiss wäre, dass das Erhoffte auf jeden Fall eintritt, bräuchten wir weder Hoffnung noch Zuversicht. Wir wüssten es. 

Wissen und Gewissheit nehmen uns Entscheidungen ab, Zuversicht hingegen setzt, ähnlich dem Glauben, dem Vertrauen und der Hoffnung Entscheidungen voraus mit denen man die Komplexität der zukünftigen Entwicklung reduzieren kann – freilich ohne je wissen zu können, welchen Ausgang diese haben werden.  

Zuversicht ist daher mit Unsicherheit, Skepsis, Nichtwissen und Zweifel verbunden. Das kann man bedauern. Aber im Zweifel, in der Skepsis, im Nichtwissen liegt die Basis unserer Freiheit. Die Freiheit nämlich, entscheiden zu können – um den Preis des Irrens, der Unsicherheit, des Zauderns, der Angst. 

Und genau an solchen Lebens- und Entscheidungspunkten wäre es schön, im schlichten Sinne zuversichtlich sein zu können oder jemanden zu finden, der einem diese Zuversicht vermittelt, verspricht, besser noch: garantiert. Dafür kann man Personal rekrutieren und das wird auch getan: Lebenspartner, Lehrer, Mediziner, Priester, Kartenleger, Astrologen, Versicherungen und nicht zuletzt Therapeuten. Geht man als Therapeut darauf ein, hält man letztlich Illusionen von Sicherheit, Kontrolle, Unverletzlichkeit und Normalität aufrecht, die konsequent Vagheit, Unsicherheit, Unberechenbarkeit, Instabilität, Vieldeutigkeit des Lebens und Zufälle leugnen. 

Mir scheint es hingegen sinnvoll, mit Mut Klienten die Tatsache des Nichtwissens zuzumuten und mit ihnen eher darüber zu sprechen, was sie an ihren gegenwärtigen Lebensumständen ändern möchten, womit sie nicht mehr einverstanden sind, was nicht bleiben soll, wie es ist. Und ob sie bereit sind, für das Ergebnis ihrer Überlegungen das Risiko einer Veränderung auf sich zu nehmen. Ein Risiko, das darin besteht, nicht wissen zu können, wie das Ergebnis einer Änderung (und einer Nichtänderung) sein wird. Dass es zwar Wünsche und Hoffnungen hinsichtlich des Ziels geben mag, diese aber nicht garantiert werden und selbst mit den differenziertesten Überlegungen nicht vorausgesagt werden können. Der „Sprung“ muss gewagt werden – oder eben nicht. Natürlich kann das verunsichern, ängstigen und ein Zögern und Zaudern nach sich ziehen. Die Zumutung bleibt aber bestehen, würdigt die existenzielle Dimension eines solchen Entscheidungsprozesses, reflektiert Zuversicht und relativiert Machbarkeitsvorstellungen. 

Aber es gibt neben dem „Schweren“ des Risikos und des Wagnisses noch eine andere Erlebensmöglichkeit: die Neugierde und Lust an der Entdeckung der eigenen Freiheit, die sich in der „Möglichkeit für die Möglichkeit“ (Kierkegaard 2005, S. 488) zum Ausdruck bringt und eine Veränderung attraktiv machen kann. Und dies gerade dadurch, dass man von Hoffnung und Zuversicht absieht zugunsten der Entdeckung eigener Entscheidungsmöglichkeiten. Nichts muss bleiben wie es ist. Diese Lust kann die Angst vor einem Sprung mildern, da der Wert der Freiheit deutlicher in den Vordergrund gerückt wird. Wohlgemerkt: mildern, nicht (auf)lösen. 

Literatur:

Augustinus (1989): Bekenntnisse. Stuttgart. (Reclam).

Kierkegaard (2005): Der Begriff der Angst. München (DTV).

10. Dezember 2022
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 2022 – 10. Christian F. Michelsen

„C’est avant d’éclore que la rose porte toute son epérance. –
Es ist vor dem Erblühen, dass die Rose ihre ganze Hoffnung hegt.“

Diesen Brief überbrachte mir gestern ein Marokkotourist. Der Schreiber, Ismail A. entstammt einer zwölfköpfigen Hirtenfamilie aus dem Anti-Atlas Jbel Saghro. Er selbst hat sechs Söhne mit seiner Frau Rkya. Seit knapp dreißig Jahren beobachte ich aus der Ferne und gelegentlichen Nähe die Entfaltung von Visionen und die Umsetzung von fruchtbaren Prophezeiungen von vier Generationen: Nicht nur überleben, sondern mit Brot, Wasser, Bettdecken, Dach, Milch und mitunter sogar Honig, last not least lesend und schreibend – in drei bis vier bis fünf Sprachen – zu leben. Sind da intrinsische Muster, die verbinden am Werk? Ohne ein bewusstes, aber dennoch unwillkürlich umgesetztes Motto à la Kant “Ich kann, weil ich will, dass ich muss”?  Vollständige Erklärungen sind und bleiben unverfügbar. Wie die der
espérance, die die Rose hegt. Wunderbar!

Herzliche Grüße aus Bremen von
Christian Michelsen

8. Dezember 2022
von Tom Levold
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Niklas Luhmann am OVG Lüneburg. Zur Entstehung der Systemtheorie

Heute würde Niklas Luhmann 95 Jahre alt. 2021 ist ein von Timon Beyes, Wolfgang Hagen, Claus Pias und Martin Warnke herausgegebener Tagungsband erschienen, der sich mit der Frühzeit von Luhmanns Werk auseinandersetzt und von Dirk Baecker im Magazin soziopolis rezensiert wurde. Die genannten Medienhistoriker der Leuphana Universität „hatten zu einer Tagung in die Räumlichkeiten des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg eingeladen, in denen Luhmann von Dezember 1954 bis Januar 1956 als Regierungsassessor nach dem Jurastudium in Freiburg seine ersten Jahre beruflicher Praxis verbrachte. Zwar war nicht mehr auszumachen, in welchem Büro Luhmann einst gesessen hat, und auch alle von ihm bearbeiteten und mit Anmerkungen versehenen Akten waren längst vorschriftsmäßig vernichtet, aber durch einen glücklichen Zufall existiert noch heute Luhmanns Personalakte mit der Beschreibung seiner Aufgaben sowie der Bewertung seiner Arbeit durch seine Vorgesetzten“. „Ein Leitgedanke der Tagung war es, die ,Genese der Systemtheorie aus dem Verwaltungshandeln eines Gerichts’ nachzeichnen zu können. Schon Jahre zuvor war von den Kulturwissenschaftler:innen Albrecht Koschorke und Cornelia Vismann der Verdacht geäußert worden, die Systemtheorie sei eine Variante ,sozialtheoretischer Reinheitsexerzitien’, deren ,hygienisches’ Interesse an Grenzregimen in eklatantem Widerspruch zur Existenz von Grauzonen rings um Grenzphänomene und Grenzkonflikte stehe. Diese Spur griff die Tagung auf, kam damit jedoch nicht sehr weit. Wie die einladenden Medienhistoriker in ihrer Einleitung des Bandes resümieren, drängte sich eher der Eindruck auf, dass Luhmann schon als Assessor ,außerordentlich intelligent mit Gegensinn’ umzugehen verstand“. Der vollständige Text dieser lesenswerten Rezension ist hier als PDF zu lesen…

8. Dezember 2022
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 2022 – 08. Dennis Gildehaus

Kleine Anmerkung des Herausgebers: Liebe Leserinnen und Leser des systemagazin, ich bedanke mich bei allen Einsendungen, die den diesjährigen Adventskalender so schnell wie noch nie gefüllt haben. Ich bitte nun von weiteren Einsendungen abzusehen und hoffe, Sie haben Freude an den Texten und Bildern. Und nun zum Beitrag von Dennis Gildehaus:

„Hoffnung – auch in schwierigen Zeiten!“

Vieles scheint ver-rückt zu sein und immer häufiger scheinen Resignation, Stagnation und Pessimismus in den Fokus zu geraten. Auch in meiner mehr als 20-jährigen Tätigkeit in der Jugendhilfe, Jugendpsychiatrie und eigener familientherapeutischen Praxis gab es etliche Momente der Besorgnis um die Kinder und Jugendlichen unserer Zeit. In den meisten Fällen waren die Besorgten Jugendämter, Lehrkräfte, BetreuerInnen, Eltern, ÄrztInnen etc. 

Die Kinder und Jugendlichen hingegen schienen immer entspannter zu sein und vor allem „taumelten“ sich nicht so sehr nach einem belastenden Ereignis wie die Erwachsenen. Sie ließen die Dinge mehr auf sich zukommen und machten sich nicht so viele Gedanken um zukünftige Szenarien. 

In unzähligen systemischen Gesprächen habe ich diese Phänomene untersucht und auf den Prüfstand bzgl. Resilienz und Vulnerabilität gestellt. Stets ressourcen- und lösungsorientiert habe ich unter Anwendung des Reflektierenden Teams (großer Dank an Tom Anderson) ohne Einwegscheibe faszinierende Momente erleben dürfen. 

Auch wenn viele Klienten Schwierigkeiten damit hatten, ihre eigenen angewendeten Lösungsstrategien zu begründen oder bewusst zu reaktivieren, so war es immer wieder eine Art Intuition, die ihnen verholfen hat, schwierige Situationen zu meistern.

In all den Jahren habe ich gelernt, dass ich dieser Intuition vertrauen darf…und vielleicht sogar muss?! Dies bestätigt sich im Alltag immer wieder dann, wenn ich Kontakt habe zu „Ehemaligen“ – sie bekommen ihr Leben geregelt! Und dies oft besser, als von den „Großen“ prognostiziert.

Ich denke, dass gerade in der schwierigen Zeit, die wir alle in unterschiedlichsten Intensitäten erleben, eine Art „unbewusste lösungsorientierte Intuition“ in uns schlummert, die uns weitermachen und auch ankommen lässt…

Das Bild ist spontan entstanden! Erst Tage später habe ich gesehen, dass eine Biene intuitiv auf dem scheinbar richtigen Weg war…