systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

15. Juni 2021
von Tom Levold
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Das Elend der Verschickungskinder

Vor ziemlich genau 15 Jahren habe ich im systemagazin ein Buch des Spiegel-Journalisten Peter Wensierski rezensiert, in dem sich dieser mit den systematischen Quälereien von Kindern und Jugendlichen in der bundesrepublikanischen Heimerziehung der Nachkriegszeit beschäftigte und mit dem er erstmals eine wirklich weitreichende gesellschaftliche Debatte zu diesem Thema auslöste. Zu Beginn meiner Rezension stellte ich eine Verbindung mit meinen eigenen (kurzen) Erfahrungen mit diesem System als Verschickungskind in einer „Erholungsmaßnahme“ her. Ich schrieb: „Ich bin froh, dass sich meine Erfahrungen mit diesem System als fast Neunjähriger nur auf sechs Wochen beschränkten, die nicht einmal eine Erziehungsmaßnahme darstellten, sondern als Erholungskur deklariert waren. Sie gehörten dennoch zu den schlimmsten Wochen meines Lebens. Wir wurden von den Nonnen nicht geprügelt, aber mehr oder weniger zwangsernährt (schließlich bestand der Erfolg der Maßnahme in der Gewichtszunahme), systematisch gekniffen, geschubst, gedemütigt, beschimpft und eingeschüchtert, nachts brutal geweckt, wenn wir auf der falschen Seite schliefen (um schlechte Träume zu vermeiden!), strengen Strafen für Kleinigkeiten unterworfen (stundenlanges Stillsitzen, für 50 Kinder Schuhe putzen usw.). Das Schlimmste aber war, dass meine heimwehgetränkten Briefe an die Eltern zerrissen und neu diktiert wurden, und die Eltern meine Erfahrungen lange Zeit nicht glauben wollten: „Du hast doch immer so schön geschrieben!“

Mittlerweile ist klar, dass ich diese (und noch viel schlimmere) Erfahrungen mit Abertausenden von Menschen teile, denen ein aktuelles Buch gewidmet ist, dass Anfang des Jahres im psychosozial-Verlag erschienen ist. Die Autorin, Anja Röhl, Jg. 1955, Sonderpädagogin, Germanistin und Autorin, ist die Tochter des Journalisten und Autors Klaus Rainer Röhl und Stieftochter von Ulrike Meinhof. In den frühen 60er Jahren war sie selbst mehrfach der Verschickung in solche Kinderkuren ausgesetzt. Schon 2009 beschrieb sie ihre diesbezüglichen Erfahrungen in einem Artikel für die „Junge Welt“ und startete später eine eigene Website verschickungsheime.de, die ein Sammelbecken für Erfahrungsberichte von vielen Betroffenen wurde. Im November 2019 organisierte sie auf Sylt eine Tagung für Betroffene und legt nun mit ihrem Buch eine erste Bestandsaufnahme ihrer Recherchen vor – eine Veröffentlichung, die es zu diesem Thema und in diesem Umfang bislang nicht gegeben hat. Weit über 3000 Betroffene haben in einen Fragebogen Fragen nach ihrem Jahrgang, den Namen der Heime, den Gefühlen während der Heimverschickungen und ihren Erinnerungen an die drei negativsten Erlebnisse berichtet, die sie aus dieser Zeit erinnern. Eine Vielzahl von frei formulierten Berichten steht noch zur inhaltlichen Auswertung an. 

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9. Juni 2021
von Tom Levold
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„Journalismus macht aus allem Journalismus“

Im Jahr 2000 erschien in der Zeitschrift Communicatio Socialis ein interessantes Gespräch zwischen Bernhard Pörksen und Siegfried Weischenberg über Konstruktivismus, Systemtheorie und die Ethik der Medien. Siegfried Weischenberg ist Kommunikationswissenschaftler und Soziologe und leitete u.a. den Lehrstuhl Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg, Von 1999 bis 2001 war er Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes. Bernhard Pörksen ist Medienwissenschaftler mit einem Lehrstuhl an der Universität Tübingen. Im systemischen Feld ist er durch seine Arbeiten zum Thema Konstruktivismus sowie durch seine Interview-Bände (mit Heinz von Foerster, Humberto Maturana und Friedemann Schulz von Thun) bekannt geworden.

Das Gespräch kreist um epistemologische und ethische Fragen eines Journalismus, der sich innerhalb eines konstruktivistischen Selbstverständnisses bewegt. In seiner Einleitung schreibt Pörksen: „Es sind die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Konstruktivismus und Systemtheorie, die auch das folgende Gespräch zur Ethik der Massenmedien durchziehen: Der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenberg, der die konstruktivistischen und systemtheoretischen Debatten wesentlich geprägt und inspiriert hat, schlägt nämlich vor, beide Theorien zu verbinden und das (journalistische) Individuum und die Welt der Medien, das psychische und das soziale System gleichzeitig im Blick zu behalten. Den Widersprüchen und Spannungen, die sich bei der Arbeit an einer solchen Theorie-Synthese notwendig einstellen, gibt er eine überraschend produktive Wendung. Er nutzt die paradoxale Ausgangslage als generatives Moment; Siegfried Weischenberg zeigt, wie sich die strukturelle Unvereinbarkeit zwischen der kleinformatigen konstruktivistischen und der großformatigen systemtheoretischen Perspektive, gerade wenn es um Medienethik geht, auf eine fruchtbare Weise nutzen lässt: Diese Unvereinbarkeit erzeugt – so das Argument – Diskussionsstoff, sie provoziert Fragen nach der Autonomie des Einzelnen und den grundsätzlich vorhandenen Zwängen, die sich aus der Arbeit im System der Medien ergeben; sie bringt ein angemessen komplexes Gespräch, das sich nicht auf Sonntagsreden und erhobene Zeigefinger beschränkt, überhaupt erst in Schwung. Die unauflösbare Spannung zwischen der ethischen Verantwortung des Individuums und den Imperativen des Mediensystems wirkt wie eine Art Diskursgenerator – und ist, so verstehe ich Siegfried Weischenberg, kein zu beseitigendes Übel, sondern äußerst nützlich und dem genauen, undogmatischen Nachdenken förderlich.“

Den vollständigen Text gibt es hier zu lesen…

1. Juni 2021
von Tom Levold
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Kontext 1/2021 – Neuere Aspekte systemischer Therapie und Praxis

Bevor in den nächsten Wochen das Kontext-Themenheft zur Psychiatrie-Kritik erscheint, sei hier noch schnell ein Blick auf das aktuelle Heft 1 des Jahres 2021 geworfen, das neben vielen Rezensionen in seinen Hauptbeiträgen „neuere Aspekte systemischer Therapie und systemischer Methoden“ vorstellt. Im Editorial heißt es dazu:

„So nimmt Ingrid Egger die pferdegestützte Therapie mit Menschen in den Blick, die schwere und traumatisierende Erfahrungen im Kontext von Krieg, Flucht und Gewalt gemacht haben und gezielt traumatherapeutische Behandlungsansätze benötigen. Therapeutische Arbeit auf der Basis des Gesprächs ist hier oft nur schwer möglich, geht es doch darum, das häufig tief erschütterte Vertrauen in die Tragfähigkeit von sozialen Beziehungen erst wieder herzustellen. Für Egger stellt der Einbezug »eines Lebendigen«, wie sie es bezeichnet, eine ausgezeichnete Möglichkeit dar, von massiven Traumafolgen betroffenen Menschen einen anderen Zugang zu den schmerzhaften Erlebnissen und den damit verbundenen tiefen Erschütterungen ihrer »Selbst- und Welterfahrungen« zu ermöglichen. Auf der Grundlage von ihr geführten Interviews mit Patientinnen und Patienten illustriert sie, wie die betroffenen Menschen durch den ergänzenden Einsatz von Pferden in der Therapie neue Ausdrucksformen die leidvollen Erfahrungen aber auch der dahinterstehenden Bedürfnisse nach positiven, nicht grenzverletzenden Beziehungserfahrungen finden können. Allerdings, und das nimmt zurecht großen Raum in den Ausführungen ein, ist der Einsatz von Pferden keine beliebig nutzbare Methode, sondern erfordert neben therapiegeeigneten Pferden vor allem auch umfangreiche Kenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit ihnen. Insofern kann deren Einsatz für pferdeaffine Therapeuten durchaus zu einem ergänzenden therapeutischen Instrument werden, das allerdings angesichts des immer wieder aufflammenden Hypes um tiergestützte Therapie auch durchaus kritisch betrachtet werden kann. Einige Anregungen dazu bietet der ironisch distanzierte Comic von Darren Fisher.

Eia Asen ist im systemischen Feld dadurch sehr bekannt geworden, dass er das ursprünglich aus einer psychoanalytisch fundierten Entwicklungstheorie stammende Konzept des Mentalisierens auf die therapeutische Arbeit mit Familien übertragen hat. Mit Mentalisieren bezeichnet er die Fähigkeiten, innerpsychische Zustände bei Anderen wahrnehmen und auch versprachlichen zu können. Diese Fähigkeit zur Perspektivenübernahme stellt soziologisch gesehen im Sinne von George H. Mead die grundlegende Basis jeder Form von Sozialität dar. Sie ist jedoch nie, darauf verweist das Konzept des Mentalisierens, nur ein kognitiv geprägtes Sich-Hinein-Versetzen in den Anderen, sondern ein imaginatives und affektives Wahrnehmen und gleichzeitiges Reflektieren dieses Wahrnehmens, das gerade in zwischenmenschlichen Krisen besonders herausgefordert wird. Insofern wird die Fähigkeit zu mentalisieren für Eia Asen zu einer Schlüsselfertigkeit, die es ermöglicht, tiefergehende Differenzen zwischen den inneren Zuständen aller Beteiligten in therapeutischen und anderen systemischen Settings zu erkennen und der Reflexion zugänglich zu machen. Die Förderung des Mentalisierens in der Familientherapie ist so auch eine Arbeit an der Beziehungsfähigkeit aller Beteiligten.

Unter der Rubrik »Aus der Praxis« finden von Zeit zu Zeit interessante Praxisberichte und neuere Methodenüberlegungen ihren Platz. In diesem Rahmen beschäftigt sich Michael Jakob in einem Artikel mit dem schönen Titel »Momo auf dem Zauberberg« mit dem Zeiterleben von Menschen. Im Rekurs auf die Arbeiten von Hartmut Rosa wird auch für ihn Beschleunigung zu einem zentralen Aspekt modernen Zeiterlebens.“

Alle bibliografischen Angaben und abstracts gibt es hier…

29. Mai 2021
von Tom Levold
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Jerzy Jakubowski gestorben

Am 26. Mai ist Jerzy Jakubowski überraschend gestorben. Er war Lehrtherapeut der Saarländischen Gesellschaft für Systemische Therapie und Mitbegründer des mittlerweile größten systemischen Weiterbildungsinstituts in Poznań in Polen. Wir sind uns nicht häufig, aber immer mit Sympathie und Respekt begegnet – auf den SG-Mitgliederversammlungen und anlässlich meiner Workshops bei der SGST im Saarland, wo er mir noch im November 2018 die Ehre gab, an einem Paartherapie-Seminar teilzunehmen, und in Poznań, wo wir uns gelegentlich miteinander auf ein Glas Wein getroffen haben. Auch wenn wir manchmal inhaltlich unterschiedliche Ansichten über Fragen der Therapie hatten, hat mich seine radikale Offenheit und Neugier sowie sein hintergründiger, fast schon schwejkhafter Humor immer sehr beeindruckt. Rudolf Klein, der seit über 30 Jahren mit Jerzy zusammen gearbeitet hat, hat für systemagazin einen Nachruf verfasst.

Rudolf Klein, Merzig: Nachruf auf Jerzy Jakubowski

Jerzy Jakubowski ist tot. Er starb vollkommen überraschend am 26. Mai 2021 in Saarbrücken. Er wurde 84 Jahre alt. Jerzy war ein langjähriger Kollege und Weggefährte in unserem Institut der Saarländischen Gesellschaft  für systemische Therapie.

Ich habe Jerzy Ende der 80er Jahre kennengelernt. Er arbeitete damals in einer Fachklinik für Alkohol- und Medikamentenabhängige in Saarbrücken und interessierte sich für systemische Ansätze in der Psychotherapie. Da war die Idee naheliegend, ihn in unser gerade gegründetes systemisches Institut einzuladen. Sehr schnell lernten wir ihn als neugierigen und gleichzeitig erfahrenen Kollegen zu schätzen. 

Eine nähere kollegiale Beziehung entstand, als er mich gelegentlich einlud, mit ihm gemeinsam Familiengespräche mit seinen Patienten im Rahmen der stationären Therapie zu führen. Diese Kooperation wurde Anfang der 90er Jahre deutlich intensiver, als er mich fragte, ob ich bereit wäre, mit ihm gemeinsam einen Grundkurs in systemischer Therapie in seinem Heimatland Polen anzubieten. Wir ahnten damals nicht, welche Erfahrungen wir machen und was wir in Bewegung setzen würden. Mal ganz davon abgesehen, dass die ersten Seminare in einem unbeheizten Kindergarten auf Kinderstühlen abgehalten wurden, hat sich daraus heute, 30 Jahre später, aus Teilen der damaligen Ausbildungsgruppe das größte systemische Ausbildungsinstitut in Polen entwickelt. Jerzy war der Vater dieses gewaltigen Projekts. Er hat das schier unmögliche mit seinem unermüdlichen Einsatz, seiner findigen Art, seinem unerschütterlichen Optimismus und seiner außergewöhnlichen Kreativität möglich gemacht.  

Er brachte das Kunststück fertig, eine jugendliche Spannkraft, gepaart mit  einer fast kindlichen Neugierde und einer große Lebens- und Therapieerfahrung zu kombinieren. Diese Melange hat nicht nur viele unserer Ausbildungskandidaten tief bewegt und nachhaltig beeindruckt – mich hat das zutiefst bewegt. 

Natürlich zeigte er mit seiner Kraft, seiner Hartnäckigkeit, seinem Willen zur Freiheit und seiner kritischen Distanz zu Regelungen, Strukturen und Einschränkungen jeglicher Art auch Ecken und Kanten, die sich durchaus auf der Ebene der Institutsorganisation in manchen Spannungen und Differenzen Bahn brachen. Diese in den letzten Jahren ausgetragenen Differenzen verstellten mir  niemals den Blick auf den Menschen Jerzy, auf seine Art, das Schicksal und die Wiederfahrnisse seines Lebens zu tragen, die schönen Seiten seines Lebens zu genießen und mit Stolz auf seine Liebe zu seiner Frau Wanda und seinen Kindern Weronika und Radomir zu schauen. 

Nun ist er plötzlich und unerwartet weg, von uns gegangen, verschwunden. Vieles, was ich und wir noch hätten sagen können und müssen, bleibt nun ungesagt. Vieles, was er noch geplant hatte, wird nicht mehr umgesetzt werden können. Die gemeinsame Zeit ist zu Ende gegangen. Sein Tod lässt uns zurück, lässt uns mit dem nicht mehr Sagbaren alleine und lässt uns eine Lücke fühlen, die sich niemals schließen wird. Wir, und da spreche ich sicherlich für meine Kolleg*innen der SGST und für viele, die ihn aus anderen Kontexten kannten, werde ihn sehr vermissen. 

27. Mai 2021
von Tom Levold
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Deutscher Verlagspreis 2021 für den Carl-Auer-Verlag

Zum dritten Mal wird in diesem Jahr der Deutsche Verlagspreis vergeben. Preisgeber ist die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien in Partnerschaft mit der Kurt-Wolff-Stiftung und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. Ziel dieses Preises ist die Unterstützung der hervorragenden Arbeit unabhängiger Verlage in Deutschland. Drei Verlage werden mit einem Gütesiegel und einer Prämie in Höhe von jeweils 60.000 Euro bedacht, weitere 60 Verlage erhalten ein Gütesiegel verbunden mit einer Prämie in Höhe von jeweils 20.000 Euro. Welche drei Verlage in die erste Kategorie fallen, wird am 1.7.2021 bekannt gegeben. Die 63 Kandidaten für den Preis sind aber schon jetzt bekannt gegeben worden. Erfreulicherweise ist mit dem Carl-Auer-Verlag auch ein dezidiert systemischer Verlag unter den Preisträgern. In der Pressemitteilung der Kulturstaatsministerin Monika Grütters heißt es: „Mit ihrem Gespür für Leserinnen und Lesern und dem eigenen Kopf für Themen auch jenseits der ausgetretenen Pfade sorgen die kleinen, unabhängigen Verlage für eine einzigartige Vielfalt auf dem deutschen Buchmarkt. Gerade in diesen Zeiten der Krise haben sie echten Mut zum unternehmerischen Risiko bewiesen“. systemagazin gratuliert dem Carl-Auer-Verlag ganz herzlich!

12. Mai 2021
von Tom Levold
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Nachruf auf Humberto R. Maturana

Kurt Ludewig, Münster: Ein Menschenfreund ist von uns gegangen. Humberto Maturana verstarb am 6. Mai 2021

¡Hola!
¿De dónde eres?
De Chile, igual que tu.
¡Que bien!
[Hallo! -▸ Woher kommst Du? -▸ Aus Chile, so wie du -▸ Wie schön!]

Dieser knappe Wortaustausch zwischen Landsleuten im Ausland war der Auftakt zu einer Freundschaft, die sich über zwei Jahrzehnte erstrecken sollte. Die Begegnung fand im Frühjahr 1984 am Anfang einer Tagung in Calgary, Kanada, statt. Von seinem Gastgeber angeführt, betrat Humberto Maturana den Vorraum der Tagung und begrüßte jeden der im Kreis wartenden Teilnehmer mit Handschlag. Der kanadische Psychiater und Familientherapeut Karl Tomm hatte ihn und Heinz von Foerster eingeladen, im Rahmen einer zweitägigen Vortagung die live-Arbeit der Mailänder Familientherapeuten Luigi Boscolo und Giancarlo Cecchin zu beobachten und aus epistemologischer Sicht zu reflektieren. Zu der Vortagung war eine Reihe von prominenten Vertretern der systemischen Ansätze aus Nordamerika eingeladen, darunter Lyman Wynne, Harry Goolishian, James Gustafson und Sallyann Roth. Freundlicherweise hatte Tomm zudem alle ausländischen Teilnehmer zu der Vortagung eingeladen, darunter John Burnham, Alison Roper-Hall und Queenie Harris aus England, Laura Fruggeri und Massimo Matteini aus Italien sowie eine Gruppe von Japanern und mich aus Deutschland . Die anderen ortsnahen Teilnehmer kamen drei Tage später zu der eigentlichen Tagung.

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7. Mai 2021
von Tom Levold
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Humberto R. Maturana (14.9.1928-6.5.2021)

(Foto: Carl-Auer-Verlag)

Gestern ist Humberto Romesín Maturana im Alter von 92 Jahren gestorben. Mit seinen Untersuchungen zur Subjektabhängigkeit von Wirklichkeitskonstruktionen und der Entwicklung des Autopoiese-Konzeptes hat er in den 80er Jahren ganz entscheidende Impulse für die Entwicklung des systemisch-konstruktivistischen Ansatzes gegeben und in der deutschsprachigen systemischen Szene durch viele Vorträge und Seminare weithin Bekanntheit erlangt. In den nächsten Tagen wird an dieser Stelle ein Nachruf von Kurt Ludewig erscheinen. Auch auf der Website des Carl-Auer-Verlages werden in den kommenden Tagen Erinnerungen an und Gedanken zu Begegnungen mit Maturana veröffentlicht werden, etwa Bernhard Pörksen, Fritz B. Simon und andere, die Maturana kennenlernen konnten.

5. Mai 2021
von Tom Levold
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Ängste bei Kindern und Jugendlichen aus funktionaler Perspektive

In den Systemischen Notizen 3/2019 beschäftigt sich Linda Seiwald, Klinische und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin (SF) und Sporttherapeutin aus Linz in Österreich mit Angststörungen aus einer systemtheoretischen Perspektive. In der Zusammenfassung heißt es: „Richtet man den Blick auf verschiedene Formen von Angst, lassen sich hierzu verschiedene Funktionen ableiten. So ermöglicht etwa die Panikattacke dem psychischen System durch die fremdreferenzielle Beschäftigung mit dem Körper, ihre Grenzen zu stabilisieren und die selbstreferenzielle Krise zu überwinden. Der generellen Angststörung kann die Funktion zugeschrieben werden, dass ein Nicht-Fokussieren und der Verzicht auf thematische Substitutionen weniger Angst macht, als das Konkretisieren von ängstlichen Situationen. Bei Kinder und Jugendlichen kann Angst als Signal für anstehende Entwicklungsprozesse betrachtet werden. Geht man davon aus, dass ein Entwicklungsschritt des Kindes oder Jugendlichen ein koevoluativer Prozess mit den Bezugspersonen ist, sind Verbundenheit und zugestandene Autonomie in familiären und individuellen Entwicklungsprozessen wechselseitige Faktoren. Ein soziales System wird sich nur dann erhalten, wenn es sich in einem Spannungsfeld von Bewahrung und Veränderung gründet. Dies erfordert mitunter eine Veränderung von Rollen, Regeln und Umgangsformen etc. Angststörung kann ein Ausdruck eines „Reformstaus“ sein. Eine weitere Funktion von Angst ist die der Beziehungsregulierung, dabei kann Angst sowohl Nähe als auch Distanz erschaffen.“ Der vollständige Text kann hier gelesen und heruntergeladen werden…

2. Mai 2021
von Tom Levold
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Tom Andersen (1936-2007): „The Reflecting Team: Dialogue and Meta-Dialogue in Clinical Work“

Foto: Kurt Ludewig

Heute würde Tom Andersen, der 2007 mit 71 Jahren tragischerweise tödlich verunglückte, 85 Jahre alt (Hier der Nachruf aus 2007 im systemagazin). Der norwegische Psychiater und systemische Therapeut wurde mit der Entwicklung des „Reflecting Teams“ weltbekannt, welches aus den systemischen Konzepten der Zirkularität, der Beobachtung der Beobachter und der Multiperspektivität von Beschreibungen eine originelle Vorgehensweise in der Arbeit mit Familien entwickelte, die auch in anderen Bereichen der systemischen Beratung, Supervision, Coaching etc. Eingang gefunden hat. Sein Einfluss auf die Entwicklung systemischen Denkens ist gar nicht zu überschätzen. Die Rezeption und Anwendung seiner Konzepte hat sich weltweit verbreitet.

1987 erschien sein bahnbrechender Artikel, in dem er diese Vorgehensweise erläuterte, in der Family Process unter dem Titel „The Reflecting Team: Dialogue and Meta-Dialogue in Clinical Work“. Im abstract heißt es: „A „stuck“ system, that is, a family with a problem, needs new ideas in order to broaden its perspectives and its contextual premises. In this approach, a team behind a one-way screen watches and listens to an interviewer’s conversation with the family members. The interviewer, with the permission of the family, then asks the team members about their perceptions of what went on in the interview. The family and the interviewer watch and listen to the team discussion. The interviewer then asks the family to comment on what they have heard. This may happen once or several times during an interview. In this article, we will first describe the way we interview the family because the interview is the source from which the reflections flow. We will then describe and exemplify the reflecting team’s manner of working and give some guidelines because the process of observation has a tendency to magnify every utterance. Two case examples will be used as illustrations.“

Der Text ist auch online zu lesen, und zwar hier…

1. Mai 2021
von Tom Levold
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Ansichten wechseln: Meinungen – Konflikte – Streit(kultur)

„Ansichten wechseln“, das war der Titel der siebten Merseburger Tagung zur systemischen Sozialarbeit, die im November 2020 online stattfand. Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung präsentiert einige Themen, die auf der Tagung behandelt wurden. Im Editorial schreibt Cornelia Tsirigotis: „Während der Vorbereitung dieses Heftes mangelt es weltweit nicht an Konflikten. Dazu gehören unter anderem die Auswirkungen der Wahl und das Umgehen mit unerwünschten Ergebnissen in Amerika, besonders fassungslos denke ich an die Eskalation durch den Sturm auf das Kapitol Anfang Januar und den Niedergang jeder politischen Kultur. Mir fiel ein, dass ich die Methode der „Amerikanischen Debatte“ immer gerne eingesetzt habe, um Meinungen verstehbar und austauschbar zu machen, das war einmal … Zeitschriften zusammenzustellen bedeutet für mich, Material zur Verfügung zu stellen, das für einen fachlichen Diskurs nötig ist. Fachlicher Diskurs findet aus meiner Sicht nicht im luftleeren Raum statt, egal ob politische Auseinandersetzung oder ein wissenschaftlicher Diskurs. Eine sich als systemisch verstehende Zeitschrift hat aus meiner Sicht nicht nur die Aufgabe, die Themenvielfalt und den aktuellen wissenschaftlichen und praktischen Diskurs im systemischen Feld öffentlich zu machen, sondern auch, den gesellschaftlichen Kontext, in dem Beratung, Therapie und professionelle psychosoziale Hilfeangebote geschehen, einzubeziehen bzw. den Blick explizit darauf zu richten.” Die Beiträge drehen u.a. sich um die Arbeit mit hochstrittigen Elternpaaren, mit einem emanzipatorischen Ansatz in der Arbeit mit rechtsradikalen Jugendlichen und um den Umgang mit Verletzungen. Auch im systemischen Feld gibt es (viel zu wenig) Streit: Marie-Luise Conen spricht sich in der Auseinandersetzung um eine Fusion von DGSF und SG dagegen aus, Peter Luitjens kritisiert die Kritik von Johannes Herwig-Lempp in der Debatte um „Rechte Wörter“. Alle bibliografischen Angaben und abstracts gibt es hier…

22. April 2021
von Tom Levold
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Peter Fürstenau (20.5.1930 – 27.3.2021)

Am 27.3.2021 ist Peter Fürstenau in Düsseldorf gestorben – zwei Monate vor seinem 91. Geburtstag. Damit verliert die Psychotherapie in Deutschland einen ihrer herausragenden Vertreter, obwohl oder gerade weil er nie als ein Vertreter einer Schule, eines Institutes oder eines Verbandes aufgetreten ist. Im Gegenteil hat er immer eine dezidiert unabhängige Position zu allen Versuchen eingenommen, Psychotherapie, Beratung oder Supervision dem Weltbild oder den wissenschaftlichen, persönlichen oder wirtschaftlichen Interessen von individuellen oder organisationalen Akteuren im psychosozialen Feld unterzuordnen. Schulenorientierung hatte für ihn „viel mit Indoktrination und Ideologie zu tun“. Stattdessen plädierte er dafür, „Psychotherapie nicht auf Methoden, Schulen und Tradition zu basieren, sondern sich wirklich um eine umfassende, dem zeitgenössischen Erfahrungsschatz entsprechende Ausübung von Psychotherapie zu bemühen. Das heißt natürlich, es geht dann auch um die Spannweite des Begriffs ,Psychotherapie’. Das, was die bisherigen Schulen und Methoden an Psychotherapie betreiben, schöpft den Begriff der Psychotherapie nicht aus. Nach meiner Vorstellung gehört zur Psychotherapie gerade nicht nur die sog. Fachpsychotherapie, sondern eben der psychologische Umgang mit kranken, gestörten Menschen, eben gerade auch der Umgang mit organisch oder chronisch Kranken, also Patienten, die nicht in erster Linie oder ausschließlich psychogen krank sind wie Neurotiker. Die gesamte Psychotherapie ist ja weitgehend im Sinne der Richtlinien-Psychotherapie eine Neurotikertherapie und wird deshalb dem Gesamtfeld möglicher psychotherapeutischer Tätigkeiten überhaupt nicht gerecht“ (Fürstenau & Senf 2002, S. 93).

Als ausgebildeter Psychoanalytiker hielt er damit nicht nur seiner Zunft einen kritischen Spiegel vor. Der Psychoanalyse freilich, deren Mainstream er eine Tendenz zu einer „Esoterischen Psychoanalyse“ bescheinigte, „eine psychoanalytische Methode Schritt für Schritt auszuarbeiten, zu entwickeln und zu perfektionieren, die möglichst rein und klar auf das Originelle der Psychoanalyse (die »Essentials«) konzentriert ist“ und für die „schon die Kommunikation mit den gesunden Ich-Anteilen des Analysanden, seinem bewussten Willen, seinen Plänen und Absichten ein Agieren (ist), das die Deutung unbewusster pathologischer Anteile vermeidet“ , stellte er ein Konzept einer „Exoterischen Psychoanalyse“ gegenüber, die offen gegenüber einer „lösungsorientierten, psychoanalytisch-systemischen kurz- und mittelfristigen Psychotherapie“ sein müsse (Fürstenau 2007, S. 51ff.). Diese Distanz zum psychoanalytischen Mainstream ermöglichte ihm, seine jahrzehntelange psychotherapeutische und supervisorische Tätigkeit ohne jede Berührungsängste und -vorbehalte zu entwickeln und zu differenzieren.

Ursprünglich hatte Fürstenau, der 1930 in Berlin geboren wurde, von 1948 bis 1956 ein Studium der Philosophie, Soziologie und der Klassischen Philologie (Gräzistik) in Berlin und Frankfurt am Main absolviert, das er mit seiner Promotion 1956 abschloss. Seine Studie über Heidegger und „Das Gefüge seines Denkens“ erschien 1958 bei Klostermann in Frankfurt/M. Beruflich schloss sich 1957 bis 1960 eine Anstellung als Wissenschaftlicher Assistent, später als Dozent für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Berlin an. Peter Fürstenau wechselte dann nach Gießen, wo er von 1962 – 1973 Mitarbeiter am Zentrum für psychosomatische Medizin des Fachbereichs Humanmedizin der Universität Gießen war, das von Horst Eberhard Richter geleitet wurde, damals ein Pionier der psychoanalytisch orientierten Familientherapie in Deutschland. Nach seiner Habilitation 1969 erhielt er in Gießen eine Professur für Psychoanalyse und Soziologie, die er ab 1973 nebenamtlich als Honorarprofessor weiterführte. Eine Veröffentlichung aus dieser Zeit, seine „Soziologie der Kindheit“ (Quelle & Meyer-Verlag Heidelberg 1967), in der er psychoanalytische, psychologische, kulturanthropologische und soziologische Konzepte der Sozialisations- und Erziehungsforschung vorstellte, machte mich in meinem Studium erstmals mit seinem Namen bekannt. In den Folgejahren pflegte er eine psychotherapeutische Privatpraxis für Einzel-, Paar-, Familientherapie in Düsseldorf und wurde über diese Tätigkeit hinaus weit bekannt für seine breite Beratungs-, Fort- und Weiterbildungstätigkeit in therapeutischen und organisationalen Kontexten, die er nicht nur in Düsseldorf, sondern über viele Jahre auch immer wieder in Venedig durchführte, ein Lernort, der nicht nur für ihn, sondern auch für viele Teilnehmer eine besondere Aura hatte.

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19. April 2021
von Tom Levold
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Abschiede

Die aktuelle Ausgabe der Familiendynamik ist mit dem Thema Abschied nehmen beschäftigt, das je nachdem, ob geplant oder plötzlich, ob gewollt oder ungewollt, ob absehbar oder überraschend in allen möglichen Lebenskontexten, in Therapie, Berufsleben, Alter und Tod von Bedeutung ist. Neben den inhaltlichen Arbeiten zum Thema nimmt Marc Rackelmann in einem Nachruf Abschied von David Schnarch, der bereits am 8.10.2020 verstorben ist. In diesem Zusammenhang wird im Editorial auch kurz darauf hingewiesen, dass Heiko Kleve nach nur kurzer Zeit als Mitherausgeber das Herausgebergremium der Familiendynamik wieder verlässt – in gegenseitigem Einvernehmen…

Alle bibliografischen Angaben und abstracts gibt es wie immer hier…

16. April 2021
von Tom Levold
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Mut – Perspektive und Inspiration

Das erste Heft des Jahrgangs von systhema ist dem Thema Mut gewidmet, einem Gegenstand, den wir (nicht nur) in der gegenwärtigen Situation wohl gut gebrauchen können. Kerstin Schmidt schreibt in ihrem Editorial: „Bereits zu Beginn der Corona-Pandemie wuchs in mir die Idee, die erste Ausgabe 2021 mit einem Themenschwerpunkt zu gestalten – damals mit voller Überzeugung, dass wir zurückschauen werden auf eine außergewöhnliche Zeit. Nun sind wir noch immer mittendrin. Das Thema, so dachte ich mir, sollte eines sein, was per se für systemische Praxis von Bedeutung ist und gleichzeitig Raum lässt, das Außergewöhnliche zu reflektieren: Mut. Von Shakespeare stammt der Satz: „Es steigt der Mut mit der Gelegenheit.“ Für das Entstehen-Lassen neuer Gelegenheiten fühlen wir uns in systemischer Praxis ja durchaus zuständig. Und sowohl Klientinnen, Kundinnen als auch Praktiker*innen, so meine Erfahrung, entdecken Mut oft als wertvolle Ressource für anstehende Entwicklungen – welcher Art auch immer. Im Sommer 2020 erschien „Nur Mut!“ von Harry Gatterer und Matthias Horx vom Zukunftsinstitut: Leitbilder und Denkweisen für die Gestaltung einer „besseren Zukunft“. Und im Januar 2021 stahl eine junge Amerikanerin dem neuen US-Präsidenten Biden bei seiner Amtseinführung die Show: Amanda Gorman. Ihre Zeilen: „Es gibt immer Licht. Wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen – wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein“ gingen um die Welt. Mut in vieler Munde – doch: Was hat es auf sich mit Mut? Welchen Mehrwert hat die Perspektive Mut? Und: Zu was kann sie uns inspirieren?“

Neben vielen verschiedenen Texten zum Thema nehmen Arist von Schlippe, Michael Grabbe, Haja Molter, Ursula Tröscher-Hüfner, Hans Lieb, Stephan Theiling, Claudia Terrahe-Hecking, Angelika Pannen-Burchartz und Cornelia Hennecke Abschied von Barbara Brink, die am 28.1.2021 gestorben ist. Die vollständigen bibliografischen Angaben und abstracts gibt es hier…