Unter diesem Titel veröffentlichte die Historikerin Dagmar Herzog im Jahre 2005 im Siedler-Verlag ein Buch über die„Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“. In einem interessanten Gespräch mit dem Sexualforscher Gunter Schmidt für die TAZ vom 20. Januar ist mehr über ihre Thesen zu erfahren, vor allem darüber, dass der Nationalsozialismus für den nicht-unterdrückten Teil der Bevölkerung, also die Mehrheit, eher mit einer liberalen sexualpolitischen Haltung verbunden war:„Für das Gros der Bevölkerung, das nicht zu den verfolgten Minderheiten gehört, war die Botschaft: ,Leute, habt Spaß!‘ Die Botschaft meinte Verheiratete wie Unverheiratete, Männer wie Frauen. Das ist natürlich ein Bild vom ,Dritten Reich‘, das man nicht gerne sehen möchte. Kondome waren zugänglich, Vorschläge für bessere Orgasmen präsent, Freude an der Sexualität war erwünscht, die ganze Diskussion war eher sexpositiv eingestellt – für Nichthomosexuelle, Nichtbehinderte, Nichtjuden“
Die sexuelle Repression ist für sie eher ein Phänomen der Nachkriegszeit und wurzelt in den konservativ-klerikalen Versuchen, Deutschland zur„sexuellen Sauberkeit“ zurückzuführen:„Sie waren ehrlich überzeugt, dass die Grenzüberschreitung in sexuellen Dingen mit einer Grenzüberschreitung gegenüber Wehrlosen eng verknüpft war – und haben dennoch dazu beigetragen, die Christen als Opfer der Nationalsozialisten zu stilisieren, statt sie als deren Geburtshelfer zu begreifen“ Sie betont, dass die letztlich erfolgreiche sexuelle Liberalisierung der sechziger Jahre sich wesentlich der kombinierten Bemühungen von liberalen Ex-Nazis wie Hans Bürger-Prinz und Hans Giese einerseits und jüdischen Remigranten wie Curt Bondy und Adorno andererseits verdankte.
Zum vollständigen Interview
22. Januar 2007
von Tom Levold
Keine Kommentare
Sexualtheoretiker müssen sich irgendwann, spätestens nach ihrem Ableben, die Frage gefallen lassen, wie es denn um ihre eigene Sexualpraxis bestellt gewesen ist. Das gilt in ganz besonderem Maße für die Person Sigmund Freuds, dessen Libido seit Jahrzehnten alle möglichen Biografen auf der Spur sind. Nun ist mal wieder jemand fündig geworden, nämlich der Heidelberger Soziologe, Psychoanalytiker und Freud-Forscher Franz Maciejewski, dem es gelang, im vergilbten Fremdenbuch eines kleinen Schweizer Hotels eine Eintragung ausfindig zu machen, aus der hervorgeht, dass Freud hier am 13.8.1898 mit seiner Schwägerin Minna in einem Doppelzimmer mit Doppelbett abgestiegen ist. Das erregt den Freud-Forscher, weil diese Tatsache aus irgendeinem Grunde bedeute, dass„die Psychoanalyse
nicht länger durch die Einheit der Person (Freud) zusammengehalten werden“ könne, als ob – wie Ludger Lütkehaus in der NZZ treffend bemerkt,„sie jemals dadurch zusammengehalten worden wäre“. Wir sind gespannt auf die zukünftigen Enthüllungen über das Sexualleben der Freud-Biografen.