Unter dieser Überschrift gibt es einen Text („Erster Entwurf“) von Thomas Krumm, Politologe an der Philipps-Universität Marburg, der mit der Technik der Sequenz-Analyse aus der Schule der„objektiven Hermeneutik“ Oevermanns ein veröffentlichtes Luhmann-Interview (von Detlef Horster) mit dem Ziel untersucht, biografische Motive im Werke Luhmanns aufzuschlüsseln, ein reizvolles Projekt, da Luhmann bekanntermaßen mit autobiografischen Äußerungen mehr als sparsam umging.
Zunächst stellt Krumm überraschende Ähnlichkeiten zwischen Luhmann und Max Weber fest:„Überraschenderweise war Luhmann, als es 1961 zur Strukturkrise in seiner Biographie kam, mit 34 Jahren genauso alt wie Max Weber, als dessen Nervenleiden mit einem ersten nervö-sen Zusammenbruch und anschließendem Erholungsaufenthalt am Genfer See im Jahr 1898 begann. Die Behauptung einer Lebenskrise Luhmanns im Alter von 34 Jahren, im Jahr 1961, mag zunächst überraschen und muss in den folgenden Fallrekonstruktionen belegt werden. Die Hypothese stützt sich darauf, dass in einem Jahr zugleich geheiratet wurde und die Verwaltungskarriere, die der jungen Familie ein sicheren Rückhalt gegeben hätte, zugunsten eines Stipendiums an der Harvard-Universität, wo er dann mit Talcott Parsons zusammen traf, aufgegeben wurde“ Anhand des Interviews versucht Krumm aufzuzeigen, dass Luhmanns Theorieoptionen bereits früh in seiner – als zwanghaft charakterisierten – Neigung, Ordnung zu schaffen, gebahnt ihre Wurzeln finden:„Für den vorliegenden Fall ist typisch, dass dieses Realabstrahieren nicht nur zwanghaft ist, sondern auch schon sehr früh in diese Intellektualität sublimiert ist, eine sehr frühe Systematisierung enthält. So stellt er sich auf interessante Weise so dar, dass er schon in seiner Frühzeit Systemtheoretiker war. Die Grundhaltung war die des Ordnung-Schaffens. Er sieht sich in der Kontinuität dieser Ordnungsproduktion“
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2. Februar 2007
von Tom Levold
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Das Jahr der Geistenswissenschaften? Haben wir! Jetzt. Wirklich. Und gestern ist es im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnet worden. Vom Soziologen, und Friedenspreisträger Wolf Lepenies. Seine interessante Rede ist in der heutigen Online-Ausgabe der Welt nachzulesen:„Am bedrohlichsten aber ist das Verschwinden ganzer Disziplinen. Auch wenn wir von den Biologen gelernt haben, dass zum Erhalt der Artenvielfalt keine Maximierungs-, sondern eine Optimierungsstrategie notwendig ist: Analog zum Artenschutz- benötigen wir längst ein Fächerschutzabkommen. Es steht zu befürchten, dass der sogenannte Bologna-Prozess, der in das deutsche Universitätssystem die Bachelor- und Master-Studiengänge hineinzwingt, das Todesurteil für eine Reihe kleiner Fächer bedeutet“ Und:„Im Zeitalter der Wanderungen, des Kulturenwechsels und hoher Mobilitätsansprüche an den Einzelnen helfen die Geisteswissenschaften, sich in unterschiedlichen Milieus und Lebenswelten zurechtzufinden. Die Geisteswissenschaften sind Verstehens- und Übersetzungswissenschaften – aber sie übersetzen nicht mit dem Ziel, ein einheitliches Idiom zu schaffen, in dem sich alle mühelos miteinander verständigen könnten. In den Geisteswissenschaften muss die Geschichte vom Turmbau zu Babel neu erzählt werden: Am Anfang sprachen die Menschen verschiedene Sprachen, und weil es großer Anstrengung bedurfte, sich zu verständigen, werteten sie jede gelingende Verständigung hoch; zum Konflikt kam es erst, als die Menschen ein einziges Idiom zu sprechen anfingen und nun der Illusion verfielen, sich für die Verständigung untereinander nicht mehr anstrengen zu müssen. Die Geisteswissenschaften ebnen Unterschiede nicht ein, sondern machen sie verstehend deutlich – und zeigen dabei, dass ästhetisches Vergnügen und ethische Befriedigung darin liegen, sich über erkannte Unterschiede miteinander zu verständigen. Dies ist der Sinn einer auf den ersten Blick etwas rätselhaften Bemerkung des Anthropologen Claude Lévi-Strauss: ,Nicht die Ähnlichkeiten ähneln sich, sondern die Unterschiede.‘ Das Motto für die Geisteswissenschaften steht in Shakespeares ,King Lear‘, und der Graf von Kent spricht es aus: ,I’ll teach you differences‘ – ,Ich will euch Unterschiede lehren.'“
Gestern, am 25.1., wäre Ilya Prigonine, 90 Jahre alt geworden. Der Physikochemiker und Nobelpreisträger für Chemie (1977) wurde am 25.1.1917 in Moskau geboren und übersiedelte mit seiner Familie 1921 nach Deutschland und 1929 nach Belgien, wo er 1949 die belgische Staatsbürgerschaft annahm. Er wurde weltberühmt für seine Arbeiten, in denen er sich mit dem Problem der Genererierung von Ordnung aus Chaos beschäftigte. Der berühmt gewordene Begriff der„dissipativen Strukturen“ wurde von ihm geprägt. Sein Werk ist weit über den eigenen Arbeitsbereich hinaus bekannt geworden, so auch in der Psychologie und den Sozialwissenschaften. Im Internet ist ein autobiografischer Text von ihm